Mehr Elite statt Burka. Frankreich testet eine neue Integrationspolitik

FAZ 20100208

Mehr Elite statt Burka. Frankreich testet eine neue Integrationspolitik

Wer einmal auf dem Hochplateau zu Gast war, auf dem die französische Elitehochschule „École Polytechnique“ ihr Quartier bezogen hat, der kann Pierre Tapie vielleicht ein bisschen besser verstehen. Der Vorsitzende der Konferenz der „Grandes Écoles“ hatte vor kurzem die Pläne der Regierung kritisiert, denen zufolge die Eliteschulen künftig verpflichtet sein sollen, etwa ein Drittel ihrer Studenten nicht mehr einzig nach dem Leistungsprinzip auszuwählen, sondern verstärkt junge Franzosen aus sozial schwachen Familien und solchen mit Einwanderungshintergrund aufzunehmen. Dies, so prophezeite Tapie, werde an den Eliteschulen zwangsläufig zu einer Korrektur des Niveaus nach unten führen. In dem Sturm der Entrüstung, den Tapie damit auslöste, war vor allem von sozialem Dünkel und von Verantwortungslosigkeit die Rede.

Wenn man einmal gesehen hat, wie die Studenten etwa der „École Polytechnique“ im Süden von Paris untergebracht sind, wenn man die Kletterwand, das Basketballfeld, die Laufbahn für Leichtathleten, den Ruderkanal, das Schwimmbad und den Pferdestall angeschaut hat und darüber hinaus auch einen Blick in die zwar kleinen, aber mit kostenlosem Internet- und Telefonanschluss ausgestatteten Studentenzimmer werfen durfte, dann wird man nachvollziehen können, warum die Elite des Landes so verbissen am Status quo festhält. Jede Aufweichung des Prinzips, dass nur jene eine „Grande École“ besuchen dürfen, die sich erfolgreich durch die extrem selektiven Vorbereitungsklassen gepaukt haben, bedeutete das Ende der Eliten, wie sie Frankreich seit Napoleon kennt. In ihrem Sinne kann das nicht sein.

Dabei ist offenkundig, dass die „concours“ genannten Aufnahmeprüfungen längst nicht allen die gleichen Möglichkeiten gewähren. Wie in Deutschland spielen auch in Frankreich die Einkommens- und Bildungsverhältnisse der Eltern eine entscheidende Rolle bei der schulischen Karriere der Kinder. Die sozialen Unterschiede zwischen manchen Pariser Vorstädten und den bürgerlichen Vierteln spiegeln sich in einer ungleichen Chancenverteilung bei der Ausbildungs- und Berufswahl wider. Deswegen sind auch die französischen Elitehochschulen, wie Klaus Harpprecht einmal schrieb, in Wirklichkeit nichts anderes als ein „republikanischer Aristokratieersatz“.

Wenn sich der französische Präsident nun ausgerechnet auf den für die Republik fundamentalen Wert der Gleichheit beruft, um an besagten Privilegien zu rütteln, ist das nicht ohne eine gewisse Ironie. Erstens hat man sich auf diesen Wert lange berufen, um das bestehende System zu verteidigen. Schließlich hatte der Kampf um „Égalité“, der während der Französischen Revolution ausgetragen wurde, entscheidend dazu beigetragen, dass sich die später gegründeten Eliteschulen strikt am meritokratischen Prinzip orientierten. Zweitens aber macht die nun vorgeschlagene Art von „positiver Diskriminierung“ den Präsidenten in Gleichheitsfragen offenkundig angreifbar. Dennoch wird sein Vorschlag von vielen gutgeheißen, denn Frankreich hat seine Einwanderer lange vernachlässigt. Es hat in gewaltsamen Ausschreitungen erfahren müssen, wie viel sozialer Sprengstoff in diesen Versäumnissen liegt. Der Versuch, den Benachteiligten die elitärsten Institutionen des Landes zu öffnen, ist auch eine Antwort auf diese Ereignisse. Wenn man so will, ist sie das Zuckerbrot, das man den Einwanderern bietet. Die Peitsche gibt es aber auch noch.

Denn auch an anderer Stelle schreitet Frankreich dieser Tage im Namen eines seiner höchsten Güter ein, um sich vor einer vermeintlichen Bedrohung von innen zu schützen. Ob man wegen der etwa zweitausend Frauen, die im Land einen Ganzkörperschleier tragen, eine hitzige Debatte um ein Burka-Verbot führen muss, mag dahingestellt sein. Es zeigt sich allerdings auch hier, wie sehr sich Teile Frankreichs vor einer Radikalisierung seiner vielen muslimisch geprägten Einwanderer fürchten. „Die Burka ist auf dem Territorium der Republik nicht willkommen“, hatte Präsident Sarkozy schon im Sommer vergangenen Jahres gesagt. Es gelte, die Freiheit und die Würde der Frauen zu schützen. Ähnlich wie im Jahr 2004, als das Land darüber debattierte, ob kopftuchtragende Mädchen an öffentlichen Schulen unterrichtet werden sollen, beruft man sich dabei auf die laizistische Tradition des Landes.

Die Vorgehensweise in beiden Debatten aber – sowohl die Idee, die Freiheit des Landes durch ein Verbot zu verteidigen, als auch der Versuch, die Gleichheit durch eine Quotenregelung zu erzwingen – verrät viel über die Hilflosigkeit der Französischen Republik, ihr Verhältnis zu den Einwanderern zu definieren und zu rechtfertigen. Mitten in der selbstgestellten Frage nach der nationalen Identität gesteht man damit implizit ein, dass es, anders als bisher angenommen, doch nicht reichen könnte, einen französischen Pass zu besitzen, um Franzose zu sein. Das stellt uralte Überzeugungen in Frage und schafft Unsicherheiten. Das Ringen um Freiheit und Gleichheit, um die Dogmen des französischen Republikanismus und damit auch um das Erbe der Revolution, hat wieder begonnen. Lena Bopp

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.02.2010 Seite 25

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