Moderne Ungleichzeitigkeiten. Deutsche Normalität, chinesische Dichter und Netzmobbing.

Deutschland hat (bald, aber sicher) eine Regierung. Eine, bei denen den einigen Maut für Straßen wichtig war (es hat sich noch immer nicht erschlossen, warum eigentlich), und die anderen fanden, dass man jetzt mal richtig Gerechtigkeit herstellen sollte, für „die Menschen draußen im Lande“, Gabriel spricht jetzt ja immer von den kleinen Leuten.

Das ist schon deswegen alles gaga, weil es „die kleinen Leute“ so gar nicht gibt, letzte Woche erschienen in unterschiedlichen medien zwei Artikel über Postpaketträger, der eine in einer Dienstleisterfirma, der andere direkt angestellt. Welten zwischen Arbeitsbedingungen und Bezahlung der beiden.

Schon das ist irre. Aber, wenn man deutsche Politiker reden hört, hat man ständig das Gefühl, die sprechen von den „Menschen draußen im Land“ wie von den Zubehörteilen ihrer Modelleisenbahn. Schlichte Bilder, einfache Ursache-Wirkungs-Mechanismen, die der welt schon lange nicht mehr gerecht werden.

Manchmal denke ich, die Menschen müssten statt in Entweder-Oder Kategorien zu denken, in Sowohl-als auch Kategorien denken. Meistens jedenfalls geht das.

Und dann noch zwei Artikel, die einem sozusagen ganz andere wirklichkeiten auf den Tisch kippen: Einmal vom chinesischen Lyriker-Wettbewerb, mit vielleicht tausend Einsendungen haben die Veranstalter geplant, 80.000 sind es dann geworden, der Artikel gibt einen fast atemlosen Einblick in den chinesischen Alltag. Gründerzeitalltag.

Und dann, wieder zurück in Deutschland: Der Hass und Mobbing im Internet. Eine traurige Geschichte, eine Geschichte, in der aber auch das meines Erachtens richtige analysiert wird: Dass nämlich Sensibilität für falsches und richtiges Verhalten im Internet erst gelernt werden muss. Woher soll es auch kommen?

Und jetzt gemeinsam: Das alles findet zur selben Zeit statt. Auch nicht nebeneinander, sondern die Realität des chinesischen Wanderarbeiter hat direkt etwas mit unseren iphones zu tun. Irre Ungleichzeitigkeit.

Ein interessanter Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung:

Feuilleton, 14.12.2013

SZ-Serie Kultur in China, Teil 1: Poesie

Eine Welt ohne Stimme
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Von Kai Strittmatter

Warum wissen wir so wenig über die Kultur des heutigen China? Längst gibt es keinen eisernen Vorhang mehr, China hat sich geöffnet. Aber es bleiben die Sprachbarriere, die Entfernung und eine Kommunistische Partei, die sich mit Zensur und Diktat noch immer die Kultur gefügig zu machen sucht. Diese aber hat sich längst aufregende Freiräume verschafft. In einer neunteiligen Serie wirft die SZ einen Blick hinter den seidenen Vorhang.

Er wird geboren. Guo Jinniu, der Kurzgeschorene. Vor einem halben Jahrhundert, in Huanggang, ein Flecken am Langen Fluss. Wasserbüffel, Schweine, Weizen, Reis. Die Eltern nennen ihn Jinniu, Goldener Ochse. Stur, ja, zäh, ja. Fürs Feld geboren, nein. Der Weizen verdorrt, der Reis verschimmelt unter seinen Händen, Bruder und Schwester lachen und seufzen. Die Eltern sind froh, als er sich auf den Weg macht. In den Süden, wo man die Hoffnung mit der Seeluft einatmet und das Geld von der Straße klaubt. Die Heimat ist etwas, das man flieht, ein Meer der Bitternis seit Tausenden von Jahren. Der Strom der Wandernden trägt ihn nach Shenzhen. Eine Stadt, geschaffen aus dem Nichts. Ein neuer Ozean, neue Bitternis. Fabriken, groß wie Städte, schlucken die staunenden Ochsen aus dem Hinterland.

Die 300 Yuan von Zuhause sind schnell aufgebraucht. Er schläft in den Hügeln, wie andere auch, mit nichts als den Kleidern am Körper. Oft verliert er die Arbeit so schnell, wie er sie gefunden hat. Die Vorarbeiter brüllen, demütigen. Als es Prügel setzt, wehrt er sich, fliegt raus. Am Fließband jagen die Handys vorbei, mal elf, mal 13, mal 17 Stunden am Tag. Wenn du dich einmal umdrehst, kommt alles aus dem Tritt. Krank sein geht nicht, für jeden Tag, den einer fehlt, werden ihm drei Tage vom Lohn abgezogen. Zum Arzt? „Wer hat denn Geld für einen Arzt?“ Wieder fliegt er raus. Einmal sieht er auf der Straße, wie ein Mann beim Kulturzentrum eine Wandzeitung anklebt: selbst geschriebene Gedichte. Wahnsinn, denkt er: Hier gibt es Leute, die sich fürs Schreiben interessieren. Wie er, der einst zu Hause in sein Tagebuch gekritzelt hatte, während draußen der Reis noch nicht gesetzt war. Er spricht den Mann an. Der Mann gibt ihm ein Bett.

Yang Lian, der Langhaarige, ist zehn Jahre älter. Er kommt in Bern auf die Welt, Sohn eines chinesischen Diplomaten, wächst in Peking auf. Maos Revolution ist nur sechs Jahre älter als er. Eine gute Familie, ein Leben in der Hauptstadt. Und doch versinken sie auch dort bald in Bitternis. Das Schicksal der Chinesen im vergangenen Jahrhundert. Den 21-jährigen Yang Lian erwischt die Kulturrevolution, sie verkrüppelt eine Nation, ihre Seele. Ihre Sprache. Er wird aufs Land geschickt wie alle Jungen aus der Stadt: von den Bauern lernen. Er schaufelt Gräber. Nachts, nach der Feldarbeit, setzt er sich auf einen Hocker und schreibt. Wie anderswo in anderen staubigen Weilern das zur gleichen Zeit auch junge Dichter wie Gu Cheng, Mang Ke und Bei Dao tun. Sie wissen nicht voneinander und doch eint sie ein Verlangen: die von der Propaganda geschundene und entkernte Sprache mit neuem Leben zu füllen. Sie benutzen Wörter wie „Sonne“, „Erde“, „Wasser“, „Tod“. Das jahrzehntelang nur Parolen gewöhnte Publikum ist irritiert. Sonne? Erde? Man nennt sie, tatsächlich, die „Obskuren“. In ihrer Poesie wird die chinesische Sprache wiedergeboren.

Yang Lian ist ein Wandernder, ein Exilant, der sich in der Tradition des großen Qu Yuan sieht, jenes genialen ersten Dichters, der sich nach einem Leben in der Verbannung vor mehr als 2000 Jahren im Fluss Miluo ersäufte. Nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens 1989 lebte Yang Lian in Neuseeland, in London und in Berlin. China besucht er regelmäßig, aber er bleibt einer von draußen, gewollt, das hilft dem klaren Blick. Yang Lian ist heute einer der bekanntesten chinesischen Dichter; bei Hanser erschienen in diesem Jahr seine „Konzentrischen Kreise“, in China selbst werden seine Bücher mal gedruckt und mal verboten, so wie das letzte, in dem sich die Zeile vom „blutroten Schlamm unter Panzerketten“ findet.

Ein Wanderer ist auch Guo Jinniu, im Geiste wohl auch ein Exilant. „Jemandem wie mir ist es verwehrt, so zu leben, wie er im Innersten gerne möchte. Aber es ist mir nicht verwehrt, so zu schreiben, wie mein Innerstes mir diktiert.“ Guo Jinniu lebt noch immer in Shenzhen, ein Wanderarbeiter im Industrieviertel Longhua, auf zwölf Quadratmetern in einem fensterlosen Zimmer mit seiner Frau und zwei Kindern, mit einem alten Autoreifen an der Wand und einem Band „Ausgewählte Gedichte der Weltliteratur“ neben dem Bett, das sich die ganze Familie teilt. Bis vor zwei Monaten hatte niemand außerhalb dieses Viertels je von Guo Jinniu gehört. Bis vor zwei Monaten war er noch nicht in Peking gewesen. Hatte sein Lebtag nur in Schlafsälen übernachtet. Vor zwei Monaten bezog er ein Zimmer in einem Fünf-Sterne-Hotel nahe der Verbotenen Stadt. Vor zwei Monaten überreichte in Peking der Dichter Yang Lian dem Dichter Guo Jinniu einen der Hauptpreise des erstmals ausgeschriebenen „Internationalen Preises für chinesische Poesie“. Guos Gedichte, sagt Yang Lian, öffneten die Tür zu einer „Welt ohne Stimme“.

Der Junge, im Morgengrauen, zählt vom 1. bis zum 13. Stock.

Am Ende hat er das Dach erreicht. Er.

Flieg, flieg. Der Vögel Flügelschlag, unnachahmlich.

Der Junge zieht eine gerade Linie, so schnell.

Ein Strich von Blitz.

Konnte nur die erste Hälfte sehen.

Die Erde, ein wenig größer als das Longhuaviertel, trifft ihn frontal.

Geschwindigkeit, trug fort den Jungen; Sie, Reis, trug fort ein kleines Körnchen Weiß.

Da springt einer. Vom Dach der Fabrik. In der Stadt, in der er ein besseres Leben suchte. Es gab diese Sprünge wirklich. 18 junge Arbeiter, innerhalb von ein paar Monaten im Jahr 2010. Bei Foxconn, wo unser iPhone herkommt, unsere Wii, unsere Xbox, der größte Elektronikhersteller der Welt. 240 000 Menschen arbeiten alleine in der Fabrik in Longhua, ein kurzer Fußmarsch von Guo Jinnius Kammer. „Heimkehr auf dem Papier“ heißt sein Gedicht.

Was ist das für ein merkwürdiges Ding, dieses China? Vor der Auslobung des Poesiepreises stand dieses große Fragezeichen. Ein Land, das sich kommunistisch nennt und sich dabei kapitalistischer gebärdet als der Kapitalismus. Eine Herausforderung. Am Anfang war es die Idee zweier Leute: Yang Ermin, Gründer der Webseite Artsbj.com und als Maler so erfolgreich, dass er es sich leisten kann, die Poesie zu fördern. Und Yang Lian. In der Jury saßen sieben der besten Dichter des Landes, im Beirat finden sich Namen wie Adonis, Breyten Breytenbach, Joachim Sartorius.

Eine Sonde wollten sie schicken, tief hinab in die Schichten der chinesischen Gesellschaft. Wissen, Erfahrung, Nachdenken anzapfen über das unerhörte Geschehen, das hier oben, im Chaos Pekings, Shanghais, Shenzhens allen das Hirn durch den Fleischwolf dreht. Warum die Poesie?

„Die Globalisierung ist der große Ozean“, sagt Yang Lian. „Die Kultur ist unser kleines Boot auf den Wellen. Und die Poesie ist der stabilisierende Ballast, ohne den das Boot kentern und untergehen würde.“ Weder Politik noch Kommerz können etwas anfangen mit der Poesie. Das, meint Yang Lian, sei ihr Glück und ihre Chance.

„Unser Verdienst damals war nicht, dass wir uns gegen die Diktatur aufgelehnt haben“, sagt er. „Unser Verdienst war, dass wir die Sprache gereinigt haben. Dass wir sie bereit machten für tiefere Reflexion. Heute ist das vielleicht noch wichtiger als damals.“ Damals war es einfach: Der Feind war klar. Aber heute? „Der totale Kommerz hat alle benebelt. Die Frage ist doch überall auf der Welt die gleiche: Was soll das Ganze? Was tun wir hier?“

China war immer eine Nation der Poeten, aber wieso schreibt hier ein Wanderarbeiter Gedichte? Sagt der Wanderarbeiter: „Noch im letzten Bauerndorf wirst du Menschen finden, die nicht lesen und nicht schreiben können, wohl aber einen Vers von Li Bai oder Du Fu aus der Tang-Dynastie aufsagen.“ Chinas Literaten verfassten immer Dichtung, nicht Prosa. Seine Beamten, seine Kaiser ebenso. Die chinesischen Schriftzeichen – vieldeutig, mehrschichtig, zeitlos – betteln geradezu nach Poeten, die sich ihrer bemächtigen.

Und trotzdem: War die Zeit der Dichter nicht auch in China schon zu Ende? Yang Lian selbst und seine Freunde waren noch Popstars, damals, im Taumel Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, als das Land sich von Maos Wahnsinn befreite: gefeiert, angehimmelt, ihre Werke gierig verschlungen. Vorbei, die Zeiten. „Dichter sind schon lange keine Helden mehr“, sagt Yang Lian. Kein Geld, keine Karriere: Loser. Yang Lian gegenüber sitzt eine Pekinger Übersetzerin, sie sagt: „Früher haben die Mädchen einen angehimmelt, wenn er in der Uni Gedichte geschrieben hat. Heute gehen sie ihm aus dem Weg. Für heutige Chinesen riecht das nach gefährlicher Dummheit.“ Als China in diesem Jahr hundert Jahre moderner chinesischer Poesie feierte, da waren sich viele Kommentatoren einig: Die Poesie ist erledigt. Keiner liest mehr, keiner schreibt mehr Gedichte.

Hätte also auch schiefgehen können. Im Juni 2012 schalteten sie den Wettbewerb frei auf ihrer Webseite, jeder, der auf Chinesisch schreibt, konnte sich bewerben, egal wo auf der Welt. Sie hofften auf ein paar Tausend Einsendungen. „Insgeheim dachte ich: Wenn’s eintausend werden, dann sind das auch genug für die sieben Preise, die wir vergeben wollten“, sagt Gründer Yang Ermin. Ein Jahr später, im Sommer 2013, waren 80 000 Gedichte eingereicht – und in den Foren war zwölf Monate lang zerrissen, gelobt, bejubelt worden. „Richtig klar wurde mir das erst, als ich alles ausdrucken und binden ließ, in Bücher zu je 400 Seiten“, sagt Yang Ermin. Am Ende saß er auf 50 Bänden. „Vor ein paar Jahren noch waren die Menschen in China voller Hoffnungen – das Land aber hat sie ihnen allmählich genommen. Wir brauchen endlich eine kritische, konstruktive Auseinandersetzung mit dem, was hier passiert.“ Poesie aus dem Bauch des Dichters, ja, aber auch aus dem Bauch der Gesellschaft.

80 000 Gedichte. Es war, als ob da etwas geplatzt wäre, als ob lange Aufgestautes, lange Verstecktes mit einem Mal nach oben quoll. Die meisten Verse aus China, aber auch aus Taiwan, Hongkong, Amerika, Deutschland. Gedichte von bekannten Dichtern, von Polizisten, von Beamten, von Kellnern, von einem Gemüseverkäufer aus Sichuan, Künstlername „Stolzer Adler“, von einem Wanderarbeiter aus Shenzhen, Künstlername „Impulsiver Diamant“. Das ist Guo Jinniu. „In dem Jahr habe ich mehr gelernt als in 20 Jahren zuvor“, sagt er. Dass die Poesie in China nicht tot war, wusste Guo Jinniu, er kennt viele der fast 500 Webseiten, auf denen die Schreiber sich austauschen, auf seine Lieblingswebseite werden jeden Tag mehr als 1000 neue Gedichte hochgeladen. Es ist bloß so: „Es gibt heute mehr Dichter als Leser.“

Die Tränen der Mutter, springen von den Rändern der Ziegel.

Das war der 13. Sprung in sechs Monaten. Die zwölf Namen davor.

Staub, frisch gefallen.

Herbstwind weht die ganze Nacht durch Mutters Schilfgras.

Weiße Asche, leichtes Weiß, fährt mit dem Zug nach Hause, es kümmert ihn nicht das Weiß von Reis.

das Weiß der Schilfähre das Weiß der Mutter das Weiß des ersten Frosts So großes Weiß, begräbt das kleine Weiß wie eine Mutter, die ihre Tochter begräbt.

Guo Jinniu arbeitet nicht mehr am Fließband, er ist jetzt bei einer Firma angestellt, die im Auftrag der Stadtregierung die nach Shenzhen einströmenden Wanderarbeiter registriert. Seine Frau Chen Qiong, 18 Jahre jünger als er, hat er so kennengelernt. Was mochte er an ihr? Er überlegt. „Ich musste ja heiraten“, sagt er. „Und fleißig ist sie.“ Er hat ihr auch schon Gedichte geschrieben. Sie hat noch nie eines gelesen. Wirklich nicht, Chen Qiong, noch keines? Sie steht neben ihm, schnauft verlegen, murmelt: „Ich bin so ungebildet.“ Er sagt: „Sie ist mehr praktisch veranlagt.“

Neben dem Zimmer, in dem die Familie lebt, führt eine Tür in einen anderen fensterlosen Schlauch, fleckig grün getüncht, an der Wand ein Computer neben dem anderen: ein kleines Internetcafé. Sie haben das Café vor drei Jahren aufgemacht, es läuft nicht gut, sie haben Schulden, aber immerhin: die Frau kann so bei den Kindern sein. Zuvor, in der Kabelfabrik, hatte sie 14 Stunden am Tag gearbeitet, sechs Tage die Woche, kein Urlaub. Mit Überstunden kam sie da auf 3000 Yuan im Monat, knapp 360 Euro. So viel verdient Guo Jinniu jetzt auch. Am Ende des Monats bleibt nichts übrig. Sie sind, wie alle Wanderarbeiter, offiziell noch immer Auswärtige, haben keinen Hukou, keine Wohnsitzregistrierung für die Stadt Shenzhen, also müssen sie für die elfjährige Tochter Chenlu und den achtjährigen Sohn Chenggang Schulgeld bezahlen: 14 000 Yuan im Jahr. „Uns geht es eigentlich nicht schlecht“, sagt Guo Jinniu: „Unsere Eltern sind tot, also müssen wir nicht für sie sorgen. Mein Leben ist besser als früher. Ich bin jetzt kein Schräubchen mehr in der Fabrik. Aber krank werden darf ich nicht, nicht einen Monat. Ich spüre den Druck.“

Hier, in der dunklen Computerhöhle, zwischen Teenagern, die Ego-Shooter spielen, liest und schreibt er. „Wenn ich Gedichte lese, dann ist es, als sei ich in einem Magnetfeld gefangen. Ich selbst schreibe langsam, quälend langsam.“ Noch immer sitzt Guo Jinniu in seiner dunklen Kammer. Aber die Welt hat kurz aufgemerkt: Da sitzt einer. Der Preis, sagt er, habe ihm einen neuen Anfang geschenkt. „Von hier aus gehe ich weiter. Egal wohin.“ Seine Gedichte erscheinen bald in einem Buch. „Stell dir vor, die Gedichte eines Wanderarbeiters.“ Im Kopf hat er nun einen Roman. „Ich habe viel gesehen. Um mich herum sind Leute reich geworden, und andere haben ihr Leben gegeben. Manche haben zwanzig Jahre geschuftet und besitzen keinen Cent, dann wieder gibt es solche wie den aus meinem Dorf, der heute elf Fabriken besitzt, er will jetzt in den USA an die Börse. Manche sind einfach aus solchem Holz geschnitzt, andere wie ich sind zum Schreiben geboren.“

Mit Guo Jinniu im Auto seines Chefs. Bei der Schranke zu Foxconn. Die Sicherheit ist streng, der Ausweis des Chefs verschafft uns Einlass. Eine kleine Stadt, diese Fabrik: eigene Wohnheime, eigene Banken, eigene Supermärkte, eine eigene Polizeiwache. Hier müsste einer sein Leben lang nicht mehr raus. „Eigentlich sind die materiellen Bedingungen bei Foxconn besser als in den kleinen Fabriken“, sagt Guo Jinniu: „Die Gehälter sind höher, es gibt Sozialleistungen.“ Und die Selbstmorde? Der Chef seufzt. „Die jungen Leute. Nehmen Gefühle so wichtig. Sind anders aufgewachsen als wir noch, diese Einzelkinder. Immer im Mittelpunkt, immer alle Wünsche erfüllt. Voller Hoffnung. Dann landen sie hier, die Wachleute schubsen sie herum, der Vorarbeiter brüllt. Die sind schockiert.“ Guo Jinniu sagt: „Sie werden gehalten wie Roboter. Kein Wort dürfen sie miteinander sprechen. Zwölf Stunden lang. Auf die Toilette nur mit einer Nummer, die du beantragen musst.“ Der Westen vor hundert Jahren, Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“, das ist Shenzhen heute. Guo Jinniu deutet mit dem Finger nach oben. „Hier schau, da sind sie“: Auf dem ganzen Gelände, hoch über der Straße, umkränzen sie jedes Gebäude: engmaschige, feste Netze. Keiner soll hier mehr in den Tod springen.

Im 13. Stock wird ein Selbstmordnetz angebracht, das ist meine Arbeit.

Das bringt mir einen Tag Lohn.

Ich drehe langsam eine Schraube fest, im Uhrzeigersinn, sie kämpft und wehrt sich.

Je mehr Kraft ich aufwende, um so größer die Gefahr.

Reis, ihre Lippen feucht und duftend, zwei Tropfen Wasser in den Grübchen. Sie sorgt sich.

Der Herbst verliert jeden Tag ein Kleid.

Mein auf dem Papier heimgekehrter Freund, außer Reis, deiner Verlobten, erwähnt kaum noch einer, dass du einmal in diesem Haus in Zimmer 701 eine Pritsche belegt Dongguan Reisnudeln gegessen hast.

Die Heimat. „Damals, als ich in der Stadt ankam, war ich total verloren“, sagt Guo Jinniu. „Wenn ich jetzt in mein altes Dorf heimkehrte, ginge es mir genauso.“ Es gibt kein Zurück.

Folge 2 am 18. Dezember: Architektur

Kai Strittmatter
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Geboren (1965) und aufgewachsen im Allgäu. Studium der Sinologie in München, Xi’an (VR China) und Taipei (Taiwan). Den Journalismus erlernte Kai Strittmatter an der Deutschen Journalistenschule in München und probierte ihn zuerst aus in der Außenpolitischen Redaktion der Süddeutschen Zeitung. 1997 ging er als Korrespondent nach Peking und berichtete bis 2005 aus China, Taiwan und anderen Ländern der Region. 2005 wurde Kai Strittmatter Korrespondent in Istanbul, zuständig für die Türkei und Griechenland. Seit 2012 ist er wieder Korrespondent in China. Er ist der Autor mehrerer Bücher über China, Hongkong und Istanbul.

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Süddeutsche Zeitung, Medien, 14.12.2013

Hass im Netz

Das schwarze Wort
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Von Johannes Boie

Für eine Minute und 44 Sekunden ist der Junge im Bild zu sehen. Er sieht nicht gesund aus. Er macht ein paar Bemerkungen über das Fastfood, das er isst, er sagt, es schmecke ihm nicht. Es sei schlecht zubereitet. Der Junge spricht überlegt, er klingt ein wenig, als imitiere er einen professionellen Restaurantkritiker. Es ist ein lustiges, belangloses Video, eines von vielen Millionen im Internet.

„Der frisst wie ein Schwein“, schreibt ein Nutzer unter das Video als Kommentar.

Ein zweiter Blick, ein flüchtiger zweiter Blick würde reichen, um zu sehen, dass der Junge nicht gesund aussieht. Er sieht irgendwie aufgedunsen aus.

„Er war für mich so etwas wie ein Bruder“, sagt Jessica Blume über den Jungen. Sie ist heute 18 Jahre alt. Eigentlich heißt sie anders, aber diese Geschichte soll so erzählt werden, dass es möglichst schwer ist, das Video und die Beteiligten im Netz wiederzufinden. Der Junge war 14 Jahre alt, als das Video gedreht wurde und dann im Netz auftauchte.

„Unverantwortlich“, schreibt ein zweiter Nutzer unter das Video, „da sollte schon das Jugendamt einschalten.“ Es geht nicht darum, vollständige Sätze zu bilden. Es geht darum, Druck abzulassen. Es geht dann Schlag auf Schlag. Das fette Schwein, wie der frisst, der Idiot, immer weiter, immer schlimmer, immer vulgärer. Man kann das Video also lustig oder belanglos finden. Oder man kann den Jungen, der darin zu sehen ist, ohne weiteren Grund mit Hass, Abscheu, Wut, Gemeinheit und Niedertracht überschütten. Tausende entscheiden sich im Jahr 2010 für die letzte Option. Das Video von dem Jungen wird damals eine kleine virale Sensation im deutschsprachigen Netz.

Die Frage ist jetzt: Warum? Warum vergessen Menschen sich dermaßen, vor allem im Netz?

„Ein Grund ist, dass es keine Perspektivenübernahme gibt und keine Empathie, weil man nicht an der Reaktion des Gegenüber sehen kann, ob er verletzt wird“, sagt Psychologieprofessor Herbert Scheithauer von der FU Berlin. Niemand sieht den Jungen, wenn er die Beleidigungen liest. Dass er getroffen wird, bleibt sein Problem, und wenn er niemanden findet, mit dem er sprechen kann, bleibt er damit alleine.

Drei Phänomene hat Scheithauer im Hetzen der Masse ausgemacht: persönlichkeitspsychologische, sozialpsychologische und solche, die durch das Medium Internet bedingt sind. Im Fall des Jungen mit seinem Fastfood sind sie alle in den Kommentaren zu dem Video zu erkennen.

Jessica Blume, die beste Freundin des Jungen, sagt, sie habe noch versucht, mit ihm Kontakt zu halten, als der Krebs in seinem Kopf schon wucherte. Sie wollte ihn besuchen, aber er war in die nächste Großstadt gezogen, sie lebte fernab auf dem Land. Und damals, 2010, war sie erst 15. Ihr Freund war nur Monate nach ihr geboren, die Eltern Bekannte. Sie wuchsen zusammen auf, sie spielten gemeinsam, sie besuchten dieselbe Klasse bis zum Ende der Grundschule und dann noch dieselbe Schule. Bis der Junge krank wurde. Der Krebs wurde im Januar 2010 diagnostiziert.

Im Herbst deselben Jahres sind es erst Hunderte, dann Tausende Kommentare unter dem Video, das nun an vielen Stellen, auf verschiedenen Seiten im Netz zu finden ist: „Das is aber auch nen fettes schwein, so ein sollte man ins sportlager schicken.“ „Wegen der Chemo und durch das Cortison ist er so dick geworden“, sagt Jessica Blume. Der Hass wäre nicht weniger unfair gewesen, wenn der Junge nicht krank gewesen wäre. Wenn er dick gewesen wäre, weil er gerne zu viel gegessen hätte. Wenn er ein gesunder Schüler gewesen wäre, mit strahlender Zukunft. Tausenden geht es täglich so im Netz. Ihre Geschichten werden nie erzählt, sie leiden im Stillen.

„Wenn eine Gruppe im Netz hetzt“, sagt Scheithauer, „dann sieht sie das Ernsthafte hinter ihrem Tun nicht. Einzelne machen mit, weil alle mitmachen.“ Aber alle machen mit, weil sich jeder Einzelne dafür entscheidet. Zu Belohnung, wird man Teil einer Gruppe, auch dann, wenn man alleine vor dem Bildschirm sitzt.

Dabei gibt es durchaus Menschen, die sich gegen den Hass entscheiden, sie klicken weiter, zum nächsten Video, oder schalten den Computer aus. Anders als im Leben jenseits des Netzes, reicht Wegsehen im Digitalen aber nicht aus, um den Hass zu stoppen. „Das Netz verleitet schnell zur Ansicht: Alle sind meiner Meinung“, sagt Scheithauer. „Auf der Straße würde man diejenigen sehen, die am Opfer vorbeilaufen, statt draufzuhauen. Online sieht man sie nicht.“ Es mangelt dann an guten Vorbildern. Schweigen ist zu wenig.

Am 21. September 2010 schreibt der Junge, auf einem sozialen Netzwerk, auf dem er nicht als der Junge aus dem Video zu erkennen ist, dass er nun einen Rollstuhl habe: „nachher gleich in die Stadt *WOHOO“. Er kämpft nun an zwei Fronten. Gegen die Krankheit und gegen das Video, das entstanden war, als er mit Freunden, mit denen er sonst Computer spielte, einen Ausflug unternommen hatte.

Sein Vater engagiert Anwälte, die Juristen sorgen dafür, dass das Video aus dem Netz verschwindet. Irgendwelche Menschen sorgen dafür, dass es wieder hochgeladen wird. Das sind die Feindseligen. „Die Feindseligen bilden die zweite Gruppe neben den Mitläufern“, sagt Scheithauer. Es sind Menschen mit verminderter Empathie. Wenn es schlecht läuft, werden sie zu Anführern der Meute. Es läuft oft schlecht im Netz, und die Feindseligen haben oft die Technik auf ihrer Seite. Ein gelöschtes Video ins Netz wieder hochzuladen, ist sehr leicht. Das Video eines anderen im Netz löschen zu lassen, ist sehr schwer.

Ein paar Wochen später nur, es ist noch immer Herbst 2010, schreibt der Junge: „Ich bin bereit.“ Bereit zu sterben, meint er. Mit 14 Jahren hat er den Kampf verloren, an beiden Fronten. „Das musste er sich in seinen letzten Wochen alles noch anhören“, sagt seine Freundin, die Monate lang zugesehen hat, wie der Junge alles verlernt hat, von Fahrradfahren bis Kopfrechnen, während im Netz der Hass brodelte. „Wie die den fertiggemacht haben.

“ Im November 2010 stirbt der Junge. Nur die tragischsten Fälle von Online-Mobbing schaffen es so in die Medien, dass sie reflektiert und erklärt werden, dass sie in Lehrbüchern für Schüler landen. Menschen, die bis in den Tod getrieben werden, durch Kommentare im Netz, wie die fünf britischen Teenager, die in diesem Jahr im Netz auf der Seite ask.fm zum Teil direkt zum Suizid aufgefordert wurden, von irgendwelchen Fremden. Oder Menschen, die ärztliche Behandlung benötigen. Wie das Teenager-Mädchen, das auf einem Eminem-Konzert unvorsichtigerweise Sex hatte und dabei fotografiert wurde. Die Bilder landeten im Netz, und das Mädchen wurde weltweit von Millionen Nutzern wochenlang im Netz gemobbt: Schlampe, Hure, Nutte. Der Mann, mit dem die junge Frau zugange war, wurde in vielen Foren als Held gefeiert. Immer so, wie die Feindseligen es vorgeben. Die Gruppe folgt.

Die Tausenden anderen Fälle sind auch in den Medien, aber ganz anders. Sie finden auf Youtube und Facebook statt, auf Twitter, gutefrage.net und wie sie alle heißen. Auf Foren für Teenager, die kaum ein Erwachsener kennt. Sie alle bleiben unterhalb der Wahrnehmungsgrenze einer kritischen Öffentlichkeit. Dann ist der Hass unerbittlich, Gegenwehr kaum unmöglich.

Gegen die Mechaniken helfe nur Bildung, sagt Scheithauer. „In unserer Intuition fehlen Möglichkeiten, auf die neuen Medien zu reagieren.“ Immerhin: Aus den bekannten Fällen lernt die Gesellschaft wenigstens ein bisschen. In den jüngsten, großen Hetzjagden im Netz waren stets auch Stimmen zu hören, die zur Mäßigung rieten. Bei der Jagd auf die Bomber von Boston, bei der sich online Tausende als Digitalermittler aufspielten und zahlreiche Unschuldige verdächtigten, mehrten sich schnell Kommentare, die verlangten, man möge der Polizei das Ermitteln überlassen.

Im Netz lebt der Junge übrigens weiter, wider Willen. Es gibt und gab auch schon im Herbst 2010 ein paar Kommentare unter dem Video, in denen Menschen schrieben, dass er krank ist, oder wenigstens, dass er krank sein könnte. Ein paar wenige feiern ihn als Held der Internetkultur, eine Kultur, von der niemand weiß, ob sie ihm gefallen würde. Die Geschichte seines Lebens legt nahe, dass er ein anderer Held war. Ein Amateur-Rapper hat einen Song über das Video geschrieben, mit Musikvideo, in dem der Junge als Comicfigur auftaucht, es steht natürlich auf Youtube.

„Das hat mich irgendwie noch mehr kaputt gemacht. Ich kann das bis heute nicht in Worte fassen, das ist einfach nur schockierend“, sagt seine Freundin Jessica über den digitalen Mob, sie klingt ratlos.

Schon lange verbreitet sich langsam das Gerücht im Netz, dass der Junge tot sein könnte. Kommentar: „Also in den Himmel kommt er sicherlich nur mit dem Schwerlastkran.“ Man wünscht denjenigen, die so schreiben im Netz, dass sie eines Tages zufällig Jessica Blume kennenlernen, im Zug, bei der Arbeit, irgendwo. Und dass sie ihnen erzählt, von ihrem Freund, der viel zu jung gestorben ist, während im Netz Tausende über ihn lachten.

Johannes Boie
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Studium an der Freien Universität Berlin, gleichzeitig und davor Arbeit als Werbetexter und freier Journalist. Nach einem Arbeitsaufenthalt in Washington, DC, Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung, München. Themenschwerpunkte: Digitaler Wandel in Politik, Medien und Gesellschaft. Seit 2010 Redakteur; ab 2011 Entwicklungsredakteur und Leiter der digitalen Ausgabe; seit Anfang 2013 digitale Themen in der SZ. Im Jahr 2009 einer der vom Medium-Magazin gewählten „Top 30 unter 30“. Als Burns-Stipendiat 2010 für zwei Monate Gastredakteur bei der Los Angeles Times in Kalifornien.

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