Die Gedanken sind frei …. Jetzt: Der Vorwärts. Und plötzlich wird die Unabhängigkeit der Anzeigenabteilung ein Thema…..

Absurde Welt!

Ein interessanter Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung:

Medien, 19.11.2013

Parteizeitung „Vorwärts“

Sonnig
======

Von Michael Bauchmüller

Die Anzeige an sich war ja ganz lustig. Ein Lobbyist, mit dicker Zigarre, redet in einem kurzen Cartoon über den Klimawandel. „Wird maßlos übertrieben“, sagt er anfangs. Da steht ihm das Wasser bis zum Knöchel. Am Ende erkennt er „eine Riesenchance für unsere Wirtschaft“, aber da reicht das Wasser schon bis zur Nase, die Zigarre ist weg. Erscheinen sollte diese Anzeige im neuen Vorwärts.

Das SPD-Parteiorgan fand diese Idee des Solarenergie-Fördervereins Deutschland allerdings nicht witzig. Denn nebenbei sollte die Anzeige auch die SPD-Mitglieder auffordern, einem Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU nicht zuzustimmen. Schließlich bezeichne der Vertrag Braun- und Steinkohle, also die größten Klimasünder im deutschen Strommix, als „unverzichtbar“. So jedenfalls hatte sich der Förderverein das gedacht, das Geld war schon beisammen. Dann sagte der Vorwärts ab. Die Richtlinien erlaubten keine Anzeigen, die sozialdemokratischen Grundwerten widersprächen, beschied die Anzeigenabteilung, „das wäre bei dieser Anzeige aber leider der Fall“. Womit die Inserenten nun viel mehr Aufmerksamkeit haben, als es eine Anzeige je bringen könnte – und das ganz kostenlos. „Ich denke, dass die Befürworter der Kohleenergie eine Diskussion in der Partei vermeiden wollten“, sagt Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Fördervereins. Gemeinsam mit dem Vorwärts hatte der Verein zuvor noch versucht, den Anzeigen-Text abzuschwächen – die Aufforderung zur Ablehnung entfiel, stattdessen sollte nur noch vom „Entsetzen“ über die angeblich unverzichtbare Kohle die Rede sein. Auch das traf im Verlag auf Widerstand. Für eine dritte Korrektur war aber keine Zeit mehr: Das Blatt ging in Druck.

Der Vorwärts behilft sich nun mit formalen Argumenten. Schließlich sei der Koalitionsvertrag ja noch gar nicht ausverhandelt gewesen, was sich da noch alles ändern könne. Und außerdem könnte dann jeder kommen und Anzeigen für oder gegen SPD-Positionen schalten, von der Pharma- bis zur Pelzindustrie. Eine „schwierige Kiste“ sei das eben, sagt eine Verlagssprecherin. Immerhin bleibt der Solar-Förderverein als Anzeigenkunde willkommen. „Es steht Ihnen frei“, schrieb der Verlag, „uns ein anderes Anzeigenmotiv vorzuschlagen.“

Michael Bauchmüller
===================
Michael Bauchmüller kam 2001 als Absolvent der Kölner Journalistenschule zur Süddeutschen Zeitung. Der Diplom-Volkswirt war zunächst in der Wirtschaftsredaktion in München tätig, ehe er 2005 nach Berlin wechselte. Von dort aus berichtet er für die SZ über Umwelt-, Energie- und Verkehrspolitik. Außerdem verfolgt er die Geschicke der Grünen.

——–

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.