Die Ökosoziale Frage. Was mir zur grünen Erzählung so einfällt. #grueneerzaehlung

1) Vielleicht liegt schon darin der Fehler: Es soll eine Erzählung geben. Eine Erzählung hat in Hollywood und Deutschland immer einen guten Ausgang. Wir sind auf der Winnerside. Mir fällt dazu ein: Eine westdeutsche Nachkriegsidee. Alles ist rettbar. Die grüne Variante: Wenn wir es politisch in die Hand nehmen. Migrantenstories sind da ja anders. Sie leben im „nicht immer  wird alles gut“ Setting. Was können wir davon lernen? 

2) Ist jetzt also die Ökosteuer besser oder die CO2-Abgabe. Die meisten der Grünen Wähler hätten überhaupt keine Ahnung, was der Unterschied ist. Trotzdem wird, und das ist ja richtig, intensiv darüber diskutiert. Der Fachteil. Eines der Highlights der Veranstaltung war Edenhofer. Seine Botschaft: Ressourcensteuern würden helfen. Sie würden Kostendruck auf Löhne reduzieren helfen. Alles richtig, er siedelt das auch am richtigen Ort an. Es geht um globale Ressourcenbesteuerung. Dazu bedarf es einer neuen Institution. Kann der Weltklimarat so etwas durchsetzen. Eine entsprechende Institution werden. International Governance, das bedeutet, dass die Institutionen, die Ausgleich und Regulierung schaffen könnten, erst geschaffen werden müssten. Das erfordert Schläue und den richtigen Augenblick. Und Zeit. Im deutschen Institutionenbaukasten ist dafür kein Bauplan vorhanden. Weiter so!

3) Ich denke mir bei so Debatten immer: Egal ob CO2-Abgabe oder Ökosteuer, das alles wird die Welt nicht ändern, weil es doch quer durch die Gesellschaft daran fehlt, etwas ändern wollen, wenn man dazu seinen Lebensstil dazu wirklich ändern müsste. Ok, einige junge Menschen nehmen als Lebensorientierung neue Spuren auf. Die einen, lesen wir in Umfragen, würden am liebsten beim Staat arbeiten, ich befürchte, die würden dann alle auch grün wählen (und mit den Fingern auf andere zeigen, die alles verkehrt machen). Die anderen (auch da einige grünaffine) machen ernst mit ihrer Lifestylegeschichte und leben bescheidener, bewußter, verzichten vielleicht auf die Mein Auto, mein Haus, mein Boot-Idee. Auch, weil das für sie kein Antrieb ist. Gut, aber kein politisches Rezept. Und dann gibt es auch die, die riskieren. Als Jungunternehmer, als Ingenieure, die Neues entwickeln, die neue Dinge in die Welt setzen, die wissen oder ahnen, dass ich die Welt ändert. Die reflektieren, auch wenn sie keine Lösung wissen. Die, meine ich, müssten künftig verstärkt Adressaten grüner Politik werden. Changemaker, Veränderer, Vordenker. Sonst wird die grüne Partei eine Partei der Rechthaber und Besserwisser. Die allen anderen sagen, wie es besser geht, das aber vom sicheren Verwaltungsstuhl (oder dem Mandat aus) machen. Das will  niemand, Zwei Grad Ziel hin oder her. 

4) Wenn dann Uwe Scheidewind vom Wuppertal-Institut engagiert Haltung der Wissenschaftler einfordert und wieder mal für ein emanzipatives Leitbild plädiert, wow. So können Wissenschaftler auch sein, sehr engagiert. Auch Michael Kellners Plädoyer dafür, mal die Kontroverse zu suchen, sofort ja. Aber wofür Kontroverse? Das emanzipative Weltbild, Befreiung von der Sachzwanglogik, da geht es ja immer darum, die Welt, den Lauf der Welt auszublenden, damit man sich selber, seine Ideale, sein Leben, seinen eigenen Rhythmus, einblenden kann. 

5) Mal also keine Kontroverse. Sondern ein Zusammenfügen unterschiedlicher Perspektiven. Nicht über den Lauf der Welt jammern, das Atemlose, das es gibt, zweifelslos, sondern zusammendenken. Welche Spielräume benötigen Menschen, welche Spielräume benötigen Institutionen, Unternehmen, welche Freiheit muss sich auch Verwaltung, Politik wieder nehmen, um den Veränderungsprozess, dem wir derzeit technologisch, global, machtpolitisch ausgesetzt sind, erfolgreich zu bewältigen. Erfolgreich heißt, dass wir, der Westen, den Wert politischer Debatten (und zwar echter, realitätsbezogener) einerseits wiederentdecken, die Agora. Wenn Grüne über eine grüne Erzählung reden, habe ich im Gegensatz dazu immer den Eindruck, sie wollen sich über diese „Erzählung“ wegbeamen aus der Realität (Andere Politiker anderer Parteien machen das mit anderen Beamern). Die grüne Variante des Wegbeamens besteht dann darin, sich die Umweltziele an die Wand zu pinseln, förmlich zu beschwören, dass sonst die Welt untergeht), damit man weiter in seinem politischen Wertesystem agieren kann. Das lautet, wir sind die Guten, wir sind die Gerechten, wir sind auf dem richtigen Weg, wir wollen alles, nicht nur Ökologie, sondern auch Demokratie, Partizipation, natürlich das Soziale, man könnte sagen, wir wollen alles und das sofort. Aber auch wenn uns das selber gut tut (wir sind die Guten), wie weit strahlt das nach außen aus? Die Edenhofer-Idee ist eine technokratische, es ist eine gute Idee, aber für jede andere Partei aufgreifbar. Was ist das spezifisch Grüne an den Grünen. Was ist das spezifisch Grüne an der Grünen Erzählung?

6) Parteimanager möchte ich ja im Moment nicht sein. Da geht es ja nicht um Richtigkeit, da geht es ja auch um Autosuggestion. Die Kreuzritter hätten Jerusalem nicht erobert, wenn sie immer reflektiert hätten (böses Beispiel, ich weiss), die Grünen-alt hätten den politischen Diskurs nicht komplett geändert, wenn sie selber nicht an sich geglaubt hätten, nämlich, dass sie selber Recht haben und alle anderen Unrecht. Aber wenn die Grünen neu und jung jetzt meinen, das würde so bleiben, dass also Grüne immer Recht haben, wenn sie anders sind als die anderen und weil sie besser sind, dann irren sie. Was ist aber eine wirksame grüne Erzählung, wenn es, wie bisher, nicht mehr darum geht, die Richtung zu ändern (Klimafragen einzubringen, Globalisierung mit zu denken und und und), sondern nur noch um die Auseinandersetzung darum, ob die Art, wie wir das machen, die richtige ist? Ob also tatsächlich die CO2-Abgabe besser rechnet als die Ökosteuer (oder so)? Dann wird das Ganze doch recht banal, oder? Kein Mensch, der nicht Politik macht, will von der Politik gezwungen werden, sich jetzt auch noch dauernd Gedanken darüber zu machen, welches politische Konzept das richtige ist? In den Seitengesprächen kam immer wieder (Opielka hat sich sein reines Weltbild bewahrt) das Argument auf, Hartz IV wäre der Anfang vom Ende gewesen, der Sündenfall (und immer wieder höre ich dann von Grüns, ja, wenn wir es alleine gemacht hätten, hätten wir es besser und ganz sanft gemacht). Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Situation damals? Rotgrün hat sich im politischen Irrationalitätsmodus befunden, es sollte immer alles besser werden, die politische Erzählung der politischen Akteure hat mit der Wahrnehmung der Menschen, alles stagniert, nicht zusammen gepasst, die Kosten wuchsen, die Beschäftigung sank. Da hat ein Gerhard Schröder quasi im Alleingang die Zerschlagung des Wohlfühlmodells Deutschland vorangetrieben, wirtschaftspolitisch, indem er das Deutsche Beteiligungskartell zerschlagen hat und ausländische Investoren die deutsche Wirtschaft zerlegen konnten, sozialpolitisch, indem er entschieden hat, besser die Menschen arbeiten für weniger Geld als saufen auf Staatskosten und steuern sich so komplett aus. So nüchtern sind manchmal die Situationen, in denen man entscheiden muss. Und so ist aus dem „Kranken Mann Europas“ die jetzige Powermaschine geworden, viel Export und, ja, auch Verarmung in schlechten Einkommensgruppen. Interessant ist ja, dass eine solche Erzählung, die schmerzhafte und harte Erfahrungen und Entscheidungen einbezieht, offensichtlich politisch illegitim ist. 

7) Ich bin ja der festen Überzeugung, gegen eine Angela Merkel, die pragmatisch und völlig unpolitisch oftmals das Richtige tut (internationale Kontakte, die anderen europäischen Länder zwingen, ihren eigenen Stall in Ordnung zu bringen, bevor es wieder Geld gibt, denn Solidarität in verdorbene politische Strukturen gießen, ist Dummheit, nicht Solidarität), gegen eine unpolitische Merkel kann man nur gewinnen (und das könnte eine Grüne Partei), wenn sie die globale Herausforderung annimmt, auf die innergrünen Sandkastenspiele und Ideologien wie Emanzipation verzichtet und darüber redet, dass wir eine Haltung zu solchen Fragen haben. Dass wir also wollen, dass das europäische Modell global als Vorzeigemodell friedlicher Gesellschaft gesehen wird, das fähig ist, die vor sich liegenden Aufgaben anzugehen, Veränderungen zuzulassen und zu gestalten. Das begriffen hat, dass Politik da Impulse geben kann, aber auch über keinen Bauplan verfügt. Dass es heißt, schneller und entschiedener zu sein, dass es also auf eine Haltung ankommt und nicht auf ein papiererndes Konzept, dass eine Partei, die es ERNST meint, sowohl mit der Realitätsbeschreibung als auch mit der eigenen Haltung und mit den beschränkten Mitteln der Politik, dass eine solche Partei, die sich aus der imaginären Welt Berliner Politik herausbegibt, dass so eine Partei interessant ist. Es wäre eine Partei für interessante Menschen, es wäre eine Partei für die Wachen, für die Change-Maker, für Veränderer. 

8)  Und da war ja noch das mit dem Sozialen. Ökosozialen. Kein Mensch will ein amerikanisches Modell. Aber keiner erwartet, dass die Grünen die soziale Frage lösen. Die Grünen könnten eine neue Milieupartei sein, nämlich die Milieupartei der aufgeklärten, vielleicht Moralisten, der Menschen mit Haltung, derer, die etwas wollen. Da gibt es auch einige Hartz IV-Bezieher drunter und es ist auch richtig, dass Alleinerziehende ein höheres Armutsrisiko haben als andere Menschen. Aber die Grünen sind nicht die Partei, die das besser als alle anderen richtet. Schon deshalb, weil der Hartz IV-Empfänger nicht grün wählt. Also sollte sie, die Grüne Partei, mal anfangen, darüber nachzudenken, wen sie anspricht, für wen sie ein gesellschaftliches Leitbild entwickelt (und für wen nicht) und wie dieses das aussehen kann. Sozialmilieus ändern sich. Wir sollten es den Sozialwissenschaftler überlassen, neue Begriffe für neue Kohorten zu finden, politische Aufgabe ist es, dieses neue, grüne, entschiedene, quer durch alte Lager und Haltungen gehende neue Changemaker-Mileu zu festigen. 

9)  Was, sorry Grüns, nie mehr verschwinden wird, ist, dass Grüne Politik künftig dauerhaft daran gemessen wird, was kostet es, was nutzt es. Grün wählen ist nicht länger ein Label für „Menschen eigener moralischer Klasse“. In Jutta Ditfurths Grünzeiten ging mal der Spruch, dass Zahnarztgattinnen gerne davon träumen, Jutta Ditfurth zu sein und deswegen grün wählen, weil sie sich auch mal Jaen’d Arc-mäßig fühlen möchten. Das war einmal. Die jetzt zur Macht strebenden Jahrgänge sind in eine Winnerpartei eingestiegen und müssen sich ihre Blessuren selbst verdienen. Die Glaubwürdigkeit politischen Führungspersonals hängt auch mit sichtbaren Verletzungen, Wunden und den damit verbundenen Heilungsprozessen und -erfahrungen zusammen. Siegchancen wachsen auf Niederlagen. 

10)  Wofür plädiere ich? Für eine grüne gesellschaftliche Erzählung. Eine, die aufgreifen kann, wie es den Menschen geht, die Mut macht, die die Bereitschaft zur Veränderung und die gesellschaftliches (nicht unbedingt des politisches) Mitmachens einfordert. Wir können die Welt verbessern, ob wir sie retten können, wissen wir nicht. Und auf dem Weg dorthin wollen wir sehen, dass es den Menschen anständig geht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.