Guck nach unten, Frau!

Guck nach unten, Frau!
Tanja Leston unterrichtete sechs Monate als Aushilfe an einer Weddinger Gesamtschule. Qualifiziert war sie dafür nicht. Ein Überlebensbericht

Berliner Zeitung, 13.2.2010

Es war ein kalter Januartag, als ich mich an einer Gesamtschule in Berlin-Wedding als Aushilfslehrerin vorstellte. Eine Freundin hatte mir erzählt, dass viele Schulen händeringend Lehrer suchen. Man müsste nicht einmal Pädagogik studiert haben, sagte sie mir.

Ich bin Kommunikationswissenschaftlerin, 37 Jahre alt und habe in den letzten Jahren als Marketingreferentin gearbeitet, oft von neun bis 20 Uhr, manchmal noch länger, eine Arbeitszeit, die mit meinen zwei Kindern nicht vereinbar war. Ich kündigte, wurde arbeitslos und belegte am Wallstreet-Institut in der Friedrichstraße einen Sprachenkurs, um mein Schulenglisch aufzubessern.

Keine Ahnung, was es hieß, Lehrer zu sein. Aber ich brauchte einen Job, dringend. In einem Monat lief mein Arbeitslosengeld aus.

„Herzlich willkommen in der Höhle des Löwen. Sie können sofort anfangen“, begrüßte mich der stellvertretende Direktor und führte mich in sein Büro. Bei Durchlaufkaffee und Keksen erzählte er mir als Erstes, dass zweiundachtzig Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft seien, aus vierundzwanzig Nationen. „Also seien Sie vorsichtig. Die Meute riecht, wenn man unsicher ist.“ Ich dachte: Was machst du hier eigentlich?, versuchte aber, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

„Also, wir würden Sie dann in den Fächern Musik und Englisch einsetzen“, fuhr der stellvertretende Direktor fort.

Musik? Ich sagte, dass ich keinen Schimmer von Musik habe. Ich erwähnte, Ehrlichkeit erschien mir angebracht, dass ich auch keine Noten kenne. Und erst Englisch! In meinem Kopf schimmerte das blaue Logo vom Wallstreet-Institut. Mister Woodgate – mein Lehrer – wäre sicher stolz auf mich, wenn auch irritiert ob der plötzlichen Karriere.

Der stellvertretende Direktor sagte, dass der Musik- und Englischlehrer seit über einem dreiviertel Jahr krank sei. Die Schule könne keinen neuen Lehrer fest einstellen, solange der dauerkranke Pädagoge nicht aus dem Schuldienst ausgeschieden sei. Nichtlehrer indes dürften mit befristeten Verträgen einspringen. „Ihnen wird schon was einfallen.“

Er legte einen Stundenplan auf den Tisch, meinen künftigen Stundenplan. „Ach“, rief er, „Kunst und Deutsch können sie doch bestimmt auch?“

„Wenn’s sein muss“, sagte ich schwach.

Er gab mir meinen Vertrag, dann zeigte er mir die Schule. Wir liefen über den Hof ins Hauptschulgebäude. Es war gerade große Pause. Der Hof war voll mit Jungs, die in Sprachen, die ich nicht verstand, laut miteinander redeten, sich Basecaps vom Kopf zogen, sich anrempelten, lachten. Mädchen mit Kopftüchern aßen still ihre Schulbrote, Lehrer froren vor den Eingängen. Schlagartig war es da, ein Gefühl, so ähnlich wie Flugangst oder wie damals, an dem Tag, als ich in Kairo in der Zitadelle den falschen Ausgang genommen hatte und mit meiner Ray-Ban-Sonnenbrille durch eine arme, mir völlig unbekannte Gegend irrte und nicht wusste, wie ich ins Hotel zurückfinden sollte.

Drei Tage später, neunte Klasse, Musikunterricht. Ich hatte keinen Lehrplan, keine Stoffplanung und keine Arbeitsmaterialien erhalten. Ich konnte machen, was ich wollte, wahrscheinlich ging es nur darum, die Schüler ruhig zu halten.

Meine erste Stunde hatte ich wie eine Präsentation mit anständigem Budget vorbereitet, ich wollte ganz simpel mit der „Moldau“ von Friedrich Smetana anfangen, eigentlich Grundschulthematik. Die CD hatte ich bei Dussmann erstanden und die exakte Flussbettbeschreibung im Internet gefunden. Jede Minute hatte ich genauestens vorbereitet.

Ich sagte den Schülern, wer ich bin und fragte, was sie noch von mir wissen wollten.

„Waren Sie schon mal auf dem Gazastreifen?“, fragte mich ein Junge in der ersten Reihe und grinste übers ganze Gesicht, ganz offensichtlich darum bemüht, mich das erste Mal aus dem Konzept zu bringen.

„Nee, das stand noch nicht auf meinem Ausflugsplan für den Sonntag“, versuchte ich zu kontern und fing lieber schnell mit Smetana an. Den Komponisten kannten die Schüler nicht, was mich nicht überraschte. Prag kannten sie allerdings auch nicht. Und Tschechien und die anderen Nachbarländer von Deutschland. Immerhin hörten sie in dieser ersten Stunde noch zu, sie waren neugierig auf mich, die Neue. Ein Bonus, der rasch aufgebraucht war.

Sechs Klassen von der siebenten bis zur neunten Stufe waren mir anvertraut worden, 23 Wochenstunden, 139 Schüler mit Namen, die mir fast alle fremd waren. Hassan, Ceylan, Koloud, Aysa, Fatih. Einwandererkinder der ersten oder zweiten Generation aus der Türkei, Palästina, Bosnien, Tunesien. In manchen Klassen war auch ein Dennis dabei oder eine Vicki. Sie kauten Kaugummi im Unterricht, standen einfach auf und brüllten ihre Nachbarn an. Ich war entsetzt und suchte verzweifelt Parallelen zu meiner eigenen Schulzeit. Ich fand keine.

Nur Michelle Pfeiffer fiel mir ein. Die zierliche Schauspielerin hatte in dem Film „Dangerous Minds“ als neue Lehrerin und Ex-Marine amerikanischen Kids aus untersten sozialen Schichten gezeigt, wie man lernt, an sich selbst zu glauben. Ich hatte damals im Kino Rotz und Wasser geheult. Aus Rührung darüber, wie Michelle Pfeiffer die schwierigsten Schüler dazu brachte, Bob Dylan zu singen. Aber Rührung konnte ich hier im Wedding in die Tonne treten.

Hier ging es vor allem darum, immer genügend Arbeitsblätter in Reserve zu haben, die ich mir aus Wikipedia zusammenbastelte. Arbeitsblätter waren für mich eine Art Sicherheitsgurt. Wenn die Schüler einen Text mit Fragen zu bearbeiten hatten, war kurze Zeit Ruhe. Dann ging es wieder los.

„Wir sind müde, hatten zwei Stunden Sport.“

„Mann, ihr seid gerade mal vierzehn. Reicht doch schon mal den Rentenbescheid ein.“

„Sie nerven voll ab.“

„Wie würde dein Vater finden, wie du mit deiner Lehrerin redest?“

Betretenes Schweigen, für eine Sekunde. Ich wünschte mir Besserungsanstalten und Schulversetzungen auf Knopfdruck.

Manchmal gab es aber auch Momente, da kam ich plötzlich an sie ran. In einer Musikstunde beispielsweise, in der 8. Klasse. Ich spielte Johnny Cash, den Song „Hurt“. Derya, die ganz hinten neben der Tür saß, mit einer Leck-mich-am-Arsch-Miene, und gern durch die Klasse schrie, dass sie keinen Bock auf meinen Scheiß habe, saß bei diesem Lied die ganze Zeit ruhig auf ihrem Platz und kaute auf ihrem Kugelschreiber. Als die Musik aufhörte, sagte sie: „Bitte spielen Sie das noch mal. Das klang schön. So traurig.“ Dreimal spielte ich „Hurt“. Und zwischendurch redeten wir darüber, wie sich Schmerz anfühlt, warum sich Menschen selbst verletzen, warum sie einsam sind. Die Schüler hörten zu, sie erzählten von ihrem Liebeskummer, von ihren Freunden und wie weh es tut, sie zu verlieren. Darüber wussten sie Bescheid, darüber wollten sie sprechen.

Einmal fragten sie mich, warum wir nicht Gitarre spielen lernen, Sie sind doch Musiklehrerin? Ich tat einen Teufel, ihnen von meiner nichtmusikalischen Ader zu erzählen.

Eine andere Stunde. Elvis Presley. „In the Ghetto“

„Was ist für euch ein Getto?“

„Aufgeblasene Gangsterrapper, kein Geld, schlechte Eltern, Drogendealer, Hartz IV.“

Die Klingel schepperte, die Stunde war vorbei, die Kinder schrieben weiter.

„Glaubt ihr, dass es für das neu geborene Kind aus dem Song im Getto anders wird?“

„Nein, das ändert sich nie. Elvis wollte den anderen zeigen, wie das im Getto ist. Er hat das nicht vergessen“, rief Sihem. Ich sah ihre Bleistifte über das Papier rasen. „People, don’t you understand the child needs a helping hand or he’ll grow to be an angry young man some day.“ Leute, seht ihr nicht, das Kind braucht Hilfe, wenn es die nicht bekommt, wird aus ihm ein wütender junger Mensch werden.

Ständiges Zuspätkommen. Türen werden aufgerissen, Schüler aus anderen Klassen brüllen in den Raum: „Hurensohn. Opfer. Scheiß Jude. Fresse. Guck nach unten, Frau.“ Kollegen, die älter sind, werden krank. Hörsturz, Burn out. Die Klassenlehrerin der neunten Klasse wünscht mir auf dem Gang mit mildem Lächeln: „Viel Spaß“, und läuft weiter, in den Heizungskeller, eine rauchen. Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich mitten im Unterricht minutenlang aus dem Fenster und auf die Regentropfen auf der Scheibe sah. Mein Körper war noch im Klassenzimmer, aber ich war weg, für einen Moment.

Ich fragte Aygül, mit gelben Riesenkreolen an den Ohren, ob sie mit dreißig wie eine alte Frau aussehen wolle.

„Wieso?“, fragte sie zurück.

„Weil du so hysterisch schreist, dass ich jetzt schon die Falten in deinem Gesicht sehe.“

„Echt?“, meinte sie erschrocken. Hatte es aber gleich wieder vergessen, das mit den Falten.

Mit Stühlen gingen die Jungs im Flur aufeinander los. Ich schob mich dazwischen, schrie: „Aufhören!“, spürte die erhitzten Gesichter ganz dicht neben mir. Sie machten einfach weiter, schoben sich an mir vorbei. Ich schob zurück. Konnte sie nicht trennen. Drehte mich um und ging weg, ohne zurückzublicken.

Als es zum Unterricht klingelte, waren die Jungs noch nicht zurück. Ich wartete vor der Tafel. Nacheinander trudelten sie ein, mit hochroten Gesichtern, immer noch wütend. Ich schrieb die Minuten, die sie zu spät kamen, an die Tafel. Die würden wir nachsitzen. Nachsitzen war eigentlich nicht erlaubt. Aber in diesem Fall hatten meine Nerven entschieden. Minutenlang saß ich auf meinem Stuhl, packte meine Sachen in die Tasche, mit Blick auf die Zahlen an der Tafel.

„Das dürfen sie gar nicht, uns nachsitzen lassen.“

„Habt ihr eine Ahnung, was ich darf.“

Ich dachte daran, dass mein Vertrag noch drei Monate ging und dass ich danach wahrscheinlich wieder zum Arbeitsamt müsste. Es war mir egal, ob sie mich hier rausschmeißen oder nicht.

Es platzte aus mir heraus: „Ihr seid wie die Affen, ihr brüllt ohne Anstand, wie in einem Scheiß-Zoo ist das hier.“

Aygül meldete sich: „Das sag ich dem Direktor, dass Sie Affen zu uns gesagt haben.“

„Bitte, nur zu. Ich sagte: Wie die Affen. Wie die Affen und das schwöre ich auch vor Frau Merkel.“

„Wer ist Frau Merkel?“

„Spuck endlich den Kaugummi aus, oder willst du einen Tadel?“

„Tschüh, ich habe keinen Kaugummi, ich schwöre.“

„Auch auf deine Mutter?“

„Abuuuuuh“- im Chor.

Das nächste Thema waren Musicals. Ich suchte die „West Side Story“ von Leonard Bernstein aus. Weil sie hier nach Wedding passte, wie ich fand. Es geht um Migration, den Wunsch, akzeptiert zu werden im Land, in dem man gelandet war, ob man wollte oder nicht. Die Liebe zwischen Maria aus Puerto Rico und Tony aus New York, eine Liebe, die nicht sein darf. Bandenkrieg zwischen jugendlichen Puertoricanern und US-Amerikanern. „Jets“ und „Sharks“.

Ich drehte die Anlage auf Maximum. Die Musik schallte durch die geöffneten Fenster in den Hof: „Somewhere, there’s a place for us, a time and place for us.“ Irgendwo dort draußen gibt es einen Platz für uns, unsere Zeit wird kommen.

Der Text stand auf den Arbeitsblättern, die ich verteilt hatte. Aygül sang laut mit. Sie sah die Jungs an, während sie sang, sie kokettierte mit ihnen. Die Jungs grinsten.

„Stellt euch vor, ihr seid von einem Tag auf den anderen in New York, was würdet ihr tun?“, fragte ich. „Wie die Sprache lernen? Wie Geld verdienen? Wo wohnen, Freunde finden?“

„Gibt’s da auch Hartz IV?“, war die erste Frage. Meine Schüler wussten offensichtlich, dass man damit gut durchkommt.

„So was gibt’s nur hier – verlassen würde ich mich darauf nicht“, sagte ich. „Und in zwanzig Jahren sieht das hier wahrscheinlich auch anders aus.“

„Ich würde BWL studieren, abends Englisch an einer Schule lernen – da finde ich auch Freunde. Viel Geld verdienen, und Ihnen kaufe ich den Broadway.“

Das hat mich gerührt.

Ich fragte, was sie werden wollen.

Bodyguard, Fußballprofi, Schauspieler, Sängerin, Superstar. Was Realistisches war kaum dabei, manchmal Erzieherin oder Kfz-Mechaniker. Das soziale Netz versprach Absicherung. Superstar, und wenn das nicht klappt, kann man ja auch noch vom Staat leben.

Die Rechtschreibung in den Tests und Arbeitsblättern war zum Haaresträuben. Jeden Tag bin ich mit meinen Ansprüchen ein bisschen weiter runter gegangen. Es gab Stunden, meist die letzten, in denen die Hälfte der Klasse fehlte. Das waren die schönsten. Nur zehn Schüler in der Klasse! Gott sei Dank, dachte ich, und das dachten auch die Schüler. Die Schwänzer waren zu Hause vor dem Fernseher oder auf der Straße. Auf einmal gab es das typische Fingerschnipsen, wenn man etwas wissen, wenn man sich mitteilen will.

„Heute war es gut. Stimmt doch, oder? Endlich mal nicht so laut“, sagten sie, als sie nach der Stunde zu mir an den Lehrertisch kamen, sie wollten ihren Zensurenstand wissen und wünschten mir einen schönen Nachmittag.

Umso schlimmer ist es, wenn man sie dann wieder verliert, Mädchen, die auf den U-Bahnhöfen mit düsteren Gestalten abhängen. Manchmal habe ich mir eine in der Pause geschnappt und ihr auf die Schulter geklopft: „Schön, dass du wieder da bist. Du bist gut. Versau es dir nicht.“

Beim Rauchen im Heizungskeller erfuhr ich das Neueste. Eine Kollegin wurde von den Schülern „fettes Schwein“ genannt, dabei hatte sie gerade 15 Kilo abgenommen. Wie nett, dachte ich, mir hatten sie gerade „Votze“ zugeflüstert.

„Sind sie schwanger?“

„Nein, ich habe Blähungen, aber danke der Nachfrage.“

Freunde und Bekannte von mir konnten überhaupt nicht nachvollziehen, dass Nichtlehrer unterrichten dürfen. Ohne Ausbildung! „Also bitteschön, so was ist doch in Deutschland nicht möglich“, wurde ich bei Grillgemüse und Prosecco auf dem Schulfest meiner Kinder in Berlin-Mitte belehrt. Die Schule meiner Kinder war nur zehn Autominuten von der im Wedding entfernt, aber es war eine komplett andere Welt. Eine Welt, in der Eltern stundenlang über die Frischobstliste für den Hort diskutierten, wer den Kuchen fürs Schulfest bäckt und ob es für 10-Jährige emotional verträglich ist, schon Zensuren zu bekommen. Ich merkte, wie ich ungeduldiger wurde und immer weniger Verständnis entwickelte für Probleme, die aus meiner Sicht gar keine waren. Ich führte eine Art Doppelleben. Mich nervten die überbesorgten Mitte-Eltern, andererseits ertrug ich nicht einmal mehr die U-Bahn-Fahrt von Mitte nach Wedding. Ich fuhr lieber mit dem Auto, in dem ich meinen Kaffee trinken und Radio Eins hören konnte, um noch ein bisschen länger an der Welt festzuhalten, die mir vertraut war.

Es gab eine Menge hübscher Mädels in meinen Klassen. „Hübsche Mädchen mit gutem Englisch könnten überall als Stewardess arbeiten und in der ganzen Welt rumkommen“, warf ich einmal in den Unterricht ein. Angefixt von dieser plötzlichen Option meldeten sich die Selbstbewussten: „Welche Note brauche ich denn in Englisch, muss ich da einen Leistungskurs machen?“

Beim Sportfest rannten sie, als ginge es um ihr Leben. Staffellauf. Das Team war gefordert, der Schwächste wie auch der Schnellste, da hielten sie zusammen. Da bekamen sie Anerkennung. Ich hatte nicht gewusst, dass sich pubertierende Teenager über eine Urkunde beim Sportfest so freuen können. Sie lachten und rissen die Arme hoch, und ich bin mir sicher, dass sie ihre Urkunde sehr lange aufbewahren werden.

Marathonlauf. Unglaublich, wie sie Runde für Runde durch den Volkspark Rehberge liefen. Samir lief wie ein aufgezogener Motor. Das Johnny-Cash-Mädchen Derya spuckte ihre Kaugummis aus und kämpfte mit rotem Gesicht bis Runde neun: 7 740 Meter. Die Lehrer klatschten und feuerten sie an.

Sogar der Junge aus Bosnien war zum Sportfest gekommen. Er war ein seltsamer Junge, intelligent, und wenn er da war, machte er gut mit. Leider kam er nur dreimal in sieben Monaten zum Unterricht. Als ich ihn einmal auf der Treppe traf und fragte, warum er nicht kommt, es gehe doch um seinen Abschluss, sah er mir nicht in die Augen. Er schien ganz weit weg zu sein. Er stand vor mir, zu groß für sein Alter, mit leicht gebeugten Schultern, Flaum über den Lippen. Dann schaute er auf – und seine Augen sagten, dass ich eine Scheißahnung habe.

Vielleicht könnte Unterricht hier, in einer Schule wie dieser, funktionieren mit Klassengrößen von 15 Kindern. Es könnte klappen mit mehr Deutschunterricht. Denn die Schüler scheitern in den Prüfungen vor allem an Fragen, die sie nicht verstehen. Warum gibt es keine Regel, die besagt, dass fünfzig Prozent Migrantenanteil an einer Schule ausreichend sind? Oder 60? Ist es politisch unkorrekt, wenn man will, dass die Kinder in die Gesellschaft integriert werden. Man kann das Wort ja nicht mehr hören, aber erst hier, an dieser Schule im Wedding, habe ich begriffen, dass es nur eine Phrase ist.

Einmal sagte ich: „Es tut mir leid, dass ihr immer Arbeitsblätter mit der langweiligen Textarbeit machen müsst. Tut mir leid für die, die lernen wollen. Tut mir leid für die, die mal eine Familie haben und die auch ernähren wollen, mit eigenen Händen. Wie es sich für einen Mann gehört. Aber ein paar von euch wollen ja, wie zum Beispiel du oder du.“

„Ich auch, ich will auch, ich auch“, riefen sie und hoben die Hände.

Vor dem Schuljahresende gab es eine Theateraufführung. „Othello“ von Shakespeare. Verrat, Liebe, Freundschaft, Eifersucht, Mord. Von den Schülern im Theaterkurs in die Sprache ihres Alltags transformiert. Man spürte die Kraft, das Gefühl, etwas Besonderes zu machen. Lehrer, Schulrat, Schüler, alle waren begeistert.

Ich hätte heulen können, nur heulen. Weil ich froh war, dass sie etwas geschafft hatten, dass sich was bewegte, in die richtige Richtung.

Ceylan kam nach der Vorstellung zu mir. Eine Mollige mit großer Mädchenschrift, Pferdeschwanz, Brille, die immer grüßte und versuchte, alles richtig zu machen. Sie hatte im Sprechchor mitgespielt, aber ihre Eltern waren nicht gekommen. Nur ganz wenige Eltern waren bei der Premiere.

Im Publikum saß ein Kandidat von „Teach First“, dem neuen Programm für Superabschlussstudenten, die nach amerikanischem Vorbild für zwei Jahre als Lehrer an Problemschulen gehen, um ihre Sozialkompetenz und ihre Führungs- und Managementqualitäten zu erproben. Danach sollen sie vorzugsweise bei Top-Firmen unterkommen. Der Kandidat für diese Schule war ein Cambridge-Absolvent, Mitte zwanzig, im Wollpullover. Sein Mund stand offen, als er die Aufführung sah. Es war noch nicht lange hier, es war seine Schnupperwoche. Er war sichtlich stolz, hier die nächsten zwei Jahre arbeiten zu dürfen. Ich sagte ihm nicht, dass er höchstwahrscheinlich gerade den Zenit seiner zweijährigen Verpflichtung erlebt hatte. Ich fühlte mich extrem abgeklärt.

Der Cambridge-Absolvent wird der nächste Englisch- und Musiklehrer, mein Nachfolger. Vor mir war es für sechs Monate ein amerikanischer Student mit Berlin-Ambitionen und Gitarre in der Hand. Drei wechselnde Englischlehrer in anderthalb Jahren, und das so kurz vor den Abschlussprüfungen.

Eine Kollegin wollte wissen, warum ich meinen Vertrag nicht verlängere für das neue Schuljahr, die Kinder würden was lernen und bräuchten unbedingt Kontinuität. Würde ich gerne, aber nicht für 1 500 Euro brutto im Monat, sagte ich.

Das Sommerfest war sowas wie mein Abschied von der Schule. Es fand eine Woche vor den Ferien statt. Die Schüler hatten Sachspenden in den umliegenden Geschäften gesammelt, um sie als Preise zu verteilen. Als ich bei Sihem am Dosenwerfstand mein Glück versuchte, gab sie mir als Preis ein Band, das sie mir ums Handgelenk knotete. Es war ein Verpackungsbändchen von „Flora by Gucci“, für Sihem etwas ganz Besonderes.

An meinem letzten Tag ging ich in die achte Klasse, wo ich die meisten Wochenstunden gegeben hatte. Sie schenkten mir ein Klassenfoto. Ich fragte sie, was sie in den Ferien machen.

Ein paar sagten, dass sie nach Hause fahren, zu den Verwandten. Die meisten zuckten die Schultern.

„Und wo fahren Sie hin?“, wollte Sihem wissen.

„Ein paar Tage an die Ostsee.“

„Sie haben’s gut.“

Ich verabschiedete mich von jedem einzeln. Ich gab ihnen die Hand, ich machte ihnen Mut, sagte, dass es zwar nicht immer leicht war, aber dass ich sie mag. Sihem, die mich am Anfang nicht ausstehen konnte, fragte: „Aber Sie kommen doch noch mal wieder, oder?“ Ich nahm sie in den Arm. Dann ging ich, packte meine Sachen, setzte mich in mein Auto und fuhr zurück nach Mitte, meine Kinder von der Schule abholen.

Ein halbes Jahr ist das nun her. Ein einziges Mal war ich seitdem wieder im Wedding, auf einer Ausstellungseröffnung.

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