Think twice. Wie denken, wenn sich alles ändert? Am Beispiel der Pharma-Industrie

Darum geht es: Die Welt ändert sich, aber wir denken noch in den Figuren und Modellen von gestern. Besonders die Politik, die das Gemeinsame bewahren soll, hat damit ein Problem. Sie läuft damit den Tatsachen hinterher. Warum unser westliches Denken nicht mehr funktioniert. Ein paar Gedankensplitter.

New Thinking! Zum Bespiel Design Thinking.

Man kann es Design Thinking nennen. Die forschende Pharma-Industrie hat sich den deutschen Botschafter des Designthinking eingeladen, um mal etwas an der Veränderungsluft zu schnuppern. Professor Ulrich Weinberg von der HPI-School of Design Thinking gab einen ersten Geschmack davon, was nichtlineares Denken bedeutet. Ob der Funke übergesprungen ist, wissen wir nicht, aber anschließend stocherten alle Anwesenden im Nebel der Vernetzug herum.

Was ist Design-Thinking? Ganz einfach: Ein Rezeptbuch, ein Methodenkoffer, wenn man spürt, dass es so, wie es ist, nicht mehr weiter geht. Dann kommt, zu Recht, alles zum Einsatz, was jenseits des Linearen ist. Schlagworte liegen ja inzwischen jede Menge herum, wie Treibholz an einem Herbststrand: Synapsen bilden, ist eines davon. Professor Weinberg empfiehlt übrigens Stehmeetings und rollbare Tische, Pinnwände und Notizzettel, Clusterbildung und reichliches Umsortieren der gesammelten Stichworte. Der Antibrockhaus. Oder besser: Brockhaus als Zettelkasten. Wiki statt Brocki.

Denn darum geht es tatsächlich: Die Umsortierung unseres Wahrnehmungs- und Begriffsapparates. Um im Beispiel zu bleiben: Ein Pharmaunternehmen ist nicht länger ein Pharmaunternehmen. Ein forschendes Pharmaunternehmen ist nicht länger ein forschendes Pharmaunternehmen (bzw: ist es das derzeit überhaupt noch?) Es kann alles mögliche sein.

Old Thinking. Warum wir feststecken. Am Beispiel politischen Selbstverständnisses.

Diametral entgegengesetzt dem Begriff „Design Thinking“ ist die Rollentheorie. Nicht, dass sie falsch wäre. Aber die Rollentheorie, mit der wir alle aufgewachsen sind, sagt, dass wir alle eine Rolle spielen. Und dass wir uns gemäß dieser Rolle verhalten. Der innere Zettelkasten ist also abschließend sortiert. Alles bleibt wie es ist.

Die Rollentheorie übersieht, dass es unterschiedliche Interpretationen der Rolle gibt. Nehmen wir ein Beispiel: Politiker müssen Wahlen gewinnen. Also, so die populäre Interpretation der Rollentheorie, müsse man sich nicht wundern, wenn Politiker nicht wirklich etwas ändern wollen, sondern nur ihre Rolle, das Gewinnen von Wahlen, maximieren wollen. Nicht immer fällt das so ins Auge, soviel aus dem laufenden Geschäft, wie beim CDU Kandidaten Strobl, dem Schäuble-Schwiegersohn, der beim ersten Regionaltreffen der CDU verlauten lies, ein erfolgreicher CDU-Spitzenmann müsse auch gut in Berlin vernetzt sein, um dort für sein Land, und jetzt wörtlich, „Beute zu machen“. So unverblümt findet man die Rollenbeschreibung der Politik nur selten. Es geht ums Plündern.

Rollen, so habe ich Goffman im Hinterkopf, hätten auch konfligierende Rollenerwartungen. Das hat unser Land, zumindest im politischen Teil, längst vergessen oder lediglich auf dem Sprechzettel stehen, aber nicht wirklich auf der Agenda. Die systemische Funktion von Politikern ist die Erhaltung der Geschäftsgrundlage, dass also das Ganze zusammenhält. Sozialer Zusammenhalt, Erhaltung und Verbesserung der Fähigkeit, konkurrenzfähige Wertschöpfung für das eigene Land zu sichern. Das geht über die Veränderung von Rahmenbedingungen, Ordnungspolitik, die zu oft vergessen wird, Leistungsgesetze, die zu oft strapaziert werden und die „ideologische“ Rolle von Politik: Deutungshoheit! Sprich, den Menschen zu helfen, sich ein Bild zu machen und ihnen damit implizit eine Rolle zuzuweisen.

Das Bild, das die Altparteien derzeit zeichnen, ist, dass man die Politik nur machen lassen müsse, dann wird alles gut. Man müsse wählen, das gehört dazu und dann die Politiker machen lassen. Es gibt auch Unterschiede zwischen den Parteien, die aktuelle große Koalition hat also die Ältere Generation noch einmal gut bedient auf Kosten der jungen. Aber davon abgesehen, interpretiert die Politik ihre Rolle nicht angemessen, nicht zukunftsfähig. Sie müsste nämlich die Menschen darauf vorbereiten und dafür gewinnen, dass in den nächsten Jahren vieles nicht so bleiben wird, wie es ist. Dass niemand, auch kein Politiker, weiß, wie es weiter geht, mit dem Westen, mit Europa, mit Deutschland, weil man weiß, dass Demographie, Technologie, die veränderten Machtverhältnisse auf dem Globus, die bisherige, vom Westen bestimmte Ordnung der Dinge ins Wanken gerät. Aus dieser Situation werden, so meine Hypothese, diejenigen Länder, denen es gelingt, die Menschen in diesen Veränderungsprozess einzubeziehen, sie als selbstbewussten und selbstverständlichen Teil dieser Veränderungen zu AKTIVIEREN, diese Länder werden die besten Chancen haben, erfolgreich aus dieser kreativen Zerstörung hervor gehen zu können. Weil sie den Zusammenhalt organisieren können, weil mehr Menschen, die wissen, was auf sie zukommt, schneller zu Lösungen kommen. Weil nur der weniger Geld als Verzicht betrachtet, dem man zuvor vermittelt hat, dass mehr Geld mehr Wohlergehen zur Folge hat.

Was ich für die forschende Arzneimittelindustrie schlußfolgere

Und was wir jetzt für die Politik skizziert haben, gilt auch für Großunternehmen, hier, die forschende Pharma-Industrie.

Meine, ich gebe zu, etwas provozierende Meinung zur forschenden Pharmaindustrie: Spezialisiertes Portfoliomanagement mit dem Ziel maximaler Rendite. Forschende Firmen forschen nicht, sondern kaufen Firmen auf, die hoffnungsvolle Forschungsergebnisse aufweisen können. Dafür sammeln sie Geld ein, damit sie für ihre Fischzüge genügend im Beutel haben. Nach dem Kauf ist das Unternehmen dann wieder beschäftigt, die neuen Unternehmen ins Alte zu integieren. Das dauert.

Nun kann man sagen, schaut her, das läuft doch so. Die Profits sind fett, die Manager glücklich. Nur die Politik, die spielt immer weniger mit. Wenn jetzt Deutschland die Zugänge für Innovationen abriegelt, wird es schwierig. Auch in den USA gewinnen der Idee, nicht jedes neue Produkt als Innovation zu betrachten, durchaus Sympathie ab. Wenn man das AMNOG Verfahren (selbst)kritisch betrachtet, stellt man fest, ja, es spart Geld, weil Scheininnovationen blockiert werden. Aber ich halte es nach den vorgetragenen Fällen und der Nähe der „wissenschaftlichen“ Gutachter zu den Kassen und Kostenerstattern, auch für wahrscheinlich, dass einige Innovationen unter den Tisch fallen, weil eben die Ergebnisse noch nicht final vorliegen oder dass einige Innovationen aus Kostengründen nur für Teilbereiche zugelassen werden (läuft der Patentschutz aus, kann man das ja immer noch ändern).

Auch hier blockiert uns unser statisches Denken: Was ist richtig, was ist falsch? Vieles, gerade im medizinisch-therapeutischen Bereich, was wir gestern als richtig betrachtet haben, ist, aus heutiger Sicht, falsch. Oder überholt. Das Problem aber ist, wenn es nur mehr EINE Wahrheitskommission gibt, z.B. die Arzneimittelkommission und ihre Richtlinien, sich die medizinische Erkenntnisgewinnung nicht genuin weiter entwickelt. Es muss künstlich über separierte Forschung hergestellt werden. Und das geht schwer in die Köpfe besonders deutscher Denker: Dass nämlich Wahrheit und Erkenntnis immer neu erarbeitet werden muss, am Anfang eher Ahnung als Wissen ist, Inspiration und Transpiration, nicht Erkenntnis, die vom Himmel steigt.

Wie kann dieses Perpetuum Mobile der ständig neuen Erkenntnisse in unserem statischen Denken Platz finden? Ich meine: Über Wettbewerb wettbewerbsfähiger Akteure, die aus ihren eigenen Erwägungen, die wir nicht bewerten müssen ihre Maßstäbe definieren und zu evaluieren suchen. Wenn einer bessere Erkenntnisse hat als der andere, wird er sie adaptieren, dann geht das Spiel um die besseren Leistungen von vorne los, das führt zu dauernder Innovation. Und da muss ich noch ein Gedankenkonstrukt einbringen, das mir ähnlich gut gefällt wie Designthinking. Die Gedanken von Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität. Antifragile Systeme sind Systeme, in denen Altes überrollt wird, bevor es zu groß ist, als dass man es überrollen könnte. Also nicht Systemkritische Banken definieren, sondern verhindern, dass systemkritische Banken entstehen.

Der Streit um den Preis jedes einzelnen Medikamentes ist eine Loose-Loose-Situation

Aus Pharmasicht bedeutet das Ganze, dass sich die klassische Rolleninterpretation immer mehr zu einer Loose-Loose-Situation verwandelt. Immer weniger zugelassene Innovationen müssen immer mehr Aufwand refinanzieren. Aus Unternehmenssicht muss das zu einer Preismaximierungsstrategie führen. Das verhärtet aber die Position der Gegenseite, die nie auf das Gesamtunternehmen, sondern immer nur auf das jeweilige Produkt achtet. Ende Gelände.

Deswegen: Design Thinking. Deswegen: Think twice. Es gibt nicht „die“ richtige Strategie, sondern es geht auch um einen Plan B und/oder C.

Beispiel Autoindustrie: Es steht zu befürchten, dass, wenn die Elektrifizierung des Automobils zu einem Erfolg wird, Tesla, ein marktfremdes Unternehmen, zum Market Leader wird. Technologieführerschaft, Designführerschaft, Preisführerschaft. Ein junges Unternehmen hat schlankere Strukturen als ein altes. Es sieht die Dinge anders als ein altes. Es sammelt die Menschen ein, die neues tun wollen, weil sie sich in alten Strukturen zu Tode gepredigt haben. Das sind wirkliche Treibsätze von Innovation. Das verändert Märkte.

Neue Player definieren neue Märkte. Oder zumindest eine neue Hackordnung auf den Märkten

Wenn Google und Microsoft und andere jetzt den Gesundheitsmarkt entern, wird das auch so kommen. Die Pharma-Industrie wird, wenn sie die Zeichen der Zeit nicht erkennt, zum Vorlieferanten von Gesundheitsunternehmen.

Gründe:
Pharmageschäft ist Reparaturgeschäft, entweder, weil das Medikament Störungen beseitigt oder das Leben mit der Krankheit erträglicher macht. Heilung also ist schlecht fürs Geschäft.

Das große Innovationspotential der Zukunft, wenn das Gesundheitssystem nicht an seinen Reparaturfolgekosten ersticken will, liegt aber in der Erschließung eines neuen Begriffs, eines neuen Verständnisses von Gesundheit, „spontanen“ Gesundungsprozessen, einem ganzheitlichen Verständnis davon, wie sich jeder von uns gesund halten kann und/oder was die persönliche Disposition zum Gesundungsprozess beiträgt.

Das ist ein anderer Verständnis- und Forschungsansatz. Das würde ein anderes Denken und Handeln erfordern, ein Denken über Ressortgrenzen hinaus, hin zur Vernetzung, zum Vernetzten Umgang mit Patientendaten, mit Massendaten, die differenziertere Analysen ermöglichen können.

Das erfordert aber auch, dass Pharmaunternehmen ihre Kompetenzen zergliedern und besser verstehen lernen. Erst dann können sie diese neu zusammen bauen, um, wie Phönix aus der Asche, neu zu erstehen.

Das wäre Design Acting! Und zur rechtzeitigen Umsetzung von Design Acting bedarf es, des Mutes, frühzeitig über Plan B und C nachzudenken, auch wenn das jetzige Geschäft gut noch läuft. Die richtigen Dinge richtig tun. Und zum richtigen Zeitpunkt.

Ein Nachsatz zur Ideologisierung von Begriffen in Deutschland.

By the Way: Was mir in Deutschland auffällt, ist, dass ständig alles ideologisiert wird. Das Reden über die Shared Economy beispielsweise, die Frage des Verzichts auf Patentschutz. In den USA würde niemand auf die Idee kommen, diese Fragen zum Prinzip zu erklären. Tesla gibt seine führende Batterietechnologie frei, weil sie Marktdurchdringung brauchen, im Umkehrschluss ist Apple, der Liebling aller Schicken, einer der härtesten Vertreter des Erstreitens von Patentschutz. Anything goes! Die Deutsche Suche nach der Ideallösung ist out!

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