Die Marke Luther. Was uns Reformation und Buchdruck über die Welt von morgen sagen können.

Die Marke LutherAndrew Pettegree hat ein Buch mit einem etwas ungewöhnlichen Namen geschrieben. Und da ich, obwohl als Kind einer evangelisch-katholischen Familie, im evangelischen Nürnberg katholisch aufgewachsen, mich nie mit dem Protestantismus beschäftigt habe, hat mich die Rezension in der Zeit 1/2017 angesprochen.

Zu Recht.

Die Geschichte Luthers, das weiß man im Anschluss, ist die Geschichte eines Mannes mit ungewöhnlicher Willensstärke, der frühzeitig neue technologische Trends genutzt hat, mit seinem Fürsten unglaubliches Glück hatte, und deswegen erfolgreich war, weil er disruptiv war, (kurz, verständlich und deutsch geschrieben hat und seine Schriften deswegen schlagartig reißenden Absatz fanden). Der in der Disruption aus einer gänzlich unabsehbaren Rolle und Situation heraus (Ein bis dato unbedeutender Autor, Wittenberg ein unbedeutender abseits liegender Ort ohne Anschluss an die großen Handelswege) , sich sein eigenes Netzwerk aufgebaut hat (intellektuell, aber auch illustratorisch-drucktechnisch), dabei ein glückliches Händchen hatte und einen unglaublichen Kontrollzwang entwickelte und so zum meistgelesenen Autor Deutschlands jemals wurde.
Der Aufstieg Luthers war nicht vorhersehbar:

1515 fand sich der Name Luthers nicht in der Liste von 101 Professoren an den Universitäten Leipzig, Wittenberg und Frankfurt/Oder, einer Region, die ohnehin eher randständig und provinziell war. Luther hatte bis dahin, also dem Alter von 33 Jahren, noch keine einzige Schrift veröffentlicht. Die 95 Thesen waren erst seine zweite Veröffentlichung überhaupt.

Zudem war Deutschland als Verlagsstandort nicht sehr bedeutend. 1523, also nur 6 Jahre nach den 95 Thesen, wurden in Deutschland dreimal so viele Bücherproduziert wie in Frankreich und Italien zusammen; – und über die Hälfte der Bücher waren von Luther. Nur dieser mediale Druck macht erklärbar, dass sich die Repression durchaus erfahrene katholische Kirche nicht gegen einen randständigen, ehemaligen, dem Zölibat abschwörenden Ex-Mönch behaupten konnte.
Luther war eine Ein-Mann-Revolution von halb unten.

Der Auslöser des Luther’schen Aufstiegs waren die 95, dem Ablasshandel kritisch gegenüberstehenden Thesen. Weder Form noch Inhalt dieser Thesen (wohl aber der Zeitpunkt der Veröffentlichung, nämlich am Tage vor einem großen Pilgerzug in Wittenberg), waren ungewöhnlich.

Von 1502-1516 wurden in Wittenberg insgesamt 123 Bücher veröffentlicht, zumeist auf lateinisch und in geringer Auflage, also rund 8 pro Jahr. Von 1517 bis 1546 wurden 2721 Werke veröffentlicht, also 90 pro Jahr, rund 3 Mio. Buchexemplare.
Selbst 1543 stammte die Hälfte der veröffentlichten Bücher von Luther oder seinem Mitstreiter Phillip Melanchthon. Gegen Ende des Jahrhunderts war Wittenberg zum bedeutendsten Druck- und Verlagszentrum geworden mit jährlich rund 200 Neuerscheinungen.

Die Parallelen zur Jetztzeit:

  • Das Aufkommen einer neuen Öffentlichkeit (Druckerpresse, deutsche Sprache) und die mangelnde Fähigkeit der Eliten, sich darauf einzustellen.
  • Der Umgang von Luther mit der Autorisierung seiner Schriften: Sie wurden, gerade zu Anfang, ohne Genehmigung an verschiedensten Orten einfach nachgedruckt. So entstanden ökonomische Interessen, Dezentralität, die zu einer schnellen Verbreitung geführt haben. Man könnte die „Open Source“-Debatte an dieser Frage aufhängen. Luther hatte entschieden, an seinen Schriften kein Geld verdienen zu wollen. Rund um diese Schriften entstanden andere Geschäftsmodelle, die die Idee und die Texte weitergetragen haben. ….
  • Die Rolle offener Gesellschaften. Deutschland war zu dieser Zeit ein Land, in dem Fürsten, der Kaiser, die Kirche zu einer diffusen Machtkonstellation führt, die eine Weile braucht, bis sich ein „Durchbruch“ und eine Neukonstellation entwickelt.
  • Die Weltuntergangsphantasien: Luther dachte, es geht nicht weiter. Offensichtlich waren Viele um die Mitte des Jahrhunderts in einer Art Weltuntergangsstimmung. Wie wir gesehen haben, ging es weiter. Mein Gefühl: Das ist auch heute so: Nur, weil wir aufgrund der zahlreichen Faktoren nicht wissen, wie sich die Welt entwickelt, wird die Welt nicht stehen bleiben. Menschliche Wahrnehmung ist begrenzter als die Welt selber.

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