Vom Maoisten zu Mamas Liebling. Was Winfried Kretschmanns Lebensbogen über die Grünen sagt. 

Nichts geht über die Videothek. Schon lange gucke ich keine Talkshows mehr, stets die gleichen Inszenierungen in der stets gleichen “Ich weiss, Frau Lehrerin” Perspektive. Erkenntniswert war gestern, Entertainment auch. 

Da braucht man schon den Anti-Entertainer Winfried Kretschmann, um mal ne richtige Bombe platzen zu lassen. Slow Motion natürlich, denn die Entdeckung der Langsamkeit, das ist die Entdeckung von Winfried Kretschmann.

Die Facebook-Grünen schäumen. Die Berliner Grünenspitze auch. War da nicht der Satz, man würde Wahlkampf der Eigenständigkeit führen wollen? 

Was treibt Winfried Kretschmann also, medial Hof zu halten. Anders kann man es nicht nennen, wenn Kretschmann, nachdem er die Maischberger entschleunigt hat, auch den linken Salonlöwenerben Augstein mit seinem politnarzistischen rotrotgrün-Geschwätz einfach abtropfen lässt? Um dann Maren Kroymann als amüsanter Hofnärrin Loblieder aufs Bruddlerdasein darbringen zu lassen. 

Großes Kino, auch wenn manche Facebook-”Freunde” sich dabei am Einschlafen gewähnt haben. Ruhen sie sanft!

Jetzt rätseln wieder alle. Was soll das? Was will er? Warum gibt einer sein politisches Coming Out, hält Merkel für die ideale Kanzlerin, kommt mit Seehofer angeblich besser zurecht als mit Bodo Ramelow?

Ich will mich mal nicht an der Spekulation über eine mögliche Kandidatur beteiligen. Sondern beschäftige mich damit, warum dieser Vorstoß richtig und wichtig ist, wenn die Grünen weiterhin den Anspruch haben, Veränderung machen zu können. Und nicht nur dem linken Traum einer herrschaftsfreien Gesellschaft in seitenlangen Programmpapieren vorausträumen zu wollen.

Es geht darum, Kretschmann zu kapieren und nicht zu kopieren. Sagt Bütikofer. Es geht darum, sich Gedanken zu machen, warum in Baden-Württemberg dreissig Prozent möglich scheinen und sie in Berlin zufrieden sind, sich gemeinsam mit zwei Verlierertruppen vierzig Prozent aufzuteilen. Zweistellig wird da schwierig. Alle rangeln um die Hartz IV Empfänger, aber die wissen das gar nicht, weil sie wählen nicht interessiert.

Es geht darum, sich den Kopf frei zu machen. Der entscheidende Satz des Abends war, dass Gesellschaften aus ihrer Mitte regiert werden, nicht vom linken Rand aus. Und dabei gewinnt die Partei die Oberhand, die es versteht, die “upcoming questions” mit der eigenen Agenda zu verbinden. 

Die dominierende aufkommende Frage ist die, ob es Deutschland (und Europa) gelingt, aus ihrer Mitte heraus eine weltoffene, gleichwohl auf ihre Interessen bedachte Politik zu formulieren, den reduzierten Handlungsspielraum der Politik endlich mal einzupreisen und die Programmatik zur Wahl entsprechend zu entrümpeln. 

Die hermetischen Umbauprogramme für alles Mögliche waren gestern. Niemand will das (außer denen, die auf diesen Papiertickets Karriere machen wollen) und es ist der Verdienst Kretschmanns, hier einfach mal klar Schiff zu machen.

Auch wenn es den Grünen Tisch-Strategen gar nicht passt. Die Zuschauer, aktive und weniger aktive, die wissen oder ahnen, dass sich die Welt im Wandel befinden, goutieren das. 

Politik ist Repräsentation. Die Grünen können die Partei, der weltoffenen, aufgeklärten und veränderungsbereiten Mitte der Gesellschaft werden. Aber nur, wenn sie ihre Politik mal aus der Perspektive derer formulieren, die sie repräsentieren können. Und nicht aus der Perspektive der inneren und äusseren Peripherie. 

Die Grünen haben immer im Spannungsverhältnis Einzelner und der ganzen Gremien gelebt. Führung bedeutet, mal ein paar Ansagen zu machen. Lange Zeit hatte niemand Kretschmann auf dem Schirm.

Jetzt schon! Jetzt können sich die Berliner Grünen mal wieder neu sortieren.

Und das ist auch gut so! 

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