High Noon in Deutschland. Das Ende des Rheinischen Kapitalismus?

Was für eine Geschichte! Die Fall Siemens löuft auf seinen Höhepunkt zu. Auf der Bühne: Chefaufklärer Cromme. Und der Schurke von Pierer. Er hat zwar Siemens nach vorne gebracht, aber in Sachen Korruption, alles zum Wohle der Unternehmensfamilie Siemens weiter betrieben. Wenn es jetzt in die finale Runde geht, ist das ein einzigartiger Vorgang. Anlass, ein paar Fragen zu stellen.

Die FAZ hat einen neuen Teil: Die Lounge. Da ruht sich der Macher aus. Aber im Gegensatz zu manch anderer Lounge, in der der gedämpfte Ton vorherrscht, ist es dort jetzt ziemlich laut geworden. Denn zwischen Ex-Chef von Pierer und seinem ehemaligen Oberaufseher Cromme herrscht Krieg. Der Gute ist Cromme, der Böse Pierer. Der am 31.10.09 erschienene Artikel (Halloween!) nimmt sich zu einer sehr eindringlichen Schilderung Zeit. Sie ist uns Anlass zur Reflektion. Wir wollen das aus unterschiedlichen Blickwinkeln tun.

Blickwinkel 1: Gut ist, was nützt. Im Grunde erinnert das Siemens-Stück ja an andere, ähnliche Aufführungen aus früheren Jahren. Wir Älteren kennen die Pflege der politischen Landschaften (von Brauchitsch). Wir kennen auch die ins Ausland versickerten Gelder der CDU (Hessen lässt grüßen. Und Helmut Kohl schweigt). Siemens ist also ein deutscher Nachzügler. Und von Pierer, der zuvor von allen geherzter Strahlemann, ist in kürzester Zeit zum Buhmann der Nation geworden.

Nebenbemerkung: Die Parallele zu Zumwinkel fällt mir spontan ein, aber das ist von Pierer gegenüber nicht gerecht. Beide, Zumwinkel und von Pierer haben Grosses für ihre Unternehmen geleistet. Der Umbau der Post: Ein Mega-Job. Der Umbau von Siemens: Nicht weniger anspruchsvoll. Aber der Unterschied: Während Zumwinkel moralisch tatsächlich mit gutem Grund unten durch ist, weil es ihm darum ging, trotz Spitzeneinkommen noch ein paar Millionen im Ausland zu scheffeln, hat von Pierer so etwas niemals gemacht. Und, wer Siemens kennt, weiß auch, dass der Ehrencodex von Siemens so etwas nicht zulässt.

Zurück zum „Gut ist, was nützt“. Nach dieser Lesart ist Cromme tatsächlich der Held. Ganz ehrlich: Ich hätte nie gedacht, dass in der deutschen Industrie so aufgeräumt wird. Gar nicht gentlemen-like. Nicht nur der Sieger, der Held heißt Cromme. Denn es besteht kein Zweifel: Die Aufräumarbeit, die Cromme und Löscher in den letzten Jahren geleistet haben, die werden in die Analen der Wirtschaftsgeschichte eingehen. Zerschlagen wurde nicht nur ein Korruptionssystem, das über Jahrzehnte systematisch aufgebaut wurde. Zerschlagen wurde auch der Corpsgeist der Siemens-Mitarbeiter, von denen ja tatsächlich niemand (zumindest niemend auf höherer Ebene) für andere Zwecke als den Unternehmenserfolg korrumpiert hat. Wir könnten, wenn wir wollten, hier von der Ehre der Ganoven sprechen. Auf höherem Niveau, versteht sich.

Blickwinkel 2: Der Held ist also Cromme. Aber denken wir nach. Das System Siemens, soviel konnte man beobachten, lebte vom Ehrencodex. Niemand notiert, niemand betrügt das Unternehmen. Alles wird mündlich geregelt. Wer erwischt wird, scheidet schnell aus. Mit guter Abfindung natürlich. Das System, soviel kann man sagen, hatte bisher gehalten.

Weil dem aufmerksamen Beobachter aber ja schon länger bekannt war, wie das System Siemens läuft, stellt sich die Frage, wieso, was alle wissen, der Aufsichtratsvorsitzende nicht weiß. Sollte es wirklich sein, dass Unternehmensoffizier von Pierer Cromme nicht eingeweiht hat, obwohl dieser ja schon vorher einen Ruf als Aufklärer hatte? Wir gehen jetzt einmal davon aus, dass Cromme sein Aufsichtsratsmandat ernst nimmt. Und nicht nur auf den Zahlungseingang achtet.

Cromme, der Held? Oder Cromme, der Kriegsgewinnler? Mal angenommen, Cromme wusste ……. Dann wäre es kein Wunder, wenn von Pierer, der, da bin ich mir sicher, das Ganze im guten Glauben an den notwendigen Geschäftserfolg von Siemens getätigt hat, so verärgert ist. Freunde, die es auch im Geschäftsleben gibt, sind dazu da, dass man sich auf sie verlassen kann. Und dann wäre es so, dass Cromme, der Held, der angenommenerweise mündlich über entsprechende Vorgänge informiert war, dass dieser Cromme einfach aus Freundschaft Feindschaft werden lies und als Saubermann vom Platz gehen wollte. Der andere Fall wäre nämlich für die Corporate Governance Bewegung in Deutschland so etwas wie der finale Todesschuss. Der Corporate Governance Papst Cromme würde alle „freiwilligen Versuche“ der Industrie, Moral und Anstand zu zeigen, mit in das Grab nehmen.

Blickwinkel 2 beinhaltet zwei mögliche Schlussfolgerungen. Alternative A: Cromme ist auch ein Gauner, der die Seiten schnell genug gewechselt hat, als er gemerkt hat, dass das Ganze nicht mehr zu stoppen ist. Alternative B: Cromme ist die tragische Figur. Er musste, im Sinne von Siemens, den Vorstandschef von Pierer opfern, um das Unternehmen Siemens zu retten. Die Aasgeier der amerikanischen Aufsichtsbehörden, deren moralische Qualität wir hier nicht weiter beleuchten wollen, hätten mit Freude Siemens geopfert. Das schafft einen Wettbewerbsvorteil für die US-Wirtschaft, oder, so könnte man relativierend anmerken, das schafft Chancengerechtigkeit gegenüber dem Hauptwettbewerber General Electric. Das Unternehmen hatte diesen Reinigungsprozess ja schon früher.

Auch wenn das Szenario zynisch klingt, so ist es gar nicht gemeint. Vielmehr geht es mir um mehr Nachdenklichkeit und Aufrichtigkeit. Denn Korruption ist ein durchaus gängiger Weg zum Erfolg. Die Diskussion über Korruption jedoch, und das kommt mir seltsam vor, wird immer schwarz-weiß geführt. Es gibt die Guten. Und die Schlechten. Manchmal werden aus den Guten auch schnell mal Schlechte, das kann auch über Nacht passieren. Aber wer eigentlich stellt sich auf die Bühne und sagt mal laut, dass es gar nicht so einfach ist, nicht korrupt zu sein. Und dass Unternehmen, die in der Infrastrukturindustrie tätig sind, dem Bereich also, in dem drei, vier Millionen Schmiergelder echte Peanuts sind, aus kaufmännischer Sicht sehr wohl darüber nachdenken müssten, ob sie nicht…… Weil ja auch der Konkurrent. ….. könnte.

Was nehmen wir also mit vom Lehrstück Siemens? Erstens, dass es das schwarz-weiß mölicherweise gar nicht gibt. Es gibt Branchen, in denen Bestechung lohnt. Und in denen es nicht lohnt. Dann gibt es sicher auch Unterschiede in den Unternehmensphilosophien. Aber die sind graduell, nicht systematisch. Ich finde es richtig, wenn über die Frage von Korruption gestritten wird. Ich finde es richtig, wenn im Fall Siemens klar Schiff gemacht wird. Ich finde es gut, wenn Siemens-Chef Löscher in der Sache ganze Arbeit geleistet hat, Seilschaften zerschlagen, Inhouse-Karrieren zerschossen und so der Korruption als Geschäftsgrundlage die Basis entzogen hat. Bravo! Eine Meisterleistung.

Aber ein bißchen mehr Ehrlichkeit in der Diskussion würde nicht schaden. Ehrlichkeit darüber, dass es immer eine Gradwanderung ist, die jeder Einzelne leisten muss. Ehrlichkeit darüber, dass Herr von Pierer diese Gradwanderung nicht erfolgreich bewältigt hat. Klarheit darüber, dass der Aufklärungsaufseher möglicherweise eben nicht der Aufklärer per se, sondern möglicherweise der Aufklärer qua Not oder qua eiseskalter Entschlusskraft ist.

Wenn das Wort von der personalen Verantwortung wahr ist, wäre die Konsequenz eigentlich, dass Korruption mit Gefängnisstrafen belegt werden müssten. Das Managerhaftpflichtversicherungen dieses Risiko eben nicht auffangen oder übernehmen könnten. Ist nur ein Vorschlag. Aber solange „die da unten“ den Eindruck haben (und das nicht ganz ohne Grund), dass man „da oben“ machen kann, was man will, man bleibt einfach oben, ist das Modell der moralischen Leistungsgesellschaft ganz schön angeknackst. Sie klingt wie eine Erzählung für die Dummen.

Abschlußbemerkung 1: Das hier Gesagte gilt nicht nur für Korruption, das gilt auch für die ganze Dopingdiskussion. Wie wäre es, wenn es gar nicht um Doping und Nichtdoping geht, sondern darum, dass ohnehin gespritzt und verabreicht wird, dass es eine keine Freude mehr ist. Dass da Fragen der Nachweisbarkeit eine Rolle spielen. Und dass es möglicherweise ein Zufall ist, wen es dann trifft. Wie wäre es mit einer Entskanalisierung des Skandals. , vielleicht brauchen wir dann wieder einen Kriegsgewinnler, ….. Ich meine ja nur.

Abschlussbemerkung 2: Das mit den Kriegsgewinnlern ist ja so eine Sache, wenn wir mal von den Korruptionsgeschichten absehen. Nicht vor jeder, aber vor vielen erfolgreichen Karrieren steht ein handfester Verrat. Angela Merkel war Teil des Systems von Helmut Kohl, bevor sie sich für die andere Seite entschieden hat. Stoiber war nicht nur Teil, er war wahrscheinlich Kopf und auf jeden Fall Hand des sehr eigenwilligen Herrn Franz Joseph Strauß, dessen Abwägungsmechanismen doch auch dem „Gut ist, was nutzt“ entsprachen. Schade nur, dass Monika Hohlmeier die Handlungsweisen, die sie bei Papa von Kindesbeinen an in erfolgreicher Anwendung exerziert hat, selbst im Fall der Münchner CSU nur erfolgreich karrikiert hat.

Mir geht es ja schon so, dass ich aus professioneller Sicht doch ziemlich fasziniert bin, wenn es einem der Macher wie Stoiber bei Strauß gelingt, sich so völlig unschuldig aus der Affaire zu ziehen. Und, dass sei der Klarheit halber angemerkt, der selbst, trotz des umfänglichen Wissens, wie so etwas funktioniert, nie in eine entsprechende Handlungsweise verfallen ist.

Moral ist eine schwierige Sache. Letztlich müssen auch erfolgreiche Manager sich früh in den Spiegel sehen. Und vielleicht sind da die Gefühle, mit denen von Pierer das tut, ganz ähnlich denen, mit denen sich Cromme betrachtet. Wir wissen es nicht. Aber denken dürfen wir das schon. Denn schließlich findet das ganze in München statt. Und das ist noch immer die Stadt Karl Valentins. Und dieser Volksdadaist hat ja schon manche Gewissheit ins Wanken gebracht.

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