Digitalize your life! Oder besser nicht?

Die Zeit dieser Woche hat wieder einen dieser erschreckenden Artikel aufgesetzt, wie wir alle in Zukunft fremdgesteuert werden könnten. Von Algorithmen und dunklen Mächten (die zuweilen in hellen Gewändern daherkommen). Ich war letzte Woche auf dem SUMA-EV-Kongress zum Thema „Offener Web-Index und andere Mittel, sich gegen Überwachung im Internet zu wehren“ und obwohl der Titel etwas reißerischer formuliert war als ich es hier wiedergebe, war es ein sehr interessanter Kongress, auf der junge Wissenschaftler und ältere Experten und Menschen mit Meinung mit Neugier und Haltung sich mit der Frage auseinander gesetzt haben, wo es hingeht mit dem Internet (Google als Suchmaschine ist da eine Art Flaschenhals) und was man tun könnte, um das Netz als Ort des Dialoges, des Austausch, des Findens, als Agora und als Marktplatz einer globalisierten Welt wiederzubeleben (anstatt, so der momentan grassierende Angstvirus, das Netz als Ort idealer Überwachung).

Ein paar Überlegungen dazu.

Mir geht es folgendermaßen: Mich nerven diese Kurzfristschwankungen in der Debatte. Angesichts der Plan- und Ratlosigkeit, die oftmals in der Politik herrscht, finde ich dort Angela Merkels Agieren in Bodennähe angemessen, aber in der Debatte wünsche ich mir mehr Offenheit.

Bei der Netzdebatte war es doch so: Erst gab es diese Hipp-Hipp-Hurra-Netizens, die völlig geschichtslos und planlos das Netz zum Ort der Anarchie gemacht haben, Sascha Lobo zum Beispiel. Und die jetzt den Untergang des Abendlandes herbeireden.

Bereit zur Expedition nach Digitalien?

Tatsächlich befinden wir uns doch auf einer Art einzigartiger Expedition. Wir entdecken neue Welten, nur dass es diesmal nicht Afrika ist oder andere für Europäer und den Westen exotische Erdteile, sondern dass wir gleichzeitig erschaffen, was wir entdecken. Wir müssen uns also sozusagen einen „Begriff“ von der Welt machen, wie wir jetzt erkennen, die entsteht und die sich mit ungeheurer Geschwindigkeit wandelt, wie wir jetzt sehen. Aus dem Ort maximaler Anarchie (und das wird das Netz weiter bleiben, sei es für Kriminalität, weil zwar alles überwachbar, aber nicht exekutierbar ist, für Pornographie, weil alle Statistiken sagen, dass das Netz vor allem pornographisch ist, mit auch einigen Auswachsungen ins menschenverachtende. Erstaunlich-unbeachtete finde ich, dass niemand wirklich über die Pornographisierung des Alltags spricht. Das hat ja einerseits etwas Ehrliches, weil Sexualität was menschliches ist, andererseits aber auch was inflationäres. Was ist, wenn junge Menschen, bevor sie selber Sex haben, schon alles gesehen haben, was man mit Geschlechtsteilen machen kann, es im Grunde nur noch Nachvollzug von Mustern ist?

Das Netz, die Digitalisierung unserer Welt, ist also etwas, was vieles in unserem Leben, manches bewußt, manches unbewußt, auf den Kopf stellt.

Bereit, zu erkennen, wie begrenzt unser Konzept von Rationalität ist?

Von Bill Gates habe ich letzthin den Spruch gelesen, wir überschätzen, was sich innerhalb von Tagen verändert und wir unterschätzen, was sich in mittleren Zeiträumen, etwas 10 Jahreszeiträumen verändert. Das fand ich einen sehr zutreffenden Spruch.

Der menschliche Geist (und die mediale Industrie) ist wie eine Fleischfabrik, die ständig neues Material braucht für ihre Wurstmaschine. Was mit der Wurst dann passiert, das verliert man gerne mal aus dem Auge.

Diese Unterkomplexität der Debatte ist besonders dann ein Problem, wenn sich so viele Realitäten verändern, wie das zur Zeit ist. Digitalisierung, Globalisierung sind die wichtigsten Schlagworte, die sich in vielen Bereichen und Themen ausbuchstabieren lassen.

Zurück zur Digitalisierung. Jetzt befürchten also alle, und das ist keine unbegründete Furcht, dass sich mit wachsender Rechnerkapazität und neuen Algorithmen das Verhalten von Menschen antizipieren ließe. Google weiß, was wir wollen, bevor wir er selbst wollen.

GERMAN ANGST goes digital!

Das wäre ok, wenn Google uns das sagen würde, tut es aber nicht, sondern füttert unsere Süchte und Erwartungen, so die an die Wand gemalte DIGITAL GERMAN ANGST.

Das nenne ich analoges Denken in einer komplexen Welt. Wer die Welt als „Wenn-Dann“-Beziehung begreift, die so tut, als wenn es diese Wenn-Dann-Beziehungen ins Unendliche fortschreibbar wären und sich keine neuen Muster herausbilden könnten, der ist Opfer seines eigenen analogen Denkens.

Und Opfer seiner eigenen Mut- und Phantasielosigkeit. Viel wichtiger als immer Zeter und Mordio zu schreien wäre es, Hypothesen zu sammeln, zu versuchen, unterschiedliche Szenarien zu entwickeln.

Und eine eigene Haltung.

Mut zur Abwägung gefragt

Was mir in diesen ganzen Debatten fehlt, ist Abwägung. Mir geht es so: Ja, rational (und spätestens Snowden hat da Gewissheit gegeben) kann man sagen, wir leben in einer potentiellen Überwachungsgesellschaft und die „Freunde der Freiheit“ haben sich längst zu den eigenen „Feinden der Freiheit“ entwickelt. Aber nach vorne gebracht, geht es doch um folgende Fragen:

Wie gelingt es uns, die Vorteile (welche) neuer Technologien zu nutzen und die Nachteile in den Griff zu bekommen?
Wie gelingt es uns, die Freiheitswerte wieder ernst zu nehmen und zwar nicht mit einem Hurra-Patriotismus angesichts von Maidan-Protesten, dem arabischen Frühling und und und. Sondern nachhaltig. Was heißt, Bewegungen zu unterstützen, aber sie nicht in Konflikte zu treiben, die ihnen den Kopf kosten können, während wir uns an neuen Freiheitskämpfern delektieren. Es ist so schön, sich moralisch besser zu fühlen.
Wie gelingt es uns als Westen, die Außenperspektive der „emerging countries“ ernst zu nehmen, auf zu nehmen, und, ausgehend davon, dass die Blütezeit des Westens vorbei ist (die Gewissheit kann man Dambisa Moyo, „Der Untergang des Westens“ entnehmen), es darum geht, die eigenen Interessen, also die des Westens, mit denen des Restes der Welt abzugleichen und daraus seine Schlüsse zu ziehen.

Was alles sein könnte

Wie gelingt es uns, aus den vielen, ganz unterschiedlichen Entwicklungen und Vorgängen das Beste zu machen?

Das ist dann eine sehr komplexe Angelegenheit und ich für mich formuliere das dann immer so, dass ich immer eine Art von Checks-and-Balances Liste aufmache und abwäge.

In der inneren Verfasstheit der europäischen Gesellschaften beispielsweise. ja, es gibt den Wunsch nach Freiheit, aber es gibt auch die Frage von Existenzsicherung. Wie kann soziale Solidarität in einer künftig anderen Welt, in der sich der Westen stärker behaupten muss, gewährleistet werden?

In der Frage der Algorithmen: Als Musikhörer, der kein „Spezialist“ ist, möchte ich Algorithmen nutzen können, um neue Musik zu entdecken. Oder als Romanleser. Aber in der politischen Debatte würde mich das nicht interessieren, was die meisen Menschen denken, da habe ich meinen eigenen Kopf. Und dieser Kopf setzt dann Algorithmen außer Kraft (bis zu dem Zeitpunkt, an dem das dann eine mengenmäßig relevante Größe erreicht hat, dann wird ein neuer Algorithmus definiert; Mitsamt neuem Ausweichverhalten).

Oder nochmal zu den Algorithmen: Im Gesundheitsbereich finde ich es faszininierend, wenn es endlich gelingen würde, mit Massendaten komplexe Krankheitsmuster zu erkennen. Meine Daten können sie gerne dazu haben. Ich finde auch die Debatte darum wichtig, mit welchen Auflagen, aber wenn in Deutschland künftig immer nur maximales Risiko formuliert wird, werden andere Länder maximale Chancen entdecken; – Und wer meint, nur weil einmal in Deutschland das Paradigma der Risikogesellschaft entdeckt (und nach Tschernobyl zur Handlungsmaxime inzwischen der gesamten etablierten Politik gemacht worden ist), hatten die Deutschen mit ihrer GERMAN ANGST den Stein des Weisen gefunden, denen sei gesagt: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Oder es könnte sein, dass sich der Stein der Weisen auch als Bremsklotz erweist. Risikominimierung produziert eine neue Form von Risiko, don’t forget this.

Und welche Aufgaben sich für Politik und Medien ergeben

Noch einmal anders formuliert: Im deutschen politisch medialen Komplex dominiert immer noch ein simples Bild von Beherrschbarkeit, Simplifizierung. Man kuschelt gerne. Und wer das heutige Porträt der schwarzgrünen Regierung in Hessen liest, und das soll keine Kritik daran sein, denkt sich: Ok, schön dass sich CDU und Grüne jetzt lieb haben. Schön, dass die Konflikte von vorgestern endlich ad acta gelegt sind. Aber könnte es sein, dass die politische Klasse beim Binnenkuscheln (CDUSPDGRÜNE in wechselnden Konstellationen) versuchen, die Definitionshoheit über die Gesellschaft abzusichern, ihre Rolle als Systemgestalter zu inszenieren, ohne jedoch tatsächlich zu gestalten (Woran ich Gestaltung fest mache: Daran, dass man auch fähig ist, Konflikte zu bewältigen und zwar Konflikte, bei denen man selbst ins Risiko muss, nicht solche, bei denen man Dritten irgendwelche kosten- und risikolose Ratschläge gibt).

Das man sich gerne dem Bild des „Weiter so“ hingibt, ohne die Vorgänge in der Welt, die technologischen Umbrüche, genauer anzusehen und kritisch und offen zu diskutieren.

Klar, da hilft Parteiräson nix. Da sind alle genauso ratlos. Medial gewandelt, hilft da auch Lagerzugehörigkeit nix. Da hilft nur Neugier.

Schade, dass so einfache Erkenntnisse im medialen Getümmel schlicht untergehen.

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