Papierworkinnovation. Warum der Innovationsfonds zwar viel Innovationsgerede, aber kaum wirkliche Innovationen schafft.

Wir sprechen vom Innovationsfonds. 300 Mio. Euro, damit mehr Dynamik, neue Ideen und neue Versorgungslösungen in die Welt kommen. Damit wir gesund bleiben oder schneller oder für weniger Kosten gesund werden. Darum geht es eigentlich. 

Wir erinnern uns: Der Innovationsfonds ist eines der großen Initiativen der Bundesregierung im Gesundheitsbereich. 2015 vereinbart, werden jetzt, nach mühevoller Verhandlung, ab Oktober 2016 die ersten bewilligten Projekte bekannte gegeben werden. 

Ich behaupte, wirkliche Innovation wird nicht darunter sein. 

Alle sind gespannt. Meine These, bereits 2014 vertreten, war, der Bundesinnovationsfonds ist ein Bundesillusionsfonds. Grund 1: Es entscheiden diejenigen, die bisher Innovation verhindert haben, der G-BA. Grund 2: In dieser Top-Down-Konsenslogik kann es keine Innovation geben. Grund 3: Innovation scheitert in Deutschland nicht daran, dass es keine Ideen gibt, sondern, weil niemand den Mut, den Spielraum und die notwendigen Ressourcen hat, um Neues auf eigenes Risiko zu tun. 

Und in dieser Situation, das ergibt Grund 4, ziehen sich Entscheider über Innovation darauf zurück, unter Hinzuziehung wissenschaftlicher Berater, also unter Hinzuziehung von Experten der Papierevidenz, in einem innovationsaversen System ohne Innovationserfahrung darüber zu entscheiden, ob die vorgeschlagene Innovation funktionieren kann. 

Soweit mein gesunder Menschenverstand. 

Der BMC hat zu einer weiteren Veranstaltung geladen, die über die Fortschritte des Innovationsfonds beraten soll. Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats, Prof. Pfaff, zieht eine erste Zwischenbilanz (das erhofften sich die Zuhörer, zumal die meisten von ihnen Antragsteller waren), Ergebnisse gibt es ja erst am 20. Oktober oder später im November. Er sprach dann allerdings nur über Entscheidungskritieren und das Entscheidungsverfahren. 

Die Rahmenbedingungen: Die Projektlaufzeit beträgt (maximal) drei Jahre. Alle Projekte solle in die Regelversorgung übertragbar sein (wobei in letzter Zeit immer wieder der Hinweis folgt, auch Direktverträge wäre Regelversorgung), die Projekte, dafür sorgt der wissenschaftliche Beirat, sollen wissenschaftlich gut begründet sein, der Kriterienkatalog ist, wahrscheinlich per Rechtsverordung (einschließlich Schiedsverfahren und Widerspruchmöglichkeit) geregelt. 

Über allem wacht das Bundesversicherungsamt. 

Der Kriterienkatalog ist umfänglich, er umfasst 7 Kriterien mit insgesamt 17 Unterkategorien. Das Entscheidungsverfahren ist mehrstufig, der wissenschaftliche Beirat gibt seine Empfehlungen in Kurzgutachten ab, die Entscheidung trifft abschließend der Innovationsbeirat, in dem „die üblichen Verdächtigen“, also Vertreter der Selbstverwaltung, zusätzlich das BMG, sitzen. 

Wenn der Innovationsausschuss vom Beirat abweichende Voten abgibt, hat er das schriftlich zu begründen. 

Zu beurteilen sind dabei 256 (die genaue Zahl kann abweichen, dei Größenordnung stimmt) Projekte, der DLR arbeitet dem wissenschaftlichen Beirat zu, es ist ein totaler Papierkrieg. 

Ich bezweifle nicht, dass Entscheidungen gefällt werden. Ich bezweifle auch nicht, dass das Geld ausgegeben wird. Ich bezweifle allerdings, dass dabei Innovation rauskommt.  

Sondern: Mehr vom Gleichen. 

Der Grund: Die Zwangsjacke von Entscheidungskriterien einerseits und Zeitraum zur Umsetzung der Projekte ist einfach zu eng. Tatsächliche Innovationen erfordern Zeit, weil sich Menschen, Patienten, Versicherte wie auch Ärzte, darauf einstellen müssen. Reale Menschen in realen Kontexten sind keine Skinnerschen Versuchsratten. 

In den Seitengesprächen wird diese Übersteuerung dann so kommentiert: Es stimme schon, dass die beantragten Projekte keine wirklich bahnbrechende Innovationen enthalten würden. Aber das wäre ja die erste Runde, von dieser Runde könne man lernen, das Ganze besser zu machen. 

300 Mio. Euro Lehrgeld also. Ganz schön viel. Zu befürchten ist ua., dass auch neue GOÄ-Ziffern vorab evaluiert werden?

Innovationsfonds? Und Innovation war gestern.

Was wären die Alternativen? 

Einmal: Lernen. Ok, wir werden sehen, wie sich das Ganze in der zweiten Runde entwickelt. 

Zweimal, das ist die derzeitige BMC-Vorstands-Position, es müsse in der nächsten Legislaturperiode dafür gesorgt werden, dass 

  • erstens der Innovationsfonds nicht mehr aus Beitragsmitteln, sondern aus Steuermittel finanziert werden würden und dass 
  • zweitens, die Entscheidungen über die zu finanzierenden Projekte nicht mehr von denen getroffen werden, die die Nutznießer sind. 

Vordergründig betrachtet, klingt das plausibel. Wenn diejenigen, die über die Projekte entscheiden, potentielle Nutznießer sind, würden sie für ihre eigenen Projekte votieren. Als Sieger gehen dann, wie so oft, die vom Platz, die am besten netzwerken und lobbyieren könnten. 

Die Logik ist richtig. Aber: Was wäre die Konsequenz, wenn die Entscheidung noch weiter von denen entfernt werden würden, die die potentiellen Nutznießer (und damit die potentiellen Umsetzer) wären? 

Konkret würden die Entscheidungen dann im Dunstkreis von Wissenschaft und Politik fallen. 

Die Vorstellung, dass daraus sachgerechte und neutrale, der besten Leistung verpflichtete Entscheidungen fallen würden, ist, einfach gesprochen, naiv. 

Es träte nur eine andere, von anderen interessen gesteuerte  Entscheidungslogik zu Tage: Die von Politikern und die von Wissenschaftlern. Auch da gibt es Netzwerke. 

Die Exzellenzinitiative ist ein gutes Beispiel dafür. Proporzlogik allerorten. 

Was tun?

Innovation erfordert, die Verantwortung zurück an die zu geben, die die Ergebnisse verantworten müssen. 

Ich plädiere für eine Umkehrlogik. Der Wunsch danach, vorab durch gut durchdachte Projektanträge überzeugende Innovation lostreten zu können, ist verständlich, aber irreal. Auf den Punkt gebracht: Man kann nicht vorher evident sagen, ob nachher wirklich was rauskommt. Das hängt von zahlreichen Faktoren ab. 

Unter simulierten Rahmenbedingungen verhalten sich die Akteure anders als im Realbetrieb. Realität kann man einfach nicht simulieren. Es fehlt an der Ernsthaftigkeit der Akteure. 

Die Umkehrlogik lautet also, 

  • Akteure so stark zu machen, dass sie Entscheidungen treffen können, von denen sie überzeugt sind, dass sie zu besseren Ergebnissen führen,
  • ihnen die Zeit zu lassen, in der Umsetzung auch Korrekturen vorzunehmen, 
  • ihre Macht aber politisch so zu begrenzen, dass sie gezwungen sind, dies zum Wohle bessserer Leistungen und nicht zur Optimierung des eigenen Profits zu tun. 

Es ist an der Zeit, die Erstarrung und Überregulierung des Gesundheitssystems aufzubrechen und die Akteure endlich mal laufen zu lassen. 

Es ist an der Zeit, die Erkenntnisse der Innovationsforschung und auf das Gesundheitssystem zu übertragen. Zu diskutieren wären also antifragile Logiken, oder Strategien des Design-Thinking, also, dass verantwortliche Akteure in kleinem Maße (unter realen Bedingungen) Modelle erproben, die sie dann im großen Ausrollen können. Innovation braucht Mut und Erfahrung. Aber Erfahrung der Akteure (und nicht nur die Bedenken der begleitend neutralen Wissenschaftler. 

Wer ständig nur von gleicher und gerechter Versorgung redet, will davon ablenken, dass er die Fragen künftiger Versorgung noch nicht gelöst hat, ja, noch nicht einmal eine Idee davon hat. 

Ich weiß, dass diese Schlußfolgerung in der deutschen Politik, in der Gleichheit (wir sehen jetzt vom Dualismus von PKV und GKV ab) mehr zählt als eine verbessserungsorientierte, innovationsfreundliche bottom-up Veränderungsperspektive. 

Ich habe kein Modell, wie diese Veränderungsperspektive politisch verantwortlich zu beleitplanken ist, wie Politik dafür sorgen kann, dass die Dynamik in Richtung Ergebnisverbesserung freigesetzt wird und nicht in Richtung Profitorientierung. 

Aber, angesichts so vieler Lehrstühle zum Thema Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung wäre es dem Schweiß der Edlen wert, darüber nachzudenken. 

Die Trauben hängen dann höher, klar. 

Aber die Ergebnisse: Sie würden wirken!

 

Let’s do it!

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