Globalisierung. Verdrängungswettbewerb jetzt auch bei Akademikern

Wer glaubte, die Globalisierung beträfe nur „einfache“ Jobs, von der Putzfrau über den Handwerker bis hin zum Industriearbeiter, täuscht sich. Deutschland steht unter Wettbewerbsdruck, auch für White Collar Jobs. Das ist nicht schön, aber tatsächlich so. Und deshalb geht es bei aller Politik darum, die nationale Perspektive mit der europäischen und internationalen Perspektive abzugleichen.

Wo Forschung stattfindet, noch kein Weckruf, aber ein Appell, die Augen auf zu machen. Übrigens auch an die Grünen, die ja im Moment darüber nachdenken (sollten), warum es sie heute noch braucht. Und worüber sich ihre Wählerinnen und Wähler so Gedanken machen. ……

Bedrohte Innovationen

Regierungsberater warnen: Die deutsche Wirtschaft forscht zunehmend im Ausland. Gut 30 Prozent aller Innovationsausgaben fließen mittlerweile in andere Staaten. Dabei ist aber nicht China, sondern ein entwickeltes Industrieland das Hauptziel.

Barbara Gillmann | Berlin | Dienstag, 25. Februar 2014, 20:00 Uhr

Volkswagen und seine Gemeinschaftsunternehmen beschäftigen allein in China schon mehr als 3100 Entwickler vor Ort – Tendenz steigend. Auch Daimler baut seine Aktivitäten in der Forschung und Entwicklung in China aus, ebenso Bosch und Continental. Sie stehen für einen allgemeinen Trend: Die deutsche Wirtschaft forscht und entwickelt zunehmend im Ausland. Der Zuwachs ist weit stärker als im Inland – mittlerweile werden gut 30 Prozent der gesamten Innovationsausgaben jenseits der deutschen Grenzen getätigt – 2011 waren das fast 15 Milliarden Euro. Und gut jedes dritte Unternehmen will künftig noch mehr im Ausland forschen.

Darauf weist die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) in ihrem neuen, dem Handelsblatt vorliegenden Gutachten hin, das sie diesen Mittwoch der Kanzlerin übergibt. Der Saldo mit dem Ausland ist zwar noch leicht positiv: ausländische Firmen investierten im gleichen Zeitraum sogar gut 16 Milliarden für Forschung und Entwicklung in Deutschland, berichtet das Team um den EFI-Vorsitzenden, den Münchner Ökonomen Dietmar Harhoff.

Große Sorgen macht den Innovationsforschern aber, dass deutsche Unternehmen ausgerechnet in der Spitzentechnologie im Ausland forschen oder forschen lassen – das sei „bedenklich“. Das gilt vor allem für die Informations- und Kommunikationstechnologie, die Bio- und Gentechnologie und die neuere medizinischen Forschung.

Ein Grund sind die Wissenschaftler und Erfinder, die sie im Ausland finden – auch weil immer mehr von ihnen aus Deutschland weggehen. „Diese sich gegenseitig verstärkenden Entwicklungen schwächen auf Dauer den Innovationsstandort Deutschland“, warnt EFI. Zudem bestehe die „Gefahr einer Kompetenzfalle durch übermäßige Spezialisierung auf einige aktuell besonders wettbewerbsfähige Bereiche zu Lasten der in Zukunft möglicherweise wichtigen Bereiche“.

Basis ist eine Erhebung des Stifterverbandes unter den 100 führenden forschenden Unternehmen über deren Forschungsausgaben im Ausland insgesamt. Eine Sonderauswertung von EFI und Stifterverband, an der rund die Hälfte der Unternehmen teilnahm, fragte zudem nach den konkreten Zielländern. Danach forschen und entwickeln die Unternehmen vor allem in den USA – entweder selbst oder bei externen Instituten. Mit deutlichem Abstand folgen Österreich, die Schweiz, Japan, Frankreich sowie China und Indien.

In hoch entwickelten Ländern geben deutsche Unternehmen dabei im Schnitt 14 bis 45 Millionen für Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten aus. In den BRIC-Staaten ist es deutlich weniger: rund zehn Millionen in China und Indien, in Brasilien zwei Millionen und in Russland und Polen noch weniger. Die Motive sind unterschiedlich: Ein Hauptgrund ist die Markterschließung, vor allem in den USA und den BRIC-Staaten. Der zweite entscheidende Faktor ist spezifisches Wissen – das gilt vor allem für die EU-Länder und ebenfalls für die USA.

In Osteuropa locken niedrigere Löhne und Lohnnebenkosten – sagen 85 Prozent der Unternehmen, die dort forschen und entwickeln. Von denen, die in den BRIC-Staaten aktiv sind, nennen ebenfalls zwei Drittel dieses Argument.

Differenziert ist das Bild auch mit Blick auf die Branchen: Für die Chemiebranche, Pharmazie, Kfz-Bauer sowie Ingenieurleistungen steht die Markterschließung im Vordergrund. Spezifisches Wissen oder Fachkräfte hingegen locken vor allem die Informations- und Telekommunikationsbranche ins Ausland, aber auch die Ingenieur- und technischen Dienstleister.

Mitarbeit: Mark Schneider

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