Gute Initiativen für das NEUE Deutschland.

Anstatt immer darüber zu reden, was nicht geht, ein Beitrag aus der FAS, wie die Zivilgesellschaft auch was voran bringen kann.

FAS 20100207 Teach First Deutschland

Eine Hauptschulkarriere
Seit fünf Monaten ist Maja Lasic Lehrerin auf Zeit in einer schwierigen Hauptschule in Berlin. Sie hat eine glänzende Karriere dafür unterbrochen.

Von Inge Kloepfer

In der Schule am Brunnenplatz in Berlin ist Maja Lasic schnell zum Star geworden. Wenn sie mit ihren energischen Schritten durch das flache Schulgebäude läuft, gibt es kaum einen Jugendlichen, der sie nicht grüßt. „Hallo Frau Lasic!“ oder „Tag, Frau Doktor!“ rufen sie ihr zu, in der Hoffnung, ein wenig von ihrer Aufmerksamkeit zu erhaschen. Lasic lacht. Sie kennt viele der fast 500 Schüler mit Namen.

„Kommst du heute Nachmittag zum Tanzen?“, ruft sie einem türkischen Mädchen zu, das verzagt in Richtung Ausgang geht. „Komm vorbei und bring deine Freundin mit.“ Das Mädchen zieht die Stirn in Falten. „Wir reden nicht mehr“, erklärt sie der jungen Lehrerin, die seit dem Sommer an der Schule ist. Lasic lässt nicht locker: „Ich glaube, wir sollten einmal zu dritt sprechen. Nach dem Unterricht habe ich Zeit.“

Maja Lasic hat immer Zeit. Sie hat die Zeit, mit mehreren Mädchen nachmittags in der Schule zu kochen, Tanzkurse zu organisieren oder eine Fußball-AG mit Trainer für die Jungs oder einen Hausaufgabenclub für die siebte Klasse. Sie hat Zeit, Gespräche zu führen, zu motivieren oder zu den Sitzungen des Quartiersmanagements zu gehen, um für Unterstützung der Kinder vom Brunnenplatz in dem Berliner Bezirk Wedding zu werben. Sie ist mit ihrem Mann in das alte Arbeiterviertel gezogen, wo heute viele Migranten leben. Lasic hat sich zwei Jahre Zeit genommen für jene Kinder und Jugendlichen, die man im Fachjargon als „sozial benachteiligt“ bezeichnet. Viele von ihnen findet man an der Oberschule am Brunnenplatz, dieser Haupt- und Realschule, die als Namen nur eine Ortsbezeichnung trägt. Deutsche Schüler gibt es dort kaum. Die meisten sind Türken, Araber oder kommen vom Balkan.

Die junge Frau ist keine ausgebildete Lehrerin, sondern hat die Grundzüge der Pädagogik in einem Crashkurs erlernt. Denn sie ist Fellow bei Teach First Deutschland, einer gemeinnützigen Initiative, die nach amerikanischem Vorbild Spitzenabsolventen deutscher Universitäten für zwei Jahre an Brennpunktschulen bringt. In den Vereinigten Staaten hat sich dieses Modell in 20 Jahren zu einer wahren Bildungsbewegung ausgewachsen, bei der sich Jahr für Jahr 20 000 Hochschulabsolventen bewerben. In Deutschland sind mit diesem Schuljahr erstmals knapp 70 Fellows im Einsatz – für ein Referendarsgehalt von 1700 Euro im Monat.

Die junge Frau aus Bosnien hat dafür viel aufgegeben. Sie hatte nach ihrer Promotion bei Procter & Gamble zum Dreifachen ihres jetzigen Salärs eine Karriere begonnen. Doch die Arbeit hatte sie nicht erfüllt. Jetzt gibt sie Chemie-, Biologie- und Mathematikunterricht. Auch auf Klassenfahrt ist sie schon gewesen.

„Für die Schüler ist sie wunderbar“, sagt eine ältere Kollegin, die selbst schon drei Jahrzehnte im Schuldienst ist. „Schon allein deshalb, weil sie so jung ist und so unverbraucht.“

Lasic ist das bisschen Luxus in dem eintönigen Alltag der Kinder aus dem Wedding. In Naturwissenschaften zum Beispiel können die Klassen jetzt geteilt werden. Die Gruppen sind kleiner, die Experimente aufwendiger – und es bleibt mehr in den Köpfen hängen. Auch die stellvertretende Direktorin Steffi Mosch ist begeistert von Lasic‘ Anwesenheit – nicht nur, weil sie mit der promovierten Biologin naturwissenschaftliches Know-how in die Schule bekommt, sondern auch, weil Maja Lasic so motiviert und engagiert ist.

Sie habe sich ja bewusst für dieses Umfeld entschieden und wolle etwas bewegen, sagt die Konrektorin. Außerdem wird sie, anders als andere Quereinsteiger im Schuldienst, permanent betreut und weiter ausgebildet. Die Idee von Teach First Deutschland, junge angehende Karrieristen in schwierige Schulen zu schicken, findet Steffi Mosch gut und wichtig. „Diese Menschen, die später einmal in Führungspositionen sein werden, bekommen dadurch einen Blick dafür, was hier läuft.“ Hier – das ist der untere Rand der Gesellschaft. Zu gerne hätte die stellvertretende Schulleiterin noch einen weiteren Fellow von Teach First an ihrer Schule eingesetzt. Doch da hat ihr der Personalrat einen Strich durch die Rechnung gemacht, womöglich aus Sorge, dass die Fellows ausgebildeten Lehrern den Platz wegnehmen könnten. Nur, sagt Steffi Mosch, seien die in Berlin derzeit gar nicht zu kriegen. Für zwei Stellen sucht sie Lehrer. Überall klaffen Lücken.

Auch die Schüler sind begeistert – vor allem die aus den unteren Klassen, wo sie noch leichter zu motivieren sind. „Ich lerne jetzt mehr“, sagt ein arabisches Mädchen und strahlt. „Das hängt mit Frau Lasic zusammen. Erst dachte ich, sie redet nur über Chemie. Aber sie redet auch über viele andere Sachen.“ Wie viele Mädchen an der Schule trägt sie ein Kopftuch. Zwei Freundinnen bestätigen die Anstrengungen. Motiviert ist sie also – nur weiß sie selbst nicht, wie lange sie durchhält.

Richtige Enttäuschungen hat Maja Lasic in den ersten fünf Monaten ihres Lehrerdaseins noch nicht erlebt. Die Schule am Brunnenplatz ist keine, in der Bänke gestemmt und auf den Boden des Klassenzimmers gedonnert werden oder in der Jugendliche auf dem Pausenhof Klappmesser auf- und zuschnappen lassen. „Aber es gibt Dinge, die nicht so funktionieren, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt sie.

Als bosnisches Flüchtlingskind war sie einst nach Deutschland gekommen. Sie weiß, wie fremd man sich fühlen kann, wenn die eigenen Eltern das Bildungssystem nicht kennen. „Ich dachte, mit meinem Hintergrund könnte ich sofort ein Vorbild für die Kinder hier sein. Der lebende Beweis sozusagen, dass man es schaffen kann.“ Doch für die Migrantenkinder vom Brunnenplatz komme sie wie von einem anderen Stern, sei viel zu weit weg von deren Welt.

„Allein die Sprache ist ein großes Problem“, sagt Lasic, die schon nach ihrer ersten Woche verblüfft war, wie schlecht sich ihre Schüler ausdrücken können, obwohl die meisten von ihnen in Deutschland geboren sind. Ihre Verblüffung kommt nicht von ungefähr. Sie selbst kam mit 13 Jahren hierher, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Sie wurde zunächst in eine Vorbereitungsklasse gesteckt, wechselte aber bereits nach zwei Monaten in den Normalbetrieb eines Bonner Gymnasiums. „Die Kinder hier sind nicht nur in Deutsch nicht gut. Sie sind auch in ihrer eigenen Sprache nicht wirklich zu Hause“, sagt sie. So zeigt sich schon darin ein Teil der Tragödie: Es ist die Heimatlosigkeit dieser Kinder aus dem Wedding, irgendwo mitten in Berlin, deren Mütter die Lehrer nicht verstehen. Es sind Kinder, die ihren Kiez kaum verlassen, außer um in den Sommerferien in die Länder ihrer Familien zu reisen. Zwar wüssten sie, dass es irgendwo da draußen noch eine ganz andere Welt gebe, erzählt Lasic. Aber da wollten sie nicht hin. Und sie hätten keine Ahnung davon, wie sie außerhalb ihres Stadtteils wahrgenommen würden. Lasic versucht, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken.

Es gibt Dinge, die sie richtig traurig machen. Zum Beispiel, dass etliche Schüler einer „Rückläuferklasse“, die das Probehalbjahr in der Realschule nicht bestanden haben, oft schwänzen. Oder dass Lehrer ausgerechnet bei jenen Kindern fehlen, die ohnehin nicht auf der Sonnenseite unserer Bildungslandschaft zu finden sind. Und das, obwohl man längst weiß, dass sich bei kleinen Klassen die Leistungen um eine oder zwei Noten verbessern. Oder dass vereinzelt richtig leistungsstarke Jugendliche in der Klasse sitzen, die eigentlich aufs Gymnasium gehörten. Nur hat sich eben nie jemand um sie gekümmert. Auch dass manch ein Lehrer nach all den Jahren die Schüler teilweise aufgegeben hat und deren Fehlverhalten aus ihrer Herkunftskultur ableitet, macht Lasic betroffen: „Dann heißt es: ,Hör auf damit, du bist hier nicht im Libanon'“, zitiert sie und entrüstet sich: „Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.“ Noch sieht sie eben Dinge, die die Lehrer nicht mehr sehen und die die Schulverwaltung oder der Bildungssenator nicht wahrhaben wollen. Nämlich, dass ihre Schüler nur wettbewerbsfähig werden können, wenn sich das Land endlich mehr für sie einsetzt.

Sie jedenfalls tut das – und wirkt dabei nicht wirklich gestresst. Fast könnte man meinen, sie sei glücklich dort, wo sie jetzt ist. Bereut hat sie ihre Entscheidung bisher nicht. Denn wenn ein Kind sich ihretwegen tatsächlich aufrafft, endlich etwas für die Schule und damit für sich selbst zu tun, wenn es plötzlich mal eine Zwei und keine Fünf schreibt, dann ist das viel mehr als der Verkauf eines Pharmaprodukts.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung begleitet Teach First Fellows über zwei Jahre und berichtet regelmäßig über ihre Erfahrungen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.02.2010, Nr. 5 / Seite 39

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