Over? Über den Flirt der Gesellschaft mit den Grünen

Endlich, aus grüner Sicht, ist es geschafft. Die Regierungsbeteiligung ist greifbar. Und dieser Umstand wird die Berliner Grünen darüber hinwegtäuschen, dass auch sie einer der großen Verlierer dieser Abgeordnetenwahl sind. 

Die Grüne Wählerbilanz: Stimmanteile verloren (am meisten übrigens in Kreuzberg Friedrichshain!!!!!) und das an so gut wie alle Parteien:21.000 an die Linken, 9000 an die FDP, 4000 an die AfD, 3000 an die SPD, 2000 an die CDU, ebensoviele an die Nichtwähler. 

Das muss man erst mal setzen lassen. Wir erinnern uns: Letztes Mal schienen Renate Künast und Volker Ratzmann die großen Verlierer, weil sie die SPD nicht überrunden konnten. Aber jetzt reicht es gerade noch für Platz Vier. 

Städtische Avantgarde war gestern.

Einzig die Piratenwähler haben mit einer großen Bluttransfusion (11.000 Stimmen) an die Grünen noch Schlimmeres verhindert.

Was heisst dieses Ergebnis, kaum, dass ein Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg nochmal den Regierungsvorsitz für sich sichern konnte? 

Die Wähler schauen genauer hin.

Und in Berlin sahen sie: Nichts. Das Freiheitsplakat hatte es am besten auf den Punkt gebracht: Grüne Freiheit, das ist Seilspringen auf dem Tempelhofer Feld. Soll witzig sein.

Gelacht wird später.

Es ist diese vollmundige Beliebigkeit, dieses Arrangement mit den Berliner Verhältnissen, das die Wähler abschreckt. Jede Minderheit wird bedient, das Sternchen fürs Geschlecht, das Arrangement der Grünen mit sich selbst. 

Eine Viererspitze, weil keiner den Mumm hat. 

Und so sind den Realos die realen, den Linken die linken davongelaufen. 

Den Agendasettern sei gesagt: Wer jetzt über Rotrotgrün oder schwarzgrün redet, ist selber schuld. 

Es ist nämlich längst nicht mehr klar, warum man die 

Grünen wählen soll. Die Weichenstellung ist vollbracht. Thematisierung war gestern, jetzt geht es ums Besser machen. 

Traut man das einem Haufen zu, der nicht mal eine Spitze zusammenkriegt? (Und der Verweis auf die Schwäche der anderen Parteien hilft nicht weiter). Der weitgehend unsichtbar bleibt. Der Alles fordert (und besser machen will) und deswegen für nichts mehr steht. 

Es fehlt an Orientierung! Es fehlt an Markierung. 

Zum Beispiel Piraten: Zwar sind das Groß der Piratenwähler zu Grünen gewandert, aber die ehemaligen Akteure? Linkspartei, SPD, FDP, alle haben was abbekommen, nur die Grünen nicht. 

Zu arrogant, hieß es. Zu selbstbezogen. 

Was tun? 

Berlin ist ein Fanal. Meine These: Wer die Grünen in einen Linkswahlkampf drängen will, wird weiter dazu beitragen, dass Wähler nach allen Seiten flüchten. Die sozial Gesinnten zur Linken, die Weltoffenen, politisch Liberalen in die andere Richtung.

Was fehlt, ist eine Haltung, ein Leitgedanke, eine Verdichtung, wie es Grüne machen und warum sie es besser machen als die anderen. Eine Formel, die durch die Doppelspitze repräsentiert wird. Eine Formel vernünftigen Umgangs mit Veränderung, kein Welcome Refugee, sondern eine klare Zuwanderungsregel, Abgleich der eigenen mit den Interessen der anderen, Berücksichtigung der übergeordneten ökologischen Frage, ernsthaftes Engagement für einen ernsthaften Freiheitsbegriff des Westens und einen nachhaltigen Lebensstil. 

Keine einfache Aufgabe. Aber eine machbare. Man muss sie nur annehmen. Honeymoon is over.

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