Gute Wissenschaft oder Spitzenforschung? Auch Deutschland kann sich dem internationalen Wettbewerb nicht entziehen.

Machen wir alles richtig?
FAZ, MITTWOCH, 09. OKTOBER 2013
NATUR UND WISSENSCHAFT
Was hat Großbritannien, was wir nicht haben?
Die europäische Förderung von Spitzenforschung: Deutschland verliert, kleinere Länder gewinnen / Von Axel Meyer
Gerade hat der European Research Council (ERC) zum sechsten Mal etwa 660 Millionen Euro in der Form von ERC „advanced grants“ an etablierte Forscher in ganz Europa vergeben. Unter den 2408 eingereichten Anträgen wurden 284, also knapp zwölf Prozent, bewilligt. Es ist also nicht einfach, einen solchen Antrag auf fünfjährige Forschungsfinanzierung von bis zu 2,5 Millionen Euro gefördert zu bekommen. Nur die Besten Europas trauen es sich überhaupt zu, so einen Antrag einzureichen. Eine ERC-Bewilligung bringt daher nicht nur Forschungsgelder – die Universitäten bekommen zwanzig Prozent davon –, sondern ein ERC-Antrag zählt als eine Art Auszeichnung für den einzelnen Wissenschaftler, wie auch seine Hochschule.

Ich bin seit sechs Jahren Mitglied einer Evaluationskommission beim ERC und wollte dort mitmachen, weil es bei der Forschungsförderung der EU endlich einmal allein um Leistung und wissenschaftliche Innovation geht und nicht um politischen Proporz und Quoten. Ich freue mich über die Qualität und Innovationskraft in der europäischen Forschung, und es werden erfreulicherweise auch immer mehr US-Amerikaner mit diesem Förderinstrument nach Europa gelockt (zwölf bis fünfzehn pro Jahr durch einen ERC-Antrag). Seit sechs Jahren betrübt es mich aber auch, dass Deutschland relativ schlecht abschneidet und der deutsche Steuerzahler unsere wissenschaftliche Konkurrenz im Ausland direkt und indirekt subventioniert.

Lassen Sie mich erklären: Von 284 bewilligten Projekten in diesem Jahr werden 42 von Wissenschaftler/innen deutscher Nationalität geleitet – immerhin fast fünfzehn Prozent. Dennoch ist das wieder einmal ein für Deutschland enttäuschendes Ergebnis. Denn, wie in allen bisherigen Ausschreibungen haben die Wissenschaftler aus Großbritannien die bei weitem höchste Anzahl an Förderungen erhalten; in dieser Runde 65. Das war bisher immer so, im letzten Jahr hatten die Engländer mit achtzig advanced grants sogar mehr als doppelt so viele eingeworben wie Deutschland (38).

Meine Kollegen in Oxford, Cambridge und Sheffield erzählen mir, dass der ERC jetzt die Hauptförderquelle für deren Grundlagenforschung geworden ist. Engländer haben sicher nicht nur einen Sprachvorteil, alle Anträge werden in englischer Sprache eingereicht, sie haben auch einen höheren Leidensdruck, denn die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Grundausstattung der Universitäten ist bei uns immer noch besser als dort. Drittens haben sie nun einmal „Leuchtturm“-Universitäten wie Cambridge, Oxford und das Imperial College, die jeder exzellente Forscher gerne in seinem Lebenslauf stehen hat. Denn dort findet man auch die besten Kollegen, mit denen man sich austauschen kann, um gemeinsam kritische Masse intellektuell fruchtbar zu machen. Exzellenz zieht weitere Exzellenz an.

Dabei ist die Beziehung der Engländer zur EU bekanntlich nicht immer einfach und man darf annehmen, dass das Vereinigte Königreich weitaus mehr aus dem ERC-Topf auf die Insel holt, als es dort einzahlt. Wenn man aber das Abschneiden der Engländer noch nachvollziehen kann, so fallen doch zwei Länder durch besonders hohen Erfolg beim ERC auf, die mit je etwa acht Millionen Einwohnern nur etwa zehn Prozent der Einwohner Deutschlands haben: Israel und die Schweiz. Die Schweiz ist nicht einmal Teil der EU und hält sich doch sonst vornehm auf Distanz. Und Israel? Seit wann zählt es zu Europa?

Die Zahlen: Im letzten Jahr gingen 38 Anträge nach Deutschland und 26 in die Schweiz, 15 nach Israel und in diesem Jahr 41 nach Deutschland, wieder 26 in die Schweiz und 17 nach Israel. Was macht die Schweiz richtig, und wo könnte Deutschland davon lernen?

Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass Deutschland massiv wissenschaftliche Talente verliert und die Schweiz in großem Stil die besten Wissenschaftler anzieht. Zwar haben in diesem Jahr 42 Deutsche einen ERC-Zuschlag bekommen, allerdings forscht von denen mehr als ein Viertel gar nicht in Deutschland, und von den 26 „Schweizer“ ERC-Grants wurden lediglich 6 von Schweizern selber eingeworben. Zwanzig wurden also von „Nichtschweizern“, die aber in der Schweiz forschen, angezogen. Man kann es so zusammenfassen: Die Schweiz zieht die Besten an, und wir verlieren sie ins Ausland. Wie kommt das?

Auch in dieser Runde hat erfreulicherweise wieder einer meiner Kollegen an der Universität Konstanz einen ERC-Grant bekommen. Wir sind damit bisher fünf an einer kleinen Universität mit nicht einmal 200 Professoren im äußersten Südwesten der Republik direkt an der Grenze zur Schweiz. Die Schweizer sind reich. Sehr reich. Wir spüren das in Konstanz besonders, in der Stadt beim Einkauf, aber auch an der Universität. Das Universitäts-Budget meines Lehrstuhls beträgt etwa 20 000 bis 30 000 Euro im Jahr. Das Budget eines Lehrstuhls meiner Kollegen in der Schweiz etwa 800 000 CHF, das eines Max-Planck-Direktors etwa eine Million Euro im Jahr – zehn der 41 „deutschen“ ERC-Grants gingen dieses Jahr an die Max-Planck-Gesellschaft.

Wie sollen wir an den Universitäten also wissenschaftlich mithalten können, wenn die Budgets bei Max-Planck oder in der Schweiz nicht doppelt so hoch oder zehnmal so hoch sind, sondern manchmal sogar dreißig oder vierzig Mal so hoch sind wie unsere?

In Konstanz erhalten ERC-Grant-Gewinner eine nicht ruhegehaltsfähige Gehaltsbelohnung von 500 Euro brutto im Monat – für drei Jahre der fünfjährigen Laufzeit. Mit maximal 18 000 Euro Bonus also weitaus weniger als ein Prozent des vom Wissenschaftler selbst eingeworbenen Geldes. In England werden ERC-Bewilligungen von der Lehre freigestellt und erhalten Zulagen von mehr als dreißig Prozent ihres bisherigen Gehalts. In der Schweiz sind die Saläre auf allen Stufen der akademischen Leiter mindestens doppelt so hoch wie in Deutschland, dazu noch bei weitaus geringeren Steuern.

So verlieren wir aus offensichtlichen Gründen Talente von den deutschen Universitäten an die berühmten Universitäten in England oder die gut zahlende Schweiz, wo exzellente Wissenschaft sowohl mit intellektueller Stimulation als auch mit schnödem Mammon belohnt wird. Sicher, Geld ist nicht alles, aber Geiz ist auch nicht immer geil, sondern manchmal wird hierzulande zu kurz gedacht und an der falschen Ecke gespart.

Axel Meyer lehrt Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz.

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