DIW fordert mehr Investitionen in die Köpfe, Berliner Zeitung, 28.8.2009

In Köpfe statt Beton investieren
DIW fordert Umstellung der Förderung und zieht 20 Jahre nach Mauerfall eine positive Bilanz
Lisa Hemmerich

BERLIN. Neue Straßen und Förderung der Solar-Industrie – die enormen finanziellen Mittel, die in die neuen Bundesländer geflossen sind, haben sich gelohnt, doch nun muss die Förderung an die aktuellen Probleme Ostdeutschlands angepasst werden. Das ist die zentrale Forderung, die sich aus der ökonomischen Bilanz des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ergibt.

Die Politik müsse etwas gegen die zu geringe Innovationskraft und das Schrumpfen der jungen Generation unternehmen, forderte DIW-Präsident Klaus Zimmermann. „Diese Probleme müssen wir angehen, wenn Ostdeutschland wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen soll – mit weiteren Investitionen in Beton statt in Köpfe wird das nicht funktionieren.“ Voraussetzung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit seien gut ausgebildete Menschen. Unternehmenssubventionen seien immer weniger nötig.

Noch 40 Jahre Aufholprozess

Die ökonomischen Unterschiede zwischen Ost und West sind noch immer groß: So liegt Ostdeutschland bei der Produktivität deutlich hinter den westdeutschen Ländern. Im Schnitt erbringt jeder Erwerbstätige weniger als 80 Prozent der westdeutschen Wirtschaftsleistung. Ursache für die Produktivitätslücke seien laut DIW zu wenige industrielle Kerne wie in Dresden, Jena oder Bitterfeld.

Weiterer Grund sei die zu geringe Exportorientierung. Zwar habe sich die Exportquote seit Mitte der 90er Jahre von 12 auf 33 Prozent nahezu verdreifacht, läge aber noch deutlich unter dem Westniveau. „In Zeiten der Krise mag die Exportschwäche von Vorteil sein, aber dies ist kein langfristiges Konzept“, so Zimmermann. Zugleich plädierten die Experten für einen Ausbau der Forschungstätigkeit in den ostdeutschen Unternehmen. Die Innovationskraft der ostdeutschen Wirtschaft erreiche bislang nur die Hälfte des Westniveaus.

Große Herausforderungen ergeben sich für den weiteren Aufholprozess nach Ansicht der Experten wegen der demografischen Entwicklung. Bereits jetzt mache sich die Abwanderung und der drastische Geburtenrückgang auf dem Lehrstellenmarkt bemerkbar. Der Bedarf an Fachkräften werde das Angebot übersteigen, prophezeiten sie. Daher müssten Ältere länger arbeiten und junge Menschen besser qualifiziert werden. Zudem sollten die Regionen attraktiver für Zuwanderer werden.

Gleichzeitig wiesen die Forscher auf die positiven Aspekte des Aufbaus Ost hin: Die ostdeutsche Wirtschaft hat deutlich aufgeholt. Die Ausgangslage war schwierig. Der Anteil an der gesamtdeutschen Produktion lag 1992 bei gerade noch 3,4 Prozent. Mittlerweile ist dieser Wert wieder auf fast zehn Prozent gestiegen. Damit erreicht die Industrieproduktion ein höheres Niveau als zu DDR-Zeiten.

„Gemessen an dem, was an wirtschaftlicher Substanz vor 20 Jahren vorhanden war, ist das Glas zwei Drittel voll“, sagte Zimmermann. Er widersprach der Auffassung, die wirtschaftliche Aufholjagd des Ostens sei ins Stocken geraten. „Die Produktivität, die Exportorientierung und generell die Wettbewerbsfähigkeit entwickeln sich weiter stetig nach oben“, so Zimmermann. Fest steht allerdings auch: Die Einkommen zwischen Ost und West klaffen immer noch auseinander. In jüngster Zeit geht die Schere sogar noch weiter auf, wie die Studie belegt. Auch die Realeinkommen sanken seit 2000 im Osten gegenüber dem Westen überproportional.

Trotz der positiven Entwicklung solle man sich laut DIW nicht der Illusion hingeben, die ostdeutsche Wirtschaftsstruktur werde in wenigen Jahren jener im Westen gleichen. „Man sollte endlich Abschied nehmen von simplen Ost-West-Vergleichen und den Blick vielmehr auf einzelne Regionen richten“, so DIW-Forscher Karl Brenke. Schätzungen zu Folge dauere die Angleichung noch mindestens 40 bis 80 Jahre.

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