Lampedusa, Afrika. Und Politik

Auch, wenn der folgende Beitrag keinen Lösungsweg aufzeigt, so beschreibt er die Situation wenigstens in der zutreffendenTiefe. Was heisst „richtige Politik“, wenn es keine einfache Lösung gibt. Mitfühlen ist menschlich, aber kein politisches Rezept:

Aus der FAS, SONNTAG, 13. OKTOBER 2013
POLITIK
Die Toten von Lampedusa
Aus dem warmen Wohlfühl-Europa kann man viel fordern. Das nützt Afrika aber wenig
Von Jochen Stahnke

In Senegal sprach ich mal mit einem Fischer, dessen Kumpel mit einer Piroge auf die Kanarischen Inseln übergesetzt war. Dort vegetierte der Kumpel zunächst in einem Lager vor sich hin und saß dann monatelang in einem Abschiebegefängnis auf dem spanischen Festland. Regelmäßig rief er seine Familie in Senegal an, und er erzählte Lügen. Wie er eine Wohnung gefunden habe und endlich einen Job. Bald werde er Geld schicken, aber Spanien sei nun mal nicht billig.

Seine Familie glaubte seinen Lügen. Sie glaubte und glaubte. Auf die Entscheidungen anderer zu vertrauen kann ein großer Fehler sein. Dinge, die einem sicher erscheinen, können Illusion sein. Der Kumpel des Fischers wurde abgeschoben. Heute hängt er als gebrochener, verlassener und verachteter Mann in seinem Heimatdorf rum.

Bei vielen Afrikanern reicht das Geld nur für einen Tag, am nächsten kann alles anders sein. Dann kann das Haus kaputt sein, der wenige Besitz gestohlen, konfisziert oder – selten – zerschossen. Wenn doch mal Geld da ist, steht sofort die Großfamilie vor der Tür und verlangt ihren Teil. Sich von ihr zu lösen ist in Afrika unmöglich. Die Familie ist da, auch wenn man Tausende Kilometer weit weg in einer Nussschale der Ungewissheit entgegendümpelt. Oft hat die Familie ja zusammengelegt, um einem Verwandten die Überfahrt zu ermöglichen. Wer es nach Europa geschafft hat, die Auffanglager verlassen konnte und auch nur kleine Summen in die Heimat schickt, ist eine große Hilfe. Dieses Geld ist wirksamer als jede Entwicklungshilfe. Aber niemand kann sagen, ob und wie viele hunderttausend Flüchtlinge nötig sind, um mit ihren Überweisungen eine verarbeitende Industrie in der Heimat aufzubauen. Beinahe jede Woche kommt ein Flüchtlingsboot in Lampedusa an. Erst am Freitag kenterte wieder eines vor der Küste. Auf den Booten sind Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern, aber auch aus im afrikanischen Vergleich stabilen Staaten wie Senegal oder Ghana, in denen die Menschen weder Hunger leiden müssen noch von Krieg bedroht sind. Auf dem Boot, das vor einer Woche versank, waren Somalier und vor allem Eritreer.

Die Somalier wollten nicht damit leben, dass immer wieder Kugeln durch die Straßen fliegen, dass immer wieder Banden friedliche Bürger erpressen und ausrauben. Und Eritrea, wo immerhin kein Krieg herrscht? Fünf Prozent der Bevölkerung Eritreas sind bisher geflohen. Nicht die Ärmsten fliehen nach Europa. Sie können gar nicht. Um zu fliehen, braucht man Geld. Tausend Dollar kostet es, die Sahara zu durchqueren, weitere tausend Dollar verlangen die Schlepper für die Fahrt über das Mittelmeer, Wegzehrung, Wegzölle und andere Kosten nicht inbegriffen. Es ist der Mittelstand, der flieht, es sind jene, die das Geld hätten, ein Unternehmen zu gründen oder sich fortzubilden. Die Menschen fliehen, weil sie nicht mehr wie in einem Gefängnis leben möchten, sie wollen nicht lebenslang Militärdienst leisten. Aber diskutiert jetzt jemand über Eritrea? Gibt es einen Plan, dieses Land zum Besseren zu verändern? Hat Pro Asyl einen? In Eritrea entspannt sich die Lage nicht, nur weil ein paar tausend weitere Bewohner in Auffanglager nach Sachsen geschickt werden.

Vom warmen Wohlstandssupermarkt Europa aus kann jeder Forderungen stellen. Aber sie zu stellen gehört zum Alltag der Lobbygruppen, Publizisten und Politiker, die leichtfertig mit dem großen Begriff Schuld um sich werfen. Die Zustände in den Herkunftsländern müssen verbessert werden. Schon klar. Aber Wirtschaftssysteme lassen sich nicht per Deklamation fairer gestalten, Industrien nicht von Entwicklungshelfern aufbauen. Soll ein Diktator erst noch gewaltsam beseitigt werden, gibt es noch einen Krieg und noch mehr Flüchtlinge.

Die innere Öffnung der Europäischen Union und die Integration ihrer unterschiedlich begüterten Bewohner sind schwierig genug, strengere Kontrollen an den Außengrenzen erscheinen deshalb wenigstens für einige Zeit sinnvoll. Flüchtlingen, die in Europa stranden, muss trotzdem besser geholfen werden, Menschen, die es bis hierher geschafft haben, sollten arbeiten und für sich selbst sorgen dürfen. Auch wenn dies neue Illusionen hervorruft. Schon die Abfahrt von Flüchtlingsschiffen muss verhindert werden, und gleichzeitig sollte es einen Plan geben, wie konkret mit den Schiffen und ihren Insassen umgegangen werden soll, die es trotzdem auf See geschafft haben. Dass auch Schlepper hart bestraft werden müssen, versteht sich von selbst. Mehr Flüchtlinge bei uns? Wie viele sind genug? Ab welcher Anzahl lassen die Schuldgefühle nach? Aus einem afrikanischen Land ist nicht bekannt, dass dort staatliche Trauerfeiern für die Ertrunkenen stattfanden.

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