Soldaten, Vorsicht! Krieg führen kann zu psychischen Belastungen führen.

Oder zum Tod. Letzteres weiss man ja. Und dass ein Krieg kein „business trip“ ist, wie ihn die US-Army in einer Werbekampagne mal titulierte, sondern sehr wohl zu Spätschäden für Leib und Seele führen kann, haben wir alle schon geahnt. Jetzt hat das das Robert Koch-Institut erforscht und konnte die Spätfolgen wissenschaftlich feststellen.

Gute Frage: Was macht unsere Gesellschaft jetzt damit? Der Wehrbeauftragte Königshaus weiss schon mal Rat: Nur Gesunde hinschicken. Hmm, dann gibt es, wenn wir dem Studiendesign folgen, weniger Spätschäden, aber es wird sie schon geben. Und dann: Wie viel psychische Spätschäden ist ein Krieg wert. Dass müsste man in der Logik des quantifizierbaren Staatswesen schon mal erforschen.

Aber zynischer Scherz beiseite, was ich eigentlich sagen will: Der bildungsbürgerliche Tagtraum ist erschüttert, wenn solche Meldungen aus der bösen Realität einsickern. Die Deutschen, einschließlich ihrer Politik wünschen sich die Welt, ökologisch korrekt, moralisch aufrecht und 100% friedlich. Wie auf einer Insel.

In einem solchen Geist entsteht jetzt eine neue Koalitionsvereinbarung. Ein faszinierendes Konstrukt, in dem alles lösbar scheint. Die pateienübergreifende Leitidee: Wirtschaftswachstum durch freundlich-friedliche, 100 Prozent kompostierbare oder recycelbare Produkte. Der Strom kommt aus der Steckdose und dort hinein durch Wind und Sonne. Ein bißchen Biofleisch vom Bauer nebenan, der die Abfälle dann in kleinen Biokraftwerken dann zufeuert, wenn man es braucht. Die Autos fahren geräuschlos elektrisch. Und alles wird gut.

Fällt uns was auf? Es ist inzwischen egal, welche der Parteien, realitätsfähig sind sie offensichtlich nicht mehr. Aber der Zuständigkeitsradius wird ständig ausgeweitet. Ohne Politik, so die Vorstellung der Politiker, liegt die Welt am Boden. Und so zaubern sie uns in ihren Texten und in ihren Handlungssimulationen ein Bild unseres Kosmos, das wirklich entzückend ist. Freundlich, friedlich, sonnig. Für jedes Problem gibt es eine Lösung.

Nur realitätsfähig ist es halt nicht.

Wundert es uns eigentlich, wenn die Menschen, die nicht Politik machen, also 98% der Bevölkerung, dem Ganzen keinen Glauben mehr schenken? Weil das, was sie tagtäglich erleben, nicht so zu den friedlich kleinräumigen Tagträumen der Politik passt. Weil dieses Sanftmütige, jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen, ihnen wirklichkeitsfremd vorkommt?

Nein, wundert uns nicht.

Warum ich das schreibe? Einmal, weil mir das ins Auge springt, dieser politische Alltag, in dem sich Politiker für alles zuständig erklären und immer weniger regeln können. Stück für Stück werden die Problemlagen in dieser Gesellschaft sichtbar aufgestapelt. Lösen kann das Ganze niemand. Aber neue und weitere Problembehandlungsinstitutionen kann man einrichten. Die bringen Menschen in Arbeit, die dann das Problem als Problem lebendig halten. Der tertiäre Sektor wächst weiter. Ich habe keine Ahnung, ob eigentlich nur ich das Gefühl habe, da wird nix erledigt, sondern die Problembeschreibungen nur in irgendwelche gedanklichen Lösungskonzepte und -strategien gepackt, die dann mangels Geld ohnehin nicht oder nur unzureichend umgesetzt werden.

Eine ganz unbefriedigende Situation. Problem erkannt, Problem halt nicht gebannt. Ich glaube ja, die Moderne, der Geist der Aufklärung, stößt hier an seine Grenzen. Die Lösbarkeit aller Probleme der Welt, das Wachstum der politischen Klasse, die sich um die Problemlösungsbeschreibungen dieser Welt streiten, scheint mir wie ein Overload an Erwartungshaltung. Und geliefert wird dann nicht.

Und ganz im Ernst: Ich warte einfach mal auf den Politiker oder Journalisten, der sagt, wir müssen uns jetzt nicht mehr um alle Probleme der Welt kümmern und deren politische Zuständigkeit reklamieren. Manche Dinge lösen sich von selbst, manche gar nicht, die Welt ist keine Gleichung mit x Unbekannten, bei der man nur die richtigen Zahlen finden muss, damit sie aufgeht. Sie ist ein offener Prozess.

Und die Politik würde gut daran tun, einfach mal nichts unternehmen wollen zu müssen.

Der Auslöser, ein Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung:

Titelseite, 26.11.2013

Psychische Erkrankungen

Vorbelastete Soldaten
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Von Christoph Hickmann, Cornelius Pollmer

Berlin/Dresden – Jeder fünfte deutsche Soldat geht mit einer psychischen Störung in den Auslandseinsatz. Dies belegt eine Studie zum Thema Belastungsstörungen der Technischen Universität Dresden, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Demnach handelt es sich um „manifeste, aber zumeist nicht erkannte“ Störungen. Die Studie geht auf einen 2008 gefassten Beschluss des Bundestages zurück. Der Fokus der Untersuchung sollte auf nicht diagnostizierten Fällen sogenannter posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) und sonstigen psychischen Erkrankungen durch Auslandseinsätze liegen.

Solche Störungen bleiben häufig unerkannt, auch weil Soldaten Stigmatisierung und Karrierenachteile befürchten. In einem bereits 2012 vorgestellten ersten Teil der Studie, die auch vom Psychotraumazentrum der Bundeswehr in Berlin getragen wird, wurden mehr als 2500 Bundeswehrsoldaten mit und ohne Auslandseinsatz vertraulich untersucht. Für die Längsschnittanalyse wurden in einem zweiten Teil bislang 621 Soldaten der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf untersucht – jeder von ihnen unmittelbar vor seinem Einsatz in Afghanistan und im Durchschnitt ein Jahr nach der Rückkehr. Die Untersuchung von Hans-Ulrich Wittchen, dem Leiter des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden, wird an diesem Dienstag als sogenannte Dunkelzifferstudie vorgestellt.

Eine zentrale Erkenntnis beider Teile der Studie ist „der herausragende Stellenwert psychischer Vorerkrankungen“ für die Frage, ob Soldaten durch den Einsatz psychisch geschädigt werden. Beispiele für solche Erkrankungen sind Depressionen, Alkoholmissbrauch oder Angststörungen. Der Anteil von 20 Prozent Soldaten mit Vorbelastung liegt unter dem Bundesdurchschnitt. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge litt im Jahr 2011 jeder dritte Bundesbürger unter mindestens einer psychischen Störung. Doch Wittchen zufolge erhöhen solche Vorbelastungen bei Soldaten das Risiko einer Erkrankung nach dem Einsatz erheblich: Unerkannt vorbelastete Soldaten hätten ein vier- bis sechsfach höheres Risiko, mit einer neuen psychischen Erkrankung aus dem Einsatz zurückzukehren. In der Studie werden daher verbesserte Diagnoseverfahren gefordert, „um bereits vor dem Einsatz bestehende psychische Störungen zu erkennen“. Man brauche „verbesserte klinisch-diagnostische Screenings“.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, forderte Konsequenzen: „Die Bundeswehr ist nun gefordert, endlich effektive Früherkennungsverfahren zu etablieren. Nur psychisch gesunde Soldatinnen und Soldaten dürfen in die Einsätze gehen“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. „Dass ein Fünftel der Soldatinnen und Soldaten bereits mit einer manifesten psychischen Störung in den Einsatz geht, muss ein Ende finden.“ Das Verteidigungsministerium verwies darauf, dass es bereits ein Pilotprojekt gebe, in dem psychologische Screeningverfahren erarbeitet würden, um bereits bestehende Belastungsstörungen vor der Teilnahme an Einsätzen zu erkennen.

Christoph Hickmann
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Christoph Hickmann, geboren 1980 in Oberhausen (Ruhrgebiet), studierte in Dortmund und Bochum Journalistik und Politikwissenschaft, fing 2005 als Volontär bei der Süddeutschen Zeitung an und war anschließend innenpolitischer Korrespondent der SZ in Frankfurt am Main. Nach der Bundestagswahl 2009 Wechsel ins Spiegel-Hauptstadtbüro, seit Herbst 2012 zurück bei der SZ, als Korrespondent in der Parlamentsredaktion zuständig für Verteidigungspolitik und die Grünen.

Cornelius Pollmer
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Cornelius Pollmer wurde 1984 in Dresden geboren, er hat dort Volkswirtschaft studiert und erstmals journalistisch gearbeitet: als Reporter für die Seite 3 und den Kulturteil der Sächsischen Zeitung sowie als Textchef für das Jugendmagazin SPIESSER. 2008 wechselte er nach München und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Nach Praktika im Ressort Außenpolitik und im Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung folgte eine längere Mitarbeit im Dresdner Büro derZeit. Sein Volontariat bei der SZ mit Stationen in Los Angeles und Brüssel begann im Oktober 2010. Seit März 2013 berichtet er für die SZ aus Dresden, von dort hat er die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen im Blick.

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