Es ist so schön im Lummerland. Warum es schwer sein wird, das „Einwanderungsland zur Aufsteigerrepublik“ (Laschet) zu machen.

Eines vorneweg. Es ist schon was, wenn in unserem alten Deutschland auf einem Podium zwei Menschen mit türkischen Hintergrund (Cem Özdemir und Shermin Langhoff) mit einem biodeutschen Cdu Minister (Armin Laschet) über die Frage der Integration und Teilhabe reden. Aber manchmal hilft es, zu spät zu kommen. Denn von den hinteren Plätzen aus ist die Sicht auf die Dinge dann doch manchmal klarer. „Vom Einwanderungsland zurAufsteigerrepublik? Integration, Chancengerechtigkeit und Teilhabe in Deutschland“, Diskussion in der Heinrich-Böll-Stiftung, 27.1.2010, 19.00 Uhr.

Das Gute zuerst: An der Sicht Armin Laschets über Teilhabe und Nichtteilhabe gibt es nichts zu mäkeln. Keine Beschönigung der christdemokratischen Leugnungsgeschichte, eine hohe Sensibilität für die Frage, dass Integration nicht politisch alleine hergestellt werden kann. Klar auch, dass, wenn die Personen stimmen, grün und schwarz durchaus etwas bewegen können. Weil es ohnehin, Cem Özdemir hat das mehrmals beschworen, darum geht, eine Bildungspolitik so aufzustellen, dass sie von den Menschen getragen wird. Insofern Erleichterung, dass ein Stück Realität auf dem Podium angekommen ist. Die Berliner Theatermacherin Shermin Langhoff steuerte ihrerseits biographische und schlaglichtartige Eindrücke bei. Welche Wurzeln sie selbst hat (viele). Und, welche Rolle dabei die Kultur hat. Und natürlich, dass die derzeite Restmittelfinanzierung keine Lösung ist. Und trotzdem brach, als die freundlich dahinschaukelnde Diskussion, von Harald Aselt nur mäßig auf Kurs gehalten, so dahin trieb, im Publikum Unruhe aus. Spätestestens als Cem Özdemir dann doch den Landtagswahlkampf eröffnet hat und das nett anzuschauende „Wir haben uns alle lieb“-Sittengemälde der neudeutschen Gesellschaft mit bildungspolitischen Themen überzog. Integration, gemeinsam lernen, bessere Schulausstattung und viele andere Wünsch-dir-Was wurden aufgetischt, von Laschet in seiner Wirkung bezweifelt. Die Strukturfrage werde überschätzt, hielt er, etwas ausweichend entgegen.

Spätestens jetzt wurde es in besagten hinteren Reihen unruhig. Estaunlich viele junge Menschen, als visible Minderheiten deutlich erkennbar, lauschten zunehmend weniger der Diskussion. Nach einer Stunde begannen die Ersten abzuwandern. Weder einen professionellen Moderator, noch die Podiumsgäste schien es zwei Stunden lang zu stören, dass ein großes Bedürfnis nach Artikulation vorhanden war.

Warum, begann ich mich zu fragen, erreicht diese, für deutsche Politikverhältnisse doch ganz nachdenkliche Diskussion, nicht die Köpfe der Zuhörer?

Ein Grund könnte sein, dass die auf dem Podium vorherrschende Freundlichkeit dann doch nicht die Stimmungs- und Gefühlslage der Zuhörer getroffen hat. Zum Beispiel, wenn Laschet deutschen Behörden bescheinigt, in Sachen Integration doch auf dem richtigen Weg zu sein. Zum Beispiel, wenn er als zivilgesellschaftliches Engagement der Stiftungen anführt und eben die Zuhörer das Gefühl haben, ok, die 100 Stipendiaten der Bosch-Stiftung werden den stattfindenden Braintrain nicht umkehren. Und das ist kein einseitig parteipolitisches Argument, es gilt gleichermaßen für grün. Wer als Lösung in das Rezeptbuch der Parteiprogrammatik greift und das, im Prinzip richtige individualisierte Lernen heraus zaubert, hinterlässt trotzdem das Gefühl, nicht ganz ehrlich mit der Wirklichkeit um zu gehen. Weil, auch wenn das viele Menschen gar nicht artikulieren können, der Eindruck vorherrscht, mit politischen Programmen und dem kurzfristigen Punktgewinn ist das Problem nicht zu lösen.

Und tatsächlich stellt sich die Wirklichkeit der Zuhörer eben anders dar. Da ist eine Arbeitsverwaltung, die mit immer neuen Progrämmchen den Politkern Futter gibt, damit sie hier mal und dort mal ihre Geschichten erzählen können von vielversprechenden Projekten und tollen Menschen, die sie getroffen und gefördert haben. Aber die eben nicht darüber reden, dass Projektitis längst ermüdend für alle Beteiligten ist und den Menschen, statt echten Aufstiegschancen nur Kurzfristbeschäftigung in irgendwelchen EU-Drittmittelprojekten geben. Die von Halbjahresbeschäftigung zu Halbjahresbeschäftigung springen. Und irgendwann einmal ausgelaugt sind. Weil eben nicht über die wirklichen Rahmenbedingungen gesprochen wird. Die da sind: Eine völlig zerklüftete und verkleckerte Förderlandschaft, bei denen Dutzende von Institutionen sich durchhangeln, bei den, um beim Beispiel Berlin zu bleiben, nicht einmal die verschiedenen Senatsverwaltungen und die Bezirke zusammen an einem Strang ziehen.

Und bei dem, um mal den Blick auf das Schulwesen zu lenken, ein Teil des Problems die Frage ist, ob eigentlich das in den Schulen arbeitende Personal die richtige Einstellung zu dem Thema hat. Orientieren nicht viele Schulleiter noch immer ihr Handeln danach, als ob es doch darum ginge, die gute alte Trutzburg des biodeutschen Bildungsbürger, wenngleich beschädigt, so doch in wesentlichen Grundzügen zu erhalten? Fragen wir also, wie viele der Lehrkräfte denn türkisch sprechen oder sich in der türkischen oder arabischen Kultur so gut zurecht finden, dass sie ohne weiteres einen Hausbesuch machen können? Wenige. Welche Schule hat diese Frage, die kulturelle Inkompatibilität von Lehrkörper und SchülerInnen und Elternhäuser, denn mal systematisch zum Ausgangspunkt der Betrachtung gemacht? Welche Politiker verbreitet nicht nur Schönwettergesäusel (ja, 50 Jahre, nachdem der erste „Gastarbeiter“ in Deutschland eingetroffen ist, haben die Deutschen auch schon mitbekommen, dass die Türken, Spanier, Portugiesen, Araber und andere dann doch nicht mehr heimkehren. Und inzwischen bereits in der zweiten Generation Kinder gezeugt haben. Die die Heimat ihrer Eltern gar nicht mehr kennen, aber für sie haftbar gemacht werden.)

Nein, es geht hier nicht darum, die deutsch-deutschstämmigen Lehrkräfte madig zu machen. Wenn man mit Menschen spricht, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, waren es immer einzelne Menschen gewesen, die. obwohl sie immer erst in der Hauptschule gelandet sind, bei der Hand genommen und die Versetzung in andere Schulen durchgesetzt haben. Die den jungen Menschen wichtige Ansprechpartner waren, Wegbegleiter, nicht weil die Eltern versagt, sondern weil sie überfordert waren. Warum wird die Verantwortung jedes Einzelnen nicht thematisiert? Muss man wirklich den Ethos des deutschen Bildungswesens hochhalten, den es doch nur noch rudimentär gibt, anstatt einfach über die Leistungen zu reden, die sie erbringen (sollen). Wenn, um an einen der neuen grünen Begriffe anzusetzen, es eine Kultur der öffentlichen Güter geben soll, dann kann die doch nicht nur bedeuten, dass Geld für öffentliche Güter da sein soll, sondern dass diese Institutionen doch auch so was wie eine Corporate Mission haben müssen, etwas erreichen wollen, und sich deshalb zusammen raufen. Sich, ich komme auf den dort eingeführten Begriff zurück, als Dienstleister verstehen sollten, die öffentliche Leistungen erbringen und deren Kunden die Bürgerinnen und Bürger sind. Das ist nichts ehrenrühriges, sondern lediglich ein Ausdruck dessen, dass man zu Arbeitsbeginn nicht erst Dienstvorschriften, sondern den und die Menschen, die jedem einzelnen gegenüber sitzen, wahrnimmt, erkennt und mit ihm eine Lösung findet. Vorschriften sind dabei Orientierungen, aber nicht mehr. Nur wenn Politiker den Mut finden, die Institutionen und handelnden Personen direkt, und zwar auch in aller Offenheit anzusprechen, ist jeder einzelne bemüßigt, sich selbst zu entscheiden, ob er Teil des Problems, oder Teil der Lösung sein will. Dim Aufsteigerrepublik, um im Bild zu blieben, wird nur dann eine Aufsteigerrepublic sein, wenn sie auf Progrämmchen verzichtet und mutig die Rahmenbedingungen für Aufstieg herstellt. Durch Konfliktfähigkeit, durch einen Antidiskrminierungsansatz, durch Fordern und Fördern als Prinzip im Umgang mit öffentlichen Gütern und Institutionen.

Wobei wir bei einer der weiteren Lebenslügen deutscher Politik sind. Denn egal, ob konservativ, sozialdemokratisch oder grün, die Politik ist bereits wieder dabei, sich in der Bildungspolitischen Debatte ihr eigenes Grab zu schaufeln. Auf jedem dieser Gräber steht: Weil ein Konzept für die politischen Biertische mehr gezählt hat als eine Idee, mit der die Menschen vor Ort arbeiten können. Ich will das, man sehe mir das nach, an der „länger in dieselbe Schule“-Debatte nachzeichnen;

Politisch kann man ja der Meinung sein, dass es gut ist, wenn die Klassenstrukturen nicht bereits in der vierten Klasse zerschlagen werden, und Menschen danach nach „Bildungseingnug“ selektiert werden. Wovor sich aber die Mittelschichtseltern, und zwar egal, ob Biodeutsch oder mit Einwanderungshintergrund, fürchten, ist, dass aufgrund der sozial-ethischen Zusammensetzung der Klassen, und das gerade in gemischten Vierteln wie Kreuzberg, Schöneberg oder auch in gemischten Lagen in Mitte, die kulturellen Leitbilder in der Schulgemeinschaft kippen. Und da ist jedem von uns sein eigenes Kind wichtiger als eine allgemeine bildungspolitische Debatte. Sagen wir es offen: Vielen Menschen ist in diesem Zusammenhang das Vertrauen in die Leistungsdaten des öffentlichen Schulwesens längst abhanden gekommen. Und sie wissen, wenn sie überhaupt darüber sprechen und nicht längst die Abstimmung mit den Füssen eingeleitet haben, dass auch alle Bekenntnisse für mehr Lehrkräfte nicht Wirklichkeit werden (allenfalls können weitere Verschlechterungen gestoppt werden). Und so findet eine innerörtliche Wnderung statt, die dazu führt, dass beispielsweise türkischstämmige Deutsche, deren Kinder ins Schulalter kommen, verstärkt nach Charlottenburg umziehen, um dem befürchteten Problemen zu entweichen. Andere Eltern geben ihre Kinder dann auf eine der immer weiter wachsenden Privatschulen, ein Non-Thema, auch auf der gestrigen Podiumsdiskussion. Wäre es da nicht eigentlich klüger, auf eine bildungspolitische Debatte zu verzichten, die einen Königsweg favorisiert (je nach politischer Coleur ist das immer ein anderer) und stattdessen vor Ort beginnt, Wege zu suchen, auf denen die verschiedenen Fragen (Aufstiegswünsche der Eltern, Überfremdungsängste, die, meine ich, längst als sozialkulturelle Überfremdungsängste thematisierbar wären) auf vielfältigen Wegen gelöst werden könnten. Warum nicht Klassen von Kindern mit türkischem Hintergrund, die dann aber die Bikulturalität zum Ausgangspunkt ihres Unterrichts machen müssten. Das klingt nach Appartheit, aber wenn es dadurch gelingt, höhere Kulturhomogenität herzustellen und dadurch spezifische Förderungsansätze zu entwickeln, könnte es nicht EIN Weg sein? Integrationspolitik wird Versuche machen, Fehler machen und diese Fehler korrigieren müssen. Niemand weiß, welcher Weg am besten zum Ziel führt. Aber könnte es nicht sein, dass es gar nicht DEN Weg gibt, sondern dass die beste Lösung nur vor Ort gefunden werden kann. Mit Eltern, Schülern, Lehrern, Verwaltungen, der Zivilgesellschaft, will heißen, von Verbänden und Vereinen, die vielleicht die richtigeren Lösungen entwickeln können?

Politik, so meine Schlussfolgerung aus dem gestrigen Abend, sollte ihr Spielfeld neu vermessen. Und noch immer gilt dabei, dass es nichts nutzt, die Dinge schön zu reden, sondern, dass wir alle lernen müssen, Menschen, also Lehrer, Eltern und Schüler zu Mitwirkenden zu machen. Das wird aber nur gelingen, wenn Politik die vermeindliche Definitionshoheit über Königswege aufgibt, sondern ermutigt, provoziert, initiiert und so aus der reinen und sauberen Luft politischer Podiumsdebatten in die Alltagswirklichkeit dieser Gesellschaft herabsteigt. Just do it!