Neues Deutsches Denkstück Nr. 1: Zum Thema Kopftuch

Ein sehr illustrativer und nachdenkenswerter Beitrag für alle Biodeutschen zum Thema: Wie man auf den Holzweg gerät, wenn man alte Deutsche Politikrezepte (zum Beispiel zum Thema Emanzipation) auf die Neue Deutsche Wirklichkeit anwendet.

Der Beitrag von Hilal Sezgin in der Süddeutschen zeigt, dass die Grenzen der Mehrheitswahrnehmung immer weniger Prinzipien und immer mehr Ressentiments folgen.

Ein Versuch, meine Gedanken dazu zu ordnen:

1) Öffentliche Institutionen haben religiös neutral zu sein. Das heißt auch, keine Kreuze in öffentlichen Gebäuden und Schulen. Oder Kreuze als Verweis auf christliche Wurzeln des Abendlandes, also Folklore. Dann dürfen damit aber keine echten religiösen Handlungen und Handlungsaufforderungen damit verbunden werden.

2) Jeder hat das Recht auf religiöse Freiheit. Auch jede. Einschließlich ihrer Symbole.

3) Der öffentliche Raum ist so zu organisieren, dass sich die Menschen darin wohlfühlen können und Verständigung möglich ist. Dabei kann man sich unterschiedliche Modelle vorstellen: Weitgehende Neutralität auf der einen Seite (aber dann für alle). Tolerante Pluralität auf der anderen Seite.

4) Die Diskussion darüber kann nicht so laufen wie derzeit. Die Abfälligkeit, wenn Sarrazin über Kopftuchmädchen und Gemüsehändler spricht, zeigt mehr Intoleranz als das größte Kopftuch der Welt. Zumal der Zugang zu den Medien doch asymetrisch verteilt ist.

5) Die Emanzipation der islamischen Frau kann nicht als Kreuzzug der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegen die islamische Minderheit organisiert werden. Und Frauen, die Kopftücher tragen, haben ein Recht, das zu tun.

6) Diskussion auf Augenhöhe wäre ein Ansatz, diese Frage zu entschärfen. Aber die Frage von Kopftuch, Islam und Lebensweisen wird in einer Art Tribunal verhandelt. Die Opfer stehen dank 9/11 fest. Wir könnten von Sippenhaft sprechen.

7) Es gibt in der politischen Diskussion immer wieder die These, Gesellschaften könnten sich ihrer Identität nur dann versichern, wenn der Feind klar ist. Bis 1989 war der Feind der Kommunismus. Wir sind die Freien, wir sind die Guten. Jetzt ist es der Islam. Das Dumme daran ist nur, dass DER Islam von vielen verurteilt wird, bevor er verstanden ist. Und dass es halt im Islam, im Gegensatz zu dem Papst, keine oberste Autorität gibt. (Na ja, letzteres nehme ich zurück: Auch der Papst ist lediglich Repräsentanz, die Rolle der Autorität hat sich in den langen Gängen des Vatikan ja bereits seit einigen Jahrhunderten verloren. Kleines islamisches Denkstück: Wie wäre es, wenn ein islamisches Land mit dem Papst einen Dialog der Kulturen führen würde. Auf bayrisch: Na, Prost, Mahlzeit!).

8) Das Aussen ist Innen. Wenn der Kreuzzug gegen den Islam geführt wird, führt man ihn gleichzeitig gegen einen relevanten Teil der Inländer. Und damit gegen Menschen, die in ihrem Leben viel gewagt und zum Teil wenig erreicht haben (weil sie gar nicht wussten, worauf sie sich einlassen). Wir reden hier nicht von einem kuscheligen Multikulti-Gefühl, sondern vom Respekt gegenüber Menschen, die aus, nehmen wir das Klischee, Ostananatolien in ein völlig fremdes Land gewandert sind, weil man sie geholt hat, die, trotz anderer Pläne doch hier geblieben sind und die ihr Leben eben so organisiert haben, wie es ihnen richtig schien. Die Mehrzahl der türkischen Einwanderer, sind nicht oder nur alltagsreligiös und haben mit einem fundamentalistischen Kulturkampf nichts zu tun. Aber die mehrheitsdeutsche Gesellschaft zwingt sie dazu, sich davon zu distanzieren. Hat sich diese Mehrheit das schon einmal bewußt gemacht? Auch ich, der ausgetretene Katholik, möchte nicht für den Unsinn des Papstes verantwortlich gemacht werden. Auch wenn ich die kulturellen Grundlagen des Christentums, die Freiheit des Denkens, die gegen die Kirchen erstritten wurde, schätze.

9) Deutschland ist, das ist das absurde, ja gar keine Einwanderungsgesellschaft mehr. Der Deal der großen Koalition war: Stopp mit der Einwanderung und dafür denken wir mal nach, was wir mit der zweiten und dritten Generation der Eingewanderten machen. Insofern ist alles, was wir im Moment unter „Integration“ diskutieren, eine Frage, wie das Land mit seinen verschiedenen Klassen, Schichten, Milieus und Kulturen von Inländern umgeht.

10) Spot an: Sarrazin ran! So steht er im richtigen Licht. Sein verletzender Sarkassmus über Migranten ist derselbe wie der über Hartz IV-Bezieher. Ich will Herrn Sarazzin, der als Finanzsenator großartige Arbeit geleistet hat, nicht Unrecht tun. Deshalb versuche ich es mal so: Es ist der Sarkasmus Sarrazins, der die verflachte politische Debatte hasst.

Er hat recht, wenn er darauf verweisst, dass mehr Hartz IV das Problem der geistig-moralischen Verelendung der Abgehängten nicht löst, sondern vestetigt.

Ich kann allerdings nicht erkennen, was der Wahrheitskern seiner Äußerung ist, Türken würden doch nur zum Gemüsehändler taugen. Er kann ja wohl nicht meinen, dieses Berufsziel wäre auf jedem deutsch-türkischen Berufswunschzettel ganz oben. So wie Nagelstudio-Besitzerin, oder Friseurin. Insofern liegt er falsch. Aber er hat eine Debatte entfacht, die mal tiefer geht außer ignorantem Gutmenschentum (wir müssen uns alle lieb haben) und reaktionärem „Dann schicken wir sie halt nach Hause“. und Tabus brechen, das ist seine Spezialdisziplin. Dafür hat er auch schon manchen Rauswurf risikert. Dafür respektiere ich ihn.

Positiv formuliert: Es ist seine Verachtung des tagespolitischen Diskurses, der so tut, als wenn es auf jedes Problem mal eine schnelle politische Lösung gäbe, eine Lösung ohne Mitwirkung der Gesellschaft. Hartz IV schafft Existenzgrundlagen und Abhängigkeiten. Aber oftmals keine Lösungen. Doch diese Diskussion ist kompliziert, langwierig und ohne Aussicht auf schnellen Erfolg. Weshalb die Fokussierung auf mehr Hartz IV und Stillstellen vielen Politik“machern“ der einzige Ausweg aus ihrer eigenen Ratlosigkeit erscheint. Ein „Weiter so“, auch wenn der eingeschlagene Weg ein Irrweg ist.

Aber Herr Sarrazin sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass er direkt am Abgrund zu offenem Rassismus steht. Ich darf da auf die Intelligenz-Äußerungen in dem Interview verweisen.

Und man könnte einwenden, dass er möglicherweise der Frage des öffentlichen Respekts nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat. Man kann seinen Gegner angreifen, aber man drischt nicht auf Dritte ein, um den Gegner aus der Ecke zu locken.

10) Ich versuche mal eine Ad-Hoc-Beschreibung der aktuellen Lage: In der globalisierten Gesellschaft haben sich die Klassen neu definiert. Es herrscht die globale Bildungselite. Sie definiert, und da sind die Schulen ein lebhaftes Beispiel, wer nach oben kommt und wer nicht. Das hat nicht immer mit Leistungen zu tun, sondern mit kultureller Repräsentation. Das Kapital des 21. Jahrhunderts ist das kulturelle Kapital. Und damit wird kräftig gearbeitet.

11) Es gibt keine Unschuld in der reflexiven Moderne. Aber es gibt eine reflektierte Mitverantwortung Aller. Auch des Autors. Soviel zu möglichen Missverständnissen bezüglich Besserwisserei.

12) Und was ich eigentlich sagen wollte: Das Thema ist, dass die ausgegrenzte Generation der Post-Einwanderer in ihrer bildungsfernen Breite erlebt, dass sie diskriminiert wird. Und das nicht zu knapp. Die Gebildeten unter den Neuen Deutschen erleben das auch- Aber wie sie das als Person verarbeiten, ist aber höchst unterschiedlich. Deshalb so viele Streitigkeiten innerhalb der Einwanderer. Unter diesen Bedingungen persönliche Identität zu entwickeln, ist nicht ganz einfach. Es ist das Verdienst von Fatih Akin, den Deutschen mit sehr viel Witz die eigentlich trostlose Situation vieler neuer Deutschen vor Augen geführt zu haben. Und was die Filme noch zeigen, ist der enorme Selbstbehauptujngswille viele Menschen.

13) Die Schlussfolgerung: Integration ist eine Frage, die die ganze Gesellschaft angeht. Wie gehe ich mit Vielfalt um? Wie gehe ich mit meinen eigenen Vorurteilen, meinen Ängsten um? Was bedeutet Respekt im Öffentlichen Raum?

Wer unter den Ursprungsdeutschen sich durch die Medien wühlt, wer sich aufmerksam umschaut, erkennt, dass die kulturelle Vielfalt schon längst Wurzeln geschlagen hat in Deutschland. Nur weil wir uns nicht die Zeit nehmen zu verstehen und statt dessen ständig aktionistisch rumintegrieren, kommt das Besondere (oder auch das Normale), das Eigene nicht zum Tragen.

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