The Google Thing

Es geht nicht darum, Googles Verhalten in Sachen Transparenz und Privacy und Oligopolbildung zu rechtfertigen. Andererseits: Google macht klar, was Staat und Großunternehmen nicht auf die Beine stellen können. Die Entstehung von etwas völlig Neuem, multidimensionale Innovation. Das heißt auch: Kreative Zerstörung. Von Lebens- und Geschäftsmodellen. Zum Beispiel beim Auto.

Der nächste Google Coup: Das selbstfahrende Auto. It’s information, stupid. Google, das ist das Siemens oder General Electric des Informationszeitalters. Menschen, die es wissen und ausprobieren wollen, die Gründer und Unternehmer (Wir Europäer ziehen den Hut, das ist es, warum wir die USA brauchen), einen Haufen hingeschissenes Geld, das ohnehin verfällt, wenn der Aktienkurs fällt, und eine magische Anziehung aller Menschen, die längst mal etwas anderes ausprobieren wollten.

Während sich die deutsche Politik immer noch an dem Bild „Suchmaschine Google“ abarbeitet, hat sich dieser längst zu einem Infrastrukturkonzern Informationstechnologie gewandelt. Obwohl: Konzern ist auch wieder falsch, weil es Google in seiner Position nicht darum geht, nur einfach seine eigene Existenz abzusichern. Es ist die Lust darauf, alles umzukrempeln. Die Macht eines Konzerns, die Kraft einer Religionsgemeinschaft und die Innovationskraft eines Forschungsinstitut. Also, was ist das: Google?

Den Geist kann man auch bei Tesla beobachten.

Das ist der Geist, der Neues bringt.

Und der wird in Europa zu Tode administriert.

Szenenwechsel: Wie stellen wir Europäer uns vor, dass Neues entsteht, wie die Politik.

Der Staat legt ein Forschungsprogramm auf, Unternehmen und Forscher reichen Anträge ein, eine Kommission entscheidet. In der Kommission muss darauf geachtet werden, dass regionale Proporze gewährleistet werden, Interessen von Großunternehmen (oder vermeindliche Standortinteressen von Staaten), die Fördergelder werden halbiert, geviertelt oder noch weiter zerhackt, die Antragsfristen und Beratungzeiten verzögern den Prozess. Am Ende bleibt Asche, aber statt der Explosion sind nur kleine Feuerchen entfacht worden.

Der Urknall findet anderswo statt.

Die Lissabon Strategie sollte Europa zur führenden Technologieregion der Welt machen. Und was ist geblieben? Unbenutzte Flughäfen, versandende Autobahnen, verschüttete Fördergelder. Wuchernde Bürokratien.

Eine Prise analytische Inspiration: Das kommt nicht von der Dummheit der Politiker, ihrer Korrumpiertheit, Borniertheit, nein, das ist schlicht und einfach die Folge dessen, dass Politik, politische und kollektive Entscheidungen immer unverantwortete Entscheidungen sind. Faustregel: Je mehr Menschen in den Entscheidungsprozess einbezogen sind, je mehr Interessen berücksichtigt werden müssen, je mehr Weltbilder (ein oft vernachlässigter Gedanke) berücksichtigt werden müssen, je länger es dauert, desto unverantworteter wird das Prozessergebnis. Weil jeder davon ausgehen kann, dass ihn niemand haftbar macht (oder er für ganz andere Fragen zur Rechenschaft gezogen wird), weil er weiß, dass, je länger der Prozess dauert, desto wahrscheinlicher es ist, dass seine Wahrnehmung überlagert wird. Weil er davon frustriert ist, was aus seinen Gedanken gemacht wird. Weil Ergebnisse sehr schwer zu beurteilen sind und weil längst wieder ein anderes Thema die Welt, die öffentliche Welt in Atem hält.

Innovationserfolg ist ganz stark davon abhängig, dass erste Ideen weitergesponnen werden können, bis sie größer und besser, besser ausgearbeitet sind, es ist gut, wenn sie sich nur mit Inkubatoren, nicht mit Kritikern auseinandersetzen müssen, mit Menschen, die die Idee unterstützen und ihr Heil nicht im Zerschießen von Geschäftsideen sehen. Innovationserfolg ist davon abhängig, dass irgendwann was zündet, dass es eine kritische Masse gibt, dass es weitere ähnlich denkende und fühlende Menschen anzieht, die fasziniert sind von der Idee, die sich isolieren von der Kritik an den Folgen, die weiter machen, Zauberlehrlinge werden, die einen, weil es ihnen egal ist, die anderen, weil sie es verdrängen können.

Wir kommen zurück zum Europäischen Modell. Europa, so stellen sich seine Modellbauer vor, ist ja eine Art deutscher Sozialstaat, gerecht, mit gut arbeitenden Behörden, die auf politischem Wege Gerechtigkeit herstellen.

Sie ignorieren dabei, dass erst der Reichtum erarbeitet werden muss, den die Politiker zu verteilen suchen (um ihre Position zu rechtfertigen, müssen sie am besten immer ihren Finger drin haben), sie ignorieren dabei, dass weder der französische, noch der italienische noch der griechische Staat so arbeitet (er ist vielmehr ein Instrument einer kulturell politischen Kaste, die diesen hartnäckig verteidigen). Sie ignorieren auch, dass der Reichtum, der notwendig ist, um einen immer mehr formale Gleichheit und Gerechtigkeit herstellenden wollenden Sozialstaat aufrecht erhalten zu können, nicht mehr vorhanden ist.

Der Anteil des Westens an der Wertschöpfung der Welt sinkt seit dem Ende des Nachkriegsbooms. Der Anteil Europas, das weniger räuberisch ist mit den anderen Teilen der Welt (aber auch weniger kreativ) als die USA, sinkt noch viel schneller. Aber die Politik verspricht einen Sozialstaat, der immer mehr kann. National, aber immer stärker wollen sie diesen Umverteilungsmechanismus jetzt auch europäisch installieren. Wenn das gelänge, wäre das der Untergang der noch verbleibenden Dynamik und Stärke Europas.

Ein starkes und leistungsfähiges Europa kann nur eines sein, in dem die Politiker den Menschen in ihren Ländern sagen, dass Europa eine Zugewinnsgemeinschaft ist. In der sich jeder jeden Morgen die Frage stellen sollte, was sein Beitrag dazu ist. Jeder einzelne, aber auch jedes einzelne Land. Solange es nicht möglich ist, mit dem Finger auf einzelne Länder zu zeigen und zu benennen, was da schiefläuft, ist Europa nahe dran zu scheitern. Europa kann nur als Verbund besser werden, in dem jedes Land für „seinen Weg“ die richtigen Rahmenbedingungen schafft. „Sein Weg“ kann auch sein, dass man gerade nicht an der atemlosen Hetzjagd nach mehr Wettbewerbsfähigkeit teilnehmen kann und will, aber dann auch die Folgen dessen spürt. Man kann die Wirklichkeit nicht außer Acht lassen, aber sehr wohl selber einteilen, wie man sie bewältigen will.

Geld fällt nicht vom Himmel, auch Lebensstandard nicht. Und wenn jetzt mit dem Finger auf das schnelle Wachstum der Vermögen gezeigt wird, die klarmachen, dass die Oben mehr davon haben als die Unten, denen kann man sagen, ja, aber Vermögen kann, und hier schließt sich der Kreis, auch Produktivvermögen bedeuten. Im Falle von Google scheint es gut angelegt, auch wenn es kreative Zerstörung bedeuten wird.

Das ist das Schwierige daran, sich Gesellschaft und Geschichte zu betrachten: Es gibt so viele Ansichten davon, es gibt so viele Erzählungen darüber. Und ich befürchte, dass diese schlichten Erzählungen, die wir schlichten Menschen brauchen, um die Welt zu verstehen, dass diese Erzählungen immer für die Wirklichkeit gehalten werden. Wenn wir hinsehen, lernen wir, dass es weniger „Entweder – Oder“ und mehr „Sowohl als Auch“ gibt als wir meinen. Um Zukunft meistern, bewältigen zu können, müssen wir die Teilstücke der alten Erzählungen zu einer Idee des Neuen zusammensetzen können.

Wir müssen unseren Glauben an die Wissenschaften, auch die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, die vor allem da sind, das Seiende zu ordnen (Fliegenbeinzählwissenschaften), hinter uns lassen, um den Mut zu schöpfen, das Neue zu entdecken.

Google wird zum führenden Autokonzern, oder Tesla, weil die alte Autoindustrie nur eindimensionale Innovation bringt (Elektro- statt Benzinauto). Die Revolution eines selbstfahrenden Elektroautos, das schaffen sie nicht. Da muss der Fremde, der Verbohrte, der Visionäre. Oder der Geldgierige ran.

So ist die Welt. Wenn man genauer hinschaut.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.