Warum Joachim Gauck der richtige Bundespräsident zur richtigen Zeit ist.

Jetzt kommt Joachim Gauck auf den Sezierteller. Was für ein Klein-klein sich da zwischen Geiß und dem gleichaltrigen König von Kreuzberg, Ströbele auftut, wenn sie einzelne Äußerungen Gaucks zur Beurteilung seiner Eignung anführen. Einige Gründe dafür, warum Gauck der richtige Bundespräsident zur richtigen Zeit ist.

1) Unser politisches System (und die handelnden Politiker) ist selbstreferentiell, innenpolitisch. Gauck dagegen blickt mit dem Hintergrund zweier gesellschaftlicher Erfahrungen auf unser gesellschaftliches System. Und wägt ab.

2) Die tagespolitischen Diskussionen beschäftigen sich mit der Frage, wer mehr Sicherheit und „weiter so“ gewährleisten kann. Gauck öffnet den Blick, fokussiert auf Werte und Freiheit als essentieller Wert und spricht, nachzulesen beispielsweise in der Rede zur Verleihung des Börne-Preises 2011 (FAZ, 22.2.2012, S.8) über Entscheidungen, die zu treffen sind, Abwägungen. Er reflektiert Politik aus der Perspektive einer Verantwortungsethik, aber mit der nötigen Gelassenheit und Distanz zum Tagespolitischen Geschäft.

3) Gauck hat gesellschaftliches Bild der Wirklichkeit, kein politisches. Die Geschicke unseres Landes werden nicht von den Politikern bestimmt, sondern von uns allen. Als Menschen im Wirtschaftsleben, als Menschen im Privatleben, als Zoon Politicon. Wer die Reden Gaucks liest, stellt fest, dass er aus dieser Perspektive denkt. Und nicht in der angegriffen selbstbestätigenden Geste, wie es viele Politiker tun. Er spricht darüber, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben, dass jeder von uns seinen Beitrag leisten muss, Freiheit und Offenheit zu verteidigen. Und er spricht, nachzulesen in der jüngst erschienenen Publikation „Freiheit“, davon, dass man es einfach machen muss, Verantwortung zu übernehmen ist nicht die Lehnstuhlkritik an den handelnden Politikern, sondern der Beitrag, den jeder von uns zur Verbesserung unseres Lebens leistet. Und leisten kann. Die Rede eines Mutmachers, eines Enablers.

4) Gauck ist unberechenbar und bricht damit die tagespolitischen Kalküle auf. In einer Zeit, in der die politische Bühne von einer nicht unklugen, aber sehr nüchtern kalkulierenden Taktikerin Merkel dominiert wird, kann er sich zum natürlichen Kontrapart entwickeln, den Kurs der Gesellschaft ins Auge fassen über den Tag hinaus denken und reden. Dem kleinen Karo die große Roadmap entgegensetzen.

5) Joachim Gauck hat, wie übrigens auch Winfried Kretschmann, ein eigenes Bild von der Welt, ein eigenes Wertesystem und damit eine eigene Navigation. Sachlich, auf die wichtigen Fragen reduziert, verankert in der eigenen Biographie und den eigenen Überzeugungen, aber fähig, die Welt wahrzunehmen, wie sie auf uns zukommt.

6) Gauck wie Kretschmann sind Glücksfälle der Politik, weil sie das Außen der Gesellschaft ins Innere der Politik tragen, keine Heilsversprechen in die Welt setzen, sondern nüchtern, aber mit Überzeugung und Überzeugtheit, das machen, was ansteht.

7) Und das Reden zu Sarrazin und Occupy und Wutbürgern? Eine ernsthaft geführte Debatte über die Rolle plebiszitärer und repräsentativer Elemente, wie sie von ihm eingeführt wurde, tut Deutschland gut. Prognose: Die Frage einer neuen Verfassung wird wieder auf die Tagesordnung kommen. Dann können die ‚“Wutbürger“ und Befindlichkeitsartikulierer ihre Gedanken in einen öffentlichen und ernsthaften Disput einbringen. Das kann spannend werden. Und auch zu neuen Einsichten und Lösungen führen, die wir dringend brauchen.

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