Grüne Helden. Und Heldengeschichten. Und Jogi Löw.

Im vorletzten Spiegel, also noch vor dem schrecklichen Ende, las ich das Portrait unseres Bundestrainers Jogi Löw.

Das war ganz interessant. Die Meta-Storyline, die sich für mich abgezeichnet hat, war: Jogi Löw hat gerne Work-Life-Balance, er mag die Konsensbildung, er mag Führung durch Teambuilding, Rückgabe der Verantwortung an andere, das Team, Führungsspieler im Team. Und er mag das beschaulich idyllische Freiburg.

Nun ist es einfach, nach der Niederlage (nach dieser Niederlage ohne Kampfgeist, wie anders war da doch Serbien!) nachzutreten. Aber darum geht es nicht.

Damals dachte ich mir, komisch, wieso habe ich dieses Gefühl, dieses Portrait beschreibt gleichzeitig Jogi Löw, die Kanzlerin und die Grünen.

Ein Versuch.

Die Antwort: Alle lieben den Ausgleich, die Konsensbildung, das Aushandeln von Kompromissen, das Treffen am Runden Tisch, Bilder der Beschaulichkeit, des Friedens, Mutti, die alles führt, klug, distanziert, mit Überblick, ohne dass man jemals das Gefühl hat, der oder diejenige ist involviert. Ausdruck eines unzweifelhaften Weltgeistes, einer zu einhundert Prozent unstreitigen Haltung oder Entscheidung.

Raute war gestern.

Mein Gefühl ist ja, dass diese Ära zu Ende geht. Und es bleibt den Historikern überlassen, nachzusehen, was Angela Merkel zu ihren einzig inhaltlichen Festlegungen, also dem Ausbruch aus dem Konsensmodus, gebracht hat. Neoliberalismus, Energiewende, Flüchtlingsfrage. Die Historiker sollten dann auch nachsehen, was eigentlich die Grünen, von links oben außen gekommen, sprich, Bürgerkinder, ökonomisch weitgehend sorgenfrei aufgewachsen, in einem Konflikt, Energie und Ressourcen, im Dissens gewachsen, dazu gebracht hat, zu glauben, alle Fragen ließen sich, unter Verweis darauf, dass die bösen Lobbyisten und “Die Wirtschaft” schuld sind, konsensuell lösen. Mehr Diskurs, mehr Politik, wenn das nicht mehr hilft, mehr Partizipation. Dann wird alles gut. Zeit spielt dabei übrigens keine Rolle, Interesse, an ewig andauernden, und damit immer kleinteiliger werdenden Gesprächsrunden teilzunehmen auch nicht.

Schleichende Abschiede lassen sich lange ignorieren.

So haben sich längst viele, draußen im Lande, von einer Teilnahme verabschiedet. Und weil sie das, bisher, weitgehend lautlos, gemacht haben, die Migrantenkinder (die Wahlergebnisse für Erdogan in Deutschland lassen grüßen), die Nichtteilnehmer und -nehmerinnen am Sternchendiskurs (Mann oder Frau), der ewigen, instrumentell geführten Gerechtigkeitsdebatte (Hartz IV muss weg), der Energiewendefrage (der Planet geht unter), der Gemeingutdebatte (nur politisch oder genossenschaftlich geführte Unternehmen und Institutionen können Gutes bewirken) konnten es die übrig Gebliebenen (Politikteilnehmer und Medien) das weitgehend ignorieren. Bisher. 

Auch wenn es uns nicht passt: Die AfD führt zu einer Repolitisierung.

Die Biodeutschen aus der Provinz (und nicht nur da! Und nicht nur auf den billigen Plätzen) werden jetzt ja lauter und fordern das Umdenken ein. Das Sprachrohr ist die AfD. Er wird gerüpelt und gerumpelt. Ich möchte, das halte ich für das wirklich gefährliche, nicht wissen, woher und wie sich das Umfeld Gelder erschließt, Durchgeknallte, in USA Mercer und andere, wird es auch hier, in der Erbengeneration geben. Auch solche, die mit richtig großem Geld richtig viel zündeln wollen.

Die AfD zündelt. Auch weil ihr die anderen Zündler in der Welt Mut gemacht haben.

Soweit die Innenperspektive. Halbaußen und Außen ist es nicht besser. Europa agiert zunehmend im Modus, rette sich, wer kann, und das national, obschon man gerne weiter europäische Töpfe anzapfen möchte (Es ist eine wirkliche Kunst, wie Osteuropa mit der einen Hand nimmt, während Sie mit der anderen Hand auf das schändliche Europa schimpft, vom dem sie diese Gelder empfängt). Unsere Nachbarn, Russland, die Putin-Despotie, Türkei, die Erdogan-Despotie, unser großer Freund, von dem wir gewohnt waren, dass er für uns alles wegräumt, was unser sanft-harmonisches Weltbild stört, USA, Trump. Alle um uns herum haben sich also für autoritäre, ich zögere ein bißchen, zu sagen, charismatische Führungspersönlichkeiten entschieden. Und dann noch ein selbstbewußtes und ökonomisch dynamisch aufgestelltes China, (die einzige Hoffnung hier ist, dass das lebenslange Mandat des großen Führer des Volkes zu den üblichen Verwerfungen, nämlich Hofstaat und Entschleunigung führt). Die Govenancemodelle des Nahen Ostens habe ich noch vergessen, aber Hoffnung macht das auch nicht.

Was tun?

Ratlosigkeit wäre, wenn man das alles wahrnimmt und thematisiert, eine zumindest adäquate Reaktion. Wut wäre eine andere, also Emotionen.

Mut wäre die Dritte der Alternativen. Mut, die eigene Wahrnehmung, die eigene Traumwelt, das eigene beschauliche Freiburg, die Hauptstadt der Herzen zu verlassen.

Paradigmenwechsel bedeutet, dass man nicht einfach in dieselbe Richtung weiter marschieren kann.

Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Bisher haben wir aus Deutschland heraus, als Vertreter eines Weltgeistes (für unseren Planeten, für das Wohlergehen aller, für Afrika, für Afghanistan, für Entwicklung, für Umwelt), auch gleichzeitig unsere Interessen adressiert; – ohne allerdings über diese Interessen reden zu müssen: Freihandel, vor allem mit Investitionsgütern, Wachstum, neue Märkte. 

Was hat das alles mit den Grünen zu tun? Die Umfragewerte steigen doch wieder?

Die rückblickende Analyse: Wir sind groß geworden mit einem historischen Zufall. Die Wirtschaft hat geboomt, während die Politik die globale Umweltfrage entdeckt und implementiert hat. Jedenfalls auf dem Papier.

In der Umsetzung, die auch zu Einschränkungen in Lebensstilen führen würde, klemmt es; – übrigens zwar unterschiedlich, aber weitgehend unabhängig vom Parteibuch.

Die Grünen sind bisher von der Erosion der parlamentarischen Demokratie noch wenig betroffen. So scheint es. Fast geräuschlos hat der Führungswechsel von Cem Özdemir als Aushängeschild und dem Machtzentrum Fraktion, hin zu Robert Habeck und Annalena Bärbock stattgefunden. 

Man könnte sagen, neue Besen kehren gut, aber es ist in der Tat erfrischend, ihnen zuzuhören.

Es macht Hoffnung. Begründete Hoffnung, weil zumindest Robert verfügt auch über ein Leben vor der Politik. Es handelt sich also um soziologisch begründete Hoffnung.

Eine neue Führung. Und wer liefert sonst noch neue Impulse?

Die Talkshows sind voll von den Beiden. Aber die Frage ist, wie schnell frisst der Moloch Berlin die beiden auf. Diese Konsensbildungsmechanismen (by the way: Kluger Schachzug von Kramp-Karrenbauer, sich auf eines, das wichtigste, die Machthochburg Partei zu konzentieren, weil das die größte CDU-Baustelle ist) haben schon ganz andere erledigt. Nur Rocker wie Joschka, der auf Gremien weitgehend ….. hat, konnte führen, ohne abzustimmen. Böse Zungen meinen, so ne Art Populismus. Andere meinen, charismatische Führung. Mit Haltung. 

Was ist die wichtigste Baustelle der Grünen? Partei? Nein. Gesellschaft! Was treibt die Menschen um? Und wer liefert?

Was Grüne meines Erachtens lösen müssen, ist, ihre Politik- und Institutionenfixierung hinter sich zu lassen und eine Mobilisierung der gesamten Gesellschaft, oder, nüchtern, des solidarisch-liberalen Spektrums dieser Gesellschaft einleiten.

Also kein neues Umbauprogramm für Energie, Verkehr, Agrar, Wohnen, sondern Umparken im Kopf. Sich in den Spiegel schauen. Wahrnehmen, dass Politik, auch grüne Politik Abwägung ist. Abwägung zwischen eigenen Interessen und den Herausforderungen, den globalen, den ökonomischen, den ökologischen. Uns selbst, also den Westen, demokratische Werte, Diskurs, Rationalität und Wohlstand (sprechen wir es aus) zu erhalten und den Raubbau an der Natur weniger hemmungslos zu betreiben.

Anprangern führt längst zu mehr Müdigkeit.

Entlarven war gestern, heute geht es darum, Dinge, Programme, Aktivitäten einzuleiten, die das mit weniger Raubbau an der Natur, mit weniger Plünderung anderer Kontinente betreiben.

Die vorderste Frage ist also, was haben wir erreicht, wie stehen wir da, was können wir künftig beitragen, um Ergebnisse zu erreichen. Und wie können wir die Menschen dafür mobilisieren, materielle Verlustängste, Neidgefühle hinter sich  zu lassen und sich als Teil eines neuen, starken, selbstbewußten, innovativen, technologieoffenen, lösungsorientierten, nach vorne denkenden und handelnden Deutschlands zu begreifen. Eines Deutschlands im europäischen Verbund. Ein Deutschland mit Verantwortung für die Welt. Aber nur, wer die eigene Kraft, Stärke kennt und bewahrt, der kann die Welt verändern.

Eine wirksame und mutige Politik für ein starkes, leistungsfähiges, innovationsbereites und mutiges Deutschland in einem handlungsfähigen Europa für eine überlebensfähige Welt.

Und hier hat auch diese Politik des Hinhörens eine Grenze, wenn sie nur hinhört (und die Gefahr besteht, dass sie nur in die Parteigremien, in die Partei hört), wenn sie hört, ohne Impulse zu geben, zu provozieren, Diskussionen loszutreten, z.B., über die Flüchtlingsfrage, Weltoffenheit muss und kann nicht heißen, auf alle Maßnahmen des Selbstschutzes (da werden auch hässliche dabei sein) zu verzichten, digitale Disruption wird sich nicht zum Wohle aller moderieren lassen, lediglich abwürgen, also what’s right, what’s wrong? Technologie kann nicht alles lösen, aber ohne Technologie (und ohne Industrie) werden wir keine Lösungen finden.

Das alles wünsche ich mir. Ich wünsche mir unseren grünen Mut, auch in die schmutzigen Ecken zu gucken, sie auszuleuchten, nicht nur in die schmutzigen Ecken der anderen, sondern auch in die eigenen.

Dass die Welt von morgen nicht nur im Konsens und mit Runden Tischen entsteht. Dass Konflikte ausgetragen werden müssen, nicht ausgegrenzt (Blickrichtung AfD), dass es rüpeln und rumpeln wird künftig in der Politik, dass wir neugierig sein müssen, offen für das, was entsteht im Silicon Valley und in China. Und aktiv mit umgehen. Dass wir uns warm anziehen müssen, in den Kampfmodus, aber erst, wenn wir uns einen Überblick verschafft haben, neue Bündnispartner, das ganze Feld vermessen, Führung auch akzeptieren, wenn sie Führung ist.

Soweit die Perspektive. Das alles kann, aber muss nicht bedeuten, dass man eine Angela Merkel, die jetzt fallen wird, stützen kann, weil es darum geht, die Mitte zu stabilisieren. Aber nicht, um dann ähnlich unsägliche Regierungsprogramme zu schreiben, das vor guten Absichten so strotzt, Geld nach allen Richtungen ausgibt, aber keine Haltung hat. Sich nicht auf das konzentriert, was wirkt.

Nicht sich selbst bewußt ist. Also, warum soll man nicht den richtigen Gedanken von FDP Lindner aufgreifen und wirklich was Neues formen. Aus uns und unserem Selbstverständnis heraus.

Was wird aus Jogi Löw?

Ob Jogi Löw jetzt zurück tritt oder nicht, ist übrigens ähnlich spannend. Er kann weiter machen. Aber dann muss er sich auch ein Stückweit neu erfinden. Der Wettbewerb, das zeigt diese WM, ist härter geworden. Serbien, Kroatien, Marokko, diese Mannschaften haben Respekt verdient. Und die gefallenen Helden, Beispiel Brasilien, sind wieder da!

Unsere Jungs haben versagt, weil niemand rechtzeitig den Hut aufgesetzt hat und die anderen mitgenommen hat.

Wir haben die Chance! Mädels und Jungs gemeinsam!

 

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