Sklerose. Warum es in der Gesundheitswirtschaft keine disruptive Innovation geben kann.

Noch fünf Tage zum Hauptstadtkongress. Worunter leidet die Gesundheitswirtschaft. Eine disruptive Intervention.

Eines vorneweg: Politikberater haben es einfach. Klug reden und nichts verantworten müssen. Trotzdem. Warum eigentlich klagen in der Gesundheitswirtschaft alle. Und niemand packt an?

Ein guter CDU-Gesundheitsminister, der erstklassige SPD-Politik macht.

Die aktuelle Situation ist folgende: Wir haben einen CDU-Gesundheitsminister, der mit erstaunlicher Geschmeidigkeit und viel Geschick eine SPD-Agenda abarbeitet. Ok, das PVK-Thema wurde ausgespart, aber ansonsten fährt auch die CDU die zentral administrierte Versorgungslinie.

Bei den Gesetzesentwürfen heißt es jetzt immer: Alternative: Keine.

Was der Besuch zweier Orthopäden lehren kann
Mich erinnert das etwas an einen Orthopäden, den ich zweimal aufgesucht hatte. Junger Arzt, aus der Charite empfohlen. Der erste Besuch, das erste Röntgenbild meines schmerzenden Knies, seine erste Aussage: „Glaube nicht, dass sie ohne künstliches Kniegelenk sechzig werden“. Vor zwei Jahren war ich fünfundfünfzig. Ein Kollege, der mir dann von einer guten Freundin empfohlen wurde, langjährig tätig, lachte, und empfahl mir, es mal mit Sport zu versuchen: Je mehr Bewegung, desto länger wird der Prozess verzögert.

Mit dem Gesundheitssystem ist das auch so. Kaum ist ein Befund da, weiß schon jemand, welchen Eingriff man machen muss. Die Folge: Das System der Bezahlung und Regulierung wird immer komplexer. Das System ist sklerotisch, weil lange erkannte Mängel nicht von sich heraus behoben werden, sondern alle ums Bett stehen, den Patienten festhalten und ihm zuraunen, er könne sich doch nicht einfach bewegen, wo man doch nicht weiß, was dabei rauskommt. Und denken: “ ……und uns niemand dafür bezahlt.“

Es kann keine disruptive Innovation im Gesundheitswesen geben.

Disruptive Innovation klappt deshalb im Gesundheitswesen nicht, weil zu viele ein Interesse daran haben, das zu verhindern. Deswegen gibt es auch seit 8 Jahren und einer Milliarde Euro Kosten keine Gesundheitskarte. Und stattdessen einen Bundesillusionsfonds von 300 Mio. Euro.

Die Sklerose des Gesundheitssystems ist deswegen eine schwierige, weil so viele daran beteiligt sind, so viele an einer klassischen Therapie verdienen und niemand Interesse hat, mal was Neues auszuprobieren. Ich meine, richtig, im Ernstfall. So von sich aus. Disruptive Innovation ist deshalb unmöglich, weil jeder, der sich bewegt, sofort von den anderen angehalten wird, mit denen er am Tisch sitzt. Die unterschwelligen Vorwürfe sind in Freundlichkeiten verkleidet: Wir wollen doch alle das Beste für die Patienten, die Patienten stehen im Mittelpunkt, jeder soll in Deutschland diskriminierungsfrei behandelt werden, und so weiter, und so weiter.

Und weil ständig alle miteinander am Tisch sitzen und alles miteinander verhandeln, weil sich, um im Bild zu bleiben, niemand wagt, auf den Tisch zu hauen, bleibt alles ruhig. Und nichts wird besser.

Die Gefahr: Die Sklerose des Gesundheitswesen wuchert in der Pflege weiter.

Der Fortschritt ist eine Schnecke. Und die Sklerose wuchert weiter, jetzt erfasst sie auch das Pflegesystem. Beispiel gefällig? Die Medien berichten von Pflegenotständen und skandalösen Zuständen, die Pflegebranche bescheinigt sich selbst mit einem Gütesiegel nur beste Verhältnisse. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 1,2! Alles super.

Wer ist schuld?

Es geht nicht darum, auf jemanden mit dem Finger zu zeigen. Man kann das Schwarmintelligenz nennen, wenn alle den Weg des geringsten Widerstands nehmen, man kann das den Zug der Lemminge nennen, wenn sich alle auf den Abgrund hin bewegen, man kann das auch Widerstandsminimierung nennen. Jeder ist Teil des Problems. Also kann auch jeder Teil der Lösung sein.

Aber wer fängt an? Wann fängt er an? Und wer macht mit?

Meine Hypothese ist folgende: Die CDU macht jetzt eine gute SPD-Politik, ok. Weil Gröhe offensichtlich ein guter Minister ist, der die Dinge auch abarbeitet (das Krankenhausding wird noch ein größerer Batzen, wir sind gespannt), können auch alle über den Tag hinaus schauen.

Man könnte also von oben mal nachsehen, was eigentlich unten rauskommt, wenn man oben Qualität reinruft. Ich vermute: Administration, weniger vornehm, Bürokratie.

Ein anderer Blickwinkel. Und schon gibt das ein anderes Bild vom Gesundheitswesen.

Spannend wäre es, das Bild dann mal von unten aufzubauen: Was wäre, wenn nicht ein einheitlicher und zwangsläufig konsensuell arbeitender G-BA den Schiedsrichter macht, sondern wie müssten die Institutionen beschaffen sein, dass sie von sich aus mehr Qualität wollen (sie müssten finanzielle und ressourcenmäßige Spielräume haben) und welchen Rahmen müsste die Politik setzen, damit wir nicht im amerikanischen Modell landen: Viel Umsatz, wenig Versorgungsqualität. Und wie können wir gewährleisten, dass Versicherte und Patienten „jeder nach seiner Fasson“ die richtigen Angebote findet. Also einer, der auf Naturarznei schwört, soll das kriegen, es muss sich aber auch ein Umfeld aufbauen, das erforscht, was dabei rauskommt, das ständig verbessern will, optimieren und Kosten verringern will. Es muss ein dynamisches System sein. Traditionell türkische Familien möchten vielleicht auch andere Versorgungsangebote als wir, die Deutschen Mittelstandsbildungsbürger uns das zusammenträumen. High-Tech-Freaks mit Hang zum Quantified Self wollen immer alles wissen, auch gut. Erst, so die Denkhaltung, sollten wir mal den Kopf frei machen, damit wir überhaupt die Idee einer Alternative haben, ein alternatives, flexibles Leitbild eines Gesundheitswesens, das von selbst Veränderungen, Herausforderungen, Erwartungen erkennt und Lösungen entwickelt. Und das nicht in allen Fällen von juristischen Fallstricken, Honorarzwangsjacken und Budgetvorgaben totreguliert wird. Und daran fröhlich mitarbeitet.

Wir haben eine historische Chance. Nutzen wir sie!

Wir haben einen Gesundheitsminister, der vernünftig arbeitet. Wir stehen vor einem Generationswechsel im Gesundheitswesen. Wir wissen, dass die meisten Mediziner Medizinerinnen sind, fast die Hälfte nicht in die Praxis geht (wir wissen, warum), die meisten sich nicht niederlassen wollen (mit den Apothekern ist es auch so), wir müssten viele Kliniken abreißen und weniger bauen, wir haben eine historische Chance. Nutzen wir sie!

Denken, das ist das Schöne, kostet nichts. Wir müssen nur den Frust vieler vergeblicher Jahre hinter uns lassen.

Wir müssen an uns glauben.

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Für konkrete Anfragen:

Nikolaus Huss
KovarHuss Policy Advisors GmbH
www.kovarhuss.de/gesundheit
nh@kovarhuss.de

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