Warum Jörg Rupp bei dem Grünen bleiben sollte. Und warum es immer wieder Zeit ist, sein Weltbild zu ändern.

Jörg Rupp ist so eine Art Alter Ego bei den Grünen. Er schreibt einen sehr ungewöhnlichen Blog. er wurde bekannt durch Beine und Busen der jungen FDP Riege. Er weiß, was Shitstorm heißt. Er hadert mit den Grünen. Warum ich meine, dass er, obwohl wir in fast allen Punkten anderen Meinung sind, Grüner bleiben sollte. Eine Antwort auf seinen Blogeintrag vom 15.5.2015.

Mein Lieber,

Ich finde das ja immer total interessant, was du in deinem Blog schreibst. Manches würde ich so nicht machen, weil es zu privat ist, Manches Politische ist mir zu linkspolitisch. Und umgekehrt bin ich ja der Prototyp derjenigen, warum Du nichts mehr mit Grünen zu tun haben willst. Aus Deiner Sicht bin ich ja wahrscheinlich Karrierist, Opportunist und überhaupt als Neoliberaler dürfte ich in ziemlich vielen Fragen Deinem Feindbild entsprechen.

 

Ich bin das übrigens nicht, weil ich als Lobbyist ebenso ungewöhnlich bin wie Du mit meiner „ich kann meinen Mund nicht halten“ Sturheit. Ich habe nämlich Meinung.

 

Und Erfahrung. Und Neugier. Ich weiß, das unterscheidet mich von manchen andren, auch von manchen anderen, die Politik machen (ich tu das ja nicht). Ich habe die Zeit, Dinge zu beobachten, während andere damit beschäftigt sind, andere von ihrer Meinung zu überzeugen.

Was uns wahrscheinlich unterscheidet, ist, dass es mir weniger schwer fällt, mein Weltbild umzubauen oder zu ändern. Ich habe mein Leben immer als Möglichkeit begriffen, Neues zu erfahren. Dafür bin ich allen Menschen, die mir das ermöglicht haben, dankbar. Und, damit Du nicht denkst, ich hätte immer nur mit den Schönen und Reichen zu Mittag gegessen: Nee, ich habe mit Behinderten gearbeitet und mit Obdachlosen, war in deren Wohnzimmern gesessen und habe mich mit Ihnen unterhalten. Es hat mich halt interessiert, wie sie die Welt sehen. 

Betroffenheit war, das aus ganz biographischen Gründen, nie mein Ding. Das hat mich davor bewahrt, den, aus meiner Sicht, Kardinalfehler der Grünen zu vermeiden: Betroffenheit. Wer immer die ganze Welt retten will und, aus Außensicht, in die Gefahr gerät, die politische Macht zu erlangen, muss auf eines aufpassen: Dass er nicht aus lauter Betroffenheit sein ganzes Pulver verschießt. Und, von außen betrachtet,wie wild rumballert. Das letzte Wahlprogramm zum Beispiel, das haben viele Menschen gemerkt, ich auch, dass eine Partei, die alles für alle besser machen will, letztlich nichts mehr will. Politischer Versandhauskatalog. Dann haben sie ihrem Instinkt vertraut und die sichere Variante gewählt. 

So sehe ich mir die aktuelle Flüchtlingsdiskussion auch mit einem Stück Fassungslosigkeit an: Beide Seiten haben nämlich Recht, die einen, die wie du sagen, man kann die nicht alle ertrinken lassen und die anderen, die darauf aufmerksam machen, dass für ganz Afrika kein Platz ist. Es flüchten die Habenden, weil sie die Hoffnung auf Besserung aufgegeben haben und der Westen konkurriert mit einem Geschäftsmodell, Schleppen, mit mehr oder weniger Einverständnis der Geschleppten über die Bedingungen. Da gehört Ertrinken dazu.

So geht es mir bei vielen Fragen. Beim Interview gestern mit Winfried dachte ich mir auch, ok, ob man jetzt Hipp Hipp Hurra schreien muss wegen TTIP, ich meine ja, man müsse anhand dieser Debatte mal eine Hartnäckigkeit wegen NSA und der Einhaltung von Privacy und Datenschutz konstatieren, auf der anderen Seite, wenn Gabriel es schaffen würde, eine internationale Gerichtsbarkeit einzusetzen, wäre das ein großer Schritt in Richtung Global Governance, aber die Aktivistenkultur des Kampagnenmachens verhindert es, irgendwann zu sagen, ok, wir haben etwas erreicht, jetzt kann man zustimmen, es werden immer Schützengräben gebaut, die keiner braucht und in dieser Rechthaber und Besserwisserkultur politischer Hackordnung richtet sich die politische Klasse ein. Kennst Du Helmut Schelsky, Die Arbeit tun die Anderen, Klassenkampf und die Priesterherrschaft der Intellektuellen, 1986 voller Hass auf alles Linksradikale geschrieben? Im Nachhinein muss ich ihm Recht geben, es geht nicht, oder nur manchmal, darum, die Welt zu verändern, sondern auch darum, die Deutungshoheit über die Welt zu erlangen. Das hat die Linke, das Politische, die „Gutmenschen“ inzwischen geschafft, sogar bei der CDU. Und in dieser Selbstüberschätzung des Politischen tun sie, tun wir so, als wüssten wir, wie wir die Gesellschaft transformieren wollen (scheußliches Wort, es ist wie gutmenschlicher Linksstalismus, diese Selbstüberschätzung, DIE Gesellschaft einfach als Objekt anzusehen, sie zu Ameisen zu degradieren, die dabei beobachtet werden, ob sie in Reih und Glied den Transformationsmarsch machen…….).

Da habe ich Sorge! Ich sehe mich um bei den Grünen und sehe der jungen Generation einige sehr aufgeweckte Menschen. Ich bin dann einerseits stolz in dieser, dann doch, intellektuellen Partei zu sein, andererseits erkenne ich als Randständiger natürlich die Sollbruchstelle dieser nachwachsenden Generation. Erst engagiert in einer NGO, dann bei der grünen Jugend, talentgepickt dann weiter als Mitarbeiter eines Abgeordneten, um dann selber einer zu werden. Networking innerhalb der Partei. Und dann sehe ich mir die Generalsekretäre der Parteien an, alles smarte junge Menschen, eloquent, auch wenn sie in diesen Berliner Runden wirklich nichts sagen, was erwähnenswert wäre. Diese Berliner Runden sind vor allem Ausdruck zweier Phänomene: Alle wollen keine Fehler machen. Und alle, das allerdings unbewusst, führen der gesamten Welt vor, dass sie alle aus einer Klasse kommen. Den im Sumpfe des Politisierens aufgewachsenen Linksintellektuellen, die Denken von Oben herab gelernt haben, die nur in politischen Programmen denken können, politische Programme, das heißt, mehr Steuern, um mehr umzuverteilen, das heißt nie, wieder zurück zu steuern, Schwächen des Politischen zu erkennen, abzubauen, umzubauen, Zumutungen gegegnüber dem eigenen Klientel zu formuieren (den Couponschneidern der Energiewende gegenüber z.B.) mutig zu sein, voran zu gehen, eigenes Denken zu erweitern, dazu zu lernen, umzubauen. 

Deswegen mehr Winfried Kretschmann und Cem Özdemir und weniger Jürgen 

Trittin (dem Rechthaber-Jürgen und neuerdings wieder studentisch linksradikalen, nicht dem Minister, da war er, nach innen und nach außen beeindruckend) oder Katrin Göring-Eckardt, der nie anecken wollenden. Winfried wollte nie an die Macht und Cem weiss, was Niederlage heißt, (zudem hat er einen Lebensweg, und er kann so wunderbar reflektiert darüber reden, das beeindruckt mich immer) das macht sie für mich zu Vorbildern. Da kann Winfried meinetwegen Hipp Hipp Hurra zu TTIP schreien und Cem Waffen für was weiß ich fordern, (die Wahrheit auch da: Weder Waffen noch Yogamatten helfen, der Westen ist ratlos, sowohl in der Ukraine als auch im Nahen Osten), die Haltung und die Erfahrung machen den Unterschied.

Was ich sagen will: Bleib und erkenne, dass sich die Welt geändert hat. Ich war auf dem linksgrünen Wirtschaftskongress und es war elend. Selbstbeschwörungslinksradikalismus, pupertäre Träume von der Steuerung der Gesellschaft, aber keine Idee, what’s next. Und keine Sensiblität dafür, dass die Welt nie perfekt war und die Idee des Perfekten immer, sowohl links als auch rechts, ins Verderben geführt hat. Dafür habe ich Gläubige (wirkliche, nicht die Marxismusgläubigen) immer beneidet: Dass ein Gott die Kraft gibt, sein eigenes Handeln auszurichten, zu reflektieren und die Verantwortung ein Stückweit abzugeben. Die Moderne hat versucht, das durch einen kalten Zweckrationalismus zu ersetzen, die Grünen könnten eine säkular zukunftsgläubige Variante einer dissertieren ethischen Haltung davon sein, indem sie den Glauben an Gott durch den Glauben an das Heil des Planeten ersetzt haben. Es ist ein guter Glauben, wenn er als Glauben, also als Orientierung verstanden wird, der eine Richtung weißt, aber in der Frage der Instrumente alles offen lässt. 

In diesem Sinne will ich auch weiter mit Dir streiten können, Du wirst weiterhin Richtigkeit daran messen, wer sich auf dem Parteitag durchsetzt, ich vertraue meinem eigenen Kopf mit all seinen Abwagungsprozessen und wenn es die Grünen im Sinne Ulrich Beck’scher Selbstreferentialität schaffen, bei sich die „blinden Flecke“, eine der schönen Formulierungen meines Kollegen Andreas Kovar, zu identifizieren, bin ich zuversichtlich: Change, we can believe in!

Kopf hoch, es wird schon wieder. Begreife die Krise als Chance.

Ein schönes Wochenende wünscht

Nikolaus

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