Die Wahrheit und die Unzeit. Ein Nachruf auf Oskar Lafontaine

Politik lebt vom Meinungsstreit. Sagt man. Wie eng der Korridor ist, in dem sich die Meinungsstreitenden bewegen dürfen, zeigt niemand deutlicher als Oskar Lafontaine. Ein Rückblick.

Die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl versprach, sie waren sich einer der Wendepunkte der Karriere Oskar Lafontaines. Klar wie kein anderer benannte er die mit der Vereinigung absehbar entstehenden Probleme; – und wurde dafür von fast allen Seiten gebasht.

Wie kommt es, dass ein Politiker, der Sachthemen anspricht, quasi tabuisiert wird und so mitsamt seinem Thema, dem Issue, im Abseits landet?

Die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Vorstoß Oskar Lafontaines zeigt, dass einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Meinung auf der Bühne der Politik Platz finden kann.

Sie braucht vor allem einen Resonanzboden. Es hilft nicht, eine Meinung einzubringen, sie muss auch von anderen aufgegriffen werden.

Hinderlich ist auch die eigene Emotionalität. Der erste Vorstoß Oskar Lafointaines, rechtlich prüfen zu lassen, ob ein Zuzug verhindert werden könne, signalisiert von Anfang an: Er will die Abgrenzung. Das ist in einer Situation, die mit so vielen Emotionen besetzt ist, ein klarer Tabubruch, eine inhaltliche Aussage, nein, wir wollen Euch nicht. Der nachgeschobene Satz von der Nationalen Besoffenheit unterstrich die Emotionalität, die mit der Wiedervereinigung verbunden ist. Sie führte zu einer Stigmatisierung einer entsprechenden Position.

Entscheidend ist bei wichtigen Fragen, ob man sich in der Debatte von einem „gefühlten“ Konsens aus bewegt oder ob der Debattenbeitrag als Beitrag außerhalb des Konsenses betrachtet wird. Das „Innen/Außen“-Phänomen. Wer als „innen“ wahrgenommen wird, kann seine Position einbringen. Eine Intervention „von außen“ führt dazu, dass sie abgelehnt wird.

Das Problem des Innen/Außen ist, dass die Abgrenzung anhand fiktiver und nicht wahrnehmbarer Argumente erfolgt. Was innen und was außen ist, kann nicht über Meinungsumfragen, sondern nur über qualitative Instrumente erhoben werden.

P.S. Das Thema liese sich übrigens auch an dem 5 DM fürs Benzin analysieren. Als die Grünen diesen Beschluß fassten, war es gelungen, sie als Angreifer von außen auf den Lebensstil zu denunzieren. Verbunden war damit eine feindliche Emotionalität, dass die Grünen diesen Beschluß in Ablehnung des gemeinsamen Lebensstils, der Autos beinhaltet, gefasst hätten.

Ein Gedanke zu „Die Wahrheit und die Unzeit. Ein Nachruf auf Oskar Lafontaine

  1. Alles in allem finde ich es sehr schade, dass Lafontaine aufgrund seiner Krankheit ausgebremst wird. Die FAZ schrieb gestern in einem Artikel, dass Lafontaine vielleicht als heimliche Führung weitermachen wird. Wie damals Joschka Fischer. Die Zeit wird es zeigen, jedoch ist es nun erst einmal wichtig, dass sich Lafontaine, um seine Gesundheit kümmert.

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