Die re:publica 2010. Soziologische Nachbetrachtungen eines Grenzgängers.

Was bleibt von der re:publica2010? Als aktiver Beobachter der politischen Bühne und erstmaliger Besucher der re:publica ist mir eines aufgefalllen: Es gibt ein Neues Deutschland. Und dieses findet abseits der offiziellen Politik statt.

Aufgeregter Pragmatismus. Der Kongress ist ein großes Gewusel, das aufgrund des etwas stockenden Boardings nur holpernd in Gang kam. Aber das sympathisch improvisierte Ambiente gibt genügend Raum, um sich zu treffen, zu reden und um sich zu bewegen.

Garantiert spitzenpolitikerfrei. Was ich mir nicht vorstellen könnte, wären in diesem Umfeld deutsche Spitzenpolitiker. Wer die Themen und die zum Großteil pragmatisch und kontroversen Diskussionen verfolgt hat, kann sich einfach nicht vorstellen, dass einer unserer Spitzenpolitiker mit seinem Begriffs- und Denkwerkzeug in diesem Zusammenhang überhaupt diskursfähig wäre. Es gibt ein echtes Neues Deutschland jenseits der altbackenen Berlin-Kulisse, in der sich die handenden Personen immer noch als Master of D. …. inszenieren. Und doch maximal kleine Impulse -oder große Schulden- produzieren können.

Die Haltung macht den Unterschied. Was macht aus meiner Sicht den maximalen Unterschied zwischen re:publica Besuchern und den normalen Berlin-Akteuren aus? Die völlige Abstinenz von Klagen. Keine materiell interessensgetriebenen Klagen, die Politik müsste, könnte, dürfte, kein „früher war alles besser“, stattdessen Neugier, Fragehaltung und Interesse an dem, was erst entsteht. Es wäre auch mal intessant gewesen, die Einkommenssituation der Anwesenden zu erfragen: Ich bin mir sicher, die Klaglosigkeit und Neugier stehen in diametralen Verhältnis zu den Einkommen der etablierten Eliten. Das Bewußtsein hat also doch wesentliche Auswirkungen auf das Sein.

Neue Öffentlichkeiten. Der Reiz der re:publica und seines Publikums liegt auch darin, dass sie sich nicht auf den nationalen Diskursrahmen beschränkt, sondern im Bewußtsein des deutschen Provinzialismus auch die international führenden Menschen, Themen und Trends wahrnimmt. Vor diesem Zusammenhang reflektiert sich die Frage medialer Öffentlichkeiten nochmal neu. Die von Lorenz-Meyer aufgeworfene Frage eines politischen Perlentauchers muss dringend international gedacht werden.

Nicht alimentiert, nicht infiziert. Wenn ich die Tage Revue passieren lasse, muss ich an Gabor Steingarts „Die Machtfrage“ denken. Die These, dass die Parteien die Öffentlichkeiten kolonialisiert haben, findet hier ihre Antithese. Wenn sich Öffentlichkeiten und Szenen trauen, ihr eigenes Ding zu machen, dann geht das schon. Man muss sich nur auf den Weg machen.

Ein Gedanke zu „Die re:publica 2010. Soziologische Nachbetrachtungen eines Grenzgängers.

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