Was erwarten eigentlich potentielle Grünenwähler von diesen? Und warum stürzen die Grünen derzeit so ab?

Die Zeitungen sind inzwischen voll von Spurensuchern und Fährtendeutern. Aber was ist die richtige?

Im Handelsblatt von heute kommt Cem Özdemir zu Wort, gleichzeitig gibt es einen Hintergrund, die FAZ hat Rüdiger Soldt gestern schon mit einem wohlwohlend fühligen Kommentar vorgelegt. Die Süddeutsche hatte bereits am vergangenen Wochenende recherchiert. 

Niemand will die Grünen weghaben, soviel ist klar. Wenn IW-Chef Hüther schreibt, warum man die Grünen braucht, also, wenn der Chef des wirtschaftsnahen Forschungsinstituts sagt, dass die Grünen die politische Welt intellektuell bereichern, dann sagt das zweierlei aus: Das Feindbild ist weg. Und: Die anderen sind noch schlimmer. 

Ideenreichtum ist derzeit nicht das, was Politik auszeichnet. Die CDU will ja jetzt die Grünen light nachbauen. Die SPD plant, kraftvoll wie immer, aber an der Zuversicht potentieller Wähler vorbei. Die FDP macht immerhin interessante Klimmzüge, schafft sie es, sich von ihrem Stammklientel, den Apothekern im Artenschutz loszusagen und wirklich über Marktwirtschaft zu reden. Dann bleibt noch Angela Merkel, die guckt, was auf ihren Tisch kommt. Und kümmert sich sonst nicht weiter um politische Blasen. 

Da war doch noch was. Ach ja, der Schulz-Effekt. War so ne Art Aprilwetter. Vorbeigezogen. 

Was nun? 

Alle rufen nach Robert Habeck. Der frische Blonde aus dem Norden. Nun ist Robert tatsächlich eine erfrischende Erscheinung, sowohl medial als auch direkt, seine Zuversicht steckt an, seine Unverfrorenheit, es allen zeigen zu wollen, macht neugierig. Er ist ein Signal grüner Hoffnung. 

Nach der Wahl. 

Zuvor allerdings hätten wir, wir Grünen im Wartestand, gerne mal ne Ansage. Führung kommt von Führen, das ist, was die Grünen von heute mal wieder lernen müssten. Joschka Fischer, das ist der, der entgegen aller Wahrnehmung nie Parteivorsitzender war, die Partei aber immer geführt hat, hat diese manchmal zur Realitätsfähikgkeit gezwungen. Das wäre auch diesmal notwendig. Der eigentliche Gegner der Grünen ist nämlich nicht die AfD, das ist das Teufelchen, mit dem hantiert wird, der eigentliche Gegner sind sie selber. 

Großgeworden in dem Gefühl, Außenseiter zu sein, sind sie Mainstream geworden. Reingewachsen in das Gefühl, immer mehr Politik zu wagen, wagen sie in der Politik, also in der politischen Auseinandersetzung, immer weniger. Taktieren, moderieren, Konflikte in die mittlere Zukunft verlagern. Alles, um nicht entscheiden zu müssen. 

So auch das Özdemir-Interview. Wenn jemand angeschlagen ist, unter Druck, kann das heilsam sein, weil er loslegt, Entscheidungen erzwingt und so Korrekturen im Kurs und der Wahrnehmung vornehmen kann. Das wäre der Durchbruch. 

Wenn diejenigen, die angegriffen sind, weil sie als schwach angesehen werden, dann darauf verweisen, dass sie die anderen mit ins Boot holen (also, die, die als die besseren wahrgenommen werden), ist das die förmliche Bestätigung der Führungsschwäche. 

Grüne, da hat Hüther ganz recht, könnten wichtig sein und bleiben. Es gibt Hoffnungsträger wie Robert Habeck, es gibt hochintellektuelle gescheite und gut organisierte Experten wie Gerhard Schick, es gibt hoffnungsvolle Feldvermesser wie Dieter Janecek. 

Was aber allen zusammen fehlt, was uns zusammen fehlt, ist eine Reflektion des Handwerkszeugs. Und eine Korrektur unseres Handlungsmusters. Die Grünen haben sich mit einem Energiewendekonzept an die Macht gebracht, das jetzt als Rezept für alles andere genommen wird. Verkehrswende, Ernährungswende, tausend andere Wenden. Für jede einen Plan. Das Problem: Der Gegener ist weg. Niemand will, wie der olle RWE-Großmann und andere den Watschenmann spielen, Zetsche macht das anders (außerdem werden Zetsche und andere längst von den Chinesen angezählt), bei der Agrarwende, bzw. vor ihr, versickert ja auch das Geld irgendwo, ohne, dass sich ein identifizierbarer Gegner zeigt. Und bei all dem, der Agrarwende und der Verkehrswende, müssten sich die Grünen, einschließlich ihrer Wähler- und AnhängerInnenschaft vor den Spiegel stellen und sich auf ihr Spiegelbild zeigen. 

Die Gegner sind sie nämlich selber. Sind wir nämlich selbst. Schließlich muss sich jeder von uns fragen, wie viel er selbst zur Lösung der Probleme beitragen will. Die Frage geht an weibliche SUV-Fahrer, die panzergeschützt den Verkehrstau produzieren, wie an steakfressende Männerhorden, die Lagerfeuerromantik, echtes Männersein, via Fleischverzehr simulieren. 

Und weil nach jahrzehntelanger Selbstkasteiung auch in grünnahen (und das sind ja inzwischen so gut wie alle) Kreise alle genervt sind von so viel political correctness (wir lesen gerade, dass die Berliner Spitzenkandidatin Lisa Paus jetzt die Steuererklärungen gentrifizieren will), laufen sie scharenweise weg.

Das kann man nicht mit Erklärungen und Verständnis lösen. Die Menschen, auch die grünnahen Menschen, das sollten sich alle Wahlkämpfer hinter die Ohren schreiben, suchen keine Wahrheiten und auch keinen Mut in hundertseitigen Wahlprogrammen. Sie suchen Menschen mit Mut, die das Ruder rumreißen, Menschen, die sich was trauen, etwas riskieren, sich auch gegen die Strömungen stellen und so Widerstand bieten. 

Menschen, die vordenken. Und vormachen!

Wo ist eigentlich dieser Cem Özdemir, die die grünen Träumer mit dem Hinweis darauf, dass man den Nahost-Konflikt, oder die Konflikte dort, nicht auf der Yogamatte löst, auf den Teppich holt? Wo kriegen wir den klugen, weil aus unterschiedlichen Zusammenhängen denken und fühlen könnenden Cem Özdemir zu sehen, der sich auf seine Instinkte verlässt und das Erklären und Moderieren ablegt. 

Und der als Chef zugelegt. 

Das Kretschmann Stichwort mit der Orientierungspartei ist richtig. Herr Özdemir, gib uns Orientierung, im Hier und Jetzt. Deswegen wurdest du, gegen starke Konkurrenten gewählt. Jetzt wird geliefert!

 

 

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