Warum Hamburg verloren ging. Eine Bestandsaufnahme

Der Volksentscheid in Hamburg hat eines gezeigt: Eine strukturelle Veränderung der Schulwesens ist wieder einmal gescheitert. Wenn wir auf dem Boulevardniveau bleiben wollen, könnten wir sagen: Die Guggi-Fraktion hat gewonnen. Bloß blöde, wenn die Gucci-Trägerinnen, zumindest teilweise, durchaus dem grünen Wählerklientel entstammen. Einige Tiefenbohrungen, um das Scheitern zu verstehen. Und um daraus zu lernen.

Einige Vorbemerkungen: Bildungspolitik in Deutschland, dem sollte man sich bewußt sein, ist vermintes Gebiet! Und zwar unabhängig davon, in welche Richtung sie geht. Die Einführung von G-8-Gymnasien führt zu entsprechenden Stimmenverlusten in Bayern und Baden-Württemberg wie die Auflösung von Hauptschulen und die Ausweitung des gemeinsamen Schulbesuchs. Und das ist bereits seit Jahrzehnten so.

Meine Hauptthese in der gesamten bildungspolitischen Diskussion ist: Eine abstrakte Erkenntnis, dass ein „offeneres Schulsystem“, also eines, das den gemeinsamen Schulbesuch auf 6 oder 8 Schuljahre ausweitet, besser für alle und für das ganze Land ist, bricht sich mit der eigenen Interessenslage, derer, die Kinder haben. Denn plötzlich müssen die eigenen Kinder die Risiken, die durch Veränderungen ausgelöst werden, übernehmen. In einer Partei, die die Zukunft ihrer Kinder ganz groß auf die Fahnen geschrieben hat, und deren WählerInnnen die Bedeutung guter Bildung für die Zukunftsperspektive ihrer Kinder erkannt haben, ist das ein wesentlicher Faktor. Im Klartext: Die eigene Betroffenheit bricht die allgemeine Erkenntnis, dass ein anderes Schulsystem besser wäre.

In Deutschland hat eine Entwicklung statt gefunden, die in ihrer Brisanz und Bedeutung noch nicht in die Köpfe der bildungspolitischen Entscheider Eingang gefunden hat. Viele Eltern, und zwar gerade unter den Meinungsbildnern und Entscheidern, haben entschieden, dem öffentlichen Schulsystem ihr Vertrauen zu entziehen und eine Alternative zu suchen. 10% aller Schülerinnen und Schüler gehen, unabhängig von der angeblichen föderalen Bildungsverfassung der bundesländer, inzwischen auf Privatschulen. Aber Privatschulen spielen in bildungspolitischen Diskussionen noch immer keine Rolle. Sie sind auf der Berliner (und den kleineren Landesbühnen) kein Thema. Man macht für sich selber. Und schweigt. Und die bildungspolitischen Debattten, die sind nur für die Dummen. Oder die, die sich Bildung als Habitus (Bourdieu) nicht leisten können.

Zehn Prozent aller Eltern haben sich entschieden, dem öffentlichen Schulsystem das Vertrauen zu entziehen. Und man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass unter diesen überdurchschnittlich viele Grünen-Wählerinnen und Anhängerinnen sind. Ich behaupte, doppelt so viele, abhängig davon, an welchen Orten sie leben (in Kreuzberg ist das kritischer als in Gütersloh, aber dazu kommen wir noch).

Das grüne Plazebo in solchen Debatten ist dann immer, dass in unseren Programmen das mit den Privatschulen doch drin stehen. Wer diese Programme mal liest, stellt fest: Schwer zu finden, diese Formulierungen, sie sind immer da. Und nirgendwo. Weil diese Tatsache, die Realität, nicht zum Ausgangspunkt der Diskussion gemacht wird. Sondern, wie immer, die Blaupause eines besseren Bildungswesens.

Ich lese in der aktuellen Zitty ein Interview mit Judith Holofernes, „Wir sind Helden“. Ein sehr interessantes, weil paradigmatisches Interview. Sie beschäftigt sich mit der Frage, ob sie eine Protestband sei, weil sie auf Demos aufgewachsen sei, zwischen Freiburg und Berlin übrigens. Und jetzt, als Kreuzberger Mutter, sich so ihrer Gedanken über Gentrifizierung und Bildungspolitik macht. Ich zitiere:

Roy (das ist der Mann, Anm.): Neulich sprach mich ein türkischer Jugendlicher im Görlitzer Park an. Er fragte, ob ich nicht genug Geld mit der Band verdiene, um nach Zehlendorf zu ziehen. Der konnte nicht verstehen, dass wir freiwillig hier leben.


Wie ist das bürgerliche Leben mit zwei Kleinkindern in Kreuzberg?
Roy: Es gibt eine Sehnsucht nach geregelten Abläufen. Gerade weil die Kinder das brauchen.
Holofernes: Praktisch sind wir natürlich in der gleichen blöden Situation wie alle anderen Kreuzberger Eltern.

Und das heißt?
Holofernes: Wir müssen uns überlegen, wie wir das Schulproblem lösen. Es gibt Schulen in Kreuzberg mit einem Ausländeranteil von 60 Prozent, das ist der Traum aller Eltern, aber bei uns liegt er um 92 Prozent. Eltern suchen sich im Freundeskreis eine Klasse zusammen und drücken die beim Direktor durch. Der Trend ist: Ich opfere unsere Kinder nicht an unsere Einzugsgebietsschule. Man schafft sich kleine Eliteinseln in Schulen. Ich finde das total schwierig, weil die Schüler dann immer herausstechen – und kein Kind will das.

Das stellt die eigene linke Gesinnung ganz schön auf die Probe, oder?
Roy: Es ist krass, dass wir uns in einem linksalternativen Multikulti-Milieu bewegen – und Eltern die nicht-deutschen Anteile an Schulen diskutieren. Vor fünf Jahren hätten dieselben Leute das Gespräch abgebrochen und gesagt: Was soll das heißen, nicht-deutscher Kinderanteil? In solchen Momenten merkt man, dass sich Linke und Türken nicht mischen. Man fühlt sich vielleicht multikulti, weil man den Namen des Bäckers kennt – aber wenn es um die Kinder geht, fallen die Hüllen. Dann sagt natürlich jeder: Mein Kind soll das Beste kriegen.“

Eine Initiative zur Klassenbildung ist auch ein Protest der Eltern gegen das Schulsystem.
Holofernes: Stimmt, das läuft granatenmäßig falsch. Es kann nicht sein, dass Menschen fluchtartig den Stadtteil verlassen, wenn die Kinder ins schulpflichtige Alter kommen. Es ist ein hehrer Ansatz, zu bleiben und die Schulen am System vorbei zu gestalten. Pervers finde ich, dass evangelische Schulen aufmachen und die Kinder abschöpfen. Keinen der Beteiligten hat vorher die Religion interessiert. Der Hauptgrund ist, dass Türken und Araber ihre Kinder nicht auf solche Schulen schicken. Das finde ich heuchlerisch.

Und was können Sie dagegen tun?
Holofernes: Eine Lösung habe ich leider auch nicht. Im Moment ist das wirklich ein Dilemma für uns. Ich weiß nur eines: In Zehlendorf werde ich nicht glücklich.

So definiert sich Zukunft auf einmal ganz anders, wenn man eigene Kinder hat. Und ich füge hinzu: Auch unser Sohn ging auf die Waldorfschule, es ist also nicht das Schielen oder Schimpfen auf andere, sondern das, die eigenen Verhaltensweisen ernst zu nehmen.

Das Interview mit den „Helden“ zeigt auf ganz einfache Weise, warum Initiativen für „länger gemeinsam zur Schule“ scheitern müssen: Weil Eltern, die Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen, kein Vertrauen darauf haben, dass öffentliche Schulen das Problem, Kinder aus ganz unterschiedlichen Sozialmilieus zusammen zu unterrichten, wirklich produktiv managen können.

Das Interview zeigt aber noch ein Weiteres, das sei an dieser Stelle angemerkt, aber nicht vetieft: Es zeigt, dass auch in linken weissen deutschen Haushalten ein unbewußter Rassismus grassiert, dem sich diese Gesellschaft nicht bewußt ist. Es wid nämlich, und das ist der übliche Ductus, von dem auch Sarrazins offener Rassismus zehrt, von DEN TÜRKEN und DEN ARABERN als Problem gesprochen. Tatsächlich ist es aber so, dass man auch keine Lust hat, seine Kinder mit den Kindern versoffener Hartz IV Empfängern in eine Klasse zu geben. Aiuch hier: Die Rassismus Feststellung ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Und jedeR weisse Deutsche, der sich etwas selbstkritisch umsieht, wird feststellen, dass dieser unbewußte Rassismus auch in linksalternativen Kreisen grassiert. Und deshalb hinterlich ist, weil sie eine ganze Generation von Einwandererkindern, die anders aussehen, ausgrenzt.

Wir übersetzen das Thema also in das eigentliche Problem und das lautet: Bildungsbürger möchten ihre Kinder in einer Umgebung aufwachsen sehen, die ihrem Sozialmilieu entsprechen. Vielleicht mit Einsprengseln anderer Kulturen und engagierten Kindern anderer Sozialmilieus, aber auf keinen Fall wollen sie, dass die Dominanz des bildungsbürgerlichen Sozialmilieus in der Schule gebrochen wird.

Und was machen wir mit einer solchen Situationsbeschreibung? Fortsetzung folgt!

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