Eine ziemlich ernüchternde Beschreibung der Position des Westens. Zum drüber nachdenken, warum der Westen kein Siegermodell mehr ist.

Ganz schön ernüchternd. Rumwursteln ist auch beim großen Bruder das Gebot der Stunde.

Süddeutschen Zeitung, Meinung, 31.08.2013

Außenansicht

Dummheit in Vollendung
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Von John C. Hulsman

Da haben wir es also mal wieder. Höchstwahrscheinlich und furchtbarerweise hat Syriens Präsident Baschar al-Assad Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk eingesetzt, deshalb hat sich US-Präsident Barack Obama nun offenbar überzeugen lassen, dass es richtig ist, in den syrischen Bürgerkrieg einzutreten. Der Grund dafür ist vor allem, dass er seine eigene Glaubwürdigkeit sichern will. Ohne groß nachzudenken, hat der Präsident verkündet, ein Chemiewaffeneinsatz sei die rote Linie, jenseits der Amerika antworten würde. Aus dem schwächsten aller denkbaren Gründe werden nun die Vereinigten Staaten von Amerika wieder einmal in den Strudel gezogen, schlafwandeln sie Richtung Desaster, ohne eine klare Strategie für den Umgang mit all den höllischen und komplexen Problemen im Nahen und Mittleren Osten. Glückliches Großbritannien! Hier hat ein selbstbewusstes Parlament einem ebenso kurzsichtigen Premierminister David Cameron Einhalt geboten.

Dieses eine Mal sollten auch unsere Politiker nachdenken. Bevor wir auf jene Straße zusteuern, die absehbar in die Katastrophe führt, sollten wir ein wenig unseren Verstand bemühen. Wir sollten erkennen: Diese Intervention ist schlicht sinnlos. Sie dient nicht den amerikanischen Interessen, sie verändert nicht die strategischen Realitäten auf syrischem Boden. Sie hat nichts mit dem zu tun, was die Bevölkerung in Amerika eindeutig wünscht.

Im politischen Betrieb in Washington ist es eine altbekannte Weisheit, dass vor allem die Leute Schwierigkeiten bekommen, die ungeschminkt die Wahrheit sagen. Egal, was wir also in den kommenden Tagen an hochmögendem Palaver über die Zustände und die Krise in Syrien zu hören bekommen werden: Die Realität ist, dass jede Strategie zu den westlichen Interessen passen sollte. Und da haben wir, auf der einen Seite, den Schlächter Assad mit seinen Verbündeten, den gewalttätigen Kämpfern der Hisbollah und den iranischen Revolutionsgarden. Man kann sich kaum einen Zusammenschluss vorstellen, der den langfristigen westlichen Interessen ferner steht als diese Koalition.

Man muss sich andererseits auch einmal die Zusammensetzung der Rebellen ansehen. Zu Beginn des Bürgerkriegs waren die bei Weitem kampfstärksten Truppen, die gegen Assad antraten, direkt mit al-Qaida verbunden. Wer nun Assad bombardiert, unterstützt diese Truppen – das ist vielleicht nicht gerade das, was Amerika tun sollte. Führende Kämpfer der Jahbat al-Nusra und der Ahrar al-Sham-Brigaden sind radikale Islamisten und verbündet mit den Tätern des Anschlags vom 11. September 2001 – mit Thomas Jefferson, dem Mann, der Amerikas Unabhängigkeit erklärte, verbindet sie jedenfalls wenig.

Anders gesagt: Es gibt in diesem Konflikt keinen good guy, hinter den man sich einfach so stellen könnte, falls der Westen diesen Konflikt überhaupt verstehen kann. Und trotzdem hat Washington (und dort vor allem Außenminister John Kerry) überall das weiße Einhorn gesucht – in diesem Fall die glaubwürdigen und toleranten Freiheitskämpfer. Um es vorsichtig auszudrücken: In Syrien sind solche edlen Kämpfer dünn gesät. So gesehen wäre es die am ehesten rationale Überlegung, al-Qaida einfach weiter gegen Assad, Iran und die Hisbollah kämpfen zu lassen. Selten hat ein Morast so sehr den westlichen Interessen gedient.

Wenn nun die Betrachtung nationaler Interessen eindeutig zu dem Ergebnis kommt, dass der Militärschlag des Westens Nonsens ist (und ja: Er wird kommen, dieser Schlag), dann werden die zu erwartenden armseligen Auswirkungen die Erzählung weitertreiben. Ausgehend von dem falschen Moralismus, dass man Dinge tut, um sich gut zu fühlen, statt gute Dinge zu tun, wird Obama wahrscheinlich irgendwann vom offenen Meer aus ein paar Cruise Missiles abschießen, begleitet von Luftschlägen und Drohnen-Attacken – an der strategischen Situation in Syrien wird dies absolut nichts ändern.

Gegenwärtig ist die militärische Story Syriens einfach: Assads verhasstes Regime wankte, bis seine Verbündeten Iran und die Hisbollah es entscheidend unterstützten. Nichts von dem, was die USA im Augenblick erwägen, wird diese Grundtatsache ändern, schon allein weil Obama (Gott sei Dank) ausgeschlossen hat, dass Bodentruppen in größerer Anzahl eingesetzt werden. So werden diese Angriffe in erster Linie die Schwäche und die Unseriosität der USA zeigen. Das Land wird kurz mit dem großen Zeh in den Konflikt tippen, sodass es sich anfühlt, als hätte es irgendeine Antwort auf den Chemiewaffeneinsatz in den Vororten von Damaskus gegeben.

Das will nun wirklich kein Amerikaner. Die vergangenen zehn Jahre sind gepflastert mit Beispielen, wie eine außenpolitische Elite in ihrer Überheblichkeit ihre Landsleute ignorierte – und ihnen dadurch schweres Unrecht zufügte; der Irak- und der Afghanistankrieg fallen einem da sofort ein. Nach all diesen Fehlschlägen wäre ein wenig Demut angebracht. Man kann die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage in Reaktion auf die furchtbaren Bilder des Chemieangriffs nicht oft genug wiederholen: 60 Prozent der fast 1500 Befragten waren der Ansicht, Obama sollte nicht in Syrien eingreifen, auch nicht nach dem Chemiewaffeneinsatz. Lediglich eine Minderheit von neun Prozent erklärte, Amerika sei nun zum Handeln verpflichtet.

Die Amerikaner sind kriegsmüde, die militärische Elite eingeschlossen. Über mehr als eine Dekade hinweg wurden Tausende Leben und Billionen Dollar weggeworfen, für herzlich wenig Ertrag. Die amerikanische Öffentlichkeit scheint sich an das zu erinnern, was die außenpolitische Elite des Landes verdrängt und vergisst, schier unglaublich von sich selbst überzeugt. Das ist Dummheit in höchster Form.

Es zweifelt ja niemand daran, dass das syrische Schlachthaus eine humanitäre Katastrophe ist, mit mehr als 100 000 Toten und einem Viertel der Bevölkerung auf der Flucht. Natürlich sollten wir unsere Hilfe aufstocken und die Helfer unterstützen, vor allem in den Ländern rund um Syrien. Die Helfer tun, was sie können, sie bekämpfen die furchtbare Not in Syrien – hier der Pflicht zu helfen nicht nachzukommen wäre eine verabscheuungswürdige Unmoral.

Aber es wäre nicht weniger ein Zeichen des moralischen Verfalls, nun die Hunde des Krieges loszuhetzen, die vor allem des Präsidenten verblassende Glaubwürdigkeit aufpolieren sollen, immer im Bewusstsein, dass eine solche Feel-Good-Aktion absolut nichts ändert, sondern im Gegenteil den amerikanischen Interessen schadet. Für erwachsene Menschen ist es höchste Zeit, die amerikanische Außenpolitik zurückzuerobern – so, wie das die Briten nun getan haben.

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