Ein Nachtrag zur Zeit

Was ist der größte Unterschied zwischen Politik und Journalismus? Ersteres tut gut daran, eine durchgängige Identität zu entwickeln und muss dafür auch in einer gewissen Verantwortung zu stehen. Letzterer kann einfach mit schönen Furor anschreiben. Und da stellt sich die Frage, ob das eigentlich eine enttäuschte Liebe ist, die Bernd Ulrich mit den GRÜNEN verbindet. Die Empathiefähigkeit, mit dem Ulrich die Kanzlerin zu entschlüsseln versucht, diese vermisst man bei seiner GRÜNENVERURTEILUNG.

Da ist eine Menge unverstanden. Zum Beispiel die Frage mit dem Sackbahnhof, der bei ihm so heisst, weil man dann den Sack zumachen und draufhauen kann. Tatsächlich geht es aber bei der Frage darum, ob sich eigentlich die von ihm so geliebte bürgerliche Gesellschaft alles gefallen lassen muss von den Sachzwängen, die immer absurdere Blüten treiben. Verdoppelung von Kosten bei Null-Nutzen (!! eingeschlossen. Kosten-Nutzen-Kalkül ausgeschaltet, weil den Großteil ja ohnehin andere zahlen, usw.

Nein, Journalisten müssen keine Wege finden. Aber, wenn sie nur im heiligen Zorn am Wegesrand stehen und rummäkeln oder mehr, sind sie Teil der Empörungskultur, die ihnen in ihrem neugeordneten Weltbild ja so zuwider sind.

Ja, natürlich stimmen auch die Einwände, die Ulrich vorbringt. Die Wut, die in der Heckwelle von Sarrazin hochgespült wurde, hat vergleichbare Wurzeln in einer Enttäuschung über ein als hermetisch begriffenes System, das irgendwie unwirklich über den Dingen schwebt. Diese soften Pseudodebatten, mit der die Ängste und die Wut und Sorge vieler Menschen so weichgezeichnet und schöngefärbt werden, bis sie zur Unwirklichkeit mutieren.

Insofeern geht es um eine Neujunstierung der Politik. Und zwar nicht zwischen Links und Rechts, da täuschen sich viele. Sondern um die Frage, wie viel widersprüchliche Realität denn auf der politischen Bühne sichtbar sein darf. Und da sind die GRÜNEN noch immer gut aufgestellt, weil sie immer noch eine von inhaltlichen Antrieben befeuerte Partei sind, die nach innen und nach außen hören und deshalb vorsichtig agieren, auch Fehler machen. Aber, und das zeichnet sie aus, aus diesen Fehlern kontinuierlich lernen und deshalb zu Recht als aufgeräumte, wohlgeordnete, zukunftsgerichtete, moderne und zeitgemäße Partei erscheinen, obwohl ein Teil von ihnen jetzt wieder gezwungen ist oder auch gerne auf den Bäumen hockt. So sind Parteien heute halt keine homogenen Weltinterpretierer mehr (dieses Modell versucht die SPD noch immer und erkennt nicht, dass sie sich damit innerparteilich verrennt, weil da nur noch Glaubensbekenntnisse ausgetauscht werden, der innerparteiliche Gegner, der ja der einzige ist, der sich beständig der Auseinandersetzung stellt, natürlicherweise zum Gegner per se heranwächst und die Gesamtveranstaltung SPD von außen betrachtet nicht mehr als Einheit wahrgenommen wird.)

Also, es ist vieles richtig, was Ulrich schreibt. Auch, dass sich die GRÜNEN künftig mit den hässlichen Seiten des Herrschens auseinandersetzen müssen (und dass Dialog nur eine Seite der Medaille ist, die andere heißt durchsetzen). Aber er verkennt, dass die Entwicklungsfähigkeit der Partei enorm ist. Ja, das Problem, wie setze ich die richtigen Sachen durch, hat seine Nagelprobe noch vor sich. Doch, dass es ein ernsthaftes Ringen um diese Fragen gibt, das könnte er, in Hannover zum diskursiven Tänzchen mit den Grünen geladen, doch noch erkennen.

Denn lernfähig sind wir ja alle.

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