Digital Highway 2.0. Wie suchen wir künftig. Und was. Eine erste Zwischenbilanz nach dem ersten SUMA Barcamp

Alle reden von Google. Wir auch. Aber statt die Schlachten von gestern und heute nach zu zeichnen, scheint es spannender, heute das Morgen ins Auge zu fassen. Das erste SUMA Barcamp am 13.3.2010 in Hannover hat in scharfen Splittings Ausblicke auf die Kampfplätze auf dem Digital Highway 2.0 gegeben. Und eine handfeste Diskussion darüber, ob die Suchmaschinenwüste Deutschland mit hilflosem Cetero censeo oder einer eigenständigen Marktstrategie aufweisen kann. Eine subjektive Zwischenbilanz.

Die Kampf der Geschäftsmodelle am Digital Highway. Während alle von der übermächtigen Suchmaschine Google reden, geht der Trend längst anderswo hin. Die Rückeroberung des Digitalen Highways durch unterschiedliche Geschäftsmodelle ist im vollen Gange. Google startet in einer komfortablen Situation. Aufgrund üppiger Gewinne auf dem Online-Werbemarkt verfügt das Unternehmen über die notwendigen Ressourcen, um sich auch in Zukunftsfeldern gut zu positionieren. Hannes Karl Meyer hat in seinem Beitrag zur Zukunft von Suchdiensten die Trends aufgezeichnet. Geo, Realtime, Social Networks und User Interfaces sind die vier Bezugsgrößen, in denen sich die Märkte der Zukunft definieren. Stichworte dazu: Facebook hat es geschafft, als proprietäre Plattform seine Daten Google vor zu enthalten; wenn der Trend zu Facebook anhält, eine empfindliche Lücke für den Suchmaschinenplatzhirschen. Der Zukunftsmarkt Geodaten ist derzeit noch heiß umkämpft. Google Maps, Google Streetview und Google Android zeigen, dass der Suchmarktführer auf diesem Markt schon sehr gut aufgestellt ist. Auch, wenn beim Streetview Projekt zumindest in Deutschland noch heiße Kämpfe ausgefochten werden. Auf der anderen Seite ist Apple mit seinem softwaretechnisch geschlossenen System iPod, iPhone und iPad in einer starken Stellung. Das Unternehmen versucht den Markt vom User-Interface her auf zu rollen. Das starke Image im Rücken ist das Pfund, das es mit großer Sicherheit und einer radikalen, auf Return of Investment ausgerichteten Marketingstrategie in die Waagschale wirft. Microsoft hat mit seiner Facebook-Einbindung bei Bing hier in einem Zukunftsmarkt einen Wachstumsfaktor erkauft. Aber wir erkennen: Die Giganten des Digital Highways 2.0 stellen sich zum Kampf neu auf.

Deutschland, traurig Vaterland. Dem Teilnehmer des Barcamps drängte sich ein Eindruck auf: Deutschland, das Land der digitalen Analphabeten. Keiner der technologischen Trends wird aus dem „Land der Ideen“ heraus dominiert oder getrieben. Mit SAP ist der Exportweltmeister im digitalen Bereich mit lediglich einem Marktführer präsent. Und wenn man den Zeitungsmeldungen über die Turbolenzen auf dem Pilotensesseln des Unternehmens glauben schenken darf (Man muss, denn schließlich wurden die Piloten von Bord gegangen), tut es sich gerade in bei der Implementierung einer „downgradable“ Solution, der den Zugang zum Bereich der Klein- und Mittelstandsunternehmen erschließen würde, etwas schwer. Deutschland, digital desert, möchte man meinen. Und wir werden sehen, wie das Land der Dichter und Denker auf die Ära der Stochastiker und Datenzähler reagieren wird.

Orchideen im Blumenmeer.Christian Kohlschütter hat in einem beeindruckenden Beitrag zum Thema Boilerplate Detection gezeigt, dass es auch im Land der Dichter und Denker echte Lichtblicke im Umgang mit Datenmengen gibt. Und einen spezifisch deutschen Ansatz, Datenanalyse zu machen und trotzdem auf das analytische Modellbildung nicht zu verzichten. Der Beitrag, der zeigte, wie Modellbildung in den letzten 15 Jahren der stochastischen Ergebnisoptimierung statt gefunden hat und wie sie mit Hilfe des von ihm mitentwickelten „Einfachmodells“ nochmals wesentlich in der Relevanz der Suchergebnisse gesteigert werden konnte, beeindruckte. Auch weil er die wissenschaftstheoretische Reflektion, ganz deutsch, gleich mitgeliefert hat. Dem Aufschrei Schirrmachers vor der Allmacht der Algorithmen entgegnete er mit einem intelligenten Modell algorithmisch basierter Theoriebildung, der das sozialwissenschaftliche Analysemodell der empirischen Sozialwissenschaft auf eine neue, pragmatische Basis stellt. Die neue Erkenntnismöglichkeit algorithmischer Realitätserschließung wird dabei nicht dämonisiert, sondern analysiert. Und danach nutzbar gemacht.

Nico Reiners hat in seiner Interpretation der Rechtsgutachten zu Google Streetview auf die Vielschichtigkeit der Rechtsproblematik beim Projekt Streetview und, so können wir von uns aus anfügen, auch auf die Rechtsproblematik in anderen durch die Informationswissenschaft tangierten Rechtsgebieten aufmerksam gemacht. Ohne die Teilnehmer von der Aufgabe zu entlasten, die Gutachten zu lesen. Und damit die sophistisch rechtspraktischen Interpretationsansätze nachvollziehen zu können.

Eine anregende Diskussion im Nachgang. Welche Rolle hat der SUMA e.V. im Deutschland des digitalen 21. Jahrhunderts? Einem Deutschland, von dem man den Eindruck hat, dass es am Randstreifen des digitalen Highways zuguckt, wärend andere den digitalen Highway nutzen. Und um dem Zuschauen die Langeweile zu nehmen, schenkt Mutti Merkel ihren IT-Kindern in einer Art simuliertem digital Highway einen Nationalen IT-Gipfel, bei dem bekannte Namen (und diese Namen sind nicht aufgrund ihrer Dynamik, sondern eher aufgrund ihrer „old fashion-Langsamkeit“ bekannt) sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, um im Anschluss tröpfelnde Subventionen einzusammeln. So stellt sich Deutschland noch immer das Geschäftsmodell vor. Allseits bekannte Akteure aus Politik und Wirtschaft treffen sich und kungeln aus, was wohl als digitaler Fortschritt bewertet werden darf. Anderswo, also dort, wo der Fortschritt gemacht wird, werden politisch lediglich die Rahmenbedingungen auf Risiko umgestellt. Venture Capital hat die Chance, im Rennen um die besten Talente die Pole Position zu erkämpfen. Amerikanische Entwickler würden einen Teufel tun , um mit Angela Merkel oder Barack Obama herumzuhocken und herum zu schwadronieren, wo wohl die digitale Wertschöpfung stattfinden würde. Sie würden es auch deshalb nicht tun, weil sie zwar von der Technologie fasziniert sind, aber am Ende doch nicht wissen, was sich am Markt durchsetzt. So ist also ein patriarchalisches Politikmodell, in dem sich Reste des rheinischen Kapitalismus wiederfinden, das Modell, mit dem Deutschland den Kampf um die Zukunftsmärkte und Technologien aufnehmen will.

Und der SUMA e.V.? Es mehren sich die Anzeichen, dass der sich für die anstehende Diskussion rund um Kultur, Wirtschafts-Standort Deutschland, die Rolle deutscher Unternehmen auf dem Digital Highway und insbesondere die Frage der digitalen Suche stärker einmischen will. Der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht produzieren in regelmäßigen Abständen Festlegungen in Sachen Rechtsinformatik. Und wenn ich eines gelernt habe: Die Deutschen sind zwar nicht Spitze, was das hemmungslose „Quick and Dirty“-Erfinden und auf dem Markt bringen ist, aber sie sind nicht die Schlechtesten, wenn es darum geht, dem ganzen einen Bezugsrahmen zu geben. Warum also keine ordnungspolitische Initiative, die die neu entstehenden Rechtsgebiete mit neuen Begriffen und Zusammenhängen beschreiben will? Warum keine intelligente Diskussion darum, wie es vor dem Hintergrund des erwartbaren Booms lokaler Märkte gelingen kann, die Wiedergewinnung politischer Ordnungs- und Gestaltungsmacht zu nutzen? Eine Diskussion, die spannend, weil zukunftsorientiert ist. Eine Diskussion, die auch am 13.3.2010 in Hannover sehr kontrovers geführt wurde. Hannover, so habe ich übrigens an diesem Tag gelernt, ist eine der wenigen international satisfaktionsfähigen universitären Veranstaltungen zum Thema Suchmaschinentechnologie und Rechtsinformatik. Der SUMA e.V. wird sich mit diesen Fragen weiter befassen. Ein zweites, auf strategische Fragen fokussiertes Barcamp wurde bereits vereinbart.

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