Postheroisches Handeln. Was für ein schöner Begriff!

Es ist ein Begriff, an dem ich hängen geblieben bin: Postheroisches Händeln. Dirk Baecker bürstet die Aufregung der Welt über die Allmacht der digitalen Strukturen gegen den Strich. Nicht ganz einfach verständlich. Was er sagt: Im Grunde verlieren alle Dinge ihren Zauber, wenn man sie hinterfragen lernt, nicht jeder blöden Entwicklung nachrennt, sondern beginnt, auch deren Begrenzungen zu sehen. Die Fehler statistischer Erkennungsmethoden, die Grenzen des Ahochfrequenzhandels usw. Postheroisches Handeln, heißt ganz einfach, sich die Dinge im Zusammenhang ansehen, nicht einfach dem hochverdienten Geld nachrennen, sondern drauf zu gucken, wo etwas bewegt werden kann. Und mit wem. früher hieß das, das Bohren dicker Bretter.

FAZ, DIENSTAG, 06. AUGUST 2013
FEUILLETON
Der Name von Big Brother lautet Sherlock Holmes
Von Computern ist die Informationsgesellschaft abhängig. Der Trumpf der Maschinen ist die Kombination aus Dummheit und Schnelligkeit. Lässt sich dieser Nullintelligenz etwas entgegensetzen? Wenn die Technik nicht mehr hinterfragt wird, ist das gefährlich.
Herr Baecker, Anfang der siebziger Jahre schloss Salvador Allende Chiles Wirtschaft an den Computer „Cybersyn“ an. Was steckte hinter dieser Maschine, und welche Idee verband ihr Konstrukteur Stafford Beer mit ihr?

Diese Maschine beruhte auf Erkenntnissen der Kybernetik. Sie hatte die Aufgabe, die Wirtschaft kybernetisch zu synchronisieren, daher ihr Name. Das lief im Wesentlichen auf die Einrichtung zahlreicher Rückkopplungen zwischen Planungsbehörden und Unternehmen hinaus. Gewerkschaften und Kunden waren allerdings allenfalls indirekt einbezogen. Zum wirklichen Test kam es nicht, da die CIA gegen Allende putschte. Die eigentliche Achillesferse war jedoch, dass alle Rückkopplungen im Wesentlichen in einer Maschine zusammenkamen, die somit eine Art zentraler Steuerung realisierte. Das widerspricht neuen Erkenntnissen der Kybernetik zweiter Ordnung, die damals gerade erst entstand und die in Unternehmen, Planungsbehörden und Gewerkschaften auf Selbststeuerung gesetzt hätte. Letztlich hat Stafford Beer die Wirtschaft mit einem einzelnen Unternehmen verwechselt. In Letzteren gibt es Hierarchien, die planungsfähig sind, in Ersterer nicht.

Ließe sich heute, vierzig Jahre später, nicht an die Steuerungsidee anknüpfen? In Amerika wird zuweilen Kriminalität in Städten dadurch bekämpft, dass Verkehrsströme und Verhalten beobachtet werden und die Polizei von Computern errechnete Wahrscheinlichkeitswerte ernst nimmt. Ist Gleiches nicht auch für die Wirtschaftspolitik denkbar? Welche Rolle spielt Information in der Planung politischer Entscheidungen?

Man wäre heute vorsichtiger. Die Beispiele, die Sie nennen, beruhen auf den Möglichkeiten, Technik und Hierarchien zu kombinieren. Sie können dort, wo technische Einschränkungen akzeptiert werden, etwa in der Form von Ampeln, Leitplanken oder auch gesetzlich garantierten Zahlungsmitteln, steuern. Sie können auch eine Hierarchie, etwa eine Polizeibehörde, über Rückkopplungen aller Art mit Informationen versorgen, die es ihr erlauben, wahrscheinliches Verhalten zu projizieren und ihm präventiv zu begegnen. Dem Steuerungsvermögen sind allerdings Grenzen gesetzt, die durch die Grenzen der Technik vorgegeben sind. Mit einer Hierarchie können Sie nur Ihr eigenes Verhalten steuern, dies aber unter Umständen mit durchaus beachtlichen Effekten in Ihrer Umwelt. Beides setzt Information voraus. Technik ist materialisierte Information, wenn man so will; eine Hierarchie funktioniert demgegenüber nur, wenn sie ebenso viel Information verarbeiten wie sie auch bei Bedarf ignorieren kann.

In der Soziologie hat sich diese Erkenntnis, dass mehr Information gerade auch mehr Unsicherheit und mehr Zeitaufwand bedeutet, durchgesetzt. Hierarchien sind in erster Linie Kommunikationshürden, festgelegte Ordnungen, die das Durcheinander von Informationen begrenzen sollen. Jedes Unternehmen, jede Regierung ist darauf angewiesen. Seit wenigen Wochen kennen wir nun Geheimdienstprogramme wie „Prism“. Die Geheimdienste scheinen Wege gefunden zu haben, mit der Unendlichkeit von Informationen umgehen zu können. Steckt darin nicht das Potential eines Paradigmenwechsels? Nach dem Hochfrequenz-handel an der Börse scheinen Allwissenheitsentscheidungen in der Politik denkbar?

Ich würde auch hier die Kirche im Dorf lassen. Die Geheimdienste und andere Unternehmen haben einen Weg gefunden, netzwerkanalytische Kenntnisse für die Errechnung wahrscheinlichen Verhaltens zu nutzen. Das ist ein Profiling unter Ausnutzung elektronischer Daten, das im Prinzip von jenen Induktionen, Deduktionen und fallweisen Abduktionen, die bereits Sherlock Holmes beherrschte, von machiavellistisch beratenen Fürsten ganz zu schweigen, nicht abweicht. Einen Paradigmenwechsel kann ich nicht erkennen, wohl aber eine in der Tat neue Größenordnung in der flächendeckenden Erfassung auch minimaler Verhaltensschritte, die wir verschlüsselt oder nicht großzügig als Spur im Netz verewigen. Wenn man die Fähigkeit der Geheimdienstprogramme zur elektronischen Spurenlese im Netz — und um etwas anderes handelt es sich nicht — mit der Fähigkeit verknüpft, zunehmend auch Gesichtszüge, Verhaltensgewohnheiten, Blickrichtungen und so weiter elektronisch zu lesen und etwa für die Unterstützung des Wachpersonals an Flughafen automatisch einzusetzen, bekommt man aber eine Vorstellung von den neuen Möglichkeiten der Überwachung.

Es geht nur nicht mehr, wie bei Sherlock Holmes, allein um Aufklärung.

Das besorgniserregende Phänomen besteht nicht darin, dass die Probleme der Unsicherheit und des Zeitaufwands plötzlich gelöst scheinen. Sie existieren nach wie vor. Aber die Netzwerkanalyse hat Verfahren der Filterung und Codierung entwickelt, die anhand einer minimalen Menge von Parametern eine maximale Menge von Information mit einer offenbar hinreichenden Wahrscheinlichkeit sicherer Informationen — und wer kennt und nennt die Menge an Irrtümern und falschem Alarm? — durchsuchen können. Der dumme Computer ist nach wie vor in der Lage, mangelnde Intelligenz durch enorme Schnelligkeit der Auswertung seiner Suchergebnisse zu kompensieren. All das hat mit Allwissenheit nichts zu tun, sondern nur mit einer geschickten Ausnutzung statistischer, soziometrischer und psychometrischer Verfahren, die jeweils ihre eigenen Beschränkungen und Irrtumsanfälligkeiten haben. Der Hochfrequenzhandel an der Börse ist ein anderes Phänomen. Hier geht es um die Erkennung und Ausnutzung minimaler Transaktionschancen durch maximale Geschwindigkeit. Eine extreme Treffsicherheit im kleinsten Detail koppelt sich hier mit einer ebenso extremen Ignoranz der größeren Zusammenhänge.

Sie sagten einmal, dass der Hochgeschwindigkeitshandel an den Börsen dann zu ausbalancierten Märkten führt, wenn der Handel komplett Computern mit Nullintelligenz überlassen würde — also Maschinen ohne Gedächtnis und ohne eigene Erwartungen. In der Idee hinter den Geheimdienstprogrammen steckt, ob der neuen Diagnoseversprechen und -verfahren, etwas Ähnliches. Diese Wenn-dann-programmierten Überwachungscomputer arbeiten ebenso ziellos und kleinschrittig mit eben gleicher Ignoranz für größere Zusammenhänge. Ihre Rechenergebnisse allerdings erhalten enorme normative Kraft, bis hin zur Verwendbarkeit vor Gericht. Wie verhält sich das Paradigma des spurenlesenden Computers zu der von Ihnen mitentwickelten Figur des postheroischen Managers? Oder: Was kann der postheroische Manager, der ebenso ein postheroischer Politiker sein kann, dem Computer heute entgegenhalten?

Wenn die Pointe des postheroischen Managements darin besteht, ein Unternehmen hierarchisch so zu steuern, dass es sich mit maximaler Resonanz mit den Gelegenheiten in seiner eigenen Nische gewinnbringend beschäftigen kann, dann haben wir es heute nach wie vor mit den Einsichten dieser Managementlehre zu tun. Es geht um eine Reduktion von Komplexität, die, wie dies Niklas Luhmann bereits beschrieben hat, wiederum hinreichend viel Komplexität aufbaut, um die nächsten Möglichkeiten der Reduktionen zu finden. Das ist eine nichttriviale Aufgabe, die sich nur postheroisch lösen lässt.

Und trotzdem scheint eine Technikgläubigkeit zu dominieren. Nicht nur Geheimdienste setzen heute alles auf Rechenleistung.

Wenn Organisationen auf normative Vorgaben angewiesen zu sein glauben, die sie nur aus anderen Organisationen beziehen können, werden sich andere Organisationen finden, die diese Vorgaben zu liefern bereit sind. Es kann dann die Gefahr zu großer Abhängigkeiten, der Korruption, entstehen. Wir sind gewohnt, dass Organisationen durch Zahlungsangebote korrumpiert werden. Sie können aber ebenso durch politische Versprechen, religiöse Bindungen, pädagogische Absichten oder wissenschaftliche Wahrheiten korrumpiert werden, wenn all diese sich als Restriktionen herausstellen, die die Resonanz gegenüber relevanten Umwelten zugunsten der Bindung an bestimmte Partner reduzieren. Ob wir uns heute durch die Versprechen des Computers und seiner Netzwerke korrumpieren lassen, ist eine gute Frage. Kein postheroischer Manager oder Politiker wird die Rückfrage unterlassen, durch welche Leistungen diese Versprechen gedeckt sind. Erst wenn diese Rückfrage unterbunden wird, wird es wirklich gefährlich.

Um dieser Korruption durch die Computer zu widerstehen — die deutsche Regierung zeigt keinen Funken Interesse für dieses Problem —, könnte auf die Ideologie der Informationsgesellschaft die Idee einer Intelligenzgesellschaft folgen. Markus Gabriel beschreibt das Problem in „Warum es die Welt nicht gibt“ gerade umgekehrt, er sagt, es gibt kein einheitliches Weltbild, weil es keines geben kann. Ließe sich aber doch die Deutungshoheit über unser Weltbild heute von den Computern zurückerobern — beispielsweise, indem wir uns bemühen, die Computer und ihre Limitierungen besser zu verstehen?

Wir leben längst in einer Intelligenzgesellschaft, wenn „Intelligenz“ heißt, dass uns bisher noch zu jedem Überschwang auch eine ebenso über ihr Ziel hinausschießende Kritik eingefallen ist. Darin hat Markus Gabriel ja recht: Es gibt die eine Welt nicht, die es erlauben würde, alle Fragen aus nur einem Gesichtspunkt heraus zu beurteilen, sondern es gibt nur die vielen Welten, in denen sich die jeweiligen Akteure mit ihren gottlob beschränkten Blickwinkeln bewegen. Andernfalls wären sie nicht handlungsfähig. Eine Intelligenzgesellschaft, übrigens ein schreckliches Wort, wäre eine Gesellschaft, in der möglichst viele Akteure, nicht nur Philosophen, gelernt haben, diesen Umstand einer Mehrheit von Welten in Rechnung zu stellen. Wir wüssten dann, dass wir in einer Welt leben, die als solche, im Singular, nicht zu fassen ist. Sie bietet für letzte Fragen keine Entscheidungsinstanz. Und wir wüssten, dass auch die Computer keine Deutungshoheit besitzen. Welcher Computer hätte je etwas gedeutet? Es gibt Leute, die ihre Deutungsansprüche aus ihrer mehr oder minder begrenzten Fähigkeit, mit Computern umzugehen, beziehen. Aber das sollte uns nicht erschrecken.

Brauchen wir neue politische Visionen? Und von wem?

Wir sind schon mit Priestern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und Pädagogen fertig geworden. Sogar Manager haben wir inzwischen auf ihr rechtes Maß reduziert, von Soziologen ganz zu schweigen. Die eine oder andere mediale Aufregung hilft bei diesem Geschäft der Steigerung und Reduktion von Deutungsansprüchen ja durchaus. Wenn es uns gelingt, an Schulen und Universitäten nicht nur Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften, sondern auch Ökonomie, Politik und Informatik auf einem anspruchsvoll neugierigen Niveau zu unterrichten, mache ich mir auch um den politischen Nachwuchs keine Sorgen. Denn dann wird man erkennen, dass die faszinierenden Handlungsfelder direkt vor der Haustür liegen. Neue politische Visionen brauchen wir nicht. Gute Schulen tun es auch.

Die Fragen stellteStefan Schulz.
Ein Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker

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