Wie sich die Medien ihr eigenes Grab schaufeln. Und das der Journalisten dazu

Ich lese gerne. Ist ja nicht mehr so häufig. Ich hatte in meinem Leben, gemäß meiner Tätigkeit bereits mehrere Zeitungsfavoriten, die Frankfurter Rundschau, als ich Pädgagogik studiert hatte und wegen ihrer Dokumentationsseiten, später die Süddeutsche, weil sie so schön schreibt, jetzt ist es mehr die FAZ, die einzige deutsche Tageszeitung, die es schafft, ihren Horizont, und zwar kontinuierlich, über Deutschland hinaus auszuweiten. Und die einzige Tageszeitung, die zu fast allen großen Themen, Integration, Sarazzin, Internet und Neue Medien, wirklich große Debatten anzettelt. Gabor Steingart hat aus dem Handelsblatt, was ich längere Zeit gerne gelesen habe, bevor die Verlagsgruppe zum Lemming der Neolibs wurde, nicht nur downgesized, sondern auch scharf und mutig gemacht, deshalb rückt das Abo wieder näher. Ach ja, aus Gewohnheit und Treue lese ich auch noch die ZEIT. Aber das wäre schon wieder ein anderes Thema.

Daneben bin ich begeisterter IPad und IPhone-Nutzer. Nicht weil mich das Geschäftsmodell des Heiligen der Online-Welt, Steve Jobs, so begeistert, nein, einfach, weil er es geschafft hat, ein „easy to use“-Gerät für Vielreisende und Vielleser zu entwickeln. Eben das IPad.

Seither probiere ich alles aus, was Medien online und auf dem iPad machen.

Das Update auf iOS 5.0 hat mir, zusammen mit meinem Krankenhausaufenthalt, die Möglichkeit gegeben, meine Informationsstreams neu zu kanalisieren. Denn das Update hat mein iPad, das zuvor schon nicht mehr synchronisierbar war, komplett platt gemacht. Sehr schön, 182 Apps, so viele waren es, neu zu sortieren (was Herr Jobs nicht verstanden hat, ist, dass ich die iPhone-Apps dann nicht auf dem iPad brauche, wenn es da eigene gibt, aber das ist ein Nebenkriegsschauplatz).

Warum liest Mensch eigentlich? Viele Verleger scheinen sich diese Frage ja nicht zu stellen. Sie sehen ihre Felle davon schwimmen (Verstehe ich) und sie reagieren auf das wachsende „free for all“-Online Angebot mit neuen Schutzrechten und Wegezöllen. Mit dem Leistungsschutzrecht zum Beispiel, die Totgeburt der deutschen Verleger. Daneben bauen die geschätzten Verleger ihre journalistischen Stämme ab und dünnen die Redaktionen so aus, dass das, was im einen Blatt steht, ebenso in jedem anderen nachzulesen ist. Oder kostenlos im Internet.

Soweit, so gut, ich bin ja niemand von denen, die glauben, kostenlos sei günstiger. Ich lege Wert auf Meinung, sonst macht das Ganze keinen Spaß, ich lege Wert auf Recherche. Und ich lege Wert auf einen Nutzwert. Denn Information ist auch eine Ware. Und wir, die wir professionell lesen, liebe Verleger, wollen nicht mehr lesen und dann die Seiten rausreißen und an einzelne Mitarbeiter oder Kunden weitergeben, sondern wir wollen sie nutzen. Und zwar schnell, bevor uns wieder etwas anderes in den Kopf kommt.
Wenn ich jetzt also auf meinem iPad auf der FAZ oder sonst einer app die Zeitung lese, die ich brav abonniert habe, stellt sich für mich das Problem einer „End of the Pipe“-Technologie. Information geht rein, aber nicht mehr raus.
Freude raten mir dann, doch einen Screenshot zu machen, aber das ist ja wohl nicht die Lösung. Es gibt schließlich auch längere Artikel.
So neige ich immer mehr dazu, nicht mehr die tagesaktuellen Printausgaben zu lesen, wie ich es eigentlich sollte, sondern muss auf die online-Ausgaben zurückgreifen, die weiter versendbar sind.

Ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss, die kostenlose Ware mit weniger Nutzwert als die kostenpflichtige. Oder die Printprodukte für die „elder people“, die die schöne neue Medienwelt noch nicht verstanden haben?

Ich bin doch nicht blöd!

Was Not tut, ist, dass sich die Verleger mal darauf konzentrieren, was ihre Aufgabe ist. Und ob sie eventuell nicht verzichtbar ist. Früher, als Zeitungen entstanden, waren sie deshalb gut, weil Informationen erst zusammengetragen werden mussten, die Kollektorfunktion. Auf dieser Basis entstand eine demokratische oder offene Debattenkultur, der Austausch von Meinungen, qualifizierten Meinungen, die Debattenfunktion. Nicht immer geliebt, aber doch auch dringend notwendig waren auch recherchierende Journalisten, die zu vermeiden halfen, dass Politik oder Unternehmen, sich ungestört ihre potemkischen Dörfer schaffen kann. Die Investigation-Funktion. Und hinzu kommt in einer Welt, in der es dem einzelnen immer weniger gelingt, einen Überblick zu behalten, die Erklärfunktion.

Welche Funktionen nehmen Medien heute noch wahr? Die Investigation-Funktion wurde bereits ansatzweise an Wikileaks, in USA auch an Recherchestiftungen ausgelagert, nachdem der Vorrreiter USA in seiner hochideologisierten Meinungsmacherlandschaft nur noch simpelste, präintellektuelle Weltbilder reproduziert. Davon sind wir noch etwas entfernt, aber herzhafte Debatten? Die finden dann doch eher in virtuellen Öffentlichkeiten statt. Recherchen, die den Namen verdienen, gibt es vor allem noch beim Süddeutschen Leyendecker, etwas beim Stern, der Spiegel verlegt sich ja auch eher auf Kampagnenjournalismus oder die Frage, wie das Kreuz bei unseren sitzenden Berufen zu retten ist (Meine Antwort: Mit Rückrat und Haltung).

Was bleibt also für die Mehrheit der bundesdeutschen Medien? Also denen außerhalb des Spiegel, FAZ, na gut Süddeutsche, Handelsblatt? Nicht mehr viel, wenn man ehrlich ist. Regionalpolitik ist kein Thema, Lokales ja, aber da geht es um nutzbare Informationen, die man weiter verbreiten will.

Womit wir wieder beim Ausgangsthema sind. Mein iPad und ich. Wenn ich jetzt also meinen Information-Workflow gerade neu organisiere mit Hilfe von googlereader und rss-feads stelle ich fest, dass ich langsam imstande bin, mir meinen eigenen Informationsteppich zu legen, in den ich auch andere, Kollegen, Mitarbeiter und Kunden einbinden kann.

Die Printprodukte müssen dabei draußen bleiben. Weil die Verleger damit beschäftigt sind, ein Geschäftsmodell von Gestern zu retten. Anstatt eines von Morgen neu aufzusetzen. Schade eigentlich.

Denn inzwischen müssen sich die Leser neue Objekte suchen.

P.S. Was ich ja nie verstanden habe, ist, dass die Journalisten sich davon nicht unabhängiger machen. Fehlt es da am investigativen Mut?

P.S.S. Was ich auch nie verstanden habe, ist, dass Verleger auch nicht verstehen, dass sich der Horizont ihrer Leser ausweitet. Also: Deutschland ist manchmal halt nicht mehr so interessant, andere Länder rücken näher, wenngleich nicht täglich, sondern punktuell. Manche Länder sind kontinuierlich stärker von Interesse, beispielsweise die High-Tech und High-Intelligence-Enklaven im Drittweltland USA. Und dann natürlich China und Indien. Was kriegt der Leser deutscher Medien davon mit? Nichts, weil die Verleger ihren Blick mehr auf alte Geschäftsmodell und weniger auf neue Horizonte gerichtet haben.

P.S.S.S. Ein Medium will ich dann doch noch erwähnen, vielmehr eine Mediengruppe, bei der das meines Erachtens gut läuft. Das ist das Konglomerat von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung und den anderen, noch daran hängenden Blättern von Altverleger Neven Dumont. Der Ansatz, Ressourcen zu konzentrieren und eine Zentralredaktion zu machen und damit die regionale Berichterstattung zu manteln, ist die einzige, in der ökonomische (economy of scale) und journalistische Spielräume vorhanden bleiben. Wenn auch die journalistische Frische erhalten bleibt. Was bei der Berliner Zeitung schon so ist. Deshalb lese ich sie immer wieder gerne. Auch als Abonnent. Nur online geht das noch nicht.

P.S.S.S. Beim Handelsblatt-Abo kann man im Lesemodus zumindest den Text rauskopieren. Das ist schon mal ein großer Workflow-Vorteil. Das Abo rückt noch näher!

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