Kosmopolitismus oder Kosmopolitisierung. Ein Unterschied, der ans Leben gehen kann.

Ulrich Beck hat einen bemerkenswerten Auftaktartikel über die weltgesellschaftlichen Entwicklungen geschrieben. Der Kern:

In einer empirischen Fallstudie zeigt die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes, wie die Ausgeschlossenen der Welt, die wirtschaftlich und politisch Enteigneten – Flüchtlinge, Obdachlose, Straßenkinder, Migranten ohne Papiere, Häftlinge, alternde Prostituierte, Zigarettenschmuggler und Diebe –, Teile ihres Körpers an die Transplantationsmedizin liefern. In den Körperlandschaften der Individuen verschmelzen Kontinente, Rassen, Klassen, Nationen und Religionen. Muslimische Nieren reinigen christliches Blut. Weiße Rassisten atmen mit der Hilfe schwarzer Lungen. Der blonde Manager blickt mit dem Auge eines afrikanischen Straßenkindes auf die Welt. Ein katholischer Bischof überlebt dank der Leber, die aus einer Prostituierten in einer brasilianischen Favela geschnitten wurde. Die Körper der Reichen verwandeln sich zu kunstvoll zusammengesetzten Patchwork-Arbeiten,

Das Bild raubt einem den Atem. Die Schlußfolgerung liegt nahe: Globalisierung ist individuell. So wie der mexikanische Milliardär nicht viel mit seinem kleinen Drogendealer, mit der Prostituierten im Land zu tun hat. Die Welt ordnet sich nicht mehr national.

Ach ja, und noch ein zweiter Schluss ist richtig: Der Kampf der Kulturen, der stattfindet, ist ebenfalls nicht nur der Kampf des Westens gegen den Iran, sondern ist längst auch der Umgang deutscher Christen und Ungläubiger mit ihren muslimischen Nachbarn.

Think global, act local.

Wenn man dieses Wasser auf die politischen Mühlen lenken würde, vermute ich, gäbe es eine Schlussfolgerung: Wir brauchen ein starkes Euorpa, wir brauchen starke überstaatliche Strukturen, zumindest im westlichen Interesse, um die gemeinsamen Interessen und Werte durchsetzen zu können. Robert Manesse hat ja mit dem europäischen Landboten ein Büchlein verfasst, das im Grunde argumentiert, man müsse einfach akzeptieren, dass der europäische Gedanke ein Elitengedanke ist. Und überhaupt: So schlimm wären die europäischen Bürokraten auch nicht. Als Leistung beschreibt er dann, dass die Europäische Gemeinschaft uns 60 Jahre Frieden gebracht hat. Das wäre ja immerhin etwas, da könnte man ein bißchen bürokratische Elite schon aushalten.

Aber stimmt eigentlich die Geschichte, dass die EU uns 60 Jahre Frieden gebracht hat? Also, das bürokratische Monster EU. Und weiter, wenn er schreibt, der Masterplan, die Montanunion, die hätten gezeigt, dass Hilfe funktioniert, Solidarität sich lohnt.

Aber gilt diese Gleichung auch in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, die, die uns ihre Nieren verkaufen, aber anderen Glaubensrichtungen anhängen?

Wenn die Politik im Zeitalter des Kosmopolitismus, also dem kosmopolitischen Programm, das immer unvollendet bleiben wird und der Kosmopolitisierung, also der globalen Verfügbarkeit der Reichen über die Armen, nachdenkt, entwickelt sie immer gleich verbindliche, einheitlich durchgreifende Institutionen. Das ist dem „Weiter so“ unseres Denkens geschuldet, nicht der Realität. Die kann nämlich komplexer sein. Institutionelle Geflechte können sicher eine Zeitlang von einer Elite getragen sein. Aber auf Dauer funktioniert das nicht, schon dann nicht, wenn wir von einer Demokratie sprechen. Die erfordert zumindest Akzeptanz und Zustimmung. Auf die Frage direkter Demokratie, die erheblich mehr erfordert, will ich gar nicht weiter eingehen. Direkte Demokratie ist ein institutionelles Blockadeinstrument. da lassen sich politische Blütenträume mit zurück auf den Boden holen, mehr nicht.

Ich will man ein anderes Bild einführen in Sachen Kosmopolitismus: Ich als Person sage ja zu einer kosmopolitischen Orientierung. Wer in anderen Ländern unterwegs ist, spürt oftmals, wie nahe sich die Menschen sind, wie unkompliziert oftmals Verständigung gelingt, ob in der Türkei, in Europa sowieso, in Indien und auch in China. Gastfreundschaft ist etwas, was in wenig entwickelten Ländern sehr ausgeprägt war, vom europäischen Kolonialismus, dem kriegerisch robusten, auch hemmungslos ausgenutzt wurde.

Aber Kosmopolitismus akzeptiert das Anderssein des Anderen. Das wird oft übersehen. Nehmen wir mal eine der umstrittenen Fragen, die vieldiskutierte Kopftuchfrage oder die Frage sexuell freizügiger Darstellung. Die westliche Meinungsfreiheit ist ein Modell damit umzugehen, aber wer sagt eigentlich der Welt, dass es das einzig richtige Modell ist? Wenn westliche Frauen (und Männer) über die Kopftücher islamischer Frauen sprechen, verstehen sie dann die subjektive Dimension des Kopftuchs? Ist die Frage, beispielsweise jetzt mit dem Schwimmunterricht und dem Burkini, tatsächlich über staatliche Vorordnungen zu lösen oder braucht es nicht auch Verständigung? Schon, weil nur wenn die Akzeptanz einer Regelung durchgesetzt werden soll, muss man wissen, wie diese Regelung rezipiert wird in unterschiedlichen islamischen Inlandskulturen (und wie sie von außen befeuert wird im ideologischen Kampf, der ebenfalls stattfindet).

Es gibt viele Fragen, Diskussionsstoff, aber wenig verbindliche Lösungen. Das Kopftuch hat inzwischen, auch sichtbar, eine sehr breite Ausdifferenzierung gefunden. Herrschaftsinstrument der islamischen Männer über ihre Frauen, ja, aber es kann auch Identität einer Frau mit islamischem Hintergrund sein, kulturelle Selbstbehauptung, Selbstbewußtsein, Ich bin anders und will in dem Anderssein auch wahrgenommen werden. Ja, ich finde vollverschleierte Frauen auch jenseitig, aber das ist meine Ausgangshypothese, aber wenn ich, und der Westen, der Meinung bin, ich lehne das aus Menschenrechtsgründen ab, muss ich schon auch wahrnehmen können, wie das bei den Betroffenen ankommt. Es gibt auch Einverständnis in die eigene Unmündigkeit, immer wieder, insofern findet gesellschaftliche Entwicklung, hier, gesellschaftliches Zusammenwachsen, nur in der Kombination von verbindlich/gesetzlichen Regelungen und einer Auseinandersetzung über diese Regelungen statt. Und die findet eben nicht statt, weil Menschen mit islamischem Hintergrund, mit bewußt islamischem Hintergrund, kaum eine Rolle spielen in der deutschen, europäischen politischen Debatte. Nur Assimilierte werden wahrgenommen.

Meine Schlußfolgerung ist deshalb, dass wir eine Denk- und Wahrnehmungspause in Sachen Kosmopolitisierung und Europäisierung brauchen. Die Vereinheitlichung ist zum Selbstzweck geworden und gleichzeitig hat sich der Westen ideologisch so entblößt, entlarvt, wie es kein Taliban besser hätte planen können. Wir brauchen keine weiteren Talibans, um uns die Freiheits- und Bürgerrechte zu rauben. Die US-Regierung, im klammheimlichen Selbstverständnis mit ihren westlichen Verbündeten, auch den immer unschuldigen Deutschen, hat das selber erledigt.

Vor diesem Hintergrund brauchen wir ein kommunikatives Zusammenwachsen der Welt, einen Austausch, Abrüstung, Einverständnis ins Unwiderrufliche (Die Alternative ist Krieg), dass es unterschiedliche Wertvorstellungen, unterschiedliche Wahrnehmungswelten gibt. Und dass nur, wenn wir diese Unterschiedlichkeit in unsere Weltentwicklungsmodelle einbeziehen, austesten was geht und nicht immer wieder abpressen und erkaufen (auch, wenn es um „gute Ziele“, beispielsweise den vernünftigen Umgang mit Ressourcen geht), werden wir eine Lösung der friedlichen Verständigung finden.

Und, ich füge das an, weil es ebenfalls ein deutsches Tabuthema ist. Vielleicht ist es auch besser, weniger institutionelles Europa zu wollen, wenn es nicht geht. Es ist nur komplizierter zu denken. Müssen wir Deutschen tatsächlich unser Modell des Lebens, Sachrationalität und Effizienz, dafür aber auch eine gewisse Freudlosigkeit, als Paradigma des zweckrationalen Kapitalismus über das gesamte Europa stülpen. Nur, weil wir so als Europa eine Stimme, eine Kraft haben? Oder ist diese Stimme, diese Kraft schon eine politologische Schimäre?

Vielleicht gibt es ein Denkmodell der europäischen Zivilgesellschaft, die nicht das bürokratische Monster Europa braucht. Das wird und soll man nicht abschaffen, aber man sollte daran arbeiten, einfach der europäischen Bürokratie Grenzen aufzuzeigen. Einheitlichkeit ist nicht alles. Ich glaube auch nicht, dass das französische Governance-Modell zukunftsfähig ist. Aber vielleicht habe ich Unrecht. Aber wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas einen Schlafwagenkurs fährt, indem es seinen Bürgerinnen und Bürgern ein „weiter so“ simuliert, um ihnen schmerzhafte Korrekturen und sich den Verlust von Macht zu ersparen, dann finde ich das fragwürdig. Und wenn für die Folgen Deutschlands Steuerzahler die Verantwortung übernehmen sollen, finde ich das falsch. Das verhindert die Allokation von Verantwortung. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch eine Option „Auflösung des Euros“ europhil argumentieren. Weil jedes Land das Recht hat, nach seiner Version glücklich zu werden.

Dieser Tage hatte ich eine Buchbesprechung gelesen zum Wert des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, einem Konstrukt, dem ich bisher keine Bedeutung zugemessen habe. Veilleicht sind solche hybriden Konstruktionen, deren Bedeutungen man nicht au den ersten Blick erkennt, doch wichtiger als man dachte.

Und hier der Beitrag Ulrich Becks, der mir den Anstoß dazu gab:

FAZ, DONNERSTAG, 05. SEPTEMBER 2013
FEUILLETON
Das Zeitalter der Kosmopolitisierung

Politik, Medien und Sport tun so, als ob der Nationalstaat ewig bestehen müsste. In Wahrheit sind wir längst alle Weltbürger, gestehen es uns aber nicht ein. Höchste Zeit, sich über Chancen und Risiken Gedanken zu machen. Von Ulrich Beck

Unsere Welt ist von radikalen sozialen Ungleichheiten gekennzeichnet. Am unteren Ende der Welthierarchie sind unzählige Menschen im Kreislauf von Hunger, Armut und Schulden gefangen. Von blanker Not getrieben, sind viele zu einem verzweifelten Schritt bereit. Sie verkaufen eine Niere, einen Teil ihrer Leber, eine Lunge, ein Auge oder auch einen Hoden. So entsteht eine Schicksalsgemeinschaft der ganz besonderen Art: Das Schicksal von Bewohnern der Wohlstandsregionen ist gekoppelt mit dem Schicksal von Bewohnern der Armutsregionen.

Für beide Gruppen geht es um Existentielles im Wortsinn, das Leben und Überleben. Was früher koloniale Landnahme war, vollzieht sich allerdings heute als „Körpernahme“, als transkontinentale Aneignung und Verteilung lebender Organe in der Spaltung der Welt zwischen Reichsten und Ärmsten.

In einer empirischen Fallstudie zeigt die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes, wie die Ausgeschlossenen der Welt, die wirtschaftlich und politisch Enteigneten – Flüchtlinge, Obdachlose, Straßenkinder, Migranten ohne Papiere, Häftlinge, alternde Prostituierte, Zigarettenschmuggler und Diebe –, Teile ihres Körpers an die Transplantationsmedizin liefern. In den Körperlandschaften der Individuen verschmelzen Kontinente, Rassen, Klassen, Nationen und Religionen. Muslimische Nieren reinigen christliches Blut. Weiße Rassisten atmen mit der Hilfe schwarzer Lungen. Der blonde Manager blickt mit dem Auge eines afrikanischen Straßenkindes auf die Welt. Ein katholischer Bischof überlebt dank der Leber, die aus einer Prostituierten in einer brasilianischen Favela geschnitten wurde. Die Körper der Reichen verwandeln sich zu kunstvoll zusammengesetzten Patchwork-Arbeiten, die der Armen zu einäugigen beziehungsweise einnierigen Ersatzteillagern. Der stückweise Verkauf ihrer Organe wird so zur Lebensversicherung der Armen, in der sie einen Teil ihres körperlichen Lebens hingeben, um in Zukunft überleben zu können. Und als Resultat der globalen Transplantationsmedizin entsteht der „biopolitische Weltbürger“ – ein weißer, männlicher Körper, fit oder fett, in Hongkong, Manhattan oder Berlin, ausgestattet mit einer indischen Niere oder einem muslimischen Auge.

Der globale Arme ist zugleich in einem sehr spezifischen Sinne inkludiert und exkludiert. Er ist in unserer körperlichen Mitte – und nicht zuletzt deswegen kein „globaler Anderer“ mehr.

In diesem Fall treten die Kennzeichen der Conditio humana am Beginn des 21. Jahrhunderts hervor. Die Gegensätze zwischen national und international, innen und außen, Wir versus die Anderen bleiben bestehen, aber werden doch vom Fortschreiten der Moderne überrollt. Sie lösen sich auf und verschmelzen zu neuen Formen. „Frische Nieren“, die von Körper zu Körper, vom globalen Süden in den globalen Norden transplantierten Organe, stellen kein Ausnahmebeispiel dar: Sie sind Symbol für eine umfassende Entwicklung. In der inneren Verbindung der radikal ungleichen Welten verwandeln sich Institutionen und Lebensbereiche – zum Beispiel Liebe, Elternschaft, Familie, Haushalt, Beruf, Erwerbsarbeit, Arbeitsmarkt, Fußball, Religion, Recht, Nation, Militär, Staat. Das alltägliche Ineinander der Welten zeigt sich in den Regalen der Supermärkte und auf den Speisekarten der Restaurants; an der Sprachenvielfalt in den Klassenzimmern und Pausenhöfen der Schulen; an den weltweiten Auslandseinsätzen der deutschen Bundeswehr und ihrer Verwandlung zu einer internationalen Friedenstruppe; am Etikett „Made in Germany“, das oft ein Etikettenschwindel ist, weil das Produkt nicht made in Germany ist, sondern in globalisierten Produktionsketten und Billiglohnländern hergestellt wird; an der Champion-Liga der Fußballvereine wie Bayern München oder Real Madrid, die zutreffender „Bayern global“ oder „Real global“ heißen müssten. Dieses alltägliche Ineinander der Welten vollzieht sich im Siegeszug der weltweiten Kommunikationsmedien von Internet, Skype, Facebook et cetera und durchzieht Kunst, Wissenschaften, Weltreligionen. Es bricht über uns herein in Form von Weltrisiken wie Klimawandel, Finanzkrise, Terrorbedrohung oder digitaler Datenausspähung (der abhörende Andere ist in unserer Mitte), denen eines gemeinsam ist: Sie unterstehen dem Gesetz des kosmopolitischen Imperativs „kooperieren oder scheitern“, das heißt, sie können nicht im nationalen Alleingang, sondern nur auf dem Weg der grenzübergreifenden Zusammenarbeit bekämpft werden.

Das Zeitalter der Kosmopolitisierung hat, wie gesagt, auch den Bereich des Religiösen erfasst. Während die Weltreligionen viele Jahrhunderte lang nebeneinander in je politisch-geographisch getrennten Räumen existierten, sind sie heute im eigentlichen Wortsinn zu Weltreligionen geworden, die im globalen Kommunikationsraum politisch explosiv aufeinandertreffen. Es entsteht eine Vielgötterei der Monogötter, die gleichzeitig in weiten Teilen des Westens auf aggressive Gleichgültigkeit und antireligiösen Säkularismus trifft.

Der kosmopolitische Blick macht verstehbar, was ohne ihn unsichtbar bliebe: Es handelt sich bei diesem oft tödlichen Aufeinanderprallen religiöser und säkularer Gewissheiten nicht nur um einen Zusammenstoß gegensätzlicher Vorstellungen von Religion und Gott, sondern um die Kollision gegensätzlicher Wertvorstellungen von Freiheit. Wie ein muslimischer Demonstrant erklärt: „Wir denken nicht, dass die Verspottung des Propheten ein Zeichen der Freiheit ist. Wir denken genau umgekehrt, dass sie ein Angriff auf unsere Freiheitsrechte ist.“

Kosmopolitisierung meint hier also keineswegs: Wir alle sind oder werden Kosmopoliten. Es meint vielmehr: Der entfernte religiöse Andere ist in unserer Mitte. Durch die Vernetzung der Welten kollidieren die universellen Wahrheitsansprüche und werden zu einem Brandsatz, zum Weltrisiko.

Die größten und fruchtbarsten Kontroversen der europäischen Aufklärung sind mit der Idee des Kosmopolitismus verbunden – und in Vergessenheit geraten. „Der Patriotismus ist einseitig, klein, aber er ist praktisch, nützlich, beglückend, beunruhigend, der Kosmopolitismus ist herrlich, groß, aber für einen Menschen fast zu groß, der Gedanke ist schön, aber das Resultat für dieses Leben ist innere Zerrissenheit“, schreibt Heinrich Laube im Jahre 1876. Dagegen prophezeite zur selben Zeit Heinrich Heine, der sich selbst als eine Verkörperung des Kosmopolitismus sah, „dass dieser am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und (…) mehr Zukunft hat, als unsere deutschen Volkstümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören“. Und er kritisierte den Nationalismus der Deutschen, der darin bestehe, „dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur noch ein enger Deutscher sein will“.

Heute ist nicht mehr darüber zu streiten, ob der Patriotismus zu klein, aber praktikabel, der Kosmopolitismus dagegen großartig, aber kalt, elitär und unlebbar ist. Heute steht zur Diskussion, dass die Wirklichkeit selbst kosmopolitisch geworden ist. Mit Fernliebe, Weltfamilien und globalisierten Haushaltshilfen, mit der deutschen Bundeswehr, die zum militärischen Arm von Amnesty International geworden ist, mit der zunehmenden Ortspolygamie und dem Kollisionspunkt der Weltreligionen an allen Orten der Welt hat der Kosmopolitismus aufgehört, eine bloße, dazu noch umstrittene Vernunftidee zu sein. Er ist, wie verzerrt auch immer, aus den philosophischen Luftschlössern aus- und in die Wirklichkeit eingewandert. Mehr noch: Er ist zur Signatur eines neuen Zeitalters geworden, des Zeitalters der Kosmopolitisierung. Nun benötigen wir für diese kosmopolitisch gewordene Welt dringend einen neuen Beobachterstandpunkt – den kosmopolitischen Blick –, um zu erkunden, in welcher gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit wir eigentlich leben und handeln.

Es ist allerdings zentral, klar zwischen Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung zu unterscheiden. Kosmopolitismus handelt von Normen, Kosmopolitisierung von Fakten. Kosmopolitismus im philosophischen Sinn, bei Immanuel Kant wie bei Jürgen Habermas, beinhaltet eine weltpolitische Aufgabe, die von oben, also Regierungen und internationalen Organisationen, oder von unten, etwa zivilgesellschaftlichen Akteuren, durchgesetzt wird.

Kosmopolitisierung dagegen vollzieht sich von unten und innen, im alltäglichen Geschehen, oft erzwungen, unbemerkt, ungewollt – selbst wenn weiterhin Nationalflaggen geschwenkt werden und Politiker die nationale Leitkultur ausrufen und den Tod des Multikulturalismus verkünden.

Wie tief geht der Epochenwandel, der einen anderen Blick auf die Welt fordert? Erleben wir vielleicht sogar eine neue Achsenzeit? Wir wissen es nicht. Einen Überblick gibt es nicht. Wir sind mittendrin im Handgemenge. Aber ein paar Einblicke und Ausblicke wollen wir doch bekommen. Die andere Art, das alltägliche Ineinander der Welten zu sehen, die soll „der kosmopolitische Blick“ eröffnen und erproben – eine Serie von Artikeln in dieser Zeitung.

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