Ist die CDU eigentlich noch christlich? Oder viel mehr: Ist die CDU noch die CDU?

Annette Kramp-Karrenbauer, CDU (das muss man inzwischen ja immer dazu sagen)-Ministerpräsidentin aus dem Saarland, hat sich zum Thema Schwulen und Lebenehe geäußert. Wie die meisten, habe ich das Originalinterview nicht gelesen, sondern nur die Reaktionen mitbekommen. Sie befürchte, war der Tenor, dass dann auch Pädophile und andere heiraten dürften. Der Sturm der Entrüstung war groß. Wie kann die nur, meinten dann die QUEERpolitischen Sprecher verschiedener Fraktionen. 

Die Welle, die diese ganze Debatte auslöst, ist ganz schön groß. 
Ich persönlich dachte ja, Homo-Ehe gäbe es schon, bin demnächst auch auf einer eingeladen, aber ist keine echte Ehe. 
Aha! Schlecht informiert. Aber ich gebe auch zu, das Thema interessiert mich nicht sonders. 
Die CDU hat jetzt eine veritable Debatte. Frau von der Leyen, dem Zeitgeist immer ganz eng auf der Spur, hat sich in ihrer, sicher konservativen und, wie wir wissen, großen Familie umgehört und festgestellt, dass auch Onkel und Tanten und Omas nichts gegen schwule Ehen hätten, wenn die beiden denn glücklich werden. 
Der Berliner CDU-Vorsitzende Henkel hat jetzt vorgeschlagen, die CDU solle doch mal eine Mitgliederbefragung dazu machen. Wollen die CDU Mitglieder, das Schwule und Lesben heiraten (und Kinder adoptieren) können oder nicht? Starkes Stück für einen christlichen Politiker. Aber wie gesagt, der Wähler und die Wählerin sind halt so. 
Was bleibt eigentlich von unserer Parteienlandschaft? Was bleibt, wenn jetzt schon eine sich christlich wähnende CDU per Mitgliederbescheid entscheiden muss, ob sie christliche Überzeugungen, dass nämlich die Ehe eine Vereinbarung von Mann und Frau zum Zwecke der Erziehung von Kindern ist, per Mitgliederentscheid entschieden werden muss?
Man kann schon sagen, dass die CDU inmitten des Umbruchs steckt. Wir bleiben gespannt.
Frau Kramp-Karrenbauer übrigens argumentiert, auch wenn ich die Argumentation nicht teile, durchaus differenziert. Aus einem christlichen Weltbild sogar völlig logisch. 
Was mich dabei ärgert, ist, dass im öffentlichen Raum Debatten abnehmen und Kampagnen zunehmen. Es wird nicht geredet (auch nicht in Online-Foren), es wird nicht darum gerungen, möglichst viele Argumente für die eigene Position zu finden und gegen die Argumente, die dagegen stehen, abzuwägen. Sondern es wird draufgehauen. 
Das nervt. Die Welt ist nämlich nicht schwarzweiss. 
Mir ging das auch schon bei der Kopftuchdebatte so. Wir Biodeutschen, deren Kontakt zu Kopftuchträgerinnen ja nicht so besonders intensiv sind, sind ja weitgehend auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen. Jetzt befinden wir uns in einer Gefechtslage, in denen die einen Frauen Kopftücher tragen, weil sie das wollen und die anderen, weil sie aktive oder passive Akteure in Kampagnen eines kampfbereiten Islamismus sind. Das Problem: Wenn man die ganze Welt nur aus dem Blickwinkel des Kampfes gegen den Islam sieht, müsste man eigentlich Neutralität einfordern, keine Kopftücher, aber auf der anderen Seite kann die Akzeptanz des Kopftuchs auch eine Anerkennung dessen sein, dass unsere Welt, die deutsche, die christlich deutsche, nicht mehr so christlich deutsch ist. 
Es ist abzuwägen. Und vielleicht ist auch der Weg schon Teil des Ziels: Eine Debattenkultur und eine Anerkennung unterschiedlicher Kulturkreise zu haben. 

Der Westen wird in den nächsten Jahren jede Menge solcher Debatten haben. Man kann das kulturrelativistisch distanziert betrachten oder man kann solche Debatten einfach führen. Man kann altklug drüber stehen oder sich in die Debatte bewegen. 
Vielleicht auch mal ein Grund, über die Haltung in solchen Debatten nachzudenken. Und zu fragen: Was ist uns wirklich wichtig. Und worüber wollen und können wir reden.

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