Statt alternativlosem Weiter So. Eine Leitbilddebatte für das deutsche Gesundheitswesen

Die Apotheker machen es vor. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um die neue Beweglichkeit einer Berufsgruppe zum Auslöser einer Erneuerung des deutschen Gesundheitswesens zu machen.

Warum eine Neuorientierung?

Wer die aktuelle Gesundheitspolitik beobachtet, stellt fest, dass sowohl ein FDP-Minister wie auch ein jetzt CDU geführtes Ministerium nur zu marginalen Verschiebungen der gesundheitspolitischen Agenda führen. Die Entkrampfungen beim AMNOG lösen nicht die Frage, wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse künftig in neue Produkte münden, wie Pharmaforschung besser mit einer effektiveren und effizienteren Versorgung verzahnt werden können, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die gesundheitspolitischen Umfeldveränderungen lassen sich noch einige Jahre ignorieren. Aber auf Dauer klappt das nicht.

Auf das Gesundheitswesen kommen neue Herausforderungen zu. Demographie, Technologie und Verbrauchersouveränität sind die drei Parameter, mit denen sich die veränderten Anforderungen beschreiben lassen. Dazu kommen die internen Friktionen, Brüche und Übergänge. Einige Schlagworte: Während sich immer weniger Ärzte zu Allgemeinärzten ausbilden lassen, immer weniger Ärzte als Niedergelassene arbeiten oder auf dem Land tätig sein wollen, feiert die Überversorgung in Starnberg, und Teilen Münchens, Berlins, Hamburg und anderen Großstädte fröhliche Urstände. Und die Politik redet und plant noch immer mit einer hausarztzentrierten Versorgung, obwohl keiner mehr Hausarzt werden will. Während immer mehr Frauen Medizin studieren und diese längst nicht mehr als Niedergelassene tätig sein wollen (und wegen der schlechten Work-Life-Balance in deutschen Kliniken dann als Arbeitskräfte ganz ausscheiden), reden die Ärztefunktionäre immer noch dem Niedergelassenen das Wort.

Jetzt an der eigenen Nase packen

Eine der Ursachen: Das Versagen der Politik. Offiziell behauptet die Politik ihre Steuerungshoheit. Tatsächlich hat sie längst den Überblick über ihre vielzahligen Steuerungsmechanismen verloren. Das Honorierungssystem der Gesundheitswirtschaft ist diesem längst zur zweiten Natur geworden. Und diese zweite Natur verhindert, dass sich Ärzte, Apotheker, gesetzliche und private Krankenkassen und viele andere, die über die Fleischtöpfe der Gesundheitsökonomie mitentscheiden oder sich von ihnen bedienen, auf oberster Ebene damit beschäftigen, wie ihre Leistungen besser werden könnten. Es lohnt sich schlicht nicht oder man hat die berechtigte Sorge, dass ein Vorstoß im Wirrwarr der politischen Debatten zu Einkommensverlusten der eigenen Klientel führen könnte. Und deshalb verhindert man es. Nur ein Beispiel: In jedem anderen ökonomischen Bereich führen neue Technologien zu weniger Kosten. Im Gesundheitsbereich schaffen es die Bestandsblockierer, unter dem Vorwand von Datenschutz, zu besseren und effektiveren Versorgungsstrukturen zu kommen. Sie fürchten um den Verlust ihrer Pfründe.

Von den USA lernen heißt verlieren lernen. Aber von wem lernen wir dann?

Es gibt nur ein Gesundheitssystem der Welt, das wirklich schlecht ist. Es ist das us-amerikanische System. Dort wird mit dem höchsten Pro-Kopf-Einsatz weltweit die geringste Versorgung erreicht. Da sind schon viele Drittweltländer besser. Die europäischen Länder verfügen über höchst unterschiedliche Gesundheitssysteme, segeln aber in ganz ähnlichen Korridoren von Aufwand und Ertrag. Flüchtig betrachtet, haben die unterschiedlichen Systeme ganz unterschiedliche Themen, das staatliche NHS-System hatte zum Beispiel mal immer länger werdende Wartelisten für Operationen. Die mussten dann mit eigens eingeflogenen Ärzten abgearbeitet werden. Bei näherer Betrachtung geht es dann aber immer um die über allen gesundheitspolitischen Themen liegenden Fragestellung hat: Wie bekommen wir bessere Leistungen für unser Geld?

Die neuen Fragen für eine zukunftsorientierte Debatte

Folgende Fragen sollten sich alle gesundheitspolitischen Debattenteilnehmer stellen:
Wie gelingt es, die Anbieter von Gesundheitsleistungen in einen Wettbewerb um bessere Leistungen, auch neue Lösungen zu bringen und nicht nur in den Kampf für mehr Honorare?
Wie kann es gelingen, die unterschiedlichen Patienten- und Versicherteninteressen systemrelevant werden zu lassen, damit dann auch neue Produkte, neue Angebote, neue Lösungen entwickelt und umgesetzt werden (denn an Modellprojekten ist kein Mangel)?
Wie können wir eine neue, aus dem Gesundheitssystem entspringende Balance zwischen Gerechtigkeit und Innovation finden, eine die weniger kontrolliert und gängelt und die von sich aus neue Wege geht. Verantwortlich. Es geht darum, den Menschen und Akteuren im Gesundheitssystem ihre Haltung und ihre Verantwortung zurück zu geben und sie nicht im Namen von mehr Gerechtigkeit und öffentlichem Auftrag kleinteilig und bürokratisch zu gängeln.

Das Thema ist nicht trivial, das sei schon mal festgehalten. Denn es geht darum, wie Politiker, wie Institutionen, in Deutschland vor allem verfasste Berufsgruppen, Ärzte, Apotheker, wie die einzelverantwortlichen Entscheider und Unternehmer ihre Rolle besser, wirkungsvoller ausfüllen können.

Frage nicht, was das Gesundheitssystem für Dich machen kann. Frage dich, was Du für ein besseres Gesundheitssystem machen kannst.

So könnte sich Verantwortung für die einzelnen Gruppen darstellen:

Bei Politikern, indem sie endlich mal darüber reden, dass es natürlich darum geht, Kosten und Nutzen von Gesundheitsleistungen zusammen zu denken. Und indem sie selbst Entscheidungen vornehmen und nicht ständig an die sogenannte „Selbstverantwortung“ überantworten, die längst zu einem Schattenreich von Nebenabsprachen geworden ist.

Bei Institutionen, insbesondere Zwangsinstitutionen, indem sie, wie jetzt schon die Apotheker, ihren Mitgliedern endlich mal sagen, dass das jetzige System der Selbstbedienung und der unsystemisch agierenden Einzelunternehmer zu Ende gehen, wenn Vernetzung nicht nur als nette Idee verstanden wird, sondern die Verweigerung systemischer Behandlungsleistung dann auch mit Pleiten und Marktaustritten der ewig gestrigen sanktioniert wird.

Bei Kostenerstattern (Was für ein schönes Wort bürokratischer Unverbindlichkeit) der gesetzlichen Krankenkassen, die mit einem aufgeblähten Vewaltungsbeirat und pseudodemokratischen Sozialbeiräten Umdenken blockieren (es sei denn, sie stehen kurz vor der Pleite). Bei den Privaten Krankenversicherungen, die in Hordenlogik längst ihren Vorteil, frühzeitige Rücklagenbildung, Bürokratieunabhängigkeit und besseres Versichertenklientel, verspielt haben, weil auch sie nicht die Kraft gefunden haben, sich selbst neu aufzustellen.

Und bei den Unternehmern selbst, indem sie sich nicht, ganz ADAClike, von Institutionen vertreten lassen, denen sie längst kein Vertrauen mehr schenken, sondern die sie nur noch machen lassen, weil sie kein Lust und keine Energie haben, sich auf entsprechende byzantinisch anmutende Diskussionsprozesse einzulassen. Verdenken kann ihnen das niemand. Aber sie müssen dann auch mit den Folgen leben.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Der Kitt, der unser Gesundheitswesen zusammenhält, ist die Angst. Angst davor, dass das heutige Alimentierungssystem, bei allen Einschränkungen, einfach zu Ende geht. Und weil diese Angst und ihre systemische Grundlage, das Interesse an einem Weiter So im G-BA ihre institutionelle Krönung gefunden hat, bewegt sich zu wenig. Trotz allem guten Willen, der niemand abgesprochen werden soll.

Es geht nicht darum, die Leistung von irgendjemandem schlecht zu machen. Wenn unser Gesundheitssystem noch immer gut funktioniert, dann deshalb, weil sich viele Ärzte trotz Gängelung ihre Patienten ernst nehmen, weil viel Pflegekräfte oder Hebammen trotz skanalösen Honorierungsleistungen (sie sind nämlich nicht Part of the Game) ihren Beruf lieben. Und ja, weil auch im G-BA und der Gesundheitspolitik subjektiv die meisten das Beste geben; – unter Akzeptanz dessen, dass im Gesundheitswesen alles lähmend langsam geht.

Mit einer Leitbilddiskussion alternative Szenarien für eine bessere Gesundheitsversorgung entwickeln.

Reformen gibt es, so ein altes Lobbyistensprichwort, nur, wenn das Geld knapp ist. Alles andere ist Gerede. Vor diesem Hintergrund ist es jetzt ein ganz schlechter Zeitpunkt für eine neue Debatte zu einer anderen Gesundheitsversorgung. Man kann es auch anders betrachten: Jetzt, wo mal kein Druck im System ist, kann man einen Schritt zurücktreten und darüber nachdenken, was man mit dem Blick aufs Ganze neu justieren müsste. Es geht darum, über eine Leitbilddiskussion die Themen, die bereits jetzt offiziell verhandelt werden (Versorgungsqualität) mit denen zusammen zu denken, die unter dem Tisch oder heimlich mitgedacht werden: Wie können einzelne Gruppen und Anbieter ihr Geschäftsmodell weiter emtwickeln. Und erst wenn ökonomische, ethische und medizinische Interessen und Fragestellungen zusammen gedacht werden, werden sich neue Ansätze ergeben.

Weil jede Diskussion einen Gegenüber braucht, das den Benchmark definiert: Die gesundheitspolitische Diskussion braucht dringend eine durchdachte Alternative zu einem zentral administrierten und gesteuerten Modell, indem oft praxisferne Wirtschaftswissenschaftler und Versorgungsforscher die Vorlagen dafür schaffen, was in der Versorgungspraxis als sinn- und wirkungsvoll gedacht und entschieden wird.

Erst wenn sich das bestehende Modell der Gesundheitsversorgung einem konzeptionellen Gegenentwurf stellen muss, kann unser aller beschränktes Hirn verstehen, wie es anders sein könnte, wie Gesundheitswirtschaft anders funktionieren könnte, was besser wäre, was schlechter. Wie wir 10 Prozent unserer Wirtschaftskraft und 10 Prozent unserer Arbeitskräfte für eine bessere Versorgung mobilisieren könnten und nicht für dauernd neue und niemals umgesetzte Versorgungskonzepte. Wie wir wieder mehr Geld für Gesundheit und weniger für das Administrieren von Gesundheit ausgeben könnten. Wie das System offener, flexibler, anpassungsfähiger und fairer gegenüber den Versicherten und den dort tätigen werden könnte.

Das Fenster für eine Leitbilddebatte ist offen. Die Apotheker haben einen ersten Aufschlag gemacht, noch ist genug Geld im Gesundheitsfonds, damit man nicht ganz schnell handeln muss. Mit unserem Gesundheitsminister haben wir einen nüchtern denkenden, systemaffinen, aber institutionsfremden Minister. Und im Gesundheitsausschuss des Bundestags sind über 50% der Mitglieder neu.

Eine gute Chance, die gesundheitspolitische Welt neu zu denken. Und den künftigen Kurs, ganz ohne Zwang, neu auszurichten.

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