TK-Chef Jens Baas schaut Sonntag morgen in den Spiegel. Und spricht mal darüber, was ihn so erschreckt. 

Der Chef der Techniker-Krankenkasse, Deutschlands Nr. 1, Jens Baas hat Sonntag morgen in den Spiegel gesehen; -und das Gesundheitswesen, das ihm da entgegenblickte, hat ihn erschreckt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat dieses Erschrecken dokumentiert.

Die von ihm benannten Fassadenrisse:

  • Der Krankenkassenwettbewerb rankt sich um die Frage, wer das chronisch kränkste Versichertenpotential für sich gewinnen kann, der Gesundheitsfonds lässt grüssen. Dabei schrecken Kassen nicht mal vor Diagnoseprämien zurück. Das wird ein Fall für den Staatsanwalt.
  • Die Politik lügt (sich in die Tasche). Statt die wachsenden Kosten auf die von ihr beschlossenen Maßnahmen zurück zu führen (siehe dazu auch unsere Analysen), müssen die Flüchtlinge herhalten. Deren Kosten tragen die Kommunen, mit dem zusätzlich eingeschossenen Geld stopft die Politik kurz vor der Wahl die Löcher, die sie mit teuren Gesetzen und Versprechen selbst gerissen hat.
  • Die Pharmaindustrie hält sich an den wenigen noch verbleibenden offenen Stellen schadlos: Über Innovationen wird das System kräftig gemolken, bevor dem Treiben nach Preisfestsetzung der Garaus gemacht wird. Eine Art gegenläufig kommunizierender Röhren: Je mehr Regulierung, desto stärker der Preisanstieg über die verbliebenen Druckablassventilen.
  • Auch die Private Krankenversicherungswirtschaft kriegt eins auf die Mütze: Die Anspruchshaltung der Versicherten und die Honorarmaximierung von Ärzten lassen die Behandlungskosten nach oben schießen, die Nullzinspolitik lässt sie Rücklagen schmilzen. Neuzugänge fehlen. Und viele Kassen sind zu klein, um vernetzte Angebote etablieren zu können. So treibt das PKV-System laut Baas hilflos seinem Ende entgegen.

Das „beste Gesundheitssystem der Welt“ sieht manchmal ganz schön alt aus!

Das klingt nicht nach Sonntagsansprachen, das klingt ganz anders als Hermanns Gröhes Reden vom „Besten Gesundheitssystem der Welt“. Gröhes Rückschau gegen Baas Blick nach vorne.

Mit seinem sonntäglichen Weckruf hat Baas einen Blick hinter die Potemkinschen Kulissen des Gesundheitssystems gewagt. Das Credo der Gesundheitspolitik, alle erhalten dieselben Leistungen, und das überall, Politik, Ärzte und Kassen wollten alle nur das Beste für die Patienten, ist als vordergründige Fassade bloßgestellt. Aber wie geht es jetzt weiter?

Was folgt am Montag?

Werden Montags die üblichen Dementis erfolgen? Kommt Druck aus der Politik (in der bittersüßen Realität des ersten Gesundheitsmarktes wird die Wahrheit üblicherweise homöopatisch dosiert)? Oder traut sich jemand, den Ball aufzugreifen?

Es gibt Bewegung im System. Allerdings abseits der Gremien.

Tatsache ist: Es tut sich was; allerdings nur in Nischen und weitab der Gipfeltreffen und Inszenierungen auf Top-Ebene:

  • Die TK selber ist Vorreiter in Sachen eHealth: Anders als das Bundesgesundheitsministerium, die mit der Charismha-Studie dem Peter L. Reichertz-Institut die Erabeitung von längst bekanntem Grundlagenwissen finanziert hat (und damit eine große Chance vertan), legt die TK mit einer Studie des IGES-Instituts konkrete Vorschläge vor, wie Patientensicherheit auch in einem hochinnovativen Markt wie dem eHealth-Markt gewährleistet werden kann; -ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, sprich die Innovation zu verhindern, bevor sie ihren Nutzen beweisen konnte. Und mit der Einführung einer freiwilligen Gesundheitsakte setzt sie sich über das (In-)Kompetenz-Gerangel der GEMATIK hinweg, die übermorgen die Technologie von vorgestern einführen will.
  • Und außerhalb der Universitäten haben sich durch Newcomer wie den sendungsbewußten und umtriebigen Dr. Alexander Schachinger mit seinem kleinen Institut epatient-rsd.com Forschungs- und Beratungskapazitäten etabliert, die über den deutschen Tellerrand hinaus blicken, wissen, was die Bürgerinnen und Bürger in Sachen Gesundheit im Netz suchen, einen Überblick über die deutsche App- und Startupwelt bewahren und Vorschläge unterbreiten, wie Deutschland von anderen Ländern lernen könnte.
  • Auch in der PKV tut sich was. Gemeinsam mit der Compugroup hat die AXA das Gesundheitsportal „Meine Gesundheit“ ins Leben gerufen und ist überzeugt, dass Kostenersparnis und Service sich von selbst finanzieren.
  • In der Startup-Hauptstadt Berlin tummelt sich eine rege eHealth-Startup-Szene. Vor zwei Jahren hat Startupbootcamp (mit Unterstützung des Autors) begonnen, Investoren für das erste offene Digital Health-Acceleration-Programm in Berlin zu gewinnen, ab November werden die ersten zehn Startups mit Unterstützung von Apotheker- und ÄrztebankArvato, MunicRe und Sanofi in Berlin starten. Und auch die gesetzlichen Krankenkassen, vor zwei Jahren aufgrund aufsichtsrechtlicher Bedanken noch skeptisch gegenüber der Startup-Szene, investiert, wie die Barmer GEK inzwischen in eigene Fonds. Offensichtlich traut man, zurecht, der Innovationsleistung des gleichnamigen Fonds des Bundesgesundheitsministeriums nicht.
  • Die Kliniklandschaft, vom DRG-System unter Rationalisierungszwang gestellt, hat außer bösen Verwerfungen, auch gute Ideen entwickelt, wie Hochleistungsmedizin und regionale Versorgung miteinander verbunden werden können. Das Heidelberger Netzwerkmodell, von der umtriebigen Klinikdirektorin des Heidelberger Universitätsklinikums Irmtraut Gürkan vorangetrieben, zeigt, was unter den bestehenden Rahmenbedingungen zu machen ist. Solch qualitativ hochwertige Ansätze würde man von investitionsstarken Klinikkonzernen wie Helios, Asklepios oder den Rhön-Kliniken erwarten. Nur Rhön-Klinik Gründer Münch hat dafür ein Konzept der Netzwerkmedizin und eine Stiftung auf die Beine gestellt, die allerdings von der Politik weitgehend ignoriert wird.

Und in der ambulanten Versorgung geht ein bundesweit gefeiertes „Gesundes Kinzigtal“ bereits ins zehnte Jahr. Dank eines umtriebigen Helmut Hildebrandt und eines, man könnte fast sagen, verrufen umtriebigen AOK-Chefs vor Ort, Dr. Christopher Herrmann hat man dort gezeigt, dass ein unternehmerisch betriebenes Modell vernetzter Versorgung mit Engagement, begleitender Evaluation und genügenden Handlungsspielräumen zu besseren Ergebnissen und geringeren Kosten führen kann (Das Management finanziert sich aus den Einsparungen, die durch die Vernetzung erzielt werden).

Was will uns der Autor damit sagen?

Es gibt Bewegung im System, es gibt Menschen in der Gesundheitswirtschaft, die einer besseren und sich selbst ständig verbessernden Gesundheitsversorgung verpflichtet sind und nicht in erster Linie der Maximierung ihres eigenen Geldbeutels oder der Zementierung des Status Quo.

Was es nicht gibt, ist eine Idee, was Politik tun muss, damit die gesundheitswirtschaftlichen Akteure in Breite an besseren Ergebnissen interessiert sind. Der Innovationsfonds, diese Monster-Modellprojektitis mit angeschlossenem Evaluationswahn (vorher, zwischendurch, nachher)  und ohne Spielräume und Ernsthaftigkeit ist es nicht. Das geben hinter vorgehaltener Hand, auch die Akteure zu; trotz eines unverzagt engagierten Vorsitzenden Dr. Hecken.

Was fehlt, ist der Mut der politischen Parteien, nach vorne zu denken!

Was fehlt, ist erst einmal der Mut der politischen Parteien, sich zu einem Gesundheitssystem in verantwortlicher Innovationsdynamik zu bekennen und darüber zu streiten, wie man unser System so entrümpeln kann, dass die Akteure von sich aus bessere Leistungen erzielen, neue Technologien (verantwortlich) einsetzen und dem Gedanken von Prävention und Vermeidung Vorrang vor der Idee der dauernden Geldschöpfungsanlage Hochleistungsreparatur geben.

Wirklich mutig, Herr Baas!

Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl, lieber Herr Baas, ist ein ganz schlechter Zeitpunkt, um diese Fragen öffentlich zu diskutieren. Aber niemand hindert eine Fachöffentlichkeit, abseits des großen (und ideologisch verrammelten) Schlachtengetümmels Bürgerversicherung darüber nachzudenken, wie Versorgung flächendeckend gut und der veränderten Demographie angemessen organisiert werden kann.

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