Eugen Münch, entgegen dem medial erzeugten Lärm einer der wenigen Visionäre der Gesundheitswirtschaft.

Da kann sich die Politik ein paar Scheiben davon abscheiden. Vernetzte Medizin, endlich einer, der das verantwortlich und gestalterisch übernimmt. Auch, wenn die gegnerischen Lobbyisten toben. Ein ganz großes Interview, heute in der Süddeutschen Zeitung:

Ein interessanter Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung:

Wirtschaft, 18.11.2013

Montagsinterview

„Mich nervt dieses Kleinklein“
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Interview von Klaus Ott, Uwe Ritzer

Nach oben“ weisen sie bei der Rhön Klinikum AG in Bad Neustadt jedem den Weg, der zu Eugen Münch will. Das ist nicht nur geografisch gemeint, auch wenn das Büro des Aufsichtsratsvorsitzenden und Firmengründers hoch über der Stadt angesiedelt ist. „Nach oben“ beinhaltet auch Symbolik. Denn obwohl Eugen Münch und seine Frau nur 12,5 Prozent der Aktien des Klinikkonzerns halten, ist der Aufsichtsratschef der Patriarch im Unternehmen. Wie sich gerade beim Verkauf des Großteils der Rhön-Kliniken an die Fresenius-Tochter Helios zeigt.

SZ: Herr Münch, viele Kliniken sind Sanierungsfälle. Was läuft falsch? Zu viel Geräte, zu wenig Fürsorge?

Eugen Münch: Auch wenn der Vergleich vielen nicht gefallen wird – nehmen Sie mal ein Auto. Da ist die Fehleranalyse heute so kompliziert, das macht kein Monteur mehr, sondern der Computer.

Mehr Computer, weniger Menschen, soll das die Zukunft sein?

In der Medizin ist es so: Der Mensch macht die Untersuchung, der Apparat unterstützt ihn. Das Teure dabei, ja fast unbezahlbar, ist die menschliche Leistung. Also muss man fragen: Was kann der Arzt besser als die Technik? Und umgekehrt.

Und wer macht was besser?

Machen wir uns doch nichts vor. Es ist doch niemandem geholfen, wenn ein hoch spezialisierter Herzchirurg den Patienten schon an der Kliniktür begrüßt und ständig an seinem Bett sitzt. Er soll lieber im OP machen, was er am besten kann. Wir müssen umschichten und die Menschen dort einsetzen, wo sie unverzichtbar sind. Und ansonsten automatisieren, wo es geht.

Maschinen statt Zuwendung?

Soll ich Sie erschrecken? Es laufen Versuche mit Sensoren, die Menschen implantiert werden. Diese messen laufend bestimmte Blutwerte und schlagen Alarm, wenn der Patient behandelt werden muss.

Wollen Sie von jemandem operiert werden, der kein einziges Wort mit Ihnen spricht?

Mir würde es reichen, wenn er mir erklärt was er macht, ich ihm die Hand geben und in die Augen schauen kann. Wenn er viermal am Tag an meinem Bett säße, würde ich ihn fragen: Haben Sie nichts zu tun?

Wie viele der 2000 Krankenhäuser in Deutschland braucht es denn noch?

Wenn die Krankenhäuser richtig betrieben werden, ist jedes fünfte überflüssig. Das klassische Kreiskrankenhaus oder die Uniklinik in jetziger Form wird es in 20 Jahren nicht mehr geben. Das System stimmt nicht mehr. Ein Beispiel: An der Uniklinik Marburg-Gießen liegen nach meiner Einschätzung 30 Prozent Patienten, die medizinisch gesehen dort gar nicht hingehören.

Von einem Krankenhaus kann man doch nicht auf alle schließen.

Gleichzeitig liegen in Umlandkrankenhäusern Patienten, die in die Uniklinik gehören. Wir müssen die Möglichkeiten der Ambulanz voll ausschöpfen, mit hoher Diagnose-Qualität. Dann können wir Patienten besser zuordnen und ihnen ersparen, in die falschen Krankenhäuser geschickt zu werden, wo sie dann frustriert sind.

Und bevor das große Kliniksterben beginnt, verkaufen Sie schnell die meisten Ihrer Rhön-Kliniken für drei Milliarden Euro an den Fresenius-Konzern.

Für den Verkauf ist der Vorstand verantwortlich. Die Rhön Klinikum AG besteht ja weiter, an fünf Standorten mit zehn Kliniken. Ich werde in der Firma aktiv bleiben. Sie bekommt eine neue Struktur und eine andere Ausrichtung, da gestalte ich mit.

Viel bleibt aber nicht mehr zu tun.

Im Gegenteil. Jetzt kann ich endlich meine großen Pläne vorantreiben. Die Netzwerk-Medizin und eine Zusatzversicherung, die den Kassenpatienten eine bessere Behandlung garantiert.

Mit nur noch zehn Kliniken?

Nein, per Vertrag zusammen mit unserem Partner Fresenius und seiner Krankenhaus-Tochter Helios, die künftig 117 Kliniken betreibt. Wir setzen mit unserer Netzwerk-Medizin gemeinsam neue Maßstäbe und garantieren den Patienten, was ihnen die Politik immer wieder verspricht, aber nicht einhält: Jeder Patient wird optimal behandelt.

Das behauptet doch jeder.

Aber wir setzen es um. Der Patient landet in einer mit Telemedizin ausgestatteten Klinik. Ein breit ausgebildeter Arzt untersucht ihn und übermittelt die Befunde digital an Spezialisten in Schwerpunktkliniken. Die leiten den Patienten zielgerichtet an die richtige Stelle innerhalb des Netzwerkes weiter. Zum Beispiel in eine auf sein Krankheitsbild spezialisierte Schwerpunktklinik. Dort profitiert er von der besonderen Erfahrung der Mediziner und von neuesten Geräten, die besser ausgelastet werden und sich daher besser rechnen. Wir verhindern so, dass der Patient falsch oder am falschen Platz behandelt wird.

Wer kann sich das leisten? Doch nur Privatpatienten, oder?

Im Gegenteil. Wir führen eine eigene Gesundheitskarte ein, nennen wir es besser Klub-Karte. Je nach Leistungen, die damit verbunden sind, zahlen die Leute irgendwo zwischen acht und 20 Euro im Monat zu ihrer gesetzlichen Krankenversicherung dazu. Dafür gibt es Ein- oder Zwei-Bett-Zimmer, eine ärztliche Zweitdiagnose und schnelle Arzttermine.

Wie soll das funktionieren?

Die Basisleistung erfolgt über die gesetzlichen Kassen, unsere Zusatzversicherung über private Kassen. Wichtig ist: Jeder, der bei einer gesetzlichen Kasse versichert ist, kann mitmachen. Der Einstieg in das neue System könnte über große Firmen erfolgen, die ihrem Personal Gutes tun wollen. Und die eine gesundheitliche Absicherung als wichtiges Argument nutzen, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.

Schöne Theorie.

Erste Versuche bei Helios laufen schon. Parallel verhandeln wir mit den Kassen. Es gibt übrigens auch Interessenten außerhalb von Helios und Rhön, die bei unserem Netzwerk mitmachen wollen. Die Uniklinik Dresden etwa. Auch Asklepios, ein anderer privater Krankenhaus-Betreiber, hat bereits Interesse. Hinter all dem steckt aber noch mehr.

Was denn?

Wir haben Über- und Unterversorgung zugleich an Krankenhäusern. Davon müssen wir uns abkoppeln. Und wir müssen die Kassen dazu bringen mitzumachen.

Also geht es Ihnen um mehr Macht gegenüber Politik und Kassen.

Wir wollen keine Monopolstellung, absolut nicht. Ein Netzwerk wie unseres soll nicht mehr als 15 Prozent des Marktes beherrschen dürfen. Der Staat soll Regeln einführen und den Wettbewerb sicherstellen. An dem Tag, da ich meinen letzten Gegner verloren habe, bin ich im Niedergang.

Ihnen gehen die Gegner nicht aus. Sie machen das Geschäft mit Fresenius gegen den Willen zweier großer Mitaktionäre bei der Rhön Klinikum AG.

Die Hauptversammlung der Rhön Klinikum AG hat 2012 in einem ersten Schritt einem Komplettverkauf mit 87 Prozent zugestimmt. Daraus wurde nichts, aber die neue Transaktion ist eine Lösung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Ein paar Opponenten, die diesbezüglich in der Minderheit sind, interessieren mich nicht.

Verstehen Sie, dass Ihre Kritiker Sie für einen Rambo halten?

Das macht mir nichts aus. Ich lasse mich nicht von meinem Weg abbringen.

Wohin soll der führen?

Hin zu mehr privatem Kapital im Gesundheitswesen. Jährlich sind Investitionen in Höhe von mehr als 20 Milliarden Euro notwendig. Der Staat kann das nicht mehr leisten. Aber wenn die Rendite stimmt, dann kann das Geld auch woanders herkommen. Unser Gesundheitswesen leidet unter veralteten, verkrusteten Strukturen.

Die neue Regierung könnte das ändern, die Koalitionsgespräche laufen noch.

Aber in die falsche Richtung. Mich nervt dieses Kleinklein. Die Politik hat nicht das große Ganze im Blick, und auf jede gute Idee kommen unzählige Bremser. Da will man jedem Patienten spätestens nach vier Wochen einen Facharzttermin garantieren und kommt zum Ergebnis, ihn dann eben in ein Krankenhaus zu schicken. Dabei müssten jetzt schon 30 Prozent aller Fälle ambulant behandelt werden und nicht erst im Krankenhaus aufgefangen werden. Wir müssen eigene Wege gehen.

Ist Ihnen egal, was Union und SPD aushandeln?

Egal nicht, aber ich habe den Glauben verloren. Der Staat kann keine Gesundheitspolitik im Detail, er sollte die generelle Linie vorgeben. Die Parteien paralysieren sich gegenseitig. Ihre Lösungen sehen so aus: Bei ständigem Kopfschmerz gibt es eine Kopfschmerztablette statt einer Untersuchung des Gehirns.

Ob ein Schwarzer oder ein Roter Gesundheitsminister wird, ist unwichtig?

So sehe ich das.

Aber die Politik geht doch die Probleme an. Etwa die viel zu vielen Operationen.

In der Summe wird gar nicht zu oft operiert, aber im Ergebnis oft falsch. In manchen Fällen müsste man operieren und tut es nicht. In anderen Fällen werden überflüssige Eingriffe vorgenommen. Und was ist die politische Antwort? Man schafft eine neue Organisation, ein Institut für Qualität im Krankenhauswesen. Also noch mehr Bürokratie, wo jetzt schon alle unter der Bürokratie leiden.

Wenn alles so schlimm ist, warum lassen Sie sich dann nach dem Verkauf der meisten Rhön-Kliniken nicht auszahlen und machen sich einen schönen Lebensabend in Spanien, wo Sie so gerne sind?

Als Ankeraktionär bin ich strikt dagegen, eine Sonderdividende auszuschütten. Viel besser ist es, die 800 Millionen Euro Bankschulden auf einen Schlag zu tilgen und 400 Millionen Euro für Investitionen zurückzulegen und so unabhängig zu werden.

Bleiben vom Verkaufserlös von 3,1 Milliarden Euro noch 1,9 Milliarden Euro übrig. Die könnten doch als Sonderdividende an die Aktionäre, also auch an Sie fließen, oder?

Ich habe eine bessere Idee. Der Vorstand kann mit einfacher Mehrheit der Aktionäre eine Kapitaleinziehung beschließen. Ich denke da an 50 Prozent der ausgegebenen Aktien. Wer seine Aktien verkaufen will, könnte bei diesem Ansatz mit einem Angebot von rund 28 Euro pro Aktie rechnen, das ergäbe einen attraktiven Preis. Damit wären vor allem die Kleinaktionäre gut bedient, besser als bei einer Sonderdividende, bei der das Finanzamt in der Regel kräftig mitkassiert.

Als große Einzelaktionäre könnten Sie und Ihre Frau von einem Aktien-Rückkauf doch kräftig profitieren.

Ich und meine Frau verkaufen nicht, keine einzige Aktie. Wir wollen das Geld im Unternehmen lassen. Es geht mir nicht darum, den Koffer zu packen und nach Spanien zu gehen. Freiwillig ziehe ich mich nicht zurück. Es müssten dann schon Bessere oder Stärkere kommen. Ich bin gespannt.

Sie sind Ende 60. Was treibt Sie an?

Ziele, die es wert sind. Das Gesundheitswesen in Deutschland ist gefährdet. Das will ich ändern, mit meinen Ideen. Aussichtslos, wie manche denken, ist das nur, wenn man es gar nicht erst versucht.

Eugen Münch, 68, kam als Sanierer nach Bad Neustadt, wo die Kurbetriebsgesellschaft vor der Pleite stand. Der Betriebswirt aus dem Schwäbischen übernahm 1974 die Geschäftsführung. Er formte die Rhön Klinikum AG, eines der größten deutschen Klinikunternehmen. Dieses brachte er 1989 an die Börse und fungierte zunächst als Alleinvorstand. Seit 2005 ist er Aufsichtsratsvorsitzender. Derzeit läuft der Verkauf von 43 Kliniken an den Konkurrenten Fresenius und dessen Tochter Helios. Das Milliardengeschäft, das den deutschen Klinikmarkt stark verändert, ist intern umstritten.

Klaus Ott
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Geboren 1959, aufgewachsen in Kitzingen und Ochsenfurt bei Würzburg. Bereits während der Schulzeit Mitarbeiter der Regionalzeitung Main-Post und dort das journalistische Handwerk in der Lokalredaktion Ochsenfurt gelernt. Nach dem Zivildienst in der Jugendherberge in Pullach bei München von München aus als freier Journalist mit Schwerpunkt Landespolitik Bayern und Medienberichterstattung für zahlreiche Redaktionen tätig. Darunter ARD-Radiosender, Medienfachdienste, Vorwärts, Gewerkschaftszeitungen, Frankfurter Rundschau, Zeit, später auch zeitweise für den Spiegel. Bereits seit 1984 bei der Süddeutschen Zeitung, erst als freier Mitarbeiter, später als Redakteur. Schwerpunkt inzwischen: alle Formen von Wirtschaftskriminalität, von Spitzelaffären bis hin zu Banken- und Schmiergeldskandalen.

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