Fracking. Eine Risikowarnung!

Fracking kann das Grundwasser gefährden! Damit ist noch nicht gesagt, wie wahrscheinlich das wäre und wie weit sich eventuelle Schäden auswirken würden. Aber die Risikodiskussion in Deutschland hat spezifische Züge. Gewachsen ist sie in der Zeit nach Tschernobyl. Es wurden Jahrtausende anhaltende Strahlungen befürchtet. Zurecht. Aber wenn dieses Risiko-Paradigma über immer weitere Lebensbereiche gestülpt wird, wird diese Gesellschaft gefahrenavers. Blöde Sache!

Leben kann Menschenleben gefährden, das war schon immer so. Mit der Zivilisation haben sich die Gefahren verringert. Je weniger die Gesellschaft realen Gefahren ausgesetzt ist, desto mehr fühlt sie sich offensichtlich von Risiken bedroht. Risiken sind mögliche Gefahren, bevor sie eintreten. Das bedeutet, auch wenn sie niemals eintreten, können wie immer weiter wuchern. Und wenn sie in einem von tausenden oder Millionen Fällen eintreten, wirkt es wie eine Bestätigung.

Wenn jetzt also über das Frackingrisiko geredet wird, weckt das die Ängste und Sorgen unserer inzwischen risikoaversen Gesellschaft. Das inzwischen etablierte Gesellschaftsbild, dass alles sanft, kleinräumig, friedlich und umweltverträglich zu sein hat, auch die Technologie, verhindert, dass wir uns einer realistischen Risikowahrnehmung stellen.

Das ist gefährlich. Gesellschaften, die jedes Risiko vermeiden wollen, sind hoch gefahrenanfällig. Die deutsche Gesellschaft hat da inzwischen eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, die Dinge nicht zu sehen, auf denen ihre Existenz beruht.

Fossile Brennstoffe werden, überall auf der Welt, mit erheblichen Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung vor Ort, der Mitarbeiter und mit hohen Belastungen für die Umwelt bereit gestellt. Deutschland könnte mit einer umweltverträglichen Fördertechnologie Marktführer werden, könnte durch entsprechende Forschungs- und Erprobungsprogramme ihre Abhängigkeit von Russland mindern und so einen wesentlich kostengünstigeren und risikoadjustierten Weg in eine regenerative Energiewirtschaft gehen.

Aber da müsste man eine sachliche Abwägung vornehmen. Da müsste man sich auf das Urteil von Wissenschaftlern verlassen und nicht hinter jedem Wissenschaftler gleich einen winkenden Geldschein oder einen korrumpierten Charakter wittern.

Damit ist unsere durch „Gegenwissenschaften“ groß gewordene Gesellschaft und die von „ideologiekritischen“ Sozialwissenschaften geprägte Selbstwahrnehmung überfordert. David gegen Goliath, unten gegen obern, gut gegen böse, so definiert sich die gängige veröffentlichte Selbstwahrnehmung.

Und damit ist die ideologiekritik selbst Ideologie geworden. Ohne Risiko kein Unternehmertum. Aber wer dem Risiko nur das Profitinteresse entgegenstellt, übersieht, das eben auch Risikoaversität ein Risiko beinhaltet.

Nicolas Nassim Taleb hat mit „Antifragilität“ ein originelles Buch geschrieben. Darüber führt er aus, dass man die kleinen Risiken zulassen muss, damit die große Struktur antifragil ist. Das könnte man auch auf das Fracking anwenden, wenn man nicht immer in „Entweder – Oder“, sondern auch mal in „Sowohl – als Auch“ Kategorien denken würde.

Der Anlass für diesen Beitrag: Der nimmermüde Chef der Bundesanstalt für Geowissenschaften, Hans Joachim Kümpel hat wieder einmal ein sehr sachliches Interview gegeben. Nachzulesen im Handelsblatt 1.8.2014.

„Die Ängste sind nicht nachvollziehbar“

Der Chef der Bundesanstalt für Geowissenschaften hält die Skepsis gegenüber Fracking für nicht nachvollziehbar und Politiker für übervorsichtig.

Die Skepsis seiner Kollegen vom Umweltbundesamt beim Thema Fracking teilt Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, nicht. Der renommierte Geophysiker, der die umstrittene Fördermethode allein unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, hält die verbreiteten Ängste in der Bevölkerung größtenteils für unbegründet. Er nimmt in Kauf, sich mit dieser Haltung Feinde zu machen.

Herr Kümpel, in Deutschland wird Fracking seit Jahrzehnten zur Ausbeutung konventioneller Gasvorkommen, also aus großen Hohlräumen, eingesetzt. Sind Ihnen Zwischenfälle bekannt, die zu Umweltgefährdungen geführt hätten?
In Deutschland sind nach unserer Kenntnis seit den frühen 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mindestens 350 Fracking-Maßnahmen genehmigt und durchgeführt worden. Es hat nicht einen einzigen Unfall gegeben, bei dem die Umwelt geschädigt worden wäre.

Die neue Bohrtechnologie hat den USA einen ungeahnten Rohstoff-Boom beschert. Doch die Kritik dagegen ist massiv, denn die Methode birgt Gefahren für die Umwelt. In vielen Ländern der Welt wenden sich die Menschen gegen das Fracking.
Fracking zur Ausbeutung von Gasvorkommen in Schiefergestein ist aber hochumstritten. Teilen Sie die Skepsis der Kritiker?
Nein, aus geowissenschaftlicher Sicht ist die Skepsis unbegründet. Das gilt zumindest dann, wenn man beim Fracking die erforderliche Sorgfalt walten lässt. Dazu muss an der Oberfläche entsprechend gewissenhaft gearbeitet werden. Ganz entscheidend ist dabei die fehlerfreie Verlegung der Rohre. Sie dient dazu, Leckagen zu vermeiden. Jede Teilverrohrung wird mit einer Zementschicht ummantelt, so dass die Frack-Flüssigkeit im oberflächennahen Bereich nicht mit dem Grundwasser in Kontakt kommen kann.

Das klingt trivial und beherrschbar. Die Kritiker sprechen dagegen von einer Hochrisikotechnologie. Wie passt das zusammen?
Das passt gar nicht zusammen. Dieser Begriff ist aus meiner Sicht und unter wissenschaftlichen Kriterien einfach falsch. Das Prozedere ist im Bohrgeschäft Routine.

Das mag mit Blick auf die Anwendung der Technik in Deutschland stimmen. In den USA läuft das alles wohl nicht so glatt.
In den USA sind in einigen Einzelfällen Probleme aufgetreten. Es ging dabei nach unseren Informationen um Bohrungen, die in Deutschland nicht genehmigungsfähig gewesen wären. So gab es offenbar keine Dichtigkeitsprüfung der Verrohrung, und in einigen Fällen wurde wohl auch auf Schotterplätzen und nicht auf betonierten, zum Untergrund gut abgedichteten Bohrplätzen gebohrt. Allerdings sind diese Einzelfälle aus meiner Sicht nicht dafür geeignet, die gesamte Technik zu diskreditieren. Man muss die Relation sehen. In den Vereinigten Staaten hat es bereits mehr als zwei Millionen Fracking-Maßnahmen gegeben. Es hat einige wenige Zwischenfälle gegeben, die allerdings nicht belastbar statistisch erfasst sind.

Aus geowissenschaftlicher Sicht ist die Skepsis unbegründet.
Gleichwohl ist die Wirkung in der Öffentlichkeit verheerend. Insbesondere die mögliche Gefährdung des Trinkwassers spielt in der Argumentation der Kritiker eine wichtige Rolle. Muss man dafür nicht Verständnis haben?
Das Thema wird stark überzogen. In Deutschland findet Fracking in Tiefen von über 1000 Metern statt. Das ist sehr weit vom Grundwasser entfernt. Ein Gefährdung des Trinkwassers lässt sich ausschließen.

Die Vorstellung, mit Chemikalien versetztes Wasser in die Tiefe zu pumpen, weckt in vielen Menschen offenbar Urängste …
Ja, aber aus fachlicher Sicht unbegründet. In den Tiefen, in denen die Frack-Flüssigkeit eingesetzt wird, sind im Wasser zu 20 oder gar 30 Prozent Salze, zudem noch Schwermetalle und andere Stoffe enthalten. Die volkstümliche Vorstellung, dass das Wasser in diesen Tiefen besonders rein sei, ist ein großes Missverständnis. Die Frack-Flüssigkeit besteht dagegen aus Wasser mit weniger als zwei Prozent Chemikalien, die unter anderem dem Korrosionsschutz der Rohre dienen und die Reibung beim Flüssigkeitstransport in den Rohren verringern sollen. Die Branche arbeitet zudem daran, den Chemikalienanteil weiter zu reduzieren.

Wie bewerten Sie die Eckpunkte für ein Fracking-Gesetz, die Bundeswirtschaftsministerium und Bundesumweltministerium kurz vor der parlamentarischen Sommerpause präsentiert haben?
Aus den Eckpunkten spricht, dass die Politik übervorsichtig ist. Wenn man allerdings sieht, wie weit verbreitet die Sorgen und Ängste in der Bevölkerung sind, ist das nachvollziehbar.

Die öffentliche Debatte ist geprägt von Irrationalität. Fuchst Sie das als Wissenschaftler nicht?
Ich sage Ihnen, es kostet Mühe, wissenschaftliche Argumente zu finden, die gegen das Fracking sprechen. Mit dieser Sichtweise stehe ich nicht allein. Die 16 geologischen Dienste in Deutschland und alle geologischen Dienste in der EU – alles staatliche, interessenneutrale Fachbehörden – sehen das ebenso.

Wünschen Sie sich nicht mutigere Politiker, die bereit sind, das wirtschaftliche Potenzial zu erkennen, statt sofort klein beizugeben?
Auch für Politiker ist es schwer, die Verhältnisse im Untergrund richtig einzuschätzen.

Behördenchef: Hans-Joachim Kümpel ist seit 2007 Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Die BGR mit mehr als 700 Bediensteten ist die zentrale geowissenschaftliche Beratungseinrichtung der Bundesregierung.

Wissenschaftler: Kümpel, Jahrgang 1950, war vor seiner Zeit bei der BGR Professor für angewandte Geophysik an der Universität Bonn und Direktor des Instituts für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben.
Haben Sie eine Erklärung für die große Skepsis beim Fracking?
Es fehlt der umfassende Einblick. Die Beschaffenheit des Untergrundes ist ein echtes Expertenthema. Wer sich dazu qualifiziert äußern will, muss im Grunde jahrelang Berufserfahrung gesammelt haben. Weite Teile der Bevölkerung erliegen Fehlinformationen oder lassen sich mit Halbwahrheiten abspeisen.

Was können Sie dagegen tun?
Wir bemühen uns, immer wieder die komplexen Sachzusammenhänge zu verdeutlichen.

Hat Fracking trotz all dieser Widrigkeiten in Deutschland eine Zukunft?
Hilfreich wäre es, wenn es zu einer Reihe von Pilotvorhaben käme, wie es in den Eckpunkten für das Gesetz ja vorgesehen ist. Entscheidend ist, bei diesen Pilotvorhaben die Bevölkerung einzubinden. Ich setze auf erhebliche Lerneffekte.

Welche Potenziale sehen Sie für das Fracking in Deutschland?
Wir gehen davon aus, dass sich mittels Schiefergas-Fracking in Deutschland 1300 Milliarden Kubikmeter Erdgas fördern lassen. Zum Vergleich: Der Jahresverbrauch in Deutschland liegt derzeit bei 90 bis 100 Milliarden Kubikmetern, davon stammen derzeit noch zehn Prozent aus heimischen Quellen, allerdings mit sinkender Tendenz. Wir könnten also durch das Schiefergas-Fracking den Rückgang der konventionellen heimischen Reserven über 90 Jahre kompensieren. Das ist ein nicht unerheblicher Beitrag zur Sicherstellung unserer Gasversorgung. Etwa die Hälfte des Erdgases brauchen wir zum Heizen von Privathaushalten.

Allerdings sind die geologischen Bedingungen in Deutschland schwierig, das Fracking somit kostenträchtiger als anderswo. Ist Fracking in Deutschland wirtschaftlich überhaupt sinnvoll?
Dass die geologischen Gegebenheiten in Deutschland schwierig sind, würde ich nicht sagen. Erdöl- und Erdgasförderung finden bei uns schon über 100 Jahre statt. Für die Unternehmen ist ein Engagement auch eine strategische Entscheidung, die nicht allein vom heutigen Gaspreis abhängig ist.

Vielen Dank, Herr Kümpel, für das Interview.

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