Für Franziska. Und meine grünen und halbgrünen Freunde.

Eine gute Freundin, Franziska eben, bat mich um eine Leseliste. Was mich so interessiert (was bei mir heißt: keine Romane).

Dann fangen wir mal mit nem Roman an: Americanah, von Chimamanda Ngozi Adichie, ein sehr lebendig geschriebenes Buch, das die aktuelle Welt aus vielen Blickwinkeln erzählt. Der einer Nigerianerin, die sich erst, als sie in den USA landet, damit auseinandersetzen muss, dass sie schwarz ist, die die „feinen Unterschiede“ zwischen amerikanischen Schwarzen und anderen aufdröselt. Das Buch ist, für die, die es ein wenig romantisch mögen, auch eine wunderschöne Liebesgeschichte. Eigentlich zeigt es uns aber, dass wir alle hybride Identitäten haben, dass das Konzept von Identität, wie wir sie kennen, überholt ist. Geschrieben ist es übrigens einem wunderbar atemlosen Stil, der die Deutschlehrer aller Altersstufen zum Haareausreißen bringen würde. Sprache lebt.

Weniger gefallen hat mir übrigens Zadie Smith, London SW. Aber bin noch nicht am Ende.

Wie wir die Welt sehen. …..

Seit einiger Zeit beschäftigt mich ja die Frage, wie wir die Welt sehen. Wir, das sind die linksintellektuellen Bildungsbürger, die im Nachgang von 68 und mit dem Erwachsenwerden von Grün selber erwachsen geworden sind. Und jetzt auf die Sechzig zusteuern.

Wir, die Linksintellektuellen, sehen die Welt ja als eine durchdrungene an, eine, die mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnis und Rationalität meint, alles erklären und steuern zu können. Dazu der Spruch, „das Private ist politisch“, der den Siegeszug der Grünen durch das parlamentarische System tatsächlich zu einem Paradigmenwechsel gemacht hat. Alle reden jetzt grün, alle glauben an die Macht der Politik, was auch deshalb ein Witz ist, weil sie sich ja zugleich daran klammern, alles das Volk entscheiden lassen zu wollen. Ich sage nur, Berlin, Tempelhof und einen Senat, der jetzt Olympiade machen will. Wenn es einen Blankoscheck vom Volk gibt. Also, jedenfalls, die Grünen sind ja im Sog des Generalirrtums, sie wären deswegen so anders als die Anderen, weil sie eine Konzeptpartei wären, fast zur Volkspartei neuen Typs geworden. Die Wähler haben die grünen Sandkastenspiele dann abgestraft und jetzt sucht man nach den Ursachen.

Jungs und Mädels, versucht es mal damit, dass ihr gewählt worden seit, weil die Unerbittlichkeit des miteinander Streitens, für das die Grünen seit Jahren bekannt waren (Spalten sie sich, spalten sie sich nicht, und gleichzeitig sind das natürlich auch die Fragen, die die SUV-fahrenden Vorstadtfrauen sich beim Zahlen im Biomarkt auch stellen), weil sie diese Fragen so unerbittlich gestellt haben. Mit mehr als 20 Prozent in Baden-Württemberg sehen die Bürgerinnen und Bürger diese Partei anders (sie setzen nicht nur andere Akzente, sondern sie könnten sogar ERNST damit machen), die Grünen, schlau wie sie sind, haben das auch erkannt und wollten als letzten Stein ihrer wundervollen Umbaupläne gleich die Rechnung mit präsentieren.

Zackwumm, hat’s gemacht, auf einmal waren die Grünen wieder die Nr. 4 unter den Parteien, verzockt haben sie sich auch, weil ein Jürgen Trittin, ein wirklich kluger Kopf und anders, als das Medienbild suggeriert, auch ein angenehm entspannter Mensch, da irgendwie von irgendwas gebissen worden war. Auf Linksrotgrün-Trip. Jetzt hat er den Salat, weil sein Ex-Staatssekretär, der keine programmatischen Wolkenkuckucksheime baut, sondern die Energiewende tatsächlich machen wollte, auf dem schwarzroten Ticket dasselbe tut.

Was im übrigen auch zeigt, wie nah sich die Parteien inzwischen sind. Nur haben das die Grünen noch nicht erkannt. Und wo sie es erkannt haben, sind sie zu kuschelig, um sich das einzugestehen.

Tatsächlich sind die Grünen damit in demselben Sumpf gelandet, in dem die anderen Parteien schon stecken. Dem Glaubwürdigkeitssumpf, der die meisten Menschen zu Distanz nötigt. Dieses: Wir, die Partei, kann alles. Insofern verstehe ich, wenn Menschen jetzt mal DIE PARTEI gewählt haben. Symbolischer Widerstand gegen eine symbolische Politik, die aber von sich selbst glaubt, sie wäre echt.

Grüne sind also, wie Schwarz, wie Rot und Dunkelrot, davon überzeugt, sie könnten das FÜR die Gesellschaft wuppen. Sie bräuchten nur mehr Geld. Stimmt nicht, sage ich, weil sie die Gesellschaft brauchen, diejenigen, die verstanden haben, dass globaler Wettbewerb keine Erfindung der Neoliberalen ist, sondern Realität. Die danach suchen, wie man die ökologische Frage lösen kann, unseren Wohlstand, ob mit oder ohne SUV, sichert, und die beim Umbau, ja um den geht es, noch darauf aufpassen wollen, dass möglichst wenige dabei unten durchfallen. Ich würde es in der dynamischen Perspektive anders formulieren: Es geht darum, die zu binden, die mit anpacken, Forscher, Unternehmer, auch engagierte Bürger, die Gemeinschaft herstellen (und nicht den politischen Symbolhandel betreiben). Es geht um die neudeutsch „Soft Factors“, klassisch: HALTUNG.

Bücher sind Freunde. Manchmal werden aus alten Feinden neue Freunde.

Jetzt komme ich wieder zu den Büchern. Ich habe alles mögliche zur Frage, wie Gesellschaft zu deuten ist, gelesen. Fangen wir soziologisch und antiquarisch an: Helmut Schelsky, Die Arbeit tun die Anderen, Klassenkampf und die Priesterherrschaft der Intellektuellen, 1984. Ein scharfes Buch, das, wenn man das Adrenalin darin unberücksichtigt lässt, unglaublich weitsichtig beschreibt, wie die heranwachsende Klasse der staatsnahen Linksintellektuellen, wozu auch Rechtsanwälte (Geschäftsmodell: Staatliche Interpretationssysteme uminterpretieren), Soziologen und Politologen (Geschäftsmodell: Gesellschaftliche Selbstbeschreibung uminterpretieren), Journalisten (Geschäftsmodell: die papierne, künftig elektronische Bühne der Realitätsinterpreten im Blick zu halten), Wissenschaftler und Unternehmensberater, das verwächst sich gerade, das sind die, die mit dem Glauben an Neutralität und Wissenschaftlichkeit den Voodoo postmoderner Gesellschaften aufführen (und dabei schamlos die Erwartungshaltung der Auftraggeber antizipieren), wie also diese alle der Gesellschaft den Kopf verdrehen und sie glauben lassen, sie wären fähig, jeden von uns zu retten. Sind sie natürlich nicht, wir wären froh, wenn sie ihre fatale Elbphilharmonie und den verdammten Flughafen BER mal fertig kriegen würden.

Was Schelsky ganz schnöde soziologisch beschrieben hat, kriegt beim Bonner Philosophen Markus Gabriel eine sehr viel originellere Form. Er nimmt einen mit dem Platon’schen Höhlengleichnis an die Hand, nachdem man die Provokation des Buchtitels „Warum es die Welt nicht gibt“ überwunden hat. Sehen wir die Welt oder nur ein Abbild von der Welt, lautet seine Kernfrage, die er sehr schön aufdröselt. Und deshalb auch zu dem Schluß kommt, dass Wissenschaftlichkeit auch nur eine Form neuzeitlichen Glaubens ist. Gut gebrüllt, Löwe, ein wirklich gutes Buch, das mit seinen 180 Seiten auch schnell zu lesen ist.

Wenigstens erwähnen will ich Ulrich Beck, meinen Hohepriester der Soziologie. Es ist eigentlich egal, was man von ihm liest (wobei ich die neueren, bei denen er sich, wie Habermas, so daran klammert, das nationale Staatsmodell einfach auf die europäische Ebene zu hieven, das scheint mir unrealistisch, nicht einleuchtend). Ulrich Beck hat mit seiner Frau so schöne Begriffe geprägt wie „Risikogesellschaft“, „Patchworkfamilie“, „Weltinnenpolitik“ Und natürlich „reflexive Modernisierung“. Und jetzt eben „Merkiavilismus“. Beck führt wie ein Künstler vor, was Wissenschaft kann, wenn sie mutig ist. Sie kann hinschauen, das, was sie sieht, beschreiben, umsortieren und in neue Begriffe packen. Die Begriffe stehen dann als Warnzeichen, Hinweisschilder oder Stoppschilder in der Landschaft und andere können dann damit machen, was sie wollen.

Ein anderer, leider etwas spröderer Soziologe soll hier ebenfalls erwähnt werden: Richard Münch, meiner Wahrnehmung nach der aufgeräumteste aller deutschen Systemtheoretiker, die Dialektik der Informationsgesellschaft ist ein ebenso erhellendes Werk wie seine späteren zu den Artefakten von Pisa und der Kolonialisierung der Wissenschaftswelt durch den Bologna-Prozess. Zwei Titel: Akademischer Kapitalismus, das verweist auch zurück auf Schelsky (sage ich, nicht er) und Das Regime des liberalen Kapitalismus, ein etwas sperriges Buch, in dem aber viel Nachdenkenswertes über unsere entgrenzte Gesellschaft steht (und es ist nie das, „es soll wieder wie früher werden“).

Große Freude hat mir auch die Machtwirtschaft von Gerhard Schick gemacht. Ein sehr, sehr gut lesbares und lebendiges Buch, das auch Nichtökonomen zu empfehlen ist. Er macht, das ehrt ihn, den Schritt über die Niederung der Politik hinaus. Meine Kritik an den Linksintellektuellen, denen ich mich ja auch irgendwie genetisch zuordne (fühle mich eher wie die handwerkliche, provinzielle Ausgabe davon), bedeutet ja nicht, dass sie falsch liegen, sondern dass sie in 90 Prozent ihre eigene Lebenswelt als die einzige Welt betrachten. Und deshalb scheitern. Also: Schick lesen.

Ein weiteres empfehlenswertes Buch: Ralf Füchs, Intelligent wachsen. Für Grünkernmüsli-Esser deswegen ein „Conditio sine qua non“-Buch, also ein Augenöffner, weil er mit dem Finger auf die grüne Schwachstelle hinweist. Es ist nicht nur gut, was klein, kuschelig, selbstgemacht ist und von unten wächst. Auch Industrie kann was. Auch Ingenieure können was. Auch Ökonomen können was. Sozusagen ein Versöhnungsangebot der Grünen mit dem sonst ignorierten Teil der Gesellschaft.

Erkenntnistheoretisch habe ich mich in jüngster Zeit an einen alten anarchistischen Vordenker erinnert: Paul Feyerabend, Erkenntnisse für freie Menschen. Er hat mir in meiner Studienzeit geholfen, mich von meinem marxistischen Weltbild zu befreien. Er argumentiert, dass aus der Sicht der Alten Welt Galilei zu Recht hingerichtet wurde, weil er nicht logisch war. Im Weltbild der alten Welt.

Man sieht nur, was man weiß.

Womit wir wieder beim Thema sind.

Das letzte der Bücher, die mir erlaubt haben, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, ist das gerade neu erschienene Buch von Douglas Hofstatter & Emanuel Sander, Die Analogie. Die Analogie, so argumentieren sie, ist das Fundament der Begriffsbildung. Sich der Entstehung von Begriffen durch Analogien bewußt zu sein, hilft auch, ihre Relativität zu verstehen. Dieselben Begriffe sind zuweilen mit anderen Bildern gefüllt, ein Thema, das die beiden Autoren, die in unterschiedlichen Sprachen geschrieben haben, wohl dazu verleitet hat, sich beim Schreiben zu hinterfragen. Für mich ist die Analogie eine Fortführung des Buches von Markus Gabriel, weil es mir deutlich gemacht hat, wie Begriffe entstanden sind, aus denen dann ja auch Theoriemodelle entstehen, auch die Theorie und das Modell der westlichen Demokratie, des Verhältnisses von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Wenn man sich länger mit diesem Thema auseinandersetzt, erkennt man, dass Analogiebildung Folge des begrenzten menschlichen Verstandes ist. So eine Art Dreisatz. Bilder aus einer alten Bilderwelt ausschneiden und in neue Situation implantieren. Der hochverehrte Müntefering hat das gestern (20.6.2014) in der FAZ gemacht: Alle Menschen sind Schauspieler, Politiker sind Menschen. Also sind Politiker Schauspieler. Der Münte ist noch immer die intellektuell direkteste Verbindung von zwei Punkten.

Wissenschaft bedeutet, diese Bilder an der einen oder anderen Stelle mit Fakten abzusichern. Aber schon der kritische Rationalisums eines Poppers hat sich damit beschäftigt, dass Theorien immer von Voraussetzungen ausgehen, die mehr oder weniger willkürlich ist.

Was bleibt vom Lesen

Modelle, also auch Erklärungsmodelle von Verhalten (Rationaler Käufer vs. der neue Trend Irrationaler Käufer, auf den irrationalen Wähler kommen wir noch) sind immer Verkürzungen, die Denkressourcen freisetzen, weil sie auf Bilder zurückgreifen können, in denen Menschen komplexe Sachverhalte abbilden können. Bilder müssen nie richtig oder falsch sein, die vorrangige Frage müsste sein, unter welchen Bedingungen die Bilder Gültigkeit haben. Politik lebt von Verkürzung, also lebt die politische Debatte von so, sorry, bescheuerten Alternativen „Markt oder Staat“. Die Realität ist: Es gibt längst keinen Markt mehr, der nicht ganz stark eingegrenzt ist durch staatliche und gesellschaftliche Interventionen oder Traditionen. Die Debatte könnte, müsste, sollte also tiefgründiger sein. Ist sie aber nicht, weil sowohl Abgeordnete, Journalisten und auch NGOs (ja und auch Industrie und Wirtschaft) in alten Bildern rumhängen. Man hat sich eingerichtet und führt die Schlachten von gestern, anstatt nach vorne zu blicken und darauf einzustellen, wie man die upcoming issues, neue Herausforderungen in den Griff bekommt.

Mein momentanes Credo: Weil sich unterschiedliche Prozesse (Technologische Revolution, Verschiebung der Globalen Machtverhältnisse, Überlagerung von Bildern: Flüchtlinge, die ertrinken vor den Augen einer sich nach Gerechtigkeit sehnenden politischen Öffentlichkeit, um nur einige zu nennen) vor aller Öffentlichkeit sichtbar abspielen, ist das menschliche Hirn davon überfordert. Irritiert sucht es neue Muster. Wie weit diese Irritation geht, zeigen, nein nicht der Iran, das können wir noch gar nicht verstehen, was sich da verschiebt in der islamischen Welt, aber vor allem in den USA. In den anglikanischen und anders christlich spiritistischen Kreisen und der „Tea Party“-Bewegung (wie borniert darf man eigentlich sein???) schon längst darum geht, sich praktisch handlungsfähig zu machen, indem man sich von einem modernen und differenzierten Weltbild verabschiedet: Komplexitätsreduktion, Ausgrenzung unpassender Wahrheiten. Es ist im Grunde eine Art Kreuzzugmentalität, die aus der Mitte des Powerhouse der Moderne, USA, heranwächst.

Was mich, um wieder nach Deutschland zurück zu kommen, noch mehr beschäftigt, ist die Faszination geschlossener politischer Konzepte. Die SPD steht ja deswegen so gut da, weil sie in den Verhandlungen mit der CDU diese über den Tisch ziehen konnte, weil diese gar keine gültigen Vorstellungen mehr von der Welt hatte. Die hat nämlich alle mehr oder weniger Angela Merkel kassiert. Das letzte war die Wende von der Wende von der Energiewende, da hatte sie nach Fukushima, endgültig die Nase voll von Großmann und Konsorten, die ihr schmackhaft gemacht haben, die Energiewende aufzuschnüren. Das hat in einem ersten Schritt eine breite Öffentlichkeit mobilisiert, die dann, als Fukushima hochging, in kürzester Zeit die politische Tektonik komplett verschob. Das hat Winfried Kretschmann (Vier Faktoren: Der richtige Kandidat (1) mit dem richtigen Thema (2), einer richtig aufgestellten Partei (3) zu einem richtigen Zeitpunkt (4)) an die Macht gebracht.

Jetzt sitzt er da und die CDU kann kochen, wie sie will. Das epochale an dieser Situation ist, dass jetzt alle Menschen ERLEBEN, dass Grüne regieren können. Deswegen wird es nie mehr wie vorher werden. Kennen Sie das Bild: The Tipping Point.

Wer aber glaubt, die Grünen könnten weiter so machen, täuscht sich auch, das hat eben der grüne Bundestagswahlkampf gezeigt. Die Bürgerinnen und Bürger fragen, was es sie persönlich kostet, wenn Grüne an die Macht kommen. Und dann machen sie eine persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz. Wenn die Grünen Politik umsetzen wollen, müssen sie verstehen, wer sie wählt (das kennen sie) und wer sie, mit wenigen Veränderungen wählen würde: Die Aufgeklärten dieser Gesellschaft, die die man nicht ruhig stellen muss, sondern die, die man fordern kann. Mit denen man streiten kann, weil sie wissen, dass nur wenig bleibt wie es war. Aber dass wir besser fahren (oder laufen), wenn wir frühzeitig nach vorne blicken. Mit denen gemeinsam man ausloten kann, wie man den irrsinnig gewordenen Finanzkapitalismus wenigstens ein Stückweit wieder einfangen kann, mit denen man ausloten kann, wie das Neue in die Welt kommt, das ja die Politik nicht erfinden kann, manchmal, aber nur manchmal befördern, viel öfter aber, und zwar im guten Glauben, verhindern kann. Weil, ich bin im Gesundheitswesen unterwegs, gut gemeint oft gut gemacht ist, weil zu viel Regulierung, zu viele Auflagen, verhindert, dass sich neue Lösungen entwickeln können. Weil man, um es plastisch zu machen, weniger wollen muss, damit auf einem Markt mehr passiert. Es genügt schon, so meine Ad hoc These, wenn man sagt, dass das Thema Klimawandel, CO2-Einsparung wichtig ist, es wäre super, wenn die CO2-Abgabe hoch wäre, dann würde sich alles von selbst entwickeln, aber weil die EU blockt, gibt es nationale Krücken, damit überhaupt etwas in Gang kommt. Im Moment können wir beim EEG 2.0 studieren, wie mühsam es ist, einmal geschaffene (indirekte) Subventionstatbestände wieder wegzumachen.

Was not tut, wäre eine neue Bescheidenheit der Politik, was not tut, wäre eine gesellschaftliche Debatte, die sich von „german angst“ ablöst und „german zuversicht“, wie sie sich in deutschem Ingenieursgeist, deutscher Chemieindustrie, Prozessoptimierung, Denken und Handeln in Zusammenhängen zeigt. Deutschland ist nicht nur Nutznießer des Euro, es ist ingenieurstechnisch auch gut. Sehr gut sogar, muss man in grünen Kreisen betonen. So unpretentiös. Nicht umsonst sind wir Weltmarktführer in Investitionsgütern.

Wenn es, so meine These, den Grünen gelingt, mit denen, die Zukunft machen, auf Augenhöhe zu reden, HINZUHÖREN, ernst zu nehmen, einzusortieren, ihr eigenes Weltbild umzubauen, und zwar nicht aus Opportunismus wie die FDP, sondern aus Überzeugung, weil mehr Politik die Welt nicht weiter bringt. Wenn der Grundgedanke eines Liberalismus, nur das zu regeln, was man muss, eines Pragmatismus, nur das zu regeln, bei dem man sicher ist, dass es auch funktioniert, wenn das in die politische DNA der Grünen einsickert, wenn sie sich ein weiteres mal weiterentwickelt, dann werden die Grünen die Partei sein, die, weil sie keine Modernisierungsverlierermilieus organisieren muss, schneller denken und handeln kann als andere. Ungerecht, aber es ist so. Das würde aber voraussetzen, dass sie ihre Rolle neu denken. Sie können nicht gleichzeitig die sozialste der Parteien sein, sondern sie müssen ihr Modell von sozialer Fairness entwickeln, von Teilhabechancen, von einem Chancenmodell, die erst einmal die wahrnimmt, die sich beteiligen, egal, ob als Unternehmer, Selbständige oder als ehrenamtlich engagierte. Ja, sie müssen auch soziale Standards definieren, aber die höchsten wird immer die Linkspartei definieren. Das ist ihre Rolle. Sie muss Freude, Spaß und Neugier favorisieren, sie muss künftig zeigen, dass sie keine Rechthaberpartei, sondern eine Wegbereiterpartei ist, die ihre Lösungen nicht am grünen Tisch sucht, sondern im Dialog, im Streit, manchmal auch auf der Straße (aber ohne Dauerfeindbilder), die klar ist in ihren Werten und differenziert in ihren Wahrnehmungen und Analysen (Und, aber das beherrscht ja zum Beispiel auch Gerhard Schick ganz gut), in der Zuspitzung, wenn es sein muss.

Um die Mischung muss man sich streiten. Um die Begriffe muss man sich streiten, die neue Inszenierung muss man probieren. Wenns interessant ist, werden die Anderen, die Medien zugucken. Und Vertrauen gewinnen. Und damit Grüne wählen.

Wo es stinkt und kracht.

Noch ein Buch, das mich doch verwirrt hat: Karl-Ludwig Kley, Deutschland braucht Chemie. Ein Buch, was mich a) verwundert hat, wie es sein kann, dass der Chef des Chemieverbandes, mithin des Verbandes, der der erste Verband war, der von den Grünen und der Umweltbewegung geprügelt wurde, so wenig vom politischen Geschäft begriffen hat. Alles, was Karl-Ludwig Kley über die Leistungen der deutschen Chemie-Industrie schreibt, ist richtig. Und doch, davon kann man ausgehen, wird nichts von dem, was er schreibt, Gehör finden, auch und gerade nicht sein Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung.

Weil man in unterschiedlichen Welten lebt, weil, ja, die Priesterherrschaft der links-soziologischen Intellektuellen in der Medienöffentlichkeit eine reale ist. Symbolisches Kapital ist Kapital.

Teile und Herrsche, lautet die Devise. Absurd, dass einer der wichtigsten Leistungsträger Deutschlands das nicht verstanden hat. Nur wenn beide Seiten, die ökologische und die industrielle, endlich verstehen, dass „die Anderen“ nicht Gegner, sondern Mitspieler sind, die Industrie die Politik auch als Rahmensetzer akzeptiert (Smart Lobbying), sich zu Demokratie bekennt, die Politik im Gegenzug die Chemie nicht nur bashed, sondern anerkennt, dass sie ein wichtiger Mitspieler für Ressourceneffizienz ist, wenn man sie mit auf die Bühne holt und wenn auf der anderen Seite wiederrum die Chemieindustrie mal anerkennt, dass das Gift aus unseren Flüssen nicht verschwunden ist, weil man plötzlich erkannt hat, dass das nicht gut ist, sondern dafür geprügelt worden ist, dann könnte sich daraus eine neue, fruchtbringende Situation entwickeln.

Mein Ausblick

Deutschland, Europa, der Westen, muss beides, sich um sozialen Ausgleich kümmern und um mehr Schnelligkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Es muss erkennen, dass die Endlichkeit der Ressourcen eines ist und bleibt, Klimaerwärmung eines ist und bleibt, und dass es derzeit schwar Schritte, aber keine Lösung dafür gibt. Auch, weil der Westen weder die Macht, noch die Kraft, noch die Bereitschaft hat, die Hebel maximal auf Ressourcensparen zu stellen. Schönen Gruß vom SUV.

Wie man das kommuniziert und legitimiert, weniger zu fordern, weil mehr dabei rauskommt, Unternehmer, Erfinder, Industrie laufen zu lassen, weil man die Offenheit braucht, um disruptive Innovation zu ermöglichen, das ist die Aufgabe, vor denen Grüne jetzt stehen. Das Ende der Papiergläubigkeit als Anfang eines Bessermachens zu inszenieren. Die Menschen aus ihrer skeptischen Haltung gegenüber der Politik zu locken und ihnen ein Angebot zu machen. Politik oder das, was man in Berlin und den Fernsehstudios dafür hält, nicht mehr so ernst zu nehmen. Weil man erkannt hat, dass die Welt neu zu interpretieren, eine Partei zwar an die Macht bringen kann. Aber wenn man an der Macht ist, auch genauso ratlos ist wie die Politikverwalter der anderen Parteien.

Open your eyes! Die Welt erfindet sich gerade neu. Wer hinguckt, wer neugierig ist, wer Neues aufgreift, zarte Pflänzchen entdeckt, seine Begriffe und Vorstellungen umbaut, betreibt, meine Referenz an Ulrich Becks Begriffswelt „Reflexive Modernisierung“. Das kann Spaß machen, auch intellektuellen Spaß.

Darauf hofft
ein weiterhin neugieriger Leser.

P.S.1: Das hat mich übrigens an Americanah so gebannt: Die selbstverständliche Beschreibung dessen, dass Weltbilder dauernd nicht stimmen.

P.S.2: Ich habe noch ein paar gesundheitspolitische Bücher gelesen, von Eugen Münch, Netzwerkmedizin, über bis hin zu Peter U. Unschuld: Ware Gesundheit. Auf der Suche danach, wie sich eigentlich die Gesundheitspolitik und -wirtschaft aus ihrem selbstreferenziellen Sumpf befreien kann. Ist ein komplizierteres Kapitel, deswegen kommt das später.

P.S.3: Noch eines: Im Zirkus von Nils Minkmar, der den Steinbrück Wahlkampf zum Anlass nimmt, über Politik zu räsonnieren. Sehr schön zu lesen, sehr plastisch, sehr anregend. Daraus auch habe ich entnommen: Stephan Grünewald, Die erschöpfte Gesellschaft.

P.S.4: Die meisten meiner Literaturhinweise entnehme ich der FAZ. Dafür ein Dank. Und der Wunsch, dass die Brillianz dieser Zeitung auch nach Schirrmacher nicht baden geht. Ich würde sonst orientierungslos.

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