Was unten los ist. Und was darüber oben gedacht wird.

In der Wochenendbeilage der Berliner Zeitung vom 13.2. hat Tanja Leston einen bemerkenswerten Artikel geschrieben. Wie Anno 2010 eine nicht ausgebildete Hilfslehrer(in) an einer Schule in Berlin Wedding als Lehrkraft eingesetzt worden ist. Und was ihr dabei auffiel.

Vorab: Dieser Beitrag (und der Artikel) will niemand in eine der bereit stehenden Pfannen hauen. Dazu ist das Thema zu ernst. Er will lediglich den Bodenbezug zu einer Diskussion herstellen, die in Hamburg und allerorten tobt. Der bisher von jeder Regierung mehr oder weniger vermurkst worden ist. Der die Regierenden bisher fast immer zweistellige Prozentpunkte oder gar die Regierungsmehrheit gekostet hat. Aus dem Verrschiedene Verschiedenes, aber nicht das Richtige gelernt haben.

Der Artikel erzählt aber auch, wie eine bewundernswert aufgeweckte Person in rund einem Jahr mehr über die bildungspolitische Diskussion begreift als alle Bildungspolitiker der vergangenen 20 Jahre zusammen. Nämlich: Wie Schule arbeiten müsste, wenn sie erfolgreich sein wollte. Wie Pädagogen handeln müssten, wenn sie etwa bewirken wollten. Und warum beide derzeit nicht in der Lage dazu sind.

Mein Wunsch: Diesen Beitrag an alle Bildungspolitiker in allen Bundesländern zu verschicken. Wer den Beitrag gelesen hat, sollte dann auf einem Zettel notieren, woran eine bessere Erziehung scheitert. Dann sollte in einer zweiten Spalte stehen, was man tun müsste, um das Problem zu lösen. Und in einer dritten Spalte möchte ich dann lesen, wer alles dabei mitziehen müsste, um das Problem zu lösen (Chance, we can believe in!). Und drunter sollte man einen Strich ziehen und nur eine Zahl hinschreiben. Die Zahl, die ausdrücken soll, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich das in der derzeitigen Verfasstheit des politischen Systems ändern wird. Ich bin sicher, die Realisten werden dann schreiben, 0%, die Optimisten werden bei etwa 10% landen.

Ob das Schwarzmalerei ist? Ich glaube nicht. Und wer das immer noch glaubt, mit dem möchte ich besagten Artikel noch einmal Zeile für Zeile durchgehen. Und dann das Ganze wiederholen.

Diese Prozedur würde uns viele scheinbare Auseinandersetzungen über die künftige Struktur des Bildungswesens sparen. Weil vor den Erfahrungen von Tanja Leston längst klar geworden ist, dass keine Strukturreform der Welt diese Probleme lösen wird. Weil sie in dieser Form unlösbar sind. Es spielen zuusammen: Unterschiedliche Kulturen von Menschen, gerade in prekären oder Stadtteilen mit gemischten Sozialstrukturen. Es kommen dazu: Inhalte, die schon einem Großteil der biodeutschen Bevölkerung völlig gleichgültig sind, aber schon gar Inländern mit Migrationshintergrund, die tatsächlich keinerlei stabilen Hintergrund mehr haben: Weder sind sie in der Türkei (wir nehmen das Beispiel) verhaftet, noch in Deutschland. Man könnte sagen, sie sind transkulturell, wenn sie nicht auf der Verliererseite stehen würden und völlig sinnentleert irgendwelche staatlichen Zwangsmaßnahmen über sich ergehen lassen müssen. xy hat aufmerksam registriert, wie die Lage besser wird, wenn man die Hälfte der Jugendlichen außen vor lässt: Erst dann lässt sich ein Dialog aufnehmen zwischen einer neugierigen und unerfahrenen Lehrkraft und hilflos alleinegelassenen aggressiven oder regressiven Jugendlichen.

Chance, we can believe in? Wir wissen, Bildung ist der Schlüssel für die Wohlfahrt unserer Nation im internationalen Rat Race. Wir wissen auch, dass viele der bildungsbürgerlichen Familien das längst verstanden haben; – rund 10% schicken ihre Kinder bereits auf Privatschulen, in Verunsicherung darüber, was an öffentlichen Schulen so vor sich geht. Die Anzahl derer, die über ein Floating in der intenen Hierarchie der öffentlichen Schulen eine Systemoptimierung betreiben, liegt sicher weit über diesen Raten.

Vor diesem Hintergrund ist es übrigens nicht verwunderlich, wenn die verbindliche Entscheidung über die Schulwahl nicht durch die Lehrkräfte und über Leistung erfolgen soll. Die bildungsbürgerlichen Eltern, das zeigt sich immer wieder, lässt sich über das offizielle Leistungsgerede und das inoffizielle Wissen, dass sie, Bourdieux lässt grüssen, ohnehin privilegiert sind, nicht beeindrucken. Sie wollen, und zwar zurecht, die besten Möglichkeiten für Ihr Kind. Auch wenn es mit Nachhilfe und und und verbunden ist (eine andere Frage ist, ob das immer klappt. Übrigens auch nicht in der Privatschule, was geplagte Privatschuleneltern berichten können. Denn gegen uninteressierte Eltern, die ihre Kinder als interessante bis zu in ihrer Attraktivität immer weiter an Attraktivität einbüßende Ausstattungsstücke des Ortes Familie betrachten, ist auch dort nur das Gras Drogenkosum gewachsen. Pubertierende brauchen Reibung und Auseinandersetzung. Und zwar daheim).

Wir kommen zur Situation in der Schule und der bildungspolitischen Diskussion zurück. Meine These: Bildungspolitik hat sich längst von der schulischen Realität verabschiedet. Die abstrakt richtigen Diskussionen, dass „gemeinsam lernen besser ist“, die theoretisch stimmt, weil die Selektion in der vierten keine Förderung, sondern die Aussonderung derer sind, die in das bildungsbürgerliche Modell der humboldschen Gymnasium nicht passen, sind in den realen Auseinandersetzungen längst anderen Überlegungen gewichen. Für viele Eltern geht es, und zwar mit Recht, darum, dass sie die Bildungschancen ihrer Kinder erhalten möchten. Und was für bildungsbürgerliche Eltern verständlich ist, funktioniert für andere so nicht. Deshalb setzen die Bildungsbürger auf Erhalt der jetzigen Struktur. Zwar können sie privatissimum die Beschränktheit unseres Bildungswesens ohne Probleme erkennen. Sie sind aber nicht bereit, ihre Kinder auf dem Alter allgemeinen Wohlergehens zu opfern. Und da kann ihnen niemand wirklich Vorwürfe machen, weil das rein menschlich ist. Das Wohlergehen seines nächsten sollte einem immer mehr wert sein als abstrakte Ideen. Das ist human. Und keine Klientelpolitik.

Was ist die Lösung des Problems? Die Lösung des Problems ist keine, die Politiker alleine stemmen können. Denn die Bundespolitik kann nichts ausrichten (außer Geld, das sie nicht hat, für Ganztagsbetreuung auszugeben). Landespolitik kann es auch nicht lösen, weil ihnen das Geld fehlt. Und Lehrkräfte können es auch nicht alleine lösen, weil sie, wenn sie älter sind, bereits (ZU RECHT! Lehrer haben die höchsten Frühverrentungsraten, weil sie die Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeit jeden Tag als Einzelperson, nicht als Team in der Schule bewältigen; – jedenfalls oftmals) erschöpft, ausgeblutet und, hier liegt das Versagen der Politik und der Geselllschaft, noch immer völlig fremd den eingewanderten Kulturen bzw. der aus den vernachlässigt eingewanderten Kulturen entstandenen Realkulturen rappender und gewalttätig sich durchs Leben schlagender Jugendlicher sind.

Eine Gesellschaft, die vierzig Jahre lang ignoriert hat, dass sich die kulturellen Wurzeln des Landes längst verästelt haben und jetzt feststellen muss, dass längst die Mehrzahl der neu entstehenden Wurzeln (die Jugendlichen mit Migrationshintergrund) längst anderswo wurzelt, kriegt auch irgendwie die Quittung dafür. Das kann sie auch nicht mit aggressiver anti-islamischer Kampfkultur richten, sondern sie muss sich in täglicher Kleinarbeit damit beschäftigen, wie sie aus diesem Dilemma herauskommt.

Chance, we can believe in! Is there any Opportunity? Eigentlich bin ich zuversichtlich. Denn letztlich geht es nur darum, dass wir alle das Thema ernst nehmen, uns nicht hinter Formalias verschanzen und – von unten nach oben – das Thema Schule so beackern, dass wir in der notwendigen Nachhaltigkeit, dh. mit der Geduld, die Dinge auch mal sich entwickeln zu lasssen, dem Mut, auch Fehlschläge hinzunehmen und zu korrigieren und dem Wunsch, das Problem zu lösen und nicht immer dem politischen Gegner vorzuwerfen, dass er noch weniger begriffen hat als man selber, an die Fragen heran gehen.

Stopp. Eines habe ich vergessen. Die wichtigste Voraussetzung ist die, dass die Politiker die Wolke ihrer bildungspolitischen Glaubensbekenntnisse verlassen und die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, bevor sie darüber reden. Ich meine, das hat weitere Konsequenzen, damit das Problem handelbar ist. Zum Beispiel, dass es für unterschiedliche Regionen und Stadtteil unterschiedliche Lösungen geben muss. Dass es keine Lösung geben kann, die die Politik für die Menschen und Kulturen macht, sondern nur mit ihnen machen kann. Dass sie Lösungen zulässt, die eigene Bildungswege für Menschen mit Migrationshintergrund einhaltet, weil nicht jedes Problem mit einer Standardlösung zu bewältigen ist. Was bedeutet es, kulturelle Identität zu entwickeln, wenn nur diffuse Vorstellungen über die eigenen, also persönlichen Wurzeln verhanden sind? Wie gelingt es, die neu enstehenden Minderheitskulturen als selbstbewußte Akteure einer weltoffenen Gesellschaft ernst zu nehmen und sie auf gleicher Augenhöhe in die Diskusssion einzubeziehen.

Chance, we can believe in! Oder: von der Sowietunion lernen, heißt siegen lernen. In diesem Falle bedeutet das, aus dem Scheitern einer Nomenklatur zu lernen. Auch in unserer liberalen Gesellschaft ist ein potemkinsches Dorf errichtet worden. Ein sprichwörtliches Dorf, denn da zählt Leistung, da kennen und schätzen sich alle, da geht es fair zu, das gibt es keine wesentlichen Probleme. Dafür sind die Dorfschulzen da, die regeln das alles im Sinne des ganzen Dorfes. Stattdessen ist Deutschland in der globalisierten Welt eher ein Heerlager, das sich aus unterschiedlichen, sich manchmal verbündenden und manchmal mißtrauenden Stämmen zusammen setzt und sich auf Strategien verständigen muss. Wenn sich abzeichnet, dass einige Stämme mehr Kämpfer bereit stellen können tut die Heerleitung gut daran, deren Wünsche und Ideen stärker zu berücksichtigen. Auch wenn es einem selbst etwas fremder scheint. Chance, we can believe in. Das bedeutet, dass wir selbstverständlich davon ausgehen, dass Menschen, mit welchem Hintegrund auch immer, die hier leben, eine Chance auf Wohlstand und Aufstieg haben wollen. Dass sie kulturell als DIE VON HIER wahrgenommen werden wollen. Dass sie nicht immer die sein wollen, die herumgeschubst und getreten werden (und deshalb instinktiv wissen, dass sie stark sein müssen, wenn sie sich wehren wollen).

Um mit Westerwelle zu enden. Ja, auch vom römischen Reich können wir lernen. Nämlich, dass, wenn der Zustrom von Sklaven und Rechtlosen, die die Idee von römischen Bürger und der res publica erst ermöglicht haben, versiegt ist, das lockere Leben für die römischen Bürger ein Ende hatte. Und zwar, hier täuscht sich Westerwelle, nicht nur für die tatsächlichen Verlierer der Mehrheitsgesellschaft, die zuvor mit Brot und Spielen, die heute Hartz IV heißen, bei Laune oder ruhig gehalten worden sind. Sondern auch für die Aristokraten und Möchtegern-Aristokraten, die sich in andere Sphären gebeamt haben. Chance, we can believ in, das ist eine Option. Die andere Option ist: Chance, that will be happen. Spätestens nach diesem Artikel, für den wir der Berliner Zeitung und Frau Tanja Leston danken sollten, können wir erahnen, was auf der Agenda steht. Und wir können daraus lernen, dass es gar nicht so schwierig ist, zu erkennen, was notwendig ist. Wenn wir nicht an Systeme glauben, sondern überlegen, welche Rahmenbedingungen die Menschen brauchen, um arbeiten zu können.

3 Gedanken zu „Was unten los ist. Und was darüber oben gedacht wird.

  1. Pingback: ganztagsbetreuung
  2. Hallo aus München, sehr gut geschrieben der Artikel. Hab Deinen Blog gleich mal zu meinem Feed Reader hinzugefügt. P.s. Jeder klick der bei uns gemacht wird spenden wir dem SOS Kinderdorf.

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