Nein, keine Fragen mehr!

Evelyn Roll hat in der Süddeutschen vom Wochenende einen bedenkenswerten Artikel geschrieben über die Niveaulosigkeit des politischen Jounalismus in Berlin. Als Highlight zitiert sie dabei eine wahre Gegebenheit:

„Und wie ist es möglich, dass eine Reporterin eines großen Privatsenders bei der SPD anruft, und Herbert Wehner sprechen will?

Der Soziologe und Historiker Reinhard Müller hatte da gerade seine große biographische Abrechnung mit Herbert Wehner auf den Markt gebracht. Also war Wehner ein paar Tage heftig im Gespräch. Und diese Reporterin ruft nun im Willy-Brandt-Haus an und fragt: „Können Sie mich bitte mit Herbert Wehner verbinden? Ich möchte ein Interview mit ihm machen.“

Der Referent konnte vor Lachen kaum sprechen und sagte: „Ach, tut mir sehr leid, Herr Wehner ist gerade in einem wichtigen Gespräch mit Franz Josef Strauß, da kann ich jetzt nicht stören.“Daraufhin fragt sie: „Okay, dann darf ich also später noch einmal anrufen?“

Das politische System kommt einem so vor wie ein Autohersteller, der immer mehr Geld in eine aufwändige Karrosserie steckt und sich dabei aller Mittel (z.B. verschiedenster Agenturen) bedient, um das herauszustreichen, der jedoch bewußt darauf verzichtet, einen neuen Motor einzubauen, weil die Käufer den Wagen vor dem Kauf ja ohnehin nicht kaufen dürfen. Der Schein schlägt das Sein. Jedenfalls NOCH EINMAL. Und darauf macht sie mit Recht aufmerksam.

Vor diesem Hintergrund – meine These – mutet der sich abzeichnende Wahlverzicht der mündigen deutschen Staatsbürger tatsächlich wie ein Akt politischer Entscheidungen an. Aber wir stimmen Evelyn Roll zu, wenn Sie schreibt:

„Demokratie mit dumm Gehaltenen funktioniert nicht. Im Grundgesetz steht, dass die politischen Parteien und ihre Protagonisten an der Herstellung von öffentlicher Meinung mitwirken. Sie sollen aber nicht allein Meinung machen dürfen. Man darf ihnen deswegen die Mikrofone nicht übergeben. Es ist zu ihrem eigenen Schutz….“

Aber die Diskussion, wie wir aus diesen politischen Seichtgebieten herauskommen wollen, hat noch nicht begonnen. Die Schlacht zwischen beliebigem Weiter so und unklarem „Wir könnten auch immer wieder mal anders“ geht diesmal jedenfalls weiter.

Ein Gedanke zu „Nein, keine Fragen mehr!

  1. Wie schön, dass die SZ nicht davor zurückscheut, die Niveaulosigkeit der eigenen Kollegen zu nennen. Ob man in eigener Sache auch so kritisch ist?

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