Der Umschlag von Quantität in Qualität. Warum die aus aller Welt Flüchtenden den Westen vor ganz neue Herausforderungen stellt. Und welche Rolle dabei die Digitalisierung spielt.

Zuallererst: Es geht nicht darum, ob ich Recht habe. Ich hätte es lieber nicht. Aber es geht darum, zu erkennen, dass die Flüchtlingsfrage die geordnete Welt des Westens, so wie wir sie kannten, endgültig ins Gestern befördert. 

Der Westen, der war bisher, der Herr der Welt. Und so haben „die Herren der Welt“ diese nach ihrem Gusto geordnet. Länder mit Ölvorhaben wurden geplündert, politische Standards waren nichts wert, wenn sie dem Zugriff der Ölvorkommen entgegen standen. Und auch die politische Linke, die gegen Waffenexport und gegen eine interessensgeleitete Politik aufbegehrt, steht zwar zeternd daneben, mit ihren Forderungen. Die Folgen entsprechender Politik, Wohlstandsverzicht, wollten sie ihren eigenen Wählern, die alle von einem westlichen Zugewinnsversprechen genährt werden, wollen (oder können?) nicht zumuten. 

So hat sich im politischen Kosmos eine kuriose Dualität herausgebildet: Auf der einen Seite reden alle von Good Governance, sprechen, political correct, von Nachhaltigkeit, Entwicklungschancen und und und. Auf der anderen Seite lebt der Westen, leben wir, mit der dunklen Seite der Macht. Dem Öl, den Rohstoffen, die unter Akzeptanz der Umstände dort vor Ort, so gefördert und vertrieben werden, wie es ist. 

In der Welt, in der sich vieles ganz schnell ändern, kommen jetzt Handies und das Internet auf den Schirm. Im Zeitraffer: Der Nahe Osten war über die jahrzehntelange Politik des Westens destabilisiert. Fundamentalistische, islamistische Strömungen konnten sich als sozial verankerte Gegenbewegungen etablieren (Frage: Wie ist das Christentum entstanden?), auch unter Nutzung der Ressourcen mancher Regionalmächte, Saudi Arabien, Iran. So wurde manch prowestliches (von der Willfährigkeit), aber antiwestliches Regime (entweder, weil die Machthaber gegen den Westen aufbegehrt hatten oder die Unterdrückung und Willkür zu Gegenbewegungen von unten geführt hatten) wurde weggefegt, manche von unten, manche durch aktives Handeln, Libyen z.B. des Westens, von oben. Wenn jetzt der Terror des IS vielen Menschen, Gebildeten, Reichen, Mittelstandsmenschen, Angst macht, sie vor Krieg, Terror, Gesinnungsterror und Vergewaltigungen fliehen, können sie auf Fluchthelfer, bezahlte, und Handies und das Internet zurückgreifen. 

So bringt uns moderne Technologie die Welt tatsächlich näher. Nur, anders als wir dachten, nicht als Reportage abends im Fernseher, sondern morgens auf dem Bahnhof und dann abends im Brennpunkt. Die Welt kommt zu uns. Und seien wir ehrlich, darauf sind wir nicht eingestellt. Demokratie ist nämlich nicht nur der Mechanismus, in dem vernünftige Menschen kluge Lösungen aushandeln, Demokratie basiert auf einem Wohlstands- und Repräsentationsversprechen: Dem, dass es uns besser, gut oder zumindest so erträglich (da spielt das Denken darüber eine Rolle) geht, dass wir die Grundfesten unserer westlichen Ordnung nicht antasten. 

In den vergangenen Jahrzehnten ist da einiges ins Rutschen gekommen. Ausgehend von nüchternen, manchmal postmarxistischen Analysen haben linke Gruppierungen, bis hin zu den Grünen, die globalen Entwicklungen richtig analysiert. 

Nur, was sind die Konseqenzen? Wir alle haben uns eingeredet, dass die Veränderungen der Welt geordnet stattfinden könnten. Können Sie? Der derzeitige Zustand wirft, schon in Deutschland, noch mehr in anderen Ländern mit 10% Arbeitslosigkeit oder 25-50% Jugendarbeitslosigkeit, ganz andere Fragen auf. 

Gut gebrüllt, Löwe! Hier zeigt sich, dass eine richtige Analyse noch lange keine vertretbare Strategie zur Folge haben muss. 

Weil niemand eine Verantwortung übernehmen möchte, den Menschen zu erklären, dass jetzt vieles anders wird, aber nur wenig besser. Dass wir unseren Erwartungshorizont umbauen müssen. Dass unsere Gleichungen, unsere gesellschaftlichen Gleichungen, nicht aufgehen müssen. 

So erkennen wir, dass uns „objektive Erkenntnisse“ im subjektiven Handlungsraum der Gesellschaft und der Politik nur wenig nutzen. Sie nutzen, weil sie uns zeigen, was nicht geht. Sie nutzen uns nichts, weil sie uns nicht zeigen, wie es geht. 

Es geht nämlich nur (gut), wenn viele von uns, quer durch alle Teile der Gesellschaft, ihre Rollenmuster über den Haufen werfen, mal was anderes machen, Verantwortung übernehmen, Handeln, mitmenschlich handeln. Obwohl das das Problem nur lindert, nicht löst! Und nicht nur alles auf die Politik abschieben. Was bei all den Brandanschlägen sichtbar wird, ist, dass es viele Menschen gibt, die das verstanden haben. 

Was sich erst langsam unter Politikern rumspricht, ist, dass es jetzt nichts mehr hilft, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen (Sozialdemokraten haben ja jetzt ein Einwanderungsgesetz entdeckt, mit dem sie jetzt wedeln; ja, das kann man machen, das löst aber das Problem nicht, es fehlt die richtige Haltung. Wolfgang Schäuble hat gesagt, er zahlt das alles, gut so, aber das löst das Problem nicht, noch fehlt da die richtige Haltung). 

Global Village ist Wirklichkeit geworden. Das bedeutet auch, dass die Sorgen, Ängste und Sehnsüchte derer, die früher „draußen vor der Tür“ waren, plötzlich mitten unter uns sind. 

Deutschland, Europa, muss beginnen, diese Ungleichzeitigkeiten, diese Brüche, das Ende klarer und friedlicher und konsensfähiger Lösungen und Handlungsmuster, zu akzeptieren. Wir haben keine „richtige“ Lösung, aber im muddling through sollten wir Werte und Haltung beweisen. 

Wie wir, Deutschland, Europa, die Welt dann eine Lösung findet, weiß heute niemand. Man muss sich dann schrittweise ranrobben.

P.S. Es geht darum, wie der Westen mit dem Machtverlust umgeht. Matthias Machnick hat mal nen klugen Satz gesagt: Politiker hätten in unserer Welt Deutungshoheit. Stimmt. Und da stellt sich jetzt die Frage, ob sie weiterhin ihre Deutunghoheit dazu nutzen wollen, die neue Ungemütlichkeit der Welt einfach auszublenden. Oder ob sie sagen (und daran mitarbeiten), hey, komm, lass uns anpacken, es wird vieles anders, aber schau mer mal.    

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