Elements of Crime? Wie die Digitalisierung die Welt umpflügt und neu erfindet.

Ok, der Titel ist übertrieben. Die Stiftung Neue Veranwortung hat gerufen, und bevor ich mich in den Räumen der Deutschen Telekom den anlogen Gesprächen der forschenden Pharmaindustrie hingeben habe, gab es die Debatte darüber, wie digitale Plattformen die deutsche Wirtschaft verändern. 

Ansgar Baum und die Arbeitsgruppe der Stiftung hat dazu bereits seinen zweiten Reader herausgebracht, dessen Lektüre lohnt. Getrieben von dem Verlangen, zu verstehen. War ne sehr tastende Diskussion, man kann gar nicht wiedergeben, mit welchem Ergebnis, weil die eigentliche Schlußfolgerung bei jedem einzeln im Kopf stattgefunden hat. 

Mal mein Versuch, das Ganze auf den Begriff zu bringen. 

 

Plattformwirtschaft. Guter, inzwischen etablierter Begriff, alle denken an Facebook, AirBnB, Ansgar hat dazu das für ich inspirierende Bild geprägt, ein Kunde, der nicht zahlt, ist kein Kunde, sondern ein Produkt. Besser als Industrie 4.0, da redet jeder drüber, ohne dass wirklich jemand weiss, worum es geht.

So, jetzt fange ich einmal an. 

Die Fragestellung war: Wie Digitale Plattformen die deutsche Wirtschaft verändern. 

Ich trete dazu mal einen Schritt zurück. Der Plattformkapitalismus ist ja, wie Internet of Things oder Industrie 4.0 so ein Begriff, der erst mal da steht. Und dann beginnen alle möglichen Menschen, etwas damit zu assoziieren. 

Der Begriff ist also unscharf. Und er wird erst durch weitere Prozesse und Debatten schärfer. 

Plattformwirtschaft ist aber nur eine Momentaufnahme, ein Snapshot. Uns interessiert bei diesem Snapshot, 

  • was das für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet und 
  • wie Industrie und Politik darauf reagieren können und sollten.

Wir wissen alle, wie es weiter geht. Die Politik definiert digitale Agendas allerorten. Die Bundesländer, die Nation, Europa. Das Ziel ist klar, den Wettbewerbsvorsprung des Silicon Valleys einholen. 

Unternehmen haben da unterschiedliche Strategien. Die Automobilindustrie hat jetzt einen ersten Schritt getan, sich informationstechnologisch nicht von den Big Playern, Google, Apple, abhängig zu machen. Ob er erfolgreich ist, muss die Zukunft weisen. 

Ich selber mit ja u.a. mit dem Thema Open-Web-Index unterwegs, den eine Reihe von Wissenschaftler, Engagierten, technologisch motivierten, als Haltung formuliert hat. www.openwebindex.eu. Botschaft: Wer die Infrastruktur hat, hat die DNA und die Macht. Suchmaschinenindizes sind DNA, Infrastruktur und Macht, Die USA verfügen über 2, Russland und China über je 1 eigenen Index. Und Europa?

Schaut zu! Noch. 

Nun ist es mit dem Open-Web-Index wie mit dem Begriff Plattformwirtschaft. Er beschreibt richtige Phänomene, aber beschreibt er sie auch hinreichend? Oder verhalten wir uns nicht wie die Chinesen, von denen mir gestern jemand berichtete, die Chinesen wollten eine Industrie 4.0 Fabrik kaufen. Innerlich haben alle gelacht, aber die Euroäischen Anstrengungen, die Dinge auf den Begriff (Plattformwirtschaft) oder in ein Handlungsform zu gießen, könnten auch ein bißchen China sein. 

Weil so einfach geht es nicht. 

Was die IT-Welt schafft

Ich finde, unser Bild von dem, was derzeit stattfindet, ist falsch. Oder nicht falsch, es wird dem nur in einigen wenigen Aspekten gerecht. 

Wir leben nämlich nicht nur in einer Plattformökonomie. Sondern, die Plattformökonomie ist Teil einer Entwicklung, die mal ganz einfach benennen können. 

Was wir derzeit erleben, ist der Versuch eines digitalen Nachbaus der Welt. Wir haben Freundschaften, wir haben Facebook Freundschaften. Wir haben Bücher. Wir haben ebooks. Die sahen anfangs auch immer noch so aus wie Bücher. Wir haben Marktplätze, wir haben Amazon und Ebay. So geht es weiter …. 

Die erste Folge des Digitalen Nachbaus der Welt ist, dass die Welt von jedem beliebigen Ort der Welt aus abrufbar ist. 

Google als Suchmaschine, Kartendienste, Googel Maps, Google Street  View als Dienste. 

Das digitale Dorf. 

Die eine Dimension: Ständige Verfügbarkeit von Informationen. Ständige Simulation der Welt in der digitalen Welt. Kürzlich laß ich von einem, der immer auf Google Street View in Urlaub fährt. Der kennt die ganze Welt. Nur war er noch nie dort. 

Was oftmals übrigens nichts macht, z.B.. in Metropolen, weil man in den Hauptstrassen dieser Metropolen ohnehin nur die Geschäfte sieht, die man, als Berliner, Tübinger haben es da vielleicht anders, zuhause auch hat.

Aber das digitale Abbild der Welt hat ja ein bißchen vom Platon’schen Höhlengleichnis. Es ist ein Spiegelbild, wenn die Flammen richtig stehen, aber manchmal eben auch mehr. 

Gehen wir nochmal zu Google zurück. Entstanden als Suchmaschine hat das Unternehmen schnell verstanden, dass seine Lizenz zum Gelddrucken die Werbung  ist. Und weil der Platz gering ist, begann man damit zu forschen, wie man den Suchern etwas präsentiert, was der Suchmotivation entsprechen könnte. 

Das hat natürlich auch die Suchmaschine besser gemacht, weil man plötzlich Vorschläge machen konnte, Ergänzungen etc. Und von jedem Sucher natürlich immer besser verstehen konnte, was er wann und wie möchte. Motivationsforschung, praktisch gewendet. Dazu hat man dann die Infrastruktur zusammengekauft, Doubleclick z.B. die Plattform, die Zugriff auf Werbung, soweit ich es verstanden habe, vermittelt, registriert und abrechnet. Dann hat man das in verschiedenen anderen Medien vorangetrieben, die auf den neuen digitalen Markt kamen. Android, die Brille ist ja auch ein solcher Versuch. Oder jetzt die Ansätze, das Auto zu erschließen, den letzten noch digitalisierten Lebensraum oder über Sprachsteuerung, Wearables und anderes gänzlich unsichtbar zu werden. 

Das Absurde daran ist, dass man in Deutschland immer noch darüber diskutiert, was Google ist. Eine Suchmaschine? Nein, ein Softwarehersteller, nein, ein Hardwarehersteller, nein, ein Forschungsinstitut, nein, ein Institut für Künstliche Intelligenzforschung, nein. 

Ratlose Debatten. 

Wir müssen uns daran gewöhnen: Bis wir die richtigen Begriffe haben, sind die Dinge nicht entweder oder, sondern sowohl als auch!

Die Antwort: Es ist alles zugleich. Es ist ein amorphes, gelegentlich sich umorganisierendes Gebilde, das seine finanziellen Ressourcen zusammenhält, immer wieder reorganisiert, durch diese Kapitalisierung und ein glückliches Händchen (was scheitert, ist schnell vergessen, weil so vieles spektakulär neu ist) und sich immer wieder neu organisiert. 

Das sich die besten Köpfe der Welt zusammenkaufen kann, weil es geil ist, dort zu arbeiten. Intellektuell geil, das Geld kommt von selbst. 

So, und Google ist Silicon Valley und sein Umfeld, alles von einer Haltung geprägt, die sagt, let´s go! Let’s try. Und die dann, weil so viele angefixte (intellektuell angefixte) Menschen daran mitmachen, eine enorme Dynamik entfalten. 

Ja, das für die deutschen Besserwisser, ja, das Silicon Valley, das hat Marianna Mazzucato in “Das Kapital des Staates” gezeigt, ist auf einem Nährboden von Staatsgeldern entstanden, die aus der Rüstungsindustrie gewachsen ist. Vieles wird, das lohnt sich, zu lesen, noch immer finanziert. Aber es ist nicht die politische Finanzierung wie in Europa, wenn dort was hinkommt, muss da auch was hin und so werden dann die Tröpfchen, die Millionen und Milliardentröpfchen gleichmäßig verteilt, bis nichts mehr dabei rauskommt. 

Eine europäische Startupgeschichte

Ein Freund, Berater, der ein Startup gegründet hat, erzählte mir gestern folgende Geschichte. Er hat also ein Startup gegründet, dazu hat er sich die Stadt ausgesucht, die da am meisten subventioniert hat, wenn er sich da niederlässt. Es ist eine der großen Startupstädte, nennen wir es startupcity. Die Bedingung von Startupcity war, dass er in einem Coworking-Space einen Arbeitsplatz einnimmt und dieser dauerhaft besetzt ist. Hat dann ein Student erledigt, der seine Arbeit dort geschrieben hat. Super Präsenzzeit, dann musste man noch ein paar Seminare belegen, hat für zwei Finanzierungsrunden gereicht. Dann musste man noch ein mit europäischem Geld von einem europäischen Telekom Unternehmen entwickeltes Content Management-System einsetzen. Geht’s noch? Um die Dritte Finnzierungshürde zu nehmen, hätte man ein Präsentationsseminar belegen müssen, was derjenige welcher vollkommen absurd fand, sein ganzes Leben ist Präsentation. 

Aus die Maus. Mit der Förderung. Aber die war ohnehin nur Mitnahmeeffekt.

So fördert Europa. 

Was kann also Politik in Europa? 

Mit Regulierung kann sie manchmal von außen eindrängende Unternehmen europäischen Regeln unterwerfen. Das nutzt dem Verbraucher, der Technologieentwicklung nutzt das nur, wenn aus einer europäpäischen Haltung heraus attraktive Technologieentwicklung betrieben werden kann. Politik muss also auch Mutmacher, ermöglicher und anderes sein. Politik muss auch wieder lernen, zu träumen und sich zu trauen (und nicht nur “noch” großen Playern Geld in den Rachen zu schieben, das dort folgenlos versickert). 

Was uns Europäern fehlt, ist der Glaube ans Ziel. Was wir verlernt haben, ist, nach den Sternen zu greifen. Jetzt können wir mit den Fingern auf die Grünen und Ulrich Beck zeigen, weil die haben uns schließlich den Begriff Risikogesellschaft beschert und nach Tschernobyl zum Leben erweckt. 

In der bayerischen Provinz, sagt der oberste Strahlenpräsident, wären die durchgeknalltesten Strahlengegner (jetzt reden wir von Handystrahlung) die neokonservativen Schicki-Micki-Vorortfrauen. Funkantenne auf dem Dach einer Kita, geht gar nicht, weil da könnten die Strahlen die Kinder verstrahlen. Dass das einen Abstrahlwinkel hat und die Kinder (wie im Auge des Taifuns) besonders geschützt wären, davon kann die Mamas kein Wissenschaftler überzeugen. 

Leben wir wirklich in aufgeklärten Zeiten? Oder sind, wenigstens friedliche, Talibans auch mitten unter uns?

Ich löse mich wieder vom europäischen Bedenkenträgermilieu und komme zurück zum Silikon Valley Fieber. 

Was das Faszinierende ist, ist ja auch, dass Informationstechnologie nicht nur eine passive Technologie ist, die die Welt überall hin holt. Sie ist auch eine künstliche Intelligenz, das beginnen wir jetzt langsam zu verstehen. Wenn selbstfahrende Autos Realität werden, und es sieht ganz so aus, werden ganz schön komplexe Vorgänge rein technisch simuliert. Wenn künftig Big Data es möglich macht, Alltagsverhalten von Einzelnen, von Gruppen zu analysieren, weil Verhaltens- und Biomessdaten in ungeahntem Umfang gesammelt werden können, wird das zu ganz neuen Erkenntnisklassen, Quantensprüngen in der Diagnostik und einer stratifizierten Therapie führen. 

In den USA. Und anderswo. Nur nicht in Deutschland und Europa, weil da immer noch über die Frage von Datenschutz debattiert wird. Old-Fashion-Begriffe für eine neue Welt. 

Wir kommen zurück zur Plattformwirtschaft. Meine Antwort ist: Ja, der Begriff Plattformwirtschaft bringt für viele Unternehmen und Branchen eine Reihe von Herausforderungen auf den Punkt. Aber nicht alle. 

Wenn die Autos künftig googlesiert sind, also die Silikon Valley IT-Industrie die Standards definiert und ausrollt, dann werden die Automobilhersteller Zulieferer. Wenn das Elektroauto kommt und damit die ganze Benzin- und Dieseltechnologie überflüssig wird, und dann die IT-Infrastruktur ohnehin eine elektrisch-elektronische sein wird, werden uns Daimler, BMW und VW künftig bald vorkommen wie die ebenso überflüssig gewordenen Energiekonzerne. Oder sie schrumpfen zu Exoten, die Autos für Ewig gestrige Millionäre produzieren. 

Ist das Problem der Autoindustrie also ein Plattformproblem? Auch, aber es ist auch ein Standardisierungsproblem und zuvor ist es auch ein Entwicklungsproblem. Die USA ist nicht nur machtbewußter bei der Durchsetzung ihrer Standards, sie ist auch pragmatischer und – innovativer. Das kann einen ärgern, aber man muss es akzeptieren. 

Was heißt das also für Europa? 

Ich höre immer, Europa solle seinen eigenen Weg gehen. Das klingt ganz so wie das verflossene “Überholen ohne Aufzuholen”. Hat nicht funktioniert. 

Mit politischen Programmen, da gebe ich Ansgar Baums völlig recht, wird da nichts zu machen sein. Geld, ja, aber viel wichtiger als politisches Geld ist Freiheit für Investorengeld. Wir sollten den Weg freichmachen für spekulatives Geld in Innovation (Nicht in immobilien!). Und dann sollten wir eine Kultur des Findens und Erfindens etablieren, in der die Menschen überall Lust bekommen, was auszuprobieren, Technologie zu nutzen, entdecken, experimentieren, investieren. und und und. 

Politik kann Weichen stellen. Bei der derzeitigen Fixierung der Politik auf Datenschutz befürchte ich, dass man zwar amerikanischen Unternehmen auf die Finger klopfen kann, wenn sie das mit dem Ausspionieren und dem Sammeln von Daten zu weit treiben. Aber das Beispiel Microsoft zeigt, wie schnell sie da reagieren. Dann werden eben Datencenter der Telekom mit Standort Deutschland angemietet, um dem “Safe Harbour” Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu entsprechen. Erst wenn eine gierige Softwareindustrie und gierige junge Menschen was reißen wollen hier, wenn eine Wissenschaftslandschaft erfolgs-, neu-, und umsetzungsgierig ist, dann wird ein Schuh draus. Bis dahin können wir die Millionen und Milliarden noch sparen. 

Datenschutz-PS: 

Ich bestreite nicht, dass es ein Hochrisiko ist, wenn Daten von Menschen massenweise an einer Stelle gesammelt werden. Das hat manipulatives und totalitäres Potential. Was mich nur ärgert, ist, dass die Begrifflichkeiten und die Diskussionen nicht weiter entwickelt werden. Dazu müsste man sich nämlich mit den technologischen Details beschäftigen und Differenzierungsmöglichkeiten beschreiben können. Und diese dann in neue Begriffe und Konzepte packen. Aber die Stimmung gegen “Datensammelwut” ist absurd, oberflächlich und hilflos. Ohne diese Daten werden nämlich die schönen neuen Dinge der schönen neuen Welt zwar stattfinden, aber nicht von hier aus, sondern sie werden anderswo entwickelt. 

Wer hat da jetzt was davon?

 

Open-Web-Index PSS:

Bei meinen Gesprächen zum Thema Suchalgorithmus bin ich dann doch auf europäische Ansätze gestoßen. Mit Cliqz entwickelt eine Burdatochter doch einen europäischen Suchindex. Viel mehr weiß ich noch nicht, aber es gibt doch was. 

Und dann gibt es noch nen ganz anderen Ansatz: Semantische Suche. Aus Dresden (nein, da gibt es nicht nur Pegida, sondern ne aufgeweckte IT-Szene). Wen es interessiert: http://transinsight.com/wp-content/uploads/2014/06/White-Paper-Transinsight-EN.pdf

Ich sage nicht, dass die jetzt unbedingt erfolgreich sein müssen. Aber ich sage, dass die Initiative Open-Web-Index jetzt erst mal in die Debatte um die Kriterien für einen vielseitig nutzbaren Index einsteigen muss. Dass sie die Notwendigkeit und Sturktur eines solchen Index technologisch weiter beschreiben und präzisieren muss. Denn, keine Frage, Interesse gibt es.

Merksatz-PSSS:

Der schönste Satz des Abends war auch der von Ansgar Baums: “Wer nichts zahlt, ist ein Produkt, kein Verbraucher”.

KI-PSSSS: 

Noch ein Gedanke. Wenn es über künstliche Intelligenz möglich wird, das Verhalten der Menschen vorherzusagen und wenn es dann gelingt, die Menschen dann so zu steuern, dass sie sich auch so verhalten, dann wird die digitale Welt, die einstmals als Abbild der analogen Brot und Steine-Welt entstanden ist, plötzlich zu Orakel, zur Wahrsagerkugel, zur Leitbildwelt, in der die Begriffe, Lebensweisen, Wünsche und Bedürfnisse erzeugt, geformt und gestaltet werden, bevor sie in die reale Welt entlassen werden. Nur so ein Gedanke. Man wird ja noch schreiben dürfen….. Abwegig ist das nicht!

 

 

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