Ongoing Sarrazin

Die Diskussion geht weiter. Was ich, vorausgesetzt, die FAS hat Recht, nicht gedacht hätte: Die hohe Zustimmung zu Sarrazin.

Aber es bleibt die Frage: Zustimmung, wozu?

Thema 1: Der Parteiausschluss und die Sigmatisierung Sarrazins (Die ich, gleichwohl wegen seiner Gen-Demagogogie richtig finde), die offensichtlich bei vielen Menschen nicht so ankommt.

Übersetzt könnte das heissen: Vielleicht hat Herr Sarrazin ja nicht recht mit seiner Gen These. Aber er hat ein wichtiges Thema angerissen, das es ernsthaft zu diskutieren gilt. Und es könnte sein, dass viele Menschen das Gefühl haben, die Politik will das Thema vom Tisch wischen, bevor die Diskussion um die Wirkungslosigkeit der Integrationspolitik um sich greift.

Thema 2: Die Deutschen finden nicht zu Ihrer Identität. Denn nach Nazi Deutschland ist es nicht so einfach „ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“. Findet jedenfalls die politische Klasse. Die Anderen, also die Zuschauer der Demokratie, auch genannt BürgerInnen oder WählerInnen (ohne Migrationshintergrund) wären auch gerne mal stolz auf sich selber. Aber sich selber, was ist das?

Identität, das bedeutet etwas gemeinsames. Stolz sein auf etwas Eigenes. Und sich abgrenzen von etwas anderem. Und dieses Gemeinsame auch im öffentlichen Raum repräsentiert sehen. Aber wie Politik und Parteien im öffentlichen Raum erlebt werden, ist eben anders. Politiker treten auf als Massregler, etwas lehrerhaft, besserwisserisch, ohne, auch da ganz Lehrer, selber jemals draußen im Leben gestanden zu haben (ich reflektiere das Erscheinungsbild, nicht eine möglicherweise andere Realität.) Politiker treten der Bevölkerung gegenüber und gehen nicht vorneweg. Das Vorneweg gehen ist übrigens das, was Buschkowski, früher auch Kronawitter in München als psychologische Figur ausgemacht hat. Mit ihm konnten sich viele Menschen, gerade aus klassisch sozialdemokratischen Milieus identifizieren, er hat die Thematisierungskompetenz, wie das von Experten genannt wird, besessen, die die psychologische Einheit schafft.

Bleibt zu fragen, was ist das Eigene, was ist das Andere. Und hier fängt in Deutschland die Crux an.

Denn das Eigene ist eine Frage, die im Erscheinungsbild der deutschen Öffentlichkeit tatsächlich oftmals biologisch entschieden wurde. Weiß, deutsch aussehen ist ein entscheidendes Momentum, um in Deutschland weiter zu kommen. Türkisches oder arabisches Aussehen führt zu Diskriminierung: Sie sprechen aber schon gut deutsch, ist dabei ein geflügelter Satz, mit dem sich auch Doktoren und Professoren immer wieder herumschlagen müssen.

Das, so meine These, reflektiert sich auch im Meinungsbild der Deutschen Öffentlichkeit: Wein trinken und Wasser predigen, dieser Eindruck schleicht sich zu Recht bei vielen biodeutschen Mitbürgern ein, wenn sie die politische Inszenierung zum Thema Integration ansehen. Manfred Güllner hat glücklicherweise Recht mit seiner Bemerkung, dass Sarrazin nicht das Zeug zum Volkshelden hat. Sonst könnte die ganze Debatte noch mehr an Eigendynamik bekommen.

Thema 3 hängt damit scheinbar nur mittelbar zusammen. Es geht um die Frage, inwieweit eine identitätsstiftende Debatte darüber geführt wird, was „wir“ bedeutet, was „uns“ ausmacht. Es geht um das Thema Heimat, Gemeinschaftsgefühl, intuitive Verständigung, Patriotismus, wie es Robert Habeck nennt. Und an dieser Stelle herrscht völlige Fehlanzeige. Im öffentlichen Raum gilt Wegducken und nichts sagen als Überlebensrezept. Das hat eng mit der Dominanz der Parteien im öffentlichen Raum zu tun. Es herrscht ein Oligopol der Meinungsbildung und insofern ist die intuitive Reaktion, nicht die Debatte mit Sarrazin zu führen, sondern ihn dann aus dem einen Oligopol SPD auszuschließen, nur konsequent. Die Parteien sollten also erkennen, dass sie die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit längst überschritten haben, wenn sie für alle gesellschaftlichen Problemlagen immer sofort die richtige Antwort präsentieren. Es geht nicht um die Antworten, es geht darum, eine Debatte zu führen. Und da sind neue und alte Öffentlichkeiten gefordert, die Debatte muss Raum greifen und nicht in Ausschlüssen entsorgt werden.

Identität in einer modernen Gesellschaft. Identität im Zeitalter der reflexiven Modernisierung, das bedeutet, sich in der neuen Unübersichtlichkeit von Entgrenzung, Entwertung von Arbeitskraft, Veränderung von Arbeitswelten zurecht zu finden. Und diese im optimalen Falle sogar zu begrüßen.

Klar ist, dass Bildung, Abstraktionsfähigkeit notwendige Voraussetzungen sind, um die Debatte zu führen, den Blick über die eigene Nische hinaus richten zu können. Aber die wesentlich wichtigere Voraussetzung ist, dass sich Menschen einbezogen und angesprochen fühlen. Und da hat Politik inzwischen ein doppeltes Problem, weil sie nämlich inzwischen weder die biodeutsche Mehrheit erreicht, noch die Einwanderer, die aufgrund der stärkeren Unterschiedlichkeiten ihrer Biographien sehr viel stärker individuell ausgeprägte Identitäten entwickeln (müssen), um im Geschäft der gesellschaftlichen Repräsentation erfolgreich bestehen zu können.

Insofern ist die Debatte um Integration längst keine mehr um dieses Thema, sondern eine Identitätsdebatte. Was ist das WIR in einem sich reflexiv modernisierenden Deutschland oder Europa. Und deshalb sind Äusserungen wie die unseres juppiehaften Bundespräsidenten, der mit seiner türkischdeutschen Ministerin ja einen „Coup“ gelandet hat (wie fühlen sich eigentlich Menschen, die derart als Trophäen gehandelt und ja auch später entsprechend verräumt worden sind), die Mehrheit der Einwanderer hätte ja erfolgreich an deutschen Sprachkursen teilgenommen, so fehl am Platze. Hat ihm eigentlich schon einmal jemand gesagt, dass dieses Teflonhafte seines Politikerabziehbilddaseins so etwas wie den Kern des Problems bildet?

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