Elfter September, neun Jahre später. Und was Sarrazin und Stuttgart21 damit zu tun hat

Nachrichten elf Jahre danach. In New York eine Trauerfeier, das YouTube Video dazu kann man sich im Netz ansehen. Die sehr irische Musikkapelle der Feuerwehr und andere, scheinbar folkloristische Element auf einer Trauerfeier. Sie ist eigentlich die Trauerfeier von Angehörigen, aber die Welt schaut zu. Regionale Globalität, räumliche Ungleichzeitigkeiten.

Ein anglikanischer Pastor aus Gainsville, Florida, spielt Kreuzritter. Kreuzritter, das ist die christliche Entsprechung des Dschihad.

Hier wie dort geht darum, dass die Mischung aus Ideologen, Abenteuerern und kühl kalkulierenden Geschäftsleuten mit strategischem Weitblick ungeheuerliche Brisanz entwickeln können. Gründerzeit, Pionierzeit, Umbruchzeit, Aufbruchzeit. Und die Zeit heraufziehender Konflikte um die Herrschaft der Welt.

Die Welt ist kleiner geworden, auch für Pastoren aus Gainsville. Die Welt ist aber auch unübersichtlicher geworden für die scheinbar Herrschenden.

Der Bundespräsident versucht die Affaire Sarrazin geräuschlos zu erledigen, ganz alerter Hintergrundmanager, wie man es von ihm erwartet, -und alles steht in der Zeitung. Wo gibt es sie noch, die geschützten Räume, die klar definierten Öffentlichkeiten, die Verbindlichkeiten, die in den gut eingespielten und routiniert gehandhabten Staatsschauspiel Legitimität verliehen haben? Und die den Akteuren Sicherheit vermittelt haben.

Wir können ihnen nachtrauern, wiederherstellen können wir sie nicht. Es gibt kein Zurück in die Welt der Verbindlichkeiten des Oben (Verbindlichkeiten von unten wären ein ganz anderes Thema). Und die Erosion von Legitimität können wir schon daran festmachen, dass die Menschen aus Stuttgarter Halbhöhenlagen auf die Bäume klettern. Als Parkschützer, als Sparschwaben, als Kämpfer gegen die da oben. Was die Nichtmanager von Bahn und Landesregierung nicht begreifen, ist, dass da nichts von oben organisiert ist, nichts von den GRÜNEN angezettelt, die ohnehin immer gegen diesen Wahnsinn des „wir setzen uns jetzt noch mal ein Denkmal der sechziger Jahre“ sind, der Geld kostet, Geld, das anderswo fehlt, das anderswo sinnvoller auf und unter der Erde zu verbauen, zu investieren wäre.

Das Bild vom Schmetterling, der den Orkan auslöst, hier passt es. Wir befinden uns im Jahre zehn der Entgrenzung von Räumen, die Welt ist ein Dorf geworden, ja, aber im Dorf gibt es keinen Schulzen, keine ordnende Macht, nicht mal eine Ebene der Verständigung zwischen verstrittenen Familien, wenn, wie vor neun Jahren, mal eine kleine Gruppe völlig austickt und aus heiß diskutierten Nächten plötzlich blutige Tage werden.

Die einzige Gewissheit, die wir leider haben, ist die, dass die Leichen, die im Clash of Culture auf der virtuellen TV-Bühne in Erscheinung treten, ja die sind echt, neben den ganzen Dschungelcamp-Kämpfern, das moderne „Brot und Spiele“ Modell des manchmal gar nicht so modernen Zeitalters.

Die Welt ist klein geworden. UND unübersichtlich. Worauf das Gesagte hinaus will, ist, dass es schwer ist, die neuen Regeln zu erkennen. Aber auch, dass es nichts nutzt, die alten Regeln so wieder herstellen zu wollen. Das klappt nicht mehr, die Legitimationsmodelle der repräsentativen Demokratie, wie wir sie kennen, funktionieren nicht einmal mehr im europäischen Kulturraum. Siehe Stuttgart. Und wir sollten das auch nicht leichtfertig zur Seite schieben. Aber Bedauern ist kein politisches Konzept, ebesowenig wie Leugnen. Und trotz allem zieht „der Westen“ mit seinem Modell von Legitimitäts- und Ordnungsversprechen durch die Welt. Und scheitert erbärmlich, ob mit amerikanischer Rustikalität oder deutsch-europäsicher Empathiesimulation.

Das europäische Modeel taugt in dieser Form nicht für andere Kulturen, die beglückt und befriedet werden sollen mit westlichen Freiheits- und Lebensstilmodellen. Weltinnenpolitik, einer dieser epochalen Begrifflichkeiten von Ulrich Beck, ist Wirklichkeit geworden, oder vielmehr die Forderung nach einer Welt-Innenpoliitk. Und an keinem Tag wird dies so deutlich wie am elften September, neun Jahre danach. Dem Tag, an dem am Ground Zero kleine Demonstrationen für eine Moschee im räumlichen Umwelt und gegen eine solche an diesem Ort stattfinden und an dem wahrscheinlich auch ein amerikanischer Präsident versucht hat, einen wildgewordenen christlichen Tschihaddisten hinter den Kulissen in Zaum zu kriegen. Der Präsident hat eine schöne Rede gehalten, die die moralische Forderung nach einer Weltinnenpolitik unterstrichen hat. Und konnte eine Zeitlang vergessen lassen, dass die angestammte Siegermacht diese Rolle nicht mehr übernehmen kann.

Vielleicht ist auch das eine der Botschaften von Neun Elf. Dass es eben nicht mehr funktioniert, sich ein Bild von der Welt zu machen. Sondern dass es darum geht, die Folgen unseres Handelns genau zu beobachten und daraus Schlüsse zu ziehen. Fahren auf Sicht, wie unsere Kanzlerin sagt. Aber vielleicht mit Richtungsideen, wie man hinzufügen könnte.

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