Wohin geht die CDU?

Der Bericht zum CDU-Parteitag in der Berliner Zeitung vom 15.11. ist das Beste, was ich bisher über die CDU gelesen habe. Wahrnehmungstark, selbstbewußt und abseits aller klassischen Klischees über Merkel und die CDU.
Was drin steht?

1) Angela Merkel kann reden und rhetorisch führen. Man muss es sich in Ruhe wahrnehmen und auf sich wirken lassen. Angela Merkel hat eine ganz alltagstaugliche Sprache, die die Menschen, und auch Delegierte sind Menschen, in ihren Wahrnehmungen abholt und mitnimmt.

2) Angela Merkel hat ein großes Verdienst. Das hat sie jetzt radikal in einer Rede und in einer Parteitagsinszenierung umgesetzt. Angela Merkel hat die CDU wirklichkeitsfähig gemacht. In einem atemberaubenden Tempo. Kein Berater der Welt würde so etwas raten. In dieser Hinsicht ist sie eine echte Revolutionärin (wir wissen aber nicht, ob sie das bewußt oder unbewußt gemacht hat).

3) Das Führungsprinzip der CDU ist weiterhin ein patriarchales. Es geht nicht um Streit und Kontroversen, sondern es geht um Gemeinsamkeit, Zusammenstehen. Das matriarchale Patriarchat, das Angela Merkel auf diesem Parteitag inszeniert hat, greift. Es macht der Partei die Dramatik der Lage deutlich, verschafft Merkel Spielraum und die Möglichkeit, europäisch und international mit Rückendeckung zu agieren. Und dabei als Person öffentliche Form zu gewinnen.

4) Angela Merkel verwendet zwar falsche Begriffe (Werte als Kompass), aber das macht nichts. Sie fasst die Herausforderungen der Welt ins Auge, thematisiert die notwendigen Veränderungen, vor denen Europa und der Westen steht und inszeniert sich als (selbst)bewusste, unerschrockene Führerin in dieser Situation. Unauffällig, nicht nach Befall heischend, den Blick auf das Kommende gerichtet. Wer die Dankesrede von Helmut Schmidt bei der Bambiverleihung gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist: Die protestantische Ethik des Staatsdieners, dieses Bild hat sich Angela Merkel mal schnell ausgeliehen.

5) Dagegen fallen die beiden medial inszenierten Kronprinzen ab. Von der Leyen und Norbert Röttgen sind lautstark, um Profilierung bemüht, rasend bemühte An- und Aufreger, alleine, was sie vergessen haben: Das schätzt die CDU nicht. Deshalb ist die Beobachtung der Berliner Zeitung richtig, dass De Maiziere der echte Kronprinz ist. Geräuschlos, professionell, erfahren, verlässlich. Führung als Haltung. Und nicht Führung durch Inhalte. De Maizere ist der Appell an die konservativen Instinkte, nicht den Intellekt.

6) Ob jetzt der Kronprinz der Nachfolger wird, das kann weder die CDU noch sonst wer entscheiden. Bei Lichte betrachtet stehen Europa und der Welt stürmische Zeiten ins Haus. Ob die FDP dadurch aus der Regierung geblasen wird, kann sein, muss aber nicht. Ob Angela Merkel und wie lange, als Steuermann an Bord bleibt, niemand weiß es. Röttgen würde zu Schwarzgrün, von der Leyen zu Schwarzrot, de Maiziere zu beidem passen. Aber niemand weiß, wann der Stabwechsel stattfinden wird.

7) Jetzt, wo man das Führungsprinzip der CDU so im gleißenden Scheinwerferlicht sieht, müsste die Soziologie der Macht in der deutschen Gesellschaft neu geschrieben werden. Demokratie ist nicht der intellektuelle Streit um die besten Konzepte, Demokratie in Deutschland im angehenden 21. Jahrhundert, das ist die Frage, wer das richtige Rezept findet, Vertrauen einzusammeln. Die CDU macht das durch gefühlte Führung, hoch emotional, die SPD intellektuell, durch scheinbar klare Konzepte (die Partei der Moderne), die Grünen durch einen sich selbst ver(un)gewissernden Frage- und Antwortmodus. Reflexive Weltvergewisserung, gut passend für eine Partei der Postmoderne.

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