Über den Tag hinaus. Ideologiekritisches zur Frage, was sich derzeit in Deutschland tut.

Es gibt drei große Ereignisse der letzten dreißig Jahre, die Deutschland schlagartig und nachhaltig verändert haben: Der Fall der Mauer, 9/11 und jetzt, das Eintreffen der Flüchtlinge aus Syrien und anderswo, die, üer das Fernsehen in Echtzeit übertragen, in alle deutschen Wohnzimmer einwandern.  

Ein paar Gedanken dazu, was wir hier sehen. Und was es bedeutet. 

Politik ist Symbolhandel. Zumeist!

Ich bin ja, anders als viele aus meinem grünlinksliberalen Umfeld, ein sehr nüchterner und skeptischer Mensch. Den politischen Prozess, den ich hier eingehend verfolge, betrachte ich weitgehend als Symbolhandel. Hohepriester der öffentlichen Sinnstiftung, Politiker, werden dafür bezahlt, dass sie Handlungen vollziehen, die auf die Identität ihrer Mitbürger, jedenfalls derer, die das verfolgen, hoffnungsschöpfend (zunehmend weniger), beruhigend (noch immer ganz schön viele) und beschwichtigend (noch immer ganz viele) wirken. Politik vermittelt das Bild gesellschaftlichen Zusammenhaltes, derzeit immer mit besonders vielen Gesetzen, die auch Geld kosten, aber zunehmend weniger wirken. Und die das Land, so meine These, nicht auf die Herausforderungen von morgen einstellen, die da wären, dass es weniger zu verteilen gilt. Und mehr dabei anpacken müssen, es zu erwirtschaften. Und Politik, entgegen ihres Hochglanzselbstbildes, zufrieden sein kann, wenn der ganze Laden nicht auseinanderfliegt. 

Der öffentliche Diskurs über Politik ist nicht in der Lage, einzupreisen, was von den kultisch dargestellten Gesetzen dann tatsächlich wie viel bringt. Und was die besseren Alternativen wären. 

Politiker, das nur nebenher, müssen sich aus dieser Logik heraus auch nicht ändern, sie können oftmals gut damit leben, wenn sie Änderungsbereitschaft auf der politischen Bühne Berlins (oder Brüssels) rituell darstellen; etwa in Untersuchungsausschüssen, kritischen Bemerkungen, Konzepten, deren Umsetzung uns alle ruinieren würden, wenn sie wahr gemacht werden. Tun sie aber nicht, deswegen können wir uns wieder beruhigen. 

Ich bin mir übrigens nicht so sicher, ob alle Bühnendarsteller sich dieses Momentums der handelnden Darstellung des Nichthandelns bewußt sind. 

Soviel zum Hintergrund. 

In Krisenzeiten zeigt sich, was hält

Vor diesem Hintergrund betrachte ich das Wohlergehen der Deutschen Gesellschaft (und die Saturiertheit der grünlinksliberalen Öffentlichkeit) mit erheblicher Skepsis. Trägt das Eis noch? Wie belastbar ist es? Wie lange trägt es, wenn zusätzliche Lasten darauf hereinbrechen. 

Skepsis ist kein euphorisierender Grundzustand, sondern, in meinem Fall, Teil einer frühkindlichen Ausstattung. Ich bin nicht stolz darauf, ich muss damit leben. 

Immerhin gelingt es mir, dem lehnstuhlsitzenden Kritiker des Symbolhandels, wahrzunehmen, wenn mal was nicht so läuft wie gedacht. So, wie im Falle der Flüchtlinge, die sich jetzt einfach auf den Weg machen.  

Gustav Seibt hat in der Süddeutschen vom 23.9 beschrieben, was derzeit vor sich geht. Die Bürger eines Landes, das die Rollentheorie zum Maßstab allen Handelns gemacht hat (Es gibt ein Drehbuch, und nach diesem Drehbuch sind alle Rollen besetzt und jeder weiß, wie er handeln muss) handeln; – ohne Drehbuch.  

Ich hätte nie gedacht, dass Bilder solche Macht haben, dass, aus meiner Sicht etwas naives „Wir sind alle eine Welt“-Gerede, jetzt, wo es darauf ankommt, dass das Reden in Handlung umgesetzt wird, tatsächlich so viel Kraft freisetzt. 

Das Menschen sich tage- und Wochenlang, Tag und Nacht, dafür engagieren, dass wildfremde Menschen wenigstens ein Dach über dem Kopf haben, notversorgt werden, während, das alte Spiel, die im Drehbuch dafür vorgesehenen Verwaltungskräfte ihr Rollenspiel nicht aufgeben wollen und keiner der Politiker den Arsch in der Hose hat, das auch mal auszusprechen und mit anzupacken. 

Ohne das Engagement der Bürger wäre die ganze Flüchtlingsversorgung nicht zusammen gebrochen. Sie wäre erst gar nicht entstanden. Aus den Berichten in Berlin Beteiligter ist zu erfahren, dass Wohlfahrtsverbände zwar in Mannschaftsstärke auffahren, wenn es um Fototermine geht, sonst aber nicht gesichtet werden. Die Anträge, das Geld einzustreichen, schreibt man am Schreibtisch. Raubritter können auch in St-Martins-Verkleidung auftreten. 

Was macht das jetzt alles mit Deutschland? Warum ist Deutschland eigentlich so anders wie andere Länder? 

Die Grundlage dafür ist, dass es uns gut geht. Wie gesagt, dem testerontriefenden Schröder dankt, außer der Kanzlerin bei der Buchvorstellung, niemand diesen Akt politischer Selbstvernichtung. 

 Der zweite Faktor ist die kollektive Schuld der Deutschen. Deutschland, der kaltblütige Schlächter Europas (Das Entsätzliche waren nicht nur die Gräueltaten, sondern die industrielle Verrichtung dieser Gräueltaten) hat seine Schuld angenommen und ist sensibel geworden für die Leiden der Welt; auch für die Leiden, die nicht gezielt, sondern als unerwünschte Nebenwirkungen unserer Lebensweise (Wohlstand) und ihrer Grundlage (militärische Sicherung der Rohstoffe und des Öls durch eine interventionsbereite USA) jetzt bei uns aufschlagen. Die Flüchtlinge, die wir jetzt in Deutschland aufnehmen, sind Folge einer (vielleicht sogar alternativlosen) Handlungsweise des Westens im Nahen Osten.  

Beides führt, so meine These, dazu, dass die Bilder über das Elend der Flüchtlinge (wir erinnern uns alle an das Bild vom tot angeschwemmten Jungen) wahrgenommen wird von den Menschen und sie beginnen, die Angelegenheit der Flüchtlinge zu ihrer zu machen. 

Sehr beeindruckend ist das alles. Es wird Deutschland verändern. 

Aus meiner Sicht auch: Die grünlinksliberale Partizipationskultur, die sonst immer auf mitREDEN beharrt, hat sich auch im mitHANDELN als verlässlich gezeigt. Nicht nur diese, es sind sicher auch viele aus christlichen Motiven aktiv, die in der Hilfe einen reinen Akt der Mitmenschlichkeit sehen.

Deutschland packt an!

Der Marxist in mir konstatiert den Umschlag von Quantität in Qualität. Ein Land im nölenden Lehnstuhl, ein Land, im dem Widerstandskultur zum kulturell herrschenden Paradigma geworden ist, entdeckt das Anpacken. 

Großartig!

Was lernen wir daraus? In der Krise wächst, noch ist es eine Hoffnung, das Rettende auch. Wir können über die Flüchtlingsfrage reden, indem wir darüber debattieren, ob der Bund jetzt 3 Mrd. € oder 6 Mrd. € gibt. Darüber wird im Bundestag und -rat gestritten. Aber egal, ob 3 oder 6 Mrd, davon wird kein Flüchtling satt, davon wird erstmal kein Zelt aufgebaut, kein Bett errichtet, nicht geholfen, das tun die Menschen. Trotz Bühnenstück! 

Vielleicht erwächst daraus in Zukunft ein wachsender Druck auf die Politik, nicht immer nur von „den anderen“ was zu fordern, sondern selbst vorzulegen. 

Schön wäre es. Hilfreich auch. 

Wenn dann für die kommende Saison das neue Drehbuch geschrieben ist, indem wir nicht mehr alle in einer feststehenden Wagenburg hocken und ängstlich nach außen spähen, sondern in dem wir begreifen, daß auch wir, Deutschland, wie auch die anderen um uns herum, Europa, die USA und der Rest der Welt uns auf eine Reise gemacht haben. Und das Ziel dieser Reise ist, dass wir, egal, wo wir uns befinden, abgeben, teilen, einbeziehen, uns erneuern, uns auf Neues einstellen, es willkommen heißen oder wenigstens einsehen und akzeptieren, dass es so ist. Dass wir selbst einen Beitrag zu einem neuen Ganzen, einem anderen Ganzen leisten müssen. 

Und dass es dann auch eine gute Chance dafür gibt, dass es gut geht. 

Nicht, weil dafür ein Plan und ein Skript dafür vorhanden ist. Sondern, weil die Mitmenschlichkeit, die wir gezeigt haben, wahr- und aufgenommen wurde. 

Mehr Sicherheit gibt es nicht!

P.S. Man kann diese Frage auch europäisch deklinieren. Das tatsächliche Handeln der europäischen Politik ist albern, verteilt werden sollen 120.000 Flüchtlinge, während alle davon reden, dass alleine in Deutschland dieses Jahr 1 Mio. Flüchtlinge eintreffen. Aber indem die Haltung Deutschlands, einerseits Gemeinsamkeit einzufordern, aber andererseits auch die Flüchtlingsfrage im eigenen Land aktiv anzugehen, könnte Deutschland, das gewendete Deutschland, dann doch zum Role Model eines Europas werden, das nicht über Brüsseler Einheitstandards für was weiß ich alles, sondern aus einer Haltung des Gemeinsamen, trotz aller Unterschiede, entwickelt wird. Dann können diese albernpeinlichen europäischen Verhandlungen auch nochmal ihren Sinn kriegen. Als vertrauensbildende Maßnahmen in einem offenen Prozess. 

 

 

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