Harald Welzer, die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Denkgewohnheiten.

Ich mag, man ahnt das, diese linken, selbstüberheblichen Besserwisser a la Leggewie und Welzer nicht. Mir ist das alles zu schemantisch und nachkriegsdeutsch. Muss aber immer, fast zwanghaft die „smarte Diktatur“ weiterlesen. Einmal, weil Welzer sehr viel liest und verarbeitet, es stecken also jede Menge neue Informationen und Blickwinkel drin. Zum anderen, weil die Sichtweise (ich meine, es ist auch eine Sichtweise mit einem latenten menschenverachtende Hass, der sich als Gutmenschentum tarnt), extrem unsoziologisch ist. 

Es geht ungefähr so: 

Der Kapitalismus hatte mal eine schöne Phase, das war die Zeit nach 45, besser noch, die Zeit nach 68. Da war das Versprechen des gebändigten Kapitalismus ziemlich real. Die Gleichheit unter den Deutschen ziemlich hoch. Zwergendeutschland, links ausgeträumt. 

Jetzt dagegen herrscht Turbokapitalismus. Bin gerade an der Stelle mit den Samwer Brüdern. Nun sind die Samwer Brüder zwar die größten deutschen Internetzocker, aber als solche bilden sie sozusagen nur den phantasielosen Teil des Internethype ab. Da ist Amazon schon anders, Google auch.

Es muss aber bei Welzer immer so ODER so sein. Ich denke mir, lass uns die Szenarien doch mal zu Ende denken und zu Ende wachsen, etwas spielerischer. Wenn ich durch Berlin laufe mit seinen Pracht Backsteinbauten aus der Gründerzeit, denke ich mir oft, Mensch, die konnten bauen, Kathetralen des Fortschritts. Haben die sich Gedanken gemacht, ob das Kathetralen des Fortschritts werden? Nein, die haben einfach gemacht. 

Wir waren letzthin im Mitte Museum, hier in Berlin, das ist in ner alten Schule in Wedding (oder ist das Moabit, weiß ich nie so). Das Museum ist gerade geschlossen. Wenn man sich da aber klar macht, dass in jedem dritten Haus unten eine Kneipe war, dass also die Arbeiter dort, die gleich hinter Borsig und anderen wohnten, ständig im Elend und besoffen waren, ihre Frauen geprügelt haben, nicht alle, aber kathetralenmäßig war das nicht, dann ahnt man, dass der Fortschritt immer zwei Seiten hat. 

Was mich an der aktuellen Linken (und dazu gehören auch weite Teile der Grünen, das sage ich, der ich auch Grüner bin) wirklich annervt, ist dieser Wunsch nach Bereinigung des Sichtfeldes. 

Wer seinen Marx gut gelesen hat, weiß, dass disruptive Innovation nie freundlich war. Früher war das Elend nur ausgelagert, in der europäischen Tradition ganz weit weg, in den Kolonien (und wir bluten ja jetzt gerade für die Dummheit der kolonialen Aufteilung Afrikas und die Unkosten der Gier nach Öl) und weit weg, die USA ist ja so ein Mix der Realitäten, in denen sich die Outlaws Europas ihr Paradies geschaffen haben. Auch da wächst was, das eine mit dem Silicon Valley, das bei allen Vorsicht-Rufen doch was faszinierendes hat. Und auf der anderen Seite die Dupfbacke Trump. Da fragt man sich, ist Trump oder Putin besser (ich weiss, das ist jetzt nicht korrekt). Und zwischendrin ein Obama, bei dem ich mir immer wünsche, auch mal so einen smarten Präsidenten zu haben. Auch wenn er in der aktuellen Kurzatmigkeit als der Loser der Nation da steht. (Um das Fass voll zu machen, Hillary Clinton? Ist eigenlich auch keine wirkliche Alternative, da kan man gleich den Goldman Sachs Vorstand zum Präsidenten machen). 

Was ich mir wünsche: Weniger Aufgeregtheit. Und den Mut, gerade der grünen Linken, mal mit den „Wünsch Dir was“-Banalitäten aufzuräumen. Hinter der Hand erzählen alle Grünen, die an der Regierung waren, wie sehr sie dieser ewige Bürgerbegehrens-Nerv annervt. Politik wird ängstlich dadurch. Das kann man wollen, weil Politik sonst große Pläne macht. Und die gehen ganz oft daneben. Wenn man aber selber gerade den ganz großen Umbau der Welt plant, Stichwort Tranformation, wird das ewige Volksbegehrensgemache ganz schwierig. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück. 

Was ich mir von einer Intellektuellenpartei wünsche, ist, mehr Phantasie, mehr Gelassenheit. Wer meint, Politik kann Gerechtigtkeit herstellen, der kann doch SPD oder Linke wählen. Wer aber meint, es gehe darum, den Laden zusammenzuhalten, Ökologie, Ökonomie und Zusammenhalt und mehr gloalen Ausgleich gegeneinander abzuwägen, der solle Grüne wählen. 

Mein Wunsch. In Baden-Württemberg gibt es zaghafte Versuche, das so zu machen. In Berlin und im Bund haben sie davon ganz wenig begriffen. Es fehlt die Neugier, es fehlt die Lust an Debatten, es fehlt die Lust, auch mal das Falsche zu sagen. 

Es ist zu viel grünes WEITER SO!

P.S. Gegengift zu Leggewie und Welzer: Paul Mason, Postkapitalismus. Der schreibt sich was zusammen, dass sich der Kapitalismus selber abschafft. Wie, das zu erfahren, kostet 22.90 als eBook. Ich bin gespannt. Paul Mason kommt von der Insel. Die spinnen, die Briten.  

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